Unermessliches Leid

Armin Wertz's picture

Unermessliches Leid

Von Armin Wertz, 13.01.2015

Bis heute leugnet Japan, dass das kaiserliche Japan während des Zweiten Weltkriegs ein System von Menschenhandel mit Militärbordellen und erzwungener Prostitution unterhielt.

„Der japanische Offizier warf mich auf das Bett und riss mir die Kleider vom Leib“, erzählte die Holländerin Jan Ruff-O’Herne ein halbes Jahrhundert später in ihrem Buch „50 Jahre Schweigen“. „Ich lag nackt auf dem Bett, während er mit seinem Schwert langsam über meinen Körper strich, über meine Kehle, meine Brüste, meinen Bauch und meine Beine. Er spielte mit mir wie eine Katze mit einer hilflosen Maus. Dann zog er sich aus und warf sich mit seinem schweren Körper auf mich. Ich versuchte, mich zu wehren, ich trat ihn mit meinen Füssen, ich kratzte ihn, aber er war zu stark. Die Tränen strömten mir übers Gesicht, während er mich vergewaltigte. Es schien nie mehr aufzuhören.“

Die 18jährige Jan Ruff-O’Herne war eine von 80 000 und 200 000 Frauen und Mädchen aus Korea, China oder Holländisch Ostindien, die als „jugun ianfu“, Trostfrauen oder  comfort women, in speziell eingerichteten Bordellen, im gesamten pazifischen Raum, von Guam bis Osttimor zu den Solomon-Inseln und den Andamanen den Soldaten der Kaiserlichen Armee Japans sexuell zu Diensten sein mussten. (In manchen Fällen wurden auch junge Männer ergriffen, um die Neigungen japanischer Soldaten zu befriedigen.) Die Frauen wurden monatelang, manchmal jahrelang missbraucht, die meisten waren unter zwanzig, manche gerade zwölf Jahre alt.

Doppelte Entwürdigung

Für viele waren dies die ersten sexuellen Erfahrungen, und viele blieben in der Folge unfruchtbar. Nobutaka Shikanai, der spätere Vorstandsvorsitzender des Fujisankei-Kommunikations-Konzerns, hatte als Offizier in Buchhaltungskursen der kaiserlichen Armee gelernt, wie diese Bordelle zu verwalten waren und die versicherungstechnische „Haltbarkeit und Vergänglichkeit der bereitgestellten Frauen zu bestimmen.“

Junge chinesische und malayische Frauen, die von japanischen Soldaten als "comfort girls" missbraucht werden. (Foto: Imperial War Museum, London)
Junge chinesische und malayische Frauen, die von japanischen Soldaten als "comfort girls" missbraucht werden. (Foto: Imperial War Museum, London)

Für viele, die physisch oder psychisch krank überlebten, endete das Leid auch nach dem Krieg nicht. Aus Furcht vor den Drohungen der Japaner und aus Scham schwiegen sie. In Indonesien wurden viele nach ihrer Heimkehr aus ihren Dorfgemeinschaften verstossen. „Jene Bürde, die sie Würde nennen, ist so schwer zu tragen“, klagte die Javanerin Suharti noch fünfzig Jahre später: „Es waren japanische Offiziere, die mich missbraucht haben – meine Ehre aber wurde von meinen eigenen Leuten zerstört.“

Späte Einsicht

Die Welt weiss von diesen Gräueltaten japanischer Truppen. Zahlreiche Regierungen, darunter jene der USA, der Niederlande, Kanadas oder der Europäischen Union haben die japanische Regierung aufgefordert, sich bei den Opfern zu entschuldigen und die ehemaligen Trostfrauen adäquat zu entschädigen. Schliesslich führte die japanische Regierung eine eigene Untersuchung durch und kam im August 1993 in einer offiziellen Erklärung zu dem Schluss, dass Bordelle „in weiten Gebieten über einen langen Zeitraum unterhalten wurden. Sie wurden auf Anforderung der Militärführung jener Zeit eingerichtet. Das damalige japanische Militär war direkt oder indirekt am Aufbau und an der  Verwaltung dieser Einrichtungen und der Verlegung von Trostfrauen beteiligt.“

Endlich entschuldigte sich Tokio, sechs Jahre nach dem Ende der Amtszeit von Premierminister Yasuhiro Nakasone, der einst als Leutnant der kaiserlichen Armee auf Borneo – wie seinen 1978 veröffentlichten Memoiren, “Kommandeur von 3000 Männern im Alter von 23“ zu entnehmen ist – diese Militärbordelle erfunden hatte. „Die Regierung von Japan möchte diese Gelegenheit noch einmal nutzen, um gegenüber all jenen, die als Trostfrauen unermessliches Leid und unheilbare physische und psychische Wunden erlitten haben, ihr aufrichtiges Bedauern und ihre Reue zum Ausdruck zu bringen“, heisst es weiter in jener Regierungserklärung vom August 1993. „Wir müssen den historischen Fakten ins Auge schauen anstatt ihnen auszuweichen und müssen sie als eine Geschichtslektion zu Herzen nehmen. Hiermit betonen wir noch einmal unsere feste Entschlossenheit, niemals mehr denselben Fehler zu wiederholen, indem wir diese Vorfälle durch das Studium und die Lehre der Geschichte in unser Gedächtnis eingebrennen.“

Die Ehre Japans

Doch die schönen Politikerworte sind längst vergessen. Japan ist nicht bereit, seine Geschichte aufzuarbeiten. Heute bestreitet die Regierung unter Ministerpräsident Shinzo Abe, dass  das kaiserliche Japan ein System von Menschenhandel und erzwungener Prostitution unterhielt, und  diffamiert die Trostfrauen als schlichte Marketenderinnen, die den Soldatenlagern wie gewöhnliche  Prostituierte folgten. Den Beweis soll eine Kommission erbringen, die unter dem Vorsitz ausgerechnet des Sohnes von Ex-Premier Nakasone, dem ehemaligen Aussenminister Hirofumi Nakasone, „konkrete Massnahmen erarbeiten (soll), um im Zusammenhang mit der Angelegenheit der Trostfrauen Japans Ehre wiederherzustellen.“ 

Im Oktober letzten Jahres meldete sich Japans Menschenrechtsbeauftragter bei der ehemaligen  Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen, Radhika Coomaraswamy, und forderte, sie möge ihren Bericht aus dem Jahr 1996 über die Trostfrauen noch einmal überdenken. Mit der Begründung, ihr Bericht basiere auf zahlreichen Dokumenten und einer Myriade von Zeugenaussagen aus allen Teilen der während des Krieges von Japan besetzten Gebiete, lehnte sie ab.

Die schäbige Rolle der Presse

Die japanischen Medien scheinen ihre Unabhängigkeit aufgegeben zu haben und eilfertig den Vorgaben der Regierung  zu folgen. Ende des vergangenen Jahres gab das Zeitungshaus The Japan News bekannt, seine englischsprachige Daily Yomiuri habe das Wort „Sexsklave“ und andere unpassende Begriffe im Zeitraum von Februar 1992 bis Januar 2013 in insgesamt 97 Artikeln über die sogenannten Trostfrauen benutzt. Der Ausdruck Trostfrau sei „für Nicht-Japaner, die über keine Kenntnisse in diesem Zusammenhang verfügen, schwer zu verstehen.

„Aufgrund falscher Vorstellungen und infolge der Benutzung ausländischer Nachrichtenagenturen wurde der Begriff mit  Erklärungen  wie ‚Frauen, die in sexuelle Sklaverei gezwungen wurden‘ ergänzt, die in der Originalgeschichte in Yomiuri Shimbun (die japanisch-sprachige Ausgabe der Zeitung) nicht erschien.“ In anderen Artikeln sei zwar nicht das Wort „Sexsklave“ aufgetaucht, dort seien Trostfrauen aber als Frauen definiert, die „vom Militär in die Prostitution gezwungen“ waren, „als sei Zwang durch die japanische Regierung oder Armee objektiv ausgeübt worden.“

„Irreführende Ausdrücke“

Für die Verwendung dieser „irreführenden Ausdrücke entschuldigte“ sich The Japan News „und wird allen betreffenden Artikeln in unserer Datenbank eine Notiz beifügen, dass sie unsachgemäss waren.“ Tatsächlich listete das Unternehmen auf seiner Website (the-japan-news.com) alle Artikel zwischen 1992 und 2004 mit Titel und Erscheinungsdatum auf. 

Weitere Medien schliessen sich dieser Selbstzensur nicht nur an sondern erweitern sie sogar. So hat der englischsprachige Dienst der staatlichen Sendeanstalt NHK seinen Mitarbeitern verboten, das Massaker von Nanking, die Trostfrauen des Krieges oder den aktuellen territorialen Disput mit China in seinen Programmen zu erwähnen.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren