Schreiben und Reden übers Schreiben

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Schreiben und Reden übers Schreiben

Von Christoph Kuhn, 11.02.2020

Zwei Frauen denken übers Schreiben nach. Spannend zu lesen.

Das Schreiben zum Thema des Schreibens zu nehmen, ist eine alte Gewohnheit. Schriftstellerinnen und Schriftsteller aller Zeiten haben sich damit befasst. Das Thema scheint unerschöpflich und regt die Fantasie derjenigen, die es sich vornehmen, immer aufs Neue an. Doris Dörrie in ihrem jüngst erschienenen Buch «Leben Schreiben Atmen» und Olga Tokarczuk befassen sich mit verschiedenen Arten des Schreibens, bewegen sich in unterschiedlichen Dimensionen – und bereiten beide ihrer Leserschaft ein grosses Vergnügen.

Der deutschen Filmregisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie geht es ums autobiografische Schreiben. Sie lädt dazu ein, gibt praktische Ratschläge – und macht es gleichzeitig vor. Am Ende jedes der zahlreichen Kapitelchen ihres Buches, in denen sie kreuz und quer durch ihre eigene Biografie segelt, formuliert sie klare Anweisungen und Aufforderungen an Leserin und Leser, sagt, wie man mit sich umgehen soll, um eigene Texte zu produzieren. Sie empfiehlt, das Schreiben als eine Art sportliches Training zu praktizieren, sich jeden Tag zehn Minuten Zeit zu nehmen, um etwas zu erinnern und es sofort, nicht kontrolliert vom kritischen Ich, zu Papier oder in den Computer bringen.

Écriture automatique

Das Verfahren ist nicht neu. André Breton und die französischen Surrealisten propagierten es in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts unter dem Etikett «écriture automatique». Die empfohlene Schreibmethode hat keine literarischen Meisterwerke hervorgebracht, kann aber bis heute als Einfluss in den Werken verschiedenster bedeutender Autoren ausgemacht werden.

Dörrie findet, dass autobiografisches Schreiben das Leben lebenswerter macht, ihm eine neue Qualität verleiht. Sie möchte Hemmungen abbauen, möchte, dass jeder und jede sich auf die tägliche Zehnminutenschreiberei einlassen soll. Damit das funktioniert, werden jegliche Sprachgesetze abgeschafft: Man setzt sich hin, fügt Buchstaben und Wörter aneinander, ohne auf korrekte Rechtschreibung, Form oder Logik zu achten. Man soll auch möglichst nicht denken beim Aufschreiben – das hindere oder verhindere nur.

Spätestens bei diesen Empfehlungen kommt man ins Grübeln. Kann man formulieren, schreiben, Erinnerungen in Worte fassen, ohne zu denken? Ich glaube nicht. Schreiben, etwas verfassen, ist – auch – ein abstrakter Vorgang, an dem Gedanken unweigerlich beteiligt sind. Auch wenn das autobiografische Schreiben, wie es Dörrie propagiert, noch keinen literarischen Anspruch kennt, auch wenn es zehn Minuten lang wild wuchert, automatisch abgesondert wird, ist der Kopf, ist das Hirn daran beteiligt – was zum Beispiel die vielen Tagebücher belegen, die früher in allen Gesellschaftsschichten, vielfach ohne Anspruch auf Publikation, auf Lektüre durch andere, geschrieben wurden.

Wie gesagt: Dörrie rät nicht nur, sie macht und legt auch vor. Und weil sie eine talentierte Schreiberin ist und weil ihre Texte selbstverständlich geformt, rhythmisiert, strukturiert, kontrolliert sind und weil sie es versteht, ihre Erinnerungen zu visualisieren, weil sie mit Wörtern jonglieren kann, Spannung zu schaffen und aufrechtzuerhalten weiss, Effekte produziert. kurz, weil sie das Instrumentarium literarischen Schreibens beherrscht, lesen wir ihr autobiografisches Buch gerne.

Erzählvision

Die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk denkt in ihrer Stockholmer Rede auch übers Schreiben nach und übers Erzählen – freilich in einer anderen Dimension. Die Rede, samt einem Essay übers Übersetzen, kann man in einem kleinen Buch mit dem Titel «Der liebevolle Erzähler» nachlesen.

Tokarczuk richtet mit der grossen Kelle an. Ihr geht es ums literarische Schreiben, von dem sie meint, dass es, um auf der Höhe der Zeit zu sein, neu definiert und praktiziert werden müsse. Nach Ausflügen in die eigene Kindheit, tastet sie sich an die Ich-Erzählung, den Ich-Erzähler heran, der es sich zur Aufgabe setzt, die Welt real und kenntlich zu machen, mit den Mitteln der Fiktion, getragen, nach Tokarczuks Dafürhalten, von einem Gefühl der Empathie für die Objekte, die er erschafft und darstellt.

Weil die Welt so unübersichtlich geworden ist, entwickelt Tokarczuk die Vision eines Ich-Erzählers, der die «Wahrheiten», nach denen wir alle so süchtig sind, schreiben kann, weil er die Perspektiven sämtlicher Personen, die er auftreten lässt, kennt und vertritt und so einen neuen Realismus entwickelt. Dieser visionäre, allmächtige Erzähler befindet sich in der «vierten Dimension», er lässt sich dem Erzähler der Bibel vergleichen: Er kennt Gott, weiss, was Gott gut findet.

Tokarczuks Befunde, Ideen und Utopien, wie sie sie in dieser Schwindel erregenden Rede äussert, sind nicht immer nachvollziehbar. Doch die geschmeidige Form des Textes, der skizzenhaft in Gedankensprüngen daherkommt, die in ihm wohnende Freundlichkeit und literarische Souveränität lassen die Lektüre zum Vergnügen werden. Dem Schreiben und Erzählen, insbesondere dem Ich-Erzählen eröffnet Tokarczuk punktuell neue Möglichkeiten. Bedenkenswert sind sie auf jeden Fall.

Doris Dörrie: Leben Schreiben Atmen, Diogenes Verlag 2019
Olga Tokarczuk: Der liebevolle Erzähler, aus dem Polnischen von Lisa
Palmes, Kampa Verlag, 2020

 

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