Über den (Schwach-) Sinn der direkten Demokratie

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Über den (Schwach-) Sinn der direkten Demokratie

Von Nick Sempach, 18.09.2018

Müssen wir wirklich über jeden Kuhscheiss abstimmen?

Journal21.ch will die Jungen vermehrt zu Wort kommen lassen. In der neuen Rubrik „Jugend schreibt“ nehmen Schülerinnen und Schüler des Zürcher Realgymnasiums Rämibühl regelmässig Stellung zu aktuellen Themen.

Nick Sempach wurde im Jahr 2000 geboren und lebt in Zürich. Er besucht die sechste IB-Klasse des Realgymnasiums Rämibühl. Er ist Vizepräsident des Vereins “Solidarität“ des Realgymnasiums und erreichte das Schulfinale des Debattierwettbewerbs „Jugend debattiert“.

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Dieses Wochenende ist bereits wieder Abstimmungssonntag. Wenn Sie zu den zahlreichen unregelmässig bis nie Abstimmenden gehören, dann können Sie dieses Mal getrost pausieren. Wirklich wichtig wird es erst am 25. November, wenn das Schweizer Stimmvolk über die Zukunft der Schweiz in Europa abstimmt. Mit etwas Pech und viel populistischem Bellen geht unser Land dann endgültig vor die Hunde. Womit wir bereits beim zweiten, gewichtigeren Thema sind, über das ebenfalls abgestimmt wird: Nein, nicht um Hunde geht es dabei, sondern um Kühe! Beziehungsweise um deren Hörner. Jede Kuh und jeder Esel ist dazu aufgerufen, über die Initiative für die Würde der Tiere abzustimmen.

Streng genommen geht es aber nicht um die Würde aller Tiere, sondern nur gerade um diejenige der gehörnten. Moment: Heisst das, wir machen von nun an Politik für privilegierte Minderheiten?? Stellen Sie sich einmal eine Initiative mit dem Titel „Für die Würde der Menschen“ vor, die sich ausschliesslich auf eine einzelne Gesellschaftsgruppe beschränken würde. Das Katzengejammer wäre zum Aus-dem-Pelz-Fahren! Ich will gar nicht darüber spekuhlieren, wie ungerecht sich die hornlosen Tiere von dieser Initiative behandelt fühlen müssen. Wenig wunderlich, wenn wir in einigen Jahren von kommunistischen Tieren unterjocht in einer Sowjetkuhnion leben!

Tierischer Spass bei Seite: Die Initiative arbeitet mit der Annahme, dass Tiere wie Menschen, die auch nicht mehr als Tiere sind, ein universelles Recht auf Würde haben. Die Würde des Menschen ist gemäss Artikel 7 der Bundesverfassung zu achten und zu schützen und darüber hinaus durch die Menschenrechte definiert.

Bei der Tierwürde ist das Ganze schwammiger: Das Tierschutzgesetz besagt zwar, dass Tiere nicht entwürdigt werden dürfen, doch was genau bedeutet das für die rund 17 Millionen Schweizer Nutztiere? Unter Einhaltung der Tierwürde darf man die meisten davon töten, häuten, ausbeinen, grillieren und verspeisen, nachdem man sie zuvor versklavt oder gefangen gehalten hat.

Wie kann es dann aber entwürdigend sein, einem Nutztier die Hörner, die noch nicht einmal mehr einen wirklichen Nutzen haben, sondern für das Tierwohl nur noch gefährlich sind, zu entfernen? Bei allem Respekt: Diese Logik geht auf keine Kuhhaut!

Aber vielleicht geht es ja den Initianten ja auch gar nicht in erster Linie um das Wohl der Vierbeiner, sondern wie so oft mehr um das der Zweibeiner: Wenn es bei der Initiative um den Versuch der Bauern ginge, ihre Kühe zu Goldeseln zu machen, dann hätte sie zumindest eine gewisse Logik.

Der Inhalt der Initiative ist also gelinde gesagt für die Katz. Und dennoch soll sich die ganze Schweiz im Rahmen einer nationalen Volksabstimmung mit diesen Kuhhörnern auseinandersetzen müssen? Unser Land scheint damit voll und ganz in einer Groteske von Dürrenmatt angekommen. Willkommen in Güllen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Es kann doch nicht sein, dass wir hierzulande über jeden Kuhscheiss abstimmen müssen! Oder doch?

Paradoxerweise belegt ausgerechnet die groteske Kuhhorninitiative die Stärken der direkten Schweizer Demokratie. Wir DÜRFEN nämlich über alles abstimmen. Niemand schreibt uns vor, ob das Anliegen wichtig genug ist oder nicht; Wer sollte das auch? Wir sind der Souverän.

Wenn wir uns ab und zu mit (etwas) unsinnigen Inhalten beschäftigen müssen, zeigt das, dass unsere Demokratie funktioniert. Es ist ein Privileg, über alles abstimmen zu dürfen – selbst über die Kuhhorn-Initiative. Stimmen Sie ab! Ein Unmensch, wer glaubt, sich dabei zum Affen zu machen.

DISCLAIMER: Beim Verfassen dieses Artikels wurden keine Tiere entwürdigt.

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Die Schülerinnen und Schüler wählen die Themen, die sie im Journal21.ch behandeln, selbst.

Verantwortlich für die Betreuung der jungen Journalistinnen und Journalisten von „Jugend-schreibt“ ist der Deutsch- und Englischlehrer Remo Federer ([email protected])

Das Realgymnasium Rämibühl (RG, bis 1976 Realgymnasium Zürichberg) ist ein Langzeitgymnasium. Es ist neben dem Literargymnasium die einzige öffentliche Schule des Kantons Zürich, die einen zweisprachigen Bildungsgang in Verbindung mit dem International Baccalaureate anbietet, wobei die Fächer Geographie, Biologie und Mathematik auf Englisch unterrichtet werden. Zu den berühmten Schülern gehören Max Frisch und Elias Canetti.

Weitere Informationen finden sich auf der Homepage www.rgzh.ch

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Kommentare

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superwitziger Artikel! Gut gebrüllt, junger Löwe!

Herr Sempach, Ihr grossartiger Humor in Ehren, aber inhaltlich gehe ich gar nicht mit Ihrer optimistischen Sicht einig. Nein, es ist kein Privileg, dass uns die hohen Tiere über Schwachsinn abstimmen lassen, sondern es zeigt, dass die wichtigen Geschäfte an einem Ort gemacht werden, zu dem das unterjochte Volk der Esel, die auch noch glauben, frei zu sein, keinen Zugang hat. Zwischendurch wird uns in Form einer Initiative ein Knochen hingeworfen, für den wir auch noch dankbar sein sollen. Längst haben wir uns mit unserer tierischen Rolle abgefunden. Die Realität ist mittlerweile so grotesk, dass nicht einmal Dürrenmatt sie hätte steigern können. Oder glauben Sie, er hätte sich ein Szenario ausdenken können, in dem die Tierbürger, geleitet von einem orangen Orang-Utan im Weissen Stall, sich darüber freuen, über eine Kuhhorn-Initiative abzustimmen? Das sind keine Luxusprobleme, Herr Reimann, sondern bittere Realität.

Sie haben Recht, wir sind ein groteskes Bergvölkchen mit Luxusproblemen, die wir nicht hätten, wenn wir wie unterjochte Tiere in einer "Sowjetkuhnion" lebten. Ich nehme mir Ihre Aufforderung zu Herzen, auch im Unsinn das Privileg zu sehen. Oft neigen wir halt dazu, alles viel zu ernst zu sehen. Mehr tierischer Spass tut da ganz gut.

Danke für Ihre Unterstützung für die direkte Demokratie und die Bereitschaft das Risiko "tierischer" Initiativen einzugehen.
Ohne Risiko kein Erfolg.

Zum Brüllen komisch!
Herzlichen Dank!

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