„Strategien“ und potemkinsche Dörfer

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„Strategien“ und potemkinsche Dörfer

Von Bernard Imhasly, 22.08.2021

Fast zeitgleich mit dem Zusammenbruch des afghanischen Staats publiziert eine US-Behörde eine Analyse, warum und wie es dazu kommen konnte – und musste.

Auf den atemberaubenden Zusammenbruch von Staat und Regierung, gipfelnd im Sturm auf den Kabuler Flughafen, folgen allmählich erste Ursachenprüfungen. Eine gute Grundlage dafür könnte die Lektüre eines Berichts sein, der Ende Juli erschien und dessen Titel lautet: „What we need to learn: Lessons from Twenty Years of Afghanistan Reconstruction“.

Autorin ist eine Inspektionsbehörde, die der Kongress im Jahr 2008 ins Leben gerufen hatte, um den horrenden finanziellen Blutverlust in Afghanistan zu diagnostizieren, der bereits damals eingesetzt hatte. Sie heisst „Special Inspector General for the Afghanistan Reconstruction“ (SIGAR). Seitdem hat SIGAR 427 Buchprüfungen von Programmen und US-Agencies durchgeführt. Sie hat zudem jedes Jahr einen „Lessons Learnt Report“ veröffentlicht, jeweils für das ganze Land und 29 der 34 Provinzen des Landes. Ihre Strafuntersuchungen wegen Korruption resultierten in 160 Verurteilungen, die dem amerikanischen Steuerzahler 3,8 Milliarden Dollar erspart haben sollen.
 
Kein konkretes Ziel, aber immer mehr Geld

Allein diese Zahl ist ein Indiz, in was für Sphären sich die Afghanistan-Ausgaben des amerikanischen Staates in den letzten zwanzig Jahren bewegen. Es sind knapp eintausend Milliarden Dollars. Diese Grössenordnung deutet an, wo ein grundlegendes Problem des amerikanischen „Wiederaufbaus“ des Landes zu suchen ist: Ohne eine konkrete Zielsetzung über den vagen Begriff „Reconstruction“ hinaus wurde einfach immer mehr Geld gegen die sich häufenden Hindernisse geworfen, in der Hoffnung, dass sich diese damit in Luft auflösen. 
 
Ein erster Fehler bestand darin, das Ausmass der Herausforderung zu unterschätzen. Nach der Vertreibung der Taliban-Regierung Ende 2001 ging es nicht nur darum, das Land wieder aufzubauen. Nach zwanzig Jahren Krieg zwischen 1979 und 2001 – zuerst jenem gegen die Russen, dann zwischen den siegreichen Mudschaheddin, schliesslich zwischen den Mudschaheddin und den Taliban – lag das Land zerstört da. Die Taliban hatten die Warlords1996 aus Kabul vertrieben; in den folgenden vier Jahren chaotischer Regierungsführung räumten sie gleich noch Armee und Polizei sowie die staatliche Verwaltung und Justiz aus.
 
Je länger sich die Präsenz der Nato – sprich: der USA – im Land hinzog, desto mehr wurde der zivile Wiederaufbau wieder eingeholt vom Krieg mit den erstarkenden Taliban, die aus ihren Rückzugsorten in Pakistan über die Grenze zurücksickerten. Die Folge war nicht nur ein Aufblähen des westlichen Militärapparats. Im Eifer, eine staatliche demokratische Infrastruktur als Bollwerk gegen ein islamistisches „Emirat“ zu errichten, flossen Milliarden in die Verwaltung – und korrumpierten dabei diese als „Bollwerk“ gedachte Einrichtung von innen. 
 
Engpass zivile Kompetenz

Bereicherung, Günstlingswirtschaft, Schweigegelder, Erpressungsgelder usw. wurden derart virulent, dass die USA bald einmal beschlossen, Wiederaufbau-Gelder in private Kanäle zu lenken. Diese „Anbieter“ mochten NGOs sein, afghanische Firmen und Politiker, oder eben die berüchtigten amerikanischen „Contractors“, die sich beinahe als Parallelstaat gebärdeten.
 
Die einzige Institution, die zumindest auf dem Papier für Durchführung und Überwachung des Aufbaus sorgen konnte, war die Armee. So kommt es, dass laut SIGAR von den nahezu 1000 Mia. Dollars nicht weniger als 837 Mia. durch das Verteidigungsbudget gedeckt wurden. „Nur“ rund 100 Mia. flossen in Aufbau und Bewaffnung einer Nationalen Armee und Flugwaffe – der Rest war zivile Infrastruktur: Strassen, Spitäler, Schulen, Stromherstellung und -verteilung etc.
 
Es zeigte sich, dass die USA bald nicht mehr fähig waren, eigenes Personal für Ausbildung von Verwaltungsbeamten und für die Kontrolle der Ausgaben aufzubieten. Mit der zunehmenden Taliban-Präsenz liessen sich immer weniger kompetente Zivilpersonen rekrutieren. SIGAR nennt als Beispiel die Ausbilder für die Polizei; diese hatten so wenig eigene Erfahrung, dass sie sich amerikanische Polizei-Krimi-Serien als Ausbildungsmaterial anschauten, bevor sie ihre Kenntnisse ins Klassenzimmer trugen. 
 
Bereicherung und Aushungerung

Bei der Ausbildung der Armee und später deren Betreuung im Kampf gegen die Taliban, so der SIGAR-Bericht weiter, seien zwar Armee-Experten zur Hand gewesen. Auch hier kam es aber zu einem Overkill. Es wurden die neuesten und teuersten Waffensysteme eingesetzt, für deren eigenständige Benutzung (etwa beim Drohnen-Einsatz) selbst gut ausgebildete afghanische Offiziere überfordert waren. Dies mag erklären, warum diese elektronisch gelenkten Waffensysteme gegen die Taliban ausfielen, nachdem sich die Betreuer in den letzten Monaten aus dem Staub gemacht hatten. 
 
Die Frustration der Amerikaner über die Korruption der staatlichen Verwaltung und der darauffolgenden Aushungerung des staatlichen Apparats verschob die Korruption nur in private Hände, wo sie sich viel leichter in Form von „Geschäftsausgaben“ kaschieren liess. SIGAR macht dabei ein noch verhängnisvolleres Resultat aus: Es gelang nicht, eine einigermassen kompetente staatliche Verwaltung aufzubauen, die fähig gewesen wäre, auf regionaler und lokaler Ebene Management- und Kontrollfunktionen beim Wiederaufbau zu übernehmen. 
 
Nichts illustriert die Geringschätzung des neuerstandenen Staats so sehr wie die Behandlung, welche die USA für Präsident Ashraf Ghani bereithielt. Bei den Verhandlungen in Doha zwischen Amerikanern und Taliban blieb er vor der Tür. Nicht nur dies. Als im März 2019 ein Deal für den Abzug der US-/Nato-Truppen zustande kam, zwang Washington den Präsidenten, 5000 Taliban-Kämpfer aus den Gefängnissen freizulassen. Es wischte seinen Einwand zur Seite, dass die Islamschüler praktisch keine Gegen-Konzessionen machen mussten. 
 
Amerikaner in Kabul nannten Ghani verächtlich „Dead Man Walking“ – aber sie waren zumindest mitverantwortlich für die Demontage der präsidialen demokratischen Autorität. Wen wundert’s, dass bei der letzten Wahl nur fünf Prozent der Wahlberechtigten an die Urne gingen – und dass selbst bei diesen fünf Prozent grobe Fälschungen auftraten.
 
Kulturbarrieren und fehlende Glaubwürdigkeit

Auch Akademiker wie Ethnologen und Sozialpsychologen tauchen immer wieder auf den Lohnlisten der Afghanistan-Rechnungsprüfer auf; sie haben aber vor allem eine Alibifunktion. Im SIGAR-Bericht steht: „The US Government clumsily forced Western technocratic models onto Afghan institutions, (…) imposed formal rule of law on a country that addressed 80 to 90 percent of its disputes through informal means; and often struggled to understand the cultural and social barriers to supporting women and girls. (…) Projects intended to mitigate conflict often exacerbated it, and even funded insurgents.“ 
 
In der zunehmenden Eile, Projekte durchzusetzen und mit „Mission accomplished“ abzusegnen, wurden lokale Power-Brokers angestellt, die die Vorhaben oft (wenn überhaupt) mit Gewaltdrohung durchsetzten. Dies habe besonders bei der Einführung demokratischer Regeln bei Wahlen verheerende Konsequenzen gehabt, da sie die Glaubwürdigkeit dieses Prozesses beim Wahlvolk in Frage gestellt habe. 
 
Fassadenkleister statt solider Aufbau

Der SIGAR-Bericht erschien nur Tage, bevor die Taliban begannen, die Provinz-Hauptorte zu übernehmen, was zwei Wochen später im kampflosen Einzug in die Hauptstadt gipfelte. Der Bericht liefert praktisch zeitgleich die Analyse, warum es zu diesem Debakel kam. Sie sieht diese nicht so sehr im Kollaps der afghanischen Armee und Regierung, sondern in der weitverbreiteten gesellschaftlichen Desillusionierung gegenüber einem Nation-Building, das eher dem Fassadenkleister eines Potemkinschen Dorfs ähnelt. 
 
Bereits im Jahr 2010 hatte sich Henry Kissinger bei einer Konferenz in Genf über Obamas „Konzept“ einer amerikanischen Exit-Strategie für Afghanistan mokiert. Das sei nicht mehr als ein Euphemismus für Niederlage und Abzug (er musste es ja wissen). 
Der SIGAR-Bericht sagt dasselbe: dass die USA nämlich nie eine kohärente Langfrist-Strategie erarbeitet hätten, weder für den Aufbau noch den Abzug. Praktisch in jedem jährlichen Audit habe die Inspektionsbehörde eine solche gefordert. Stattdessen habe es nur „Strategien“ gegeben, die jedes Jahr änderten. Was bleibt, ist der kleine Trost, dass die Weltmacht USA zumindest zu diesem schonungslosen Verdikt der eigenen Behörde fähig war – auch wenn sie dieses Jahr für Jahr bloss als Feigenblatt missbrauchte.

Mit Verlaub, eine "leading research university" in den USA; Brown, hat die aktuellen Kosten für 20 Jahre Afghanistan Krieg mit 2,26 Billionen US-Dollar errechnet und insgesamt für den gesamten Krieg gegen den Terror seit 9/11 "$6.4 trillion and 801,000 lives". Das hat eingeschenkt. https://www.brown.edu/news/2019-11-13/costsofwar

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