Schwerer Rucksack oder leichtes Tablet?

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Schwerer Rucksack oder leichtes Tablet?

Von Carl Bossard, 19.04.2019

Wissen büffeln ist out. Sicher zu Recht. Die alte Paukerschule ist passé. Und doch kommt kein Können ohne Wissen aus. Es gibt keine Einsicht ohne Wissen. Auch in digitaler Zeit nicht.

„Gut gefüllte Schulsäcke“ hätten wir Kinder. So lobte uns der kantonale Schulinspektor nach dem Schlussexamen in der fünften Klasse. Für den weiteren Lern- und Lebensweg seien wir genügend gerüstet. Da sei er ganz sicher, fügte er augenzwinkernd bei. Der Lehrer lächelte, und die Eltern nickten erleichtert. Wir Kinder waren zufrieden; wir hatten gezeigt, was wir können: sicheres Kopfrechnen, laut lesen, ein Lied singen, und zwar auswendig, etwas Schweizer Geographie. Dazu helvetische Heldengeschichte, eingeordnet am Zeitstrahl. Manches war eingeübt, einiges vorbesprochen, vieles gar auswendig gelernt. Ein bisschen Show gehörte dazu. Das störte niemanden. Das Leben kennt ja die Anklänge an die Theaterbühne.

Ein müdes Lächeln für den antiquierten Rucksack

Die alpine Rucksack-Metapher für die schulischen Inhalte? Das Bild scheint überholt. Es entlockt den Zuhörern vom Fach höchstens ein mildes, müdes Lächeln. Eine Vorstellung aus der pädagogischen Mottenkiste! Was sollen da der Schulsack und sein Inhalt, das Wissen? Er beschwere nur und hindere am zügigen, leichtfüssigen Vorwärtskommen. Darum: keine unnötige Last, kein überflüssiger Ballast.

Der Ruf ist allgegenwärtig: Mit der Digitalisierung lasse sich leichter lernen. Lernen 4.0 brauche keinen Rucksack mehr. In Zeiten von Alexa und Siri sei Wissen jederzeit und überall abrufbar, Faktenwissen darum überflüssig. So die Botschaft der Technikkonzerne und ihr unentwegtes Mantra. Die Digitalisierung revolutioniere den Unterricht und verändere alles.

Lernen bleibt Lernen

Für bestimmte Bereiche mag das zutreffen: für die Arbeitswelt und die Industrie beispielsweise. Die technische Innovation wälzt vieles rasant um. Doch der digitale Lockruf verkennt eines: Es gibt anthropologische Konstanten. Die menschliche Evolution ist nicht mit der digitalen Revolution gleichzusetzen. [1] Lernen bleibt Lernen, ob digital oder analog. Und damit Lernen gelingen kann, braucht es nach wie vor Anstrengung und Einsatz, gezieltes und ausdauerndes Üben und Wiederholen sowie den menschlichen Kontakt mit positiven Beziehungen.

Die Technik in der Schule braucht den Menschen, damit sie wirken kann. Das galt für die bisherigen Medien wie Lehrbuch und Taschenrechner; das gilt auch für den Einsatz von Computer, Tablet und Smartboard. Bildung ereignet sich in der Interaktion zwischen Menschen, in Lehr-Lern-Prozessen. Bildung braucht Beziehung. Eben: Pädagogik vor Technik. [2]

Ohne Wissen kein Denken und kein Tun

Doch wo liegt die Wahrheit? Im alten Bildungsrucksack oder im neuen Tablet? Weder da noch dort allein. Wir stehen vor keinem Entweder-Oder. Effektives Lernen resultierte stets aus der Dynamik eines Sowohl-als-Auch.

Gute Lehrerinnen und Lehrer unterschieden schon immer zwischen notwendigem Faktenwissen als Voraussetzung des Denkens und verstehender Einsicht als Grundlage des Könnens. Sturer Drill war ihnen so fremd wie leeres Pauken, das Vollstopfen des Rucksackes ein Tabu. Das führt lediglich zu trägem Wissen. Erfahrene Pädagogen wissen um den Zusammenhang von Oberflächenverständnis und Tiefenverständnis. Damit Schülerinnen und Schüler kreativ und problemlösend denken und handeln können, müssen sie ein gewisses Mass an reproduzierbarem Wissen erworben haben. Durch intensives Üben und Wiederholen – wie die junge Geigerin oder der kleine Himmelsforscher. Eben: Sie brauchen einen gezielt gefüllten Rucksack. Nur so können sie in den Bereich des Tiefenverständnisses gelangen. Tiefenverständnis basiert auf Oberflächenverständnis. Es reicht darum nicht aus, nur zu wissen, wo etwas steht und wo eine Information zu finden ist. Damit die Schüler in die Tiefe vordringen und die Informationen weiterverarbeiten können, müssen die Fakten im Kopf sein, im geistigen Rucksack – und nicht nur im Tablet.

Ich hab’s gefunden! – Ergo weiss ich es

Die Einsicht, dass es eine grundlegende Differenz zwischen dem Abrufen von Informationen und dem Verstehen einer Sache gibt, droht verloren zu gehen. Im Zeitalter des Internets werden Aneignen und Begreifen vielfach durch Finden ersetzt, geleitet von der Vorstellung: Alles, was es an Wissen gibt, ist schon da. Man muss es nur suchen. Wenn ich es gefunden habe, kommt es automatisch auf die innere Festplatte. Dann habe ich es und weiss es. Zu lernen brauche ich’s kaum mehr; die Kunst liegt einzig darin, etwas zu finden. Doch wer nur weiss, wo und wie er nachschauen muss, um etwas zu wissen, weiss in Wirklichkeit nichts.

Wissen kann ich nicht konsumieren, so wie ich mir ein Glas Wasser einflösse. Das versucht nur der Nürnberger Trichter. Schon Sokrates karikierte diesen Versuch: Es sei, wie wenn man einem Blinden das Gesicht einsetzen wolle. Das Aneignen von Wissen muss durch mich hindurchgehen; ich muss es erarbeiten, in mich einarbeiten, verarbeiten und reflektierend in Zusammenhang setzen. Erst dann kann ich verstehen. Friedrich Nietzsche nannte diesen (Aneignungs-)Vorgang sinngemäss: „Ich verdaue es.“ [3] Und in diesem „Verdauen“ realisiert sich der Bildungsprozess. Bildung als angemessenes Verstehen.

Intelligenz oder Kreativität ohne Wissen taugen nichts

Bildung als angemessenes Verstehen basiert auf verstandenem Wissen, auf Netzen von Sachzusammenhängen; sie müssen den Kindern und jungen Menschen einsichtig sein. Doch ohne Wissen gibt es keine Einsicht und kein Verstehen – und auch kein Können. Darin liegt die moderne Deutung des alten Rucksacks. In diesem Sinn darf er auch gut gefüllt sein. Mit leeren Händen löst man keine Probleme; Intelligenz oder Kreativität ohne Wissen taugen nichts. Das gilt auch für den Umgang mit den neuen Medien. Den Laptop bedient man am besten mit gutem Wissen und Können aus dem persönlichen Rucksack.

Das meinte wohl unser Schulinspektor – auch wenn er andere Fertigkeiten im Kopf hatte als den Umgang mit dem Tablet.

[1] Klaus Zierer: Die Grammatik des Lernens. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ, 4.10.2018, S. 7.

[2] Ders.: Lernen 4.0. Pädagogik vor Technik. Möglichkeiten und Grenzen einer Digitalisierung im Bildungsbereich. Baltmannsweiler: Hohengehren: Schneider Verlag, 2018, S. 93.

[3] Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe in 15 Bänden (KSA), hg. von Giorgio Colli, Mazzini Montinari, Berlin/New York, 1988. Bd. 11. S. 539, 608f.

Kommentare

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HEUREKA !!

Hauptsache, die Schüler bleiben psychisch und physisch gesund und charakterlich intakt dabei und lernen auch das ganze natürliche Leben, das von den Bauern und Arbeitern, den Handwerkern, Verkäufern und Dienstleistern zu verstehen und sich dann in der globalisierten Welt - auch in Togo, Honolulu, Singapur und Rio de Janeiro - zurecht zu finden und durch zu setzen. Wobei die paar Millionen Schweizer und die "fünfte Schweiz" im Ausland kaum mehr ins Gewicht fallen. Auch wird "Swiss" heute international eher mit Bankstern und schmutziger Geldwäsche, illegalen Steueroasen, Flucht-Wohnsitzland für Despoten und Oligarchen, vergiftenden Chemie- und Pharma-Multis und höchstpreisigen Luxusartikel wie Rolex und Omega für Eliten in Verbindung gebracht, anstatt ... den KMUs mit 15-300 Mitarbeitern, die die meisten Arbeitnehmer_innen stellen und mit Maschinen, Geräten, (Klein-) Hightech- Teilen und -Zubehör den grössten Anteil an den Exportleistungen und dem BIP ausmachen. Wenngleich mit mehr Arbeitsstunden pro Woche als in der EU, lausigeren Arbeitsrechten und Kündigungsschutz und einem Viertel der Bevölkerung mit Angst- Gemüts- Alkohol- oder sonst einer Krankheit erkauft, in einer zunehmend aussterbenden Artenvielfalt, auch die der Eigenen, btw. Die Amish People wären diesbezüglich ein besseres, gesünderes Vorbild. Man braucht gar nicht eine hohe Schulbildung zu haben und viel zu wissen und kann trotzdem ein glückliches, gesundes und erfolgreiches Familienleben führen und sich verwirklichen.

Ganz in C. Bossard's und F. Nietsche's Sinn: Bildung kommt nicht aus dem vielen News lesen, sondern aus dem Nachdenken (Reflektieren)
über Gelesenes.

Wissen kommt aus dem Herzen und lernen bedeutet immer lebenslänglich!

Er kam zwei, drei Mal im Jahr von Villeneuve (VD) her, aber er war einer von uns. Er brachte oft Bücher mit, solche die ihm wichtig erschienen, solche die wir lesen sollten und auch die Bilder schauen. Es lag ihm am Herzen. Als Astronauten mein Zimmer mit weissem Pulver ausstäubten, die letzten Bakterien bekämpften, kam er zu Besuch, als einzig Mutiger, respektlos gegenüber der Diphtherie. „All you need is love“ meinte er oder entdecke die Welt, vermutlich seine Welt. Sie war so anders, so faszinierend neu, so voller Herausforderungen und seine Bücher wurden Tor, Pforte ins Unbekannte. Gerade aus in die faszinierende viel Dimensionalität des Lebens. Darunter waren Hans Hass, der damals aus Autoschläuchen Taucherbrillen fertigte, da war der Kleine Prinz von Antoine de Saint Exupéry, Jaques-Yves Cousteau mit seiner Calipso aber auch der alte Mann und das Meer, der stille Don usw. Der Rucksack wurde voll und voller, richtig schwer, das Leben immer verständlicher und interessanter.“ Ignition“ .. go, fly me to the moon. Er war ein Mann von Welt, ich liebte ihn und Schulkameraden/innen, Freundinnen und Bekannte bettelten um die Bücher und als er starb legten dunkel gekleidete Männer drei Rosen aufs Grab. Motivation war sein Credo! Seine Botschaft: Lebe dein Leben und die Träume werden zu dir kommen. Aus manchem Wissen wurde Gewissheit und nach manchen Stürmen zeigte sich ein Regenbogen, die Farben des Lebens in ihrer oft verruchten Schönheit. Liebe, Hoffnung und ertragbare Härte jenes göttliche Zauberwort. …cathari

Danke. Frohe Ostern CH.

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