Schutzimpfung gegen Risiken?

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Schutzimpfung gegen Risiken?

Von Bernard Imhasly, 28.01.2021

Wie die Schweiz in der Pandemie durch die Linse eines Auslandschweizers aussieht: Sie wirkt wie ein illusionärer Versuch, jedes Risiko zu verbannen und jeder Krise aus dem Weg zu gehen, statt sie zu akzeptieren.

„Auslandschweizer“ war für mich immer ein Begriff, der Leute wie mich beschreibt: Schweizer, die im Ausland wohnen. Doch nun, neben vielen Umwälzungen, wütet die Pandemie auch in der Semantik solcher Alltagswörter. „Auslandschweizer“ ist so eines, „krisenfest“ auch.

Heisst „Auslandschweizer“ am Ende „Ausländer in der Schweiz“? Die Frage konfrontierte mich bei der Anmeldung zur Covid-Impfung. Diese muss im Kanton Bern zwingend über ein Internet-Portal durchgeführt werden. Ich machte mich in ruhiger Gewissheit daran. Einmal mehr würde mich die Schweiz, nach einem Jahr erzwungenen und angenehmen Heimaturlaubs, gesund und geimpft wieder in das Chaos meiner indischen Wahlheimat entlassen.

Anrufe und Warteschleifen

Doch ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Beim Eintrag „Mitgliedsnummer der Krankenkasse“ wollte das Portal meine siebenstellige Nummer nicht annehmen; eine zwanzigstellige ist gefragt. Ich habe zwar eine Schweizer Versicherung, die mir eine internationale Deckung garantiert. Was ich nicht wusste: „International“ schliesst zwar alle möglichen Länder ein – nur nicht die Schweiz. Für die Impfzulassung muss man eine rein schweizerisch „Obligatorische Grundversicherung“ vorweisen, sonst bleibt man im Anmeldeportal hängen.

Ein Anruf bei der Berner Gesundheitsdirektion also. Der Warte-Loop erlaubt mir, die Tageszeitung von vorne bis hinten zu lesen, aber als sich die gestresste Auskunftsperson endlich meldet, kann sie mich nur mit einem „Sorry“ trösten. „Vielleicht hilft Ihnen das Bundesamt für Gesundheit weiter.“

Für dieses Gespräch habe ich mir vorsichtshalber die dicke Obama-Autobiografie bereitgelegt. Ich brauche sie nicht zu öffnen. Nur zwei Minuten später weiss ich, dass das BAG nicht zuständig ist. „Probieren Sie’s doch beim EDA, die haben eine Abteilung für Auslandschweizer.“ Ausgezeichnete Idee, weiss ich doch, dass das „Departement für Auswärtige Angelegenheiten“ uns stolz zur „Fünften Schweiz“ erklärt hat, die Fahnenschwinger der Nation im Ausland! 

„Go Back to START!“

Aber offenbar nur, wenn wir im Ausland sind. In der Schweiz gestrandete Auslandschweizer sind Treibgut, für das man keine Verwendung hat. Als ich insistiere, wird die EDA-Stimme rabiat, im Sinne von: Da könnte ja jeder kommen! – Klick.

Jeder? Als ich später mit der indischen Botschafterin rede, sagt sie mir, das Diplomatische Corps in Bern habe keine Hilfezusage vom EDA bekommen, wenn es sein Personal impfen lassen wolle. Am Telefon habe man sie ans BAG verwiesen – „Go Back to START!“

Mein Hürdenlauf wurde eine Doppel-Lektion in demokratischer Gewaltenteilung: 1. Ein Departement mischt sich nicht in die Belange eines andern Ministeriums ein. 2. Der Bundesstaat „delegiert“ an den Kanton (oder sollte es heissen: „schiebt ab“?). 

Doch dann denke ich: Der Föderalismus, dieses demokratische Filetstück der Schweiz, gilt ja auch zwischen den Kantonen! Wenn ich schon Treibgut bin, kann ich ja mir ja den Kanton auswählen, bei dem ich mich impfen lassen kann. Wenn Bern mich nicht einmal testen, und schon gar nicht impfen will, dann vielleicht eine andere kantonale „Republik“? Denn täglich lese ich in der Zeitung, dass nahezu jeder Kanton sein eigenes Süpplein namens „Impfstrategie“ kocht.

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Warum nicht der progressive Kanton Basel-Stadt, von dessen Massnahmen man fast nur Gutes hört? Und schon werde ich fündig: „Kein Problem!“, höre ich am Telefon. Kommen Sie einfach mit Ihrem Schweizer-Pass vorbei, das genügt! Allerdings müsse ich mich (mit meinen 74 Lenzen) noch etwas gedulden, bis die „richtig Alten“ geimpft sind. 

Während ich warte, packt mich der „Gwunder“, wie’s wohl bei den anderen Kantonen aussieht. Vom Kanton Zürich höre ich, dass man dort über den Hausarzt angemeldet werden kann, eine Option, die Bern nicht gewährt. Damit hätte ich wenigstens eine Ansprechperson, die mich über die Hürde der „falschen“ Krankenkasse hieven kann; oder meine Frau und mich zumindest auf eine Warteliste setzt. Nur – wir haben keinen Hausarzt im Kanton Zürich.

Aber vielleicht im Wallis? Dort, im Gommer Dorf Fiesch, habe ich im Verlauf des vergangenen Jahres zweimal den Dorfarzt aufgesucht; vielleicht bin ich dort zumindest registriert. Zudem erfahre ich, dass mein Heimatkanton eine vierte Impf-Strategie fährt: Dort sind die Hausärzte mehr als nur ein Anmeldeportal – sie sind es, die die Spritze verabreichen. Die Anmeldung gelingt, auch mit der siebenstelligen KK-Mitgliednummer.

Umgang mit Krisen

Endlich kann ich aufatmen und mich wieder den ernsteren Dingen des Covid-Lebens zuwenden. Zum Beispiel darüber sinnieren, worin sich meine Wahlheimat Indien und die Urheimat eigentlich unterscheiden. Stichwort „krisenfest“.

Unser mitteleuropäisches Verständnis dieser Vokabel könnte meinen, „sich gegen eine Krise zu wappnen“. In Indien dagegen gäbe man dem Wort „crisis-proof“ eine etwas andere Bedeutung: „eine Krise überwinden“. In dem einen Land will man sie von sich fernhalten, im anderen kann man sie nur durchstehen. 

Der Schweiz ist es in den letzten drei Generationen gelungen, existenziellen Krisen aus dem Weg zu gehen, dank Fleiss, Talent, Geografie, Geschichte – und viel Glück. Was sie dabei vielleicht verlernt hat, ist mit Krisen umzugehen. Zu einem erfolgreichen Krisen-Management gehört das Eingeständnis, in einer komplexen Situation nicht alle Faktoren und Prozesse kontrollieren zu können. Man muss Unwägbarkeiten, Imperfektion, Risiken akzeptieren und bewerten, um heil durch eine Krise zu kommen. 

Spitzfindigkeiten

Können wir das? Am 26. Januar hörte ich am Radio, dass viele Jugendliche in SBB-Zügen „Trink- und Ess-Gelage“ veranstalten. Dort darf man nämlich die Gesichtsmaske ablegen, wenn man einen Kaffee trinkt. Die jungen Pendler missbrauchen diese Toleranz, packen ihr Picknick aus, drücken eine Bierdose auf, und erhöhen damit die Ansteckungsgefahr.

Schon allein der Ausdruck „Gelage“ kam mit dem Bleigewicht einer negativen Assoziation daher. Der Radio-Journalist holte sich zudem einen Professor für Atmosphären-Physik, der beurteilen sollte, wann die Aerosole ihr tödliches Werk beginnen. Er mass förmlich die kurzen Wege unterschiedlich schwerer Partikel aus. 

Ungesagt, aber hörbar schwebten auch Fragen im Raum: Nur Kaffee? Kann’s auch ein Buttergipfel sein? Doch halt! Sind dies nicht Jugendliche, die beim Kauen ohnehin den Mund nicht schliessen und weiter schwatzen? Und was, wenn dem Glucksen eines Schlucks Bier ein lebensgefährlicher Rülpser folgt? Sind Zahnstocher erlaubt? Und Kaugummi-Blasen? Es sind, zugegeben, erfundene Fragen. Aber sie zeigen, auf was für Spitzfindigkeiten eine Strategie hinausläuft, die alle Risiken ausschliessen will.

Risiken scheuen oder herbeiwünschen

Wer dies in einer Krise tut, ist unfähig, sie zu bewältigen. Im Gegenteil, es lässt Neurosen ins Gras schiessen, die in jedem vergesslichen Bus-Passagier ohne Maske eine wandelnde Zeitbombe sehen. Nullrisiko ist auch prohibitiv teuer, wie die NZZ am folgenden Tag dieselbe Trinkgelage-Szene kommentierte, abgesehen davon, dass es „das Leben und die Wirtschaft buchstäblich zum Erliegen“ brächte. 

Es gibt viele Unterschiede zwischen Schweizern und Indern. Einer der wichtigsten ist gewiss dieser: Schweizer sind notorisch risikoscheu, während man bei Indern oft den Eindruck hat, dass sie Krisen geradezu herbeiwünschen. Warum? Weil sie nur dann zu hoher Kompetenz auflaufen. Weil es überall brennt, sind sie durchaus gute Feuerwehrleute. 

Hunger, Trockenheit, Terror, Ausschreitungen? Sie kommen wie gerufen! Wenn der Staat den politischen Willen hat, sie zu meistern, kann er es tun, genauso wie er alle fünf Jahre 800 Millionen Menschen an die Urnen bringt. Das Problem dabei ist, dass er diesen Willen oft nicht hat, weil ihm die Krise politisch gelegen kommt – die Massenmigration nach dem Lockdown letzten Sommer ist ein Beispiel dafür. 

Das Gesetz der grossen Zahl

Es ist der geliebte Krisenmodus, der die Regierung Modi versprechen lässt, innerhalb eines Jahrs 700 Millionen Menschen zweimal zu impfen. Jedermann weiss natürlich, dass das Versprechen nur zur Hälfte eingehalten werden wird; dass unzählige Millionen keine zweite Injektion erhalten werden; dass Tausende wegen nicht-sterilen Spritzen erkranken oder sterben werden; oder Zuckerwasser gespritzt bekommen. 

Das Gesetz der grossen Zahl sorgt unter anderem dafür, dass das individuelle Überleben sekundär wird, dass aber die Gesellschaft als Ganzes überleben wird. Und da nur diese Statistik zählt, wird die Impfkampagne als grosser Erfolg in die Annalen eingehen – mit dem Segen der Uno. 

Es ist keine Frage, welcher Gesellschaftsphilosophie ich anhänge. Auch ich betrachte den Primat des Individuums vor jenem des Kollektivs als grösste Errungenschaft unserer Zivilisation. Aber ich ertappe mich manchmal beim Wunsch, die Schweiz möge mehr Risiken eingehen, möge Krisen ins Gesicht sehen, statt sie zu verbannen. Denn der Zwang zur Perfektion birgt die Gefahr, dass auch hier die individuellen Opfer – unsere Corona-Toten – nur mehr als statistische Grösse wahrgenommen werden. 

Doch die Pandemie ist noch nicht vorüber, und es gibt hoffnungsvolle Zeichen, dass auch unser System das Improvisieren lernt, statt etwa eine Impf-Anmeldung allein einem Algorithmus zu überlassen. Als ich letzte Woche beim Dorfarzt in Fiesch anrief, um mich nach einem möglichen Impftermin zu erkundigen, hörte ich die Assistentin sagen: „Wollen Sie gleich vorbeikommen? Wir haben noch einige Dosen und können sie sofort verimpfen.“ Es war Freitagnachmittag, die Verfallszeit des Impfstoffs würde übers Wochenende verstreichen. Niemand fragte mich nach meiner zwanzigstelligen KK-Nummer, niemand, ob ich Auslandschweizer bin. Ich hatte ein Schwindelgefühl, und es kam nicht vom Impfstoff.
 

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