Russland in Pole Position

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Russland in Pole Position

Von Ali Sadrzadeh, 23.04.2015

Während Geschäftsleute aus dem Westen um gute Startpositionen rangeln für die Zeit nach der Öffnung Irans, ziehen die Russen schon vorne weg.

Das Ende der Sanktionen gegen Iran ist für Russland schon längst Realität. Nach sieben Jahren Verbot bekommt der Iran das Luftabwehrsystem S-300, ein Handelsvertrag über 20 Milliarden ist im Gespräch, und der iranische Verteidigungsminister wünscht sich ein Militärbündnis mit Moskau. Die Deutsche Wirtschaft empfiehlt der Bundesregierung, von Russland zu lernen und so schnell wie möglich den Weg Richtung Iran zu ebnen. Die Geschäftswelt steht Schlange, um einen Platz in einem der interessantesten Märkte der Welt zu ergattern. Aber Russland ist schon längst da, denn die Russen sind Ayatollah Khamenei viel genehmer als die «dekadenten Westler».

Die Begeisterung für den einstigen Feind ist surreal: «Hier lieben uns alle», sagte Ned Lamont am vergangenen Donnerstag den Reportern von New York Times und Financial Times in Teheran. Der US-Unternehmer für digitale Dienstleistungen hielt sich mit 23 weiteren Geschäftsleuten aus den USA zwei Wochen lang im Iran auf. Sie gehören alle dem einflussreichen Netzwerk «young presidents» an, und sie wurden in der Islamischen Republik offenbar auch so präsidential behandelt, dass viele von ihnen nach ihrer Rückkehr immer noch nach Superlativen suchen, um die Gasfreundschaft ihrer Gastgeber zu beschreiben.

US-«Touristen» in der iranischen Machtzentrale

«Wir waren alle Touristen,» sagt Dick Simon, der Gründer des Netzwerkes, «doch natürlich kamen viele von uns wegen der enormen Potenziale des Landes, um hier interessante Geschäfte zu machen». Und wie der Zufall es will, wurden diese «Touristen» am Ende ihrer Reise vom iranischen Vizeminister für Technologie und Kommunikation, Nassrollah Jahangard empfangen. Er tischte seinen amerikanischen Gästen Zahlen und Daten auf, die bei jedem Investor das Herz höher schlagen lassen.

Der Iran sei in der Region das Land mit höchster Kommunikationsdichte und mit einer jungen gut ausgebildeten Bevölkerung. Von den 80 Millionen Iranern benutzten bald 40 Millionen Smartphones; man entwickle für sie gerade die Netzwerke G3 und G4, so der in den USA studierte Vizeminister. Christoph Schroeder, einer der Mitreisenden, bestätigt quasi diese Angaben und erzählt von seiner Begegnung mit einer jungen Frau, die gerade eine iranische Version von Amazon und Groupon betreibt. Ned Lemont berichtet von seinem Trip nach Qom, dem Zentrum der schiitischen Gelehrsamkeit. Dort fragt er einen Ayatollah über die Diskrepanz zwischen Gastfreundschaft und den Hassparolen an den Wänden, die den USA den Tod wünschen. Die Antwort des Geistlichen ist zutiefst irdisch: Die Slogans stammten aus einer längst vergangenen Zeit, das Land ändere sich gerade sehr schnell, die Parolen seien nicht wichtig.

Ein Paradies für Investoren?

Diese «Touristenreise» der «Young presidents» ist das jüngste und zugleich bemerkenswerteste Beispiel einer Weltkonkurrenz über einen Markt, dessen Toren sich in wenigen Wochen weit öffnen könnten. Ende des kommenden Juni, mit dem halbwegs erfolgreichen Abschluss der Atomverhandlungen, müssen Investoren, Händler und Zwischenhändler samt den dazugehörigen Experten und Begleitpersonal startbereit sein für ein Rennen, das sich hauptsächlich im Verborgenen abspielt.

Es geht um die Entdeckung eines reichen und bisher isolierten Landes, um seine Konsumenten, die sich westliche Waren wünschen und um dessen Wirtschaft, die in jeder Hinsicht vielversprechend, profitabel und strategisch wichtig ist. Und schliesslich geht es um gigantische Erdöl- und Gasindustrien, die praktisch brachliegen und auf Investoren warten. Ob bei diesem «Great Game of Business» auch die Amerikaner richtig dabei sein werden, ist keineswegs sicher. Denn der iranische Markt ist nicht nur lukrativ, sondern zugleich kompliziert und undurchsichtig.

Labyrinth ohne Rechtssicherheit

Die Gastfreundschaft der Iraner mag in der Welt einzigartig sein, doch im Lande angekommen, muss der Investor zunächst ein Labyrinth der Entscheidungsträger erkunden, um bereit zu sein, sich mit den Mächtigen zu arrangieren. Er wird dann bald feststellen müssen, dass es in der Islamischen Republik de facto keine Rechtssicherheit gibt, denn Grosshandel und -produktion werden von omnipotenten Revolutionsgarden und ihren zahlreichen Firmen kontrolliert.

Die Garden beherrschen zugleich den Justizapparat. Der Investor wird schliesslich lernen müssen mit der zügellosen Korruption umzugehen. Das Land steht auf dem Korruptionsindex von Transparency International an 144. Stelle, zwischen Zentralafrikanischen Republik und Nigeria. Gefragt ist also eine ausserordentliche Anpassungsfähigkeit. So gesehen werden die US-Amerikaner, die politisch vorbelastet sind, ebenso bald ernüchtert sein wie jene europäischen Unternehmen, die sich nicht alles gefallen lassen wollen und ein Minimum von Berechenbarkeit erwarten.

Khameneis Sympathie für Russland

Wer bei diesem eigenartigen, aber sehr profitablen Wettkampf das Rennen machen wird, steht schon vor dem Startschuss fest: Russland, der grosse Nachbar im Norden, der sich bestens im Machtdschungel der Islamischen Republik auskennt, der in Jahren der Isolation mit dem Iran sehr profitable Geschäfte gemacht und sich eine Monopolstellung aufgebaut hat. Nun ist Russland dabei, mit allen Mitteln diese Pole Position auch nach einer möglichen Aufhebung der Iran-Sanktionen zu verteidigen.

Und dabei geniesst Putin das Wohlwollen aller Mächtigen in Teheran. Der mächtigste Mann des Landes, Ali Khamenei, gehöre zum «Kopf der Russophilen im Iran», sagt der Journalist Modjtaba Wahedi, einer der besten Kenner der Machtverhältnisse im Iran. Es gibt in der Tat zahlreiche Dokumente, Hinweise und Zeugenaussagen, die Sympathie und emotionale Bindung des iranischen Revolutionsführers an Russland belegen. «Ihr seid eine tapfere und mutige Rasse, ihr werdet bald eure einstige Stärke wiedererlangen und das wird gut sein für die Welt», sagte Khamenei dem Präsidenten der russischen Duma bei einer Audienz – so berichtet es Nategh Nuri, der ehemalige Parlamentspräsident, in seinen Memoiren.

Die Verehrung beruht offenbar auf Gegenseitigkeit. «Ich kenne Jesus nicht, aber nach all dem, was ich über ihn gelesen habe, sah ich im Gesichts Khamenei die Aura von Jesus Christus.» Dies sagte Putin 2007 nach einem Treffen mit Khamenei in Teheran. In seiner 27jährigen Herrschaftszeit hat Khamenei kein einziges Mal das Wort Tschetschenien in den Mund genommen, er hat die Gräueltaten gegen dortige Muslime verschwiegen, obwohl er sich offiziell als «Herrscher der Gläubigen der Welt» titulieren lässt.

Denn der erste Mann im Staat hat eine klare Vorstellung vom Platz des Iran in der Weltpolitik: unverrückbar an der Seite Russlands. Das russische und das iranische Regierungssystem mögen äusserlich sehr unterschiedlich sein, doch die Seelenverwandtschaft zwischen den Mächtigen in Teheran und Moskau ist frappierend: zum Beispiel im Umgang mit der Opposition, in der Medienpolitik und der staatlichen Propaganda oder in der Übermacht des Geheimdienstes.

Konkurrenzlose Monopolstellung Russlands

Es ist ungewiss, wie viele Milliarden Russland beim iranischen Atomprojekt verdiente, das nun seiner Bedeutungslosigkeit entgegengeht. Es gibt Experten, die die Kosten des iranischen Atomabenteuers auf mehrere hundert Milliarden Dollar schätzen. Würde man auch die Kollateralschäden dieses Abenteuers hinzurechnen, zum Beispiel die der jahrelangen Sanktionen, so ergibt sich eine astronomische Summe.

Die Grundsatzeinigung im Atomstreit mit dem Iran war nur eine Woche alt, da hat Russland ein seit fünf Jahren geltendes Lieferverbot für das Raketenabwehrsystem S-300 aufgehoben. Zugleich kündigte Moskau den Beginn der Lieferung von Weizen, Maschinen und Baumaterialien an den Iran an. Im Gegenzug liefert der Iran täglich 500’000 Barrel Erdöl. Die Agentur Reuters schätzt das Volumen dieses Gegengeschäfts auf bis zu 20 Milliarden Dollar. Russland ist derzeit der Hauptlieferant der iranischen Armee, und dies wird sich in absehbarer Zeit nicht ändern. Im Gegenteil, die Abhängigkeit der Islamischen Republik von Russland wird wahrscheinlich zunehmen, denn der iranische Verteidigungsminister Hossein Dehghan wünscht sich ein Militärbündnis zwischen Teheran und Moskau. Nur so könnten beide Länder der Übermacht der USA in der Region begegnen, sagte Dehghan am 14. April auf einer Sicherheitskonferenz in Moskau.

 

Der Artikel ist zuerst erschienen bei Transparency-for-Iran.org.

 

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Aus dem Artikel geht leider nicht hervor, um viele Milliarden Euros und Dollars sich die westlichen Sanktionierer selbst geschädigt haben und wie viel sie die durch die Sanktionen verursachte Verärgerung der Iraner in Zukunft kosten wird. Ich denke, es war sehr teuer und wird noch viel teurer werden. Die Firma Peugeot zum Beispiel ist durch die Sanktionen am Rand der Pleite gelandet und wird es sehr schwer haben, wieder Fuß im Iran zu fassen. Übrigens wird das iranische Atomprogramm nicht vollständig eingestellt. Der Reaktor zur Stromerzeugung geht auf jeden Fall in Betrieb.

Lassen wir die Korrupten mit den Korrupten Geschäfte machen.

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