Sag nicht „aber“, sag „und“!

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Sag nicht „aber“, sag „und“!

Von Carl Bossard, 01.10.2017

Die Sprachkultur jeder Schule besteht in ihren Teilen aus positiven und negativen Partikeln. Das gilt für alle Institutionen. Wie ich diese Bausteine verbinde, welche Konjunktion ich verwende, dahinter versteckt sich eine Haltung.

Es gibt Wörtlein, die im sprachlichen Alltag einen hohen Stellenwert einnehmen und locker von der Zunge kommen. Oft gebraucht, meist wenig reflektiert: „Ich hatte wunderbare Ferien, aber es war sehr heiss.“ „Meine Klasse ist toll, aber es hat da ein paar störende Elemente!“

Aber bindet die Energie falsch

Wenn ich die beiden Teile – das positive Element der Ferien und die störende Komponente Hitze – mit „aber“ verbinde, sehe ich primär das „aber“. Mit jedem „aber“, das ich formuliere, nehme ich Energie vom Positiven weg, ist Energie falsch gebunden. Ich habe noch nie jemanden sagen hören: „Ich hab‘ dich lieb, aber ...“

Wie ganz anders tönt der zitierte Satz, wenn wir die beiden Elemente mit einem „und“ verbinden: „Ich hatte wunderbare Ferien, und dazu war es sehr heiss.“ Hier findet sich keine Aussage, wie ich die Hitze empfinde. Und ist eine Konjunktion, die addiert und nicht relativiert und uns energetisch auch nicht reduziert.

Kinder sind nicht mit „aber“ programmiert

Beispiele für Sätze mit „aber“ kennen wir aus den Wirtshausgesprächen am berühmten Stammtisch: Das ist 80% gebundene Energie; man spürt oft keine Lebensfreude, keine positive Energie, höchstens die Faust auf dem Tisch. Doch sie sind überall zu finden, diese Sätze, leider auch im pädagogischen Alltag: „Ich möchte eigentlich schon, aber meine Fachschafts-Kolleginnen und -Kollegen!“, heisst es. „Wir in unserem Team haben es gut miteinander, aber die Schulleitung!“ Und wie oft findet sich ein „aber“ in den Feedbacks: „Diese Textpassage ist kohärent geschrieben, aber da oder dort …!“

Während der Sommertage beobachtete ich Kinder beim Spiel mit Steinen und Stecklein. Konzentriert spielten sie, vertieft und ganz bei der Sache. Nie hörte ich sie jammern: „Aber es hat keine Tannenzapfen!“ Fantasieobjekte konstruiert haben sie mit dem, was vorhanden war. Kinder sind nicht mit „aber“ programmiert, sondern mit der Freude, was da ist. Sie sehen die Chance, die Möglichkeit, das Potenzial.

Hinter der Konjunktion verbirgt sich eine Haltung

Das habe ich mir persönlich immer wieder empfohlen und vorgenommen, das habe ich mir für den pädagogischen Alltag gewünscht und für den Austausch im Kollegenkreis erhofft: die vielen Teile einer Schule mit „und“ zum Ganzen verbinden und sich vom Energiefresser „aber“ lösen. Die Devise: Sagen wir darum eher „und“ und weniger „aber“! Es erleichtert den Alltag.

„Dieser Beitrag ist fürs Journal 21 verfasst, aber er ist ein wenig kurz.“ Nein: „Dieser Beitrag ist fürs Journal 21 formuliert, und er ist kurz.“ Das tönt ganz anders und zeigt, welchen Einfluss niederschwellige Konnotationen haben. Entscheidend ist, mit welcher Konjunktion ich die beiden Partikel verbinde. Die Wahl verrät eine Haltung.

Kommentare

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Eine kurze Reflexion vor der Wortwahl, und schon rückt der mehrfache Gewinn einer Situation ins Licht - ohne wenn und aber!
Danke, das behalte ich gerne im Kopf.

Nach meinem Sprachverständnis schränkt „aber“ nicht die positive Hauptaussage ein, sondern leitet die negative Hauptaussage ein.

Mit dem positiven Vorspann will der Sprechende lediglich erreichen, dass er als positiver Mensch erscheint, der nicht an allem etwas auszusetzen hat.

„Meine Klasse ist toll, aber es hat da ein paar störende Elemente!“ heisst: „Ich bin am Ende, ein paar störende Elemente machen mir das Leben zu Hölle.“

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