Und die Wirtschaft?

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Und die Wirtschaft?

Von René Zeyer, 17.03.2011

Menschliches Elend, Erdbeben und Tsunami, dazu ein AKW-GAU in der drittgrössten Wirtschaftsmacht der Welt: Da geraten auch die Börsen ins Hyperventilieren. Auf dem freien Markt der Meinungen ist alles zu haben: Warnungen vor dem bevorstehenden Untergang Japans und optimistische Szenarien. In Trümmern liegen aber mal wieder alle Modelle der Berechenbarkeit der Zukunft der Finanzmärkte mit mathematischen Formeln.

Wer zynisch und schnell genug war, konnte an der Tokioter Börse einen hübschen Reibach mit Leerverkäufen machen: Bis Dienstagabend knickte sie um über 16 Prozent ein, erholte sich aber am Mittwoch wieder um knapp 6 Prozent. Dazu trug sicher auch bei, dass die japanische Notenbank Geld wie blöd in die Märkte pumpte: Alleine am Montag 15 Billionen Yen (172 Milliarden Franken), neuer Weltrekord, und am Mittwoch weitere 3,5 Billionen Yen (über 40 Milliarden Franken). Damit dürfte die japanische Staatsverschuldung das Doppelte der Wirtschaftsleistung der Insel erreichen (zum Vergleich: bei Griechenland geht man in diesem Jahr von 150 Prozent des BIP aus).

Börsenanalysen in Trümmern

Aber alle Behauptungen, dass mit den Methoden der modernen Finanzwissenschaften zuverlässige Aussagen über zukünftige Entwicklungen möglich seien, haben sich wieder einmal als das erwiesen, was sie schon immer waren: reiner Mumpitz. Ganze Analystenheere trompeteten in den letzten Monaten mit zunehmender Phonstärke, dass es weltweit wieder aufwärts gehe, anziehende Konjunktur, Nachfrage, Basisdaten durchaus optimistisch stimmend, Potenzial, Luft nach oben. Muschelwerfen oder andere magische Wahrsagereien haben auch keine schlechtere Trefferquote.

Denn das Problem mit der Zukunft ist ja, dass sie zwar gewisse Wahrscheinlichkeiten enthält, aber Ausreisser und Unvorhergesehenes immer möglich sind. Prognosen haben jedoch eine zunehmende Trefferquote, wenn man sich den klaren Blick auf ein paar banale Tatsachen bewahrt. Wie zum Beispiel die, dass eine extrem erdbebengefährdete Insel mit alten und schlampig gebauten AKW an der Küste, die nur ungenügend gegen seismische Erschütterungen und fast nicht gegen Tsunamis geschützt sind, auf einer tickenden Zeitbombe sitzt. Dass die explodiert, war völlig klar, nur wann war natürlich nicht prognostizierbar.

Der Vergleich zur letzten Finanzkrise liegt auf der Hand. Vorher wollte es niemand sehen, nachher war es unvorhersehbar. Das wird auch bei der nächsten so sein.

Wie geht’s weiter?

In der Weltwirtschaft, und damit soll das unsägliche Martyrium der Menschen in Japan nicht ausgeblendet werden, spielt das Desaster in Japan aber keine grosse Rolle. In der globalisierten Produktion werden halt mehr VW, Mercedes oder GM verkauft, eine Zeitlang weniger Toyota, Honda und Nissan. Vielleicht kommt es zu Engpässen in der Herstellung einiger Computerbestandteile, und Apple muss die Auslieferung des iPad 2 runterfahren. Die gigantische japanische Staatsverschuldung wird auch nicht für grosse Unruhe sorgen, über 90 Prozent der Staatsanleihen befinden sich im Besitz einheimischer Investoren. Vielleicht muss Japan allenfalls etwas mehr Zinsen für neue Schulden zahlen, aber bei einem aktuellen Zinssatz von 2,13 Prozent für Anleihen mit 20-jähriger Laufzeit, wohlgemerkt nach der Katastrophe, ist das auch kein Problem. Also haben sich die optimistisch trompetenden Analysten doch nicht getäuscht? Falsch.

Die Probleme liegen woanders

Wie bei einem japanischen AKW ist es in der Finanzwelt ja nicht die Frage, ob es kracht, sondern wann. Unbezahlbare Staatsschulden, finanziell gesehen klinisch tote Staaten wie Griechenland, Portugal, Irland sowie die meisten US-Bundesstaaten, faktisch bankrotte Pensionskassen zu Hauf, die niemals ihre Rentenversprechungen einlösen können, die Überschwemmung der Welt mit Gratis-Geld dank einer verbrecherischen Niedrigzinspolitik aller grossen Notenbanken, ein völlig dereguliertes Bankensystem, das befeuert mit diesem Gratis-Geld die nächsten grossen Blasen herstellt und dabei absurde Kernkapitalrenditen von 25 Prozent realisiert, das sind die Anzeichen drohenden Unheils. Gegen die um die Erde schwebende Wolke von 700 Billionen Dollar virtuelles Geld (im Vergleich zu einem geschätzten Weltbruttosozialprodukt von 60 Billionen Dollar), ist die radioaktive Wolke um das AKW Fukushima ein Klacks.

Was soll man nun? In Depression verfallen, mit Sauregurkengesicht aber sich wissend gebend oder als unverbesserlicher, aber blinder Optimist durch's Leben gehen? Oder sich einfach von "unvorhersehbarem" überraschen, eines Schlechten oder eben Besseren belehren lassen? Ich entscheide mich. Geniesse jeden Tag, als wäre es der letzte - immer im Einklang mit Nächstenliebe, Respekt vor Mitmensch, Natur, Erde. Aber alle Sinne offen für all das Schöne, das es auch gibt und in Demut und Dankbarkeit für das Gute, das ich täglich erlebe.

Die Steinzeit war nicht deshalb zuende, weil es plötzlich keine Steine mehr gab. Der Menschheit hat sich weiterentwickelt und das wird auch diesmal passieren. Der träge, übersättigte Mensch wird wieder mobil und innovativ, wenn es ums nackte Leben geht. Ich mache mir um die Menschheit keine Sorgen, eher um unseren Planeten.

Die Menschheit wird sich früher oder später Gedanken darüber machen müssen, ein neues Gesellschaftsmodell zu entwickeln. Das Zinssystem ist sowieso absolut pervers und müsste dringend abgeschafft werden. Wie cathari richtig schreibt, laufen wir einem Phantom hinterher, das niemals Realität werden kann. Was ist mit uns geschehen? An welchem Punkt haben wir das Menschsein aufgegeben und sind Komplettkonsumenten geworden? Wir schauen den ganzen Tag auf unsere Handys, ob eine neue SMS eingegangen ist, aber in unserer Misanthropie können wir uns nicht mehr in die Augen sehen. Noch will ich die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht werden sich die Menschen, die jetzt geboren werden, einst erheben und sagen: "Das machen wir nicht mehr mit!" Wer weiss...

Optimisten sind neustens eine vom Aussterben bedrohte geschütze Menschenart. Als ich Irwin Shaw ( richtig hies er Gilbert Shamforoff ) in Klosters kennenlernte war das Buch : Rich Man, Poor Man schon auf dem Markt. Er kam aus der Bronx und lebte dann in Brooklyn bevor er nach Klosters (CH) zog und dort auch blieb. Leider ist er aber inzwischen schon verstorben. Er meinte auch, die Spielregeln der Welt sind die des Dschungels aber wir nennen es Kultur. Henry Miller schrieb in Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch ( übrigens lesenswert ) den Satz: Mit der Erfindung des Zyklotrons haben wir auch noch gleichzeitig begonnen unsere Moralvorstellungen zu zertrümmern.Ich sage. Heute aber, haben wir permanentes Hunderrennen und uns wird der künstliche Hase ( nie einholbar ) als erstrebenswerter Hi-Life vor der Nase hergezogen..........und nicht nur Lola rennt, wir alle rennen und rennen........Da gibt es noch Leute die fragen was Burnout ist!

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