Orientierungswissen als Lebenskompass

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Orientierungswissen als Lebenskompass

Von Carl Bossard, 04.07.2016

Persönlichkeiten zu bilden, verlangt mehr, als direkt verwertbare Kompetenzen zu vermitteln - ein Plädoyer für das Fach Ethik an den Schulen.

Das konkrete Verfügungswissen werde wichtiger. So sehen es in der heutigen Effizienz-Euphorie viele. Doch ohne ethisch-kulturelles Orientierungswissen kommt uns der Lebenskompass abhanden.

Verfügungswissen braucht Orientierungswisssen

Laufen und rennen und sich dabei an einem Ziel orientieren: Das ist der Orientierungslauf OL. Karte und Kompass sind die Utensilien, Wälder der bevorzugte Tatort. Routen planen, Wege finden, Gräben queren, Hindernisse bewältigen, Dickichten ausweichen, sich an Bachläufen orientieren und immer das Ziel vor Augen, den nächsten Posten und den Laufweg als Ganzes: Darin liegt die Faszination des OL-Sports. Gute Schuhe und schnelle Beine allein genügen nicht; der Blick zielt nach vorne, richtet sich auf in die übernächste Geländekammer. Er muss sich stets am Ziel orientieren.

Der OL als Metapher des Lebens? Das Wirken und Werken im Unterholz des Alltags, das Handeln und Agieren im Dickicht des täglichen Lebens brauchen Übergeordnetes. Wonach richte ich mich, woran orientiere ich mich, wohin steuert mein Tun? Verfügungswissen braucht eben Orientierungswisssen, so wie der OL-Läufer nur mit Karte und Kompass den Weg zu den einzelnen Kontrollposten findet. Laufen allein ist zu wenig.

Nutzen und Profit

Der heutige Fokus der Schulen liegt zeitgeistgemäss auf dem Verfügungswissen. Reflexionswissen und vor allem Orientierungswissen treten in den Hintergrund. Die Tendenz ist eindeutig: Die Wissens- und Informationsgesellschaft reduziert Bildung auf Ausbildung. Spätestens seit PISA und Bologna dominiert der Effizienzimperativ; gefragt sind direkt anwendbare Kompetenzen. Sie gehorchen dem Diktat der aktuellen Verwertbarkeit.

Im „PISA“-Zeitalter untersteht eben vieles der Logik eines ökonomischen Zweckdenkens. Der Mensch muss marktfähig und marktförmig sein. Die PISA-Studie selbst zielt ja auf den Homo oeconomicus. Es geht um die materiellen Bedingungen des Lebens, um Nutzen und Profit. Der Test soll darum bei 15-Jährigen jene Kenntnisse und Fähigkeiten messen, „die für das tägliche Leben relevant sind.“

So fordert es die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD. Darum ist es nichts als konsequent, dass PISA einen reduktiven Kompetenzbegriff ins Zentrum stellt und nicht von Bildung spricht. Der Ausdruck „Bildung“ passt nicht in dieses Konzept.

Bildung ist Kultivierung, nicht Konditionierung

Wenn man Lernen und Bildung mit Messbarkeit koppelt, dann impliziert das in letzter Konsequenz den Ausschluss von metaphysischen Problemen aus dem Bildungsbegriff, die Elimination ethisch-kultureller Fragen und lebensweltlicher Sinnhorizonte.

Wie lässt sich eine kognitive, soziale, emotionale Persönlichkeitswerdung und Urteilfähigkeit messen? Gemäss „Lehrplan 21“ soll sich jedes schulisch vermittelte Wissen als ein Können kontrollieren lassen; der Unterricht orientiert sich an formalen Fertigkeiten. Inhalte verschwinden oder werden zu reinen Trainingsobjekten degradiert.

Der Bildungsbegriff verliert so jede intellektuelle und wohl auch kognitive und emotionale Attraktivität. Pädagogisch angeleitete Bildung aber ist – jedenfalls im ursprünglichen Sinne – Kultivierung, nicht umfassende Konditionierung.

Bildung folgt keinem direkt verwertbaren „um zu“

Bildung erfolgt nicht nach den Parametern von Effizienz und Nützlichkeit. Wie sonst kann man mit Kindern über Aristoteles‘ Idee eines gelingenden menschlichen Lebens philosophieren? Oder über die Frage, was gerecht und was ungerecht ist? Wie lässt sich bei Jugendlichen ein Hilde-Domin-Gedicht gewinnbringend unterbringen, was zählt Goethes Faust im Kontext der Gewinnmaximierung, was das Nachdenken über die Kopernikanische Wende oder die Heisenbergsche Unschärferelation?

Das ist das eine: Bildung als individuelle Verwirklichung der Kultur. Unter Bildung versteht man auch, dass sich eine Persönlichkeit formt, die selbständig denkt, sich so gewissen „Normen“ entzieht und die nicht nur äusserlich funktioniert.

Das Denken muss über die sogenannten Tatsächlichkeiten hinausreichen. Das Alltags-Gebrauchswissen braucht übergeordnetes ethisch-kulturelles Orientierungswissen. Nur so werden wir eigenständig und damit Gestalter und Autoren unseres Lebens.

Nicht Arsenal, sondern Horizont

Noch nie war eine Bildung, die über den Tagesbedarf und das berufliche Kerngeschäft hinausgeht, so unentbehrlich wie heute. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich nicht nur als offene (Sir Karl Popper), sondern auch als beschleunigte versteht. Zu ihrem Credo gehören permanente Innovation, grenzenlose Mobilität und hektische Flexibilität. Der Zwang zum „Change“ gilt als Dogma.

Ohne  Bildungselemente aber geht eine offene Gesellschaft an ihrer eigenen Wandelbarkeit zugrunde, mahnte der deutsche Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstrass in einem Vortrag an der Pädagogischen Hochschule Zug.(1)

Es ist paradox: Je reicher unsere Gesellschaft an Information und Wissen wird, desto ärmer scheint sie zu werden an Orientierungsvermögen. Für diese Fähigkeit aber steht der Begriff der Bildung – und für dessen ethisch-moralische Dimension der Begriff der Humanität. Sie umfasst Werte wie Demut, Bescheidenheit und Empathie und bewahrt vielleicht vor Hybris, Hochmut und Habgier. 

Bildung ist kein Arsenal, Bildung ist ein Horizont (Hans Blumenberg). Noch immer gilt darum: Bildung und Orientierung gehören strukturell zusammen. Bildung ist Ausdruck einer Kultur, in der sich die vernünftige und auch emotional bedürftige Natur des Menschen entfaltet. Sie gibt Horizont und Orientierung in einer Welt, die zunehmend komplexer und anonymer wird, ja fast schon labyrinthisch geworden ist.

Ethik als praktische Philosophie

Orientierungswissen ist unverzichtbar für die Herstellung von Sinn im professionellen Alltag und die Herausbildung individueller wie kultureller Identität.(2) Gelingendes menschliches Tun wie auch professionelles Handeln verwirklichen sich vor einem Werte-Horizont, einer Orientierung, die dem Leben ethische und moralische Form verleiht. 

Darum ist Ethik an Schulen so wichtig: Ethik als Teilbereich der Philosophie, oft auch als „praktische Philosophie“ umschrieben. Das Fach will eine Handlungsorientierung für das gute Leben, die „Lebenskunst“ bieten sowie zum gerechten Handeln anleiten.

Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen ist ein Motor für ihr autonomes Denken und ihre Urteilskraft. Oder mit Jürgen Habermas' Worten: Mündig ist, wer den zwanglosen Zwang des besseren Arguments zu erzeugen und zu akzeptieren vermag. Das schult der Ethikunterricht. Unsere freiheitliche Gesellschaft bedarf eines gemeinsamen normativen Diskurses.

Doch die Schweizer Schulen schaffen Ethik als eigenständiges Fach ab. Neu mäandriert es als nebulöser Schwarm im Sammelfach Natur-Mensch-Gesellschaft NMG zwischen Themen wie Fledermaus, Abfall, Kanton Luzern, Medien und Velo, wie mir ein Junglehrer erzählte. Er hechle gestresst von Inhalt zu Inhalt, berichtete er, und habe eigentlich für nichts richtig Zeit. Auch für ethische Fragen nicht.

Ethik in der pluralen Gesellschaft unverzichtbar

Sein Beispiel zeigt: Sobald eine Disziplin als eigenständiger Bereich verschwindet, verschwindet auch der Inhalt. In den Köpfen der Kinder sowieso. Vor solchen Sammelfächern warnte darum schon der renommierte Entwicklungspsychologe und Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft, Prof. Franz E. Weinert: „Fächer sind als Wissenssysteme unerlässlich für kognitives Lernen. Es gibt überhaupt keinen Grund für einen heterogenen Fächer-Mischmasch.“ Als Ausnahme nannte er den Projektunterricht; reale Phänomene oder Probleme unserer Welt bilden hier den Ausgangspunkt. 

Ethik ist eine unverzichtbare Mitgift schulischer Bildung. Sie darf nicht verloren gehen. Kein OL-Läufer, keine Wettkämpferin wagt sich ohne Karte und Kompass in den Wald. Sich im Dickicht und Unterholz zu orientieren fiele schwer. Und die heutige Welt ist komplexer als ein Schweizer Gebirgswald. 

(1) Jürgen Mittelstrass (2004), Bildung, Wissenschaft und Humanität – vom Auftrag einer Pädagogischen Hochschule. Vortrag an der PH Zug. Msc. S. 3; vgl. ders. (1997), Der Flug der Eule. Von der Vernunft der Wissenschaft und der Aufgabe der Philosophie. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

(2) Roland Reichenbach (2013), Für die Schule lernen wir. Plädoyer für eine gewöhnliche Institution. Seelze: Friedrich Verlag, S. 52

Kommentare

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Ob die Primärtugenden, als da sind Eigenverantwortung, Fleiss, Konzentration, Disziplin, Leistungswille, Empathie auch gemeint, gefordert werden?

Bravo! Das ist genau meine Meinung. Vielen Dank für diesen Artikel. Nachdem ich heute in der Zeitung las, dass die Gemeinde am Hirzel ihre Schule aufgeben soll, damit diese im 90 Min. entfernten Horgen eingegliedert werden können, finde ich es doppelt grandig, wenn man sich dafür einsetzt, dass Kompetenz allein nicht genug ist. Es braucht auch Herzensbildung und geistige Fähigkeiten, nicht nur das Wissen darum, wo im PC ich mir Infos abhole. Darum ist die Welt so verrückt wie sie ist zurzeit. Tausend Personen vom Hirzel haben unterschrieben, dass sie ihre Gemeindeschule behalten wollen. Ich hoffe, es gelingt. Wir haben uns seinerzeit in einem Bündner Bergdorf mit nur 8 möglichen Schulkindern voran gekämpft, dass wir eine Gesamtschule haben durften, dass die Kleinen im Dorf in die Schule gehen können. Es reicht doch, wenn sie in die Sekundar- und weiterfolgenden Schulen auswärts gehen müssen.

Wäre Carl Bossard OL gelaufen, wie er schreibt, hätte er nie gewonnen: Er wäre dreimal rundumgelaufen statt direkt zum Ziel. Der Text ist inhaltlich gut, aber man hätte dasselbe auch mit weniger Worten sagen können.
Dabei gibt’s von diesem Autor auf derselben Plattform einen Text über „Die Kunst des Weglassens“, den er leider selbst nicht befolgt: Es genügt eben nicht, gutes Deutsch zu schreiben und Fremdwörter zu vermeiden, sondern man muss auch Überflüssiges (mit Pfui-Wort: Redundanz) weglassen können...

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