Reform über Reform – und die Wirkung?

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Reform über Reform – und die Wirkung?

Von Carl Bossard, 07.09.2018

Die Schulen haben einen Wirbelwind an Reformen hinter sich. Um besser zu werden. Doch ihre Effektstärke kennt die Bildungsforschung nicht. Ein deprimierendes Faktum.

Das heutige Bildungswesen ist im steten Wandel. Da wird Reform über Reform eingeleitet, da wird modernisiert, innoviert, professionalisiert – immer mit dem Slogan: Schule und Unterricht müssen sich entwickeln und darum einen Transformationsprozess einleiten; sie müssen sich verändern, um besser zu werden. Wissenschaftlich abgeklärt wurden die behaupteten Defizite aber kaum. Und die Ergebnisse dieser Reformkaskade? Man kennt die Effekte nicht. Wirkungslos? Gar kontraproduktiv? Aussenstehende sind sprachlos; doch die Insider, die Praktiker, wissen schon lange um die Problematik vieler Reformen.

20 Jahre Reformarbeit ohne Wissen um Wirkung

Mit enormem Aufwand wurde in den letzten 20 Jahren am Schweizer Schulsystem herumgeschraubt: klassenübergreifendes, altersdurchmischtes Lernen AdL, selbstorientiertes Lernen SOL sowie offene Lehr- und Lernformen, Frühenglisch und Mittelfrühfranzösisch, Integration und Inklusion, Qualitätsmanagement und geleitete Schulen, HarmoS und Lehrplan 21 heissen einige Stichworte.

Es sind Hunderte von Reformprojekten. Doch es gibt, so der Bildungsökonom Stefan Wolter, Leiter der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, „so gut wie keine wissenschaftlichen Studien über ihre Wirkung“. Und der anerkannte Bildungsevaluator Urs Moser, Universität Zürich, fügt bei: Der Nutzen der gross aufgebauten Sonderpädagogik im Rahmen der schulischen Integration ist „absolut diffus“. [1] Das überrascht.

Dabei lägen konkrete Lernleistungs-Resultate vor, die nationalen Bildungsziele. Doch sie wurden bis jetzt nicht publiziert.

Nationale Evaluation zur Leistungskontrolle

Seit 2011 gibt es die sogenannte Überprüfung der Grundkompetenzen ÜGK. Diese Tests kontrollieren jeweils bestimmte Bereiche der Volksschule. Die ÜGK soll sichtbar machen, wie viele Schülerinnen und Schüler die nationalen Bildungsziele (Grundkompetenzen) erreichen. Darauf haben sich die Kantone geeinigt. Sie leisten damit einen Beitrag zur Harmonisierung der obligatorischen Schule; das ist ganz im Sinne der Bundesverfassung.

An den nationalen Tests beteiligen sich zufällig ausgewählte Schülerinnen und Schüler aus allen Kantonen. Überprüft werden jeweils eine Jahrgangsstufe und ein Ausschnitt aus den Bildungszielen. 2016 waren es die Mathematik-Kenntnisse am Ende der obligatorischen Schulzeit. Die gesamtschweizerische Erhebung vom Mai 2017 evaluierte in verschiedenen sechsten Klassen die jeweilige Schulsprache und die erste Fremdsprache.

Die Realität als Seismografin der Schweizer Bildungspolitik

Vor Kurzem erschien der Bildungsbericht Schweiz 2018. [2] Die Publikation ist über 1,1 kg schwer und 335 Seiten dick. Sie zählt mehr als 500 bildungspolitische Fragen und Phänomene auf; umfangreiche Statistiken und Grafiken verweisen auf Ziffern und Chiffren. Nur zu den Ergebnissen der nationalen Bildungsziele lässt sich nichts finden. Kein Wort und keine Tabelle verweist auf die evaluierten schulischen Leistungen von 2016 und 2017. Gewisse Kantone sträubten sich gegen eine Publikation der Testresultate, heisst es auf Anfrage. Hätte der Steuerzahler nicht ein Anrecht darauf?

Vielleicht bräuchte es halt etwas Mut, den Ergebnissen ins Auge zu blicken. Dabei wäre die Realität schon längst ein verlässlicher Seismograf der Schweizer Bildungspolitik. Wer in Klassenzimmer zoomt und Lehrpersonen befragt, erhält nicht selten eine ungeschminkte Analyse.

Stimmen von der Basis

Ein Beispiel aus der Berufsschule: „Wir kriegen mehr und mehr Lernende, bei denen wir uns als Lehrpersonen fragen, was sie neun Jahre lang gemacht haben? Prozentrechnung weit weg, Dreisätze oder ihnen adäquate mathematische Formeln noch weiter weg, Deutsch total weit weg. Aber auch Französisch mit totaler Demotivation und in Englisch kein Wort schriftlich richtig.“ Und eine Berufskollegin ergänzt: „Konjugation von Verben – noch kaum je gehört.“

Schulische Defizite als berufliche Hindernisse

Soweit das Urteil eines passionierten Berufsschullehrers; er arbeitete viele Jahre in der Privatwirtschaft und kennt ihre Ansprüche. Es ist ein Einzelvotum, das sei zugegeben. Doch diese Stimme zeigt sich in unserer Bildungslandschaft multipliziert. Klagen von Lehrmeistern, von Berufsverbänden und Hochschulrektoren bestätigen sie. Alle verweisen auf bestimmte Defizite, die sich für viele Jugendliche nachteilig auswirken. „Viele KV-Bewerber bringen nicht den gewünschten Schulrucksack mit“, heisst es beim Ausbildungsverbund Apprentas. 2017 schieden zwei Drittel der Lehrlingsanwärter aus; sie erfüllten die Qualifikationen nicht. [3]

St. Galler Wirtschaftsvertreter beklagten beim kantonalen Erziehungsdirektor die mangelnden Deutschkenntnisse der Schulabgänger. [4] Sie zeigen eklatante Schwächen sowohl bei der Textkohärenz wie in Orthografie und Grammatik. Bis zu fünfzig Prozent der Bewerber bestanden den Eignungstest zur Stadtpolizei St. Gallen nicht. Sie scheiterten an der Muttersprache.

Das Schweigen der Bildungsverantwortlichen

Vieles verebbt ungehört. Ungehört verhallt auch die Stimme der renommierten ETHZ-Lernforscherin Prof. Elsbeth Stern, wonach mindestens 15 Prozent der Jugendlichen die Schule als funktionale Analphabeten oder Illiteraten verlassen. Die Bildungsverantwortlichen schweigen. Das Systemversagen im teuersten Bildungskonstrukt der Welt scheint sie nicht zu stören.

Die Verantwortlichen verweisen wohl auf den vorderen Teil, der die Lehrpläne erfüllt und die Schule zielführend abschliesst. Diese Erfolge täuschen über manches hinweg. Eine Volksschule, bei der nicht wenige Schüler empfindliche Defizite in den Grundlagenfächern aufweisen, erfüllt ihren Auftrag nur bedingt.

Keine Rückkehr zur alten Schule

Niemand wünscht sich die alte und autoritäre Schule von einst zurück. Reformen waren notwendig, Veränderungen zwingend. Das bestreitet niemand. Doch der Fortschritt verläuft nicht linear-proportional zu den Reformen; es wird nicht einfach besser oder schlechter. Veränderungen oder eben Verbesserungen in einem Bereich haben immer ihren Preis in einem anderen Feld. Wer eine bestimmte Entwicklung will, verschweigt oft den Preis, der dafür bezahlt wird. Fortschritte können eben immer auch Rückschritte sein.

Geometrie hat nichts mit Ideologie zu tun

Die Reformen der letzten Jahre wollten in vielen schulischen Bereichen maximieren: Integration aller Kinder in die Regelklasse, Frühförderung in zwei Fremdsprachen, Autonomie der Jugendlichen beim Lernen. Wer den Schulen so viele zusätzliche Aufträge erteilt, muss Reduktionen in Kauf nehmen. So verloren das Üben und Automatisieren dramatisch an Kraft. Die Folgen sind spürbar. Je mehr einzelne Stränge eben maximiert werden, desto mehr verringern sich andere Teilbereiche. Das ist schlichte Proportionenrechnung und hat nichts mit Ideologie zu tun.

Auf die Lehrperson und ihren Unterricht kommt es an

Eines ging in der Reformhektik vergessen: Die Schule verbessert man nicht primär über Strukturreformen und Methodenwechsel. Die Schule steht und fällt mit der Lehrperson und ihrem Unterricht. Darum braucht sie methodische Freiheit. Diese Weisheit ist klassisch und veraltet nicht. Sie galt früher, sie gilt heute, sie gilt wohl immer. Formuliert hat sie der Berner Hochschullehrer und Schüler von Jean Piaget, Hans Aebli: „Wo eine gute Lehrerin, wo ein guter Lehrer am Werk ist, da ist die Welt ein bisschen besser.“

Von dieser Weisheit haben die meisten Lehrpersonen im Reformwind der vergangenen Jahre kaum gehört. Im Gegenteil. Doch die Wirkung der Lehrperson ist wissenschaftlich gut untersucht: Der neuseeländische Erziehungsforscher John Hattie fasste seine Forschungsresultate in einer vielbeachteten Meta-Studie zusammen. Dies zu bedenken könnte unsere Schulen effizienter und zugleich ganzheitlicher gestalten.

[1] Martin Beglinger: „Das ist vernichtend“. In: NZZ, 31.08.2018, S.53.

[2] SKBF: Bildungsbericht Schweiz 2018. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung, 2018.

[3] Franziska Pfister: Mangel an KV-Lehrlingen nimmt zu. In: NZZaS, 18. Juni 2017, Nr. 35, S. 29.

[4] Firmenchefs fordern besseres Deutsch. In: Wiler Zeitung, 4. Dez. 2017.

Kommentare

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Merci Carl Bossard für klaren Aussagen. Ist die Schule L'art pur L'art' ? Qualitätskontrolle ist offensichtlich sehr schwach, wenn überhaupt, entwickelt.

Bei der Beurteilung über schulische Leistungen muss man sicher auch den Hintergrund der Schüler berücksichtigen. Dieser ist nun mit 25 % ausländisch und 1/3 Schweizer mit Migrationshintergrund so, dass also nur noch 50% der Bevölkerung original Muttersprachler sind. Und diese werden wegen zu geringer Vertilitätsrate auch noch in absehbarer Zeit aussterben. Dadurch braucht es halt eine gewisse Zeit, bis sich das Bildungssystem - das ja mit den vielen ständigen Reformen, Analysen und Untersuchungen viele gut bezahlte Arbeitsplätze für HF- und Uni- Abgänger geschaffen hat - an die neuen Bedingungen anpassen kann. Dass der Staat dazu gar kein Volk von Pestalozzis, Einsteins, Guevaras, Jungs und Hatties haben will, sondern nur gerade so schlaue, gehorsame Arbeiter, dass sie die Maschinen richtig bedienen und die nötigen Formulare dazu ausfüllen können, liegt auf der Hand.

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