Muntere Zahlenspiele

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Muntere Zahlenspiele

Von René Zeyer, 19.07.2012

Die CS hat am Mittwoch angekündigt, 15,3 Milliarden neues Kapital zu beschaffen. Ist sie damit nun endlich gut und sicher aufgestellt? War sie es also vorher nicht? Wie viel ist sie nun eigentlich wert? Schwer zu sagen, denn es ist ja eine Bank.

Die Berechnung des Werts einer normalen Firma in der realen Produktionswelt ist schon nicht ganz einfach. Man ahnt bereits, dass es bei einer Bank wohl unmöglich ist. Grenzen wir die Sache etwas ein. Eigenkapital, im Wesentlichen das Kernkapital, nennt man die Eigenmittel einer Bank, mit denen sie den Verpflichtungen gegenüber Gläubigern nachkommen kann. Kernkapitalquote nennt man das Verhältnis dieser Eigenmittel zur Bilanz. Umso niedriger diese Quote ist, umso grösser ist das Risiko, dass die Bank bei Verlusten blank ist.

Das kommt darauf an

Nun hat die Credit Suisse eine Kernkapitalquote von haargenau 15,6 Prozent. Äh, 5,9 Prozent. Räusper, 1,9 Prozent. Oder irgendwas darüber oder dazwischen. Ja was denn nun?

Zu diesen Zahlen (und vielen anderen) kommt man, je nachdem welche Berechnungsgrundlage man anlegt. Nehmen wir da Tier 1, Core Tier 1, vielleicht schon die Look-through Swiss Core Capital Ratio? Oder teilen wir einfach die Bilanz durch den Börsenwert, dann kämen wir nämlich auf schlappe 1,9 Prozent. Und dabei haben wir das Zauberwort Risikogewichtung nach Basel III noch gar nicht benützt.

Und noch nicht von Cocos gesprochen, Zwangswandelanleihen, die dem Kernkapital zugerechnet werden dürfen. Obwohl sie zu recht den schönen Übernamen «Todesspirale-Anleihen» tragen. Da kann man leicht den Überblick verlieren. Selbst wenn man ein Boss der CS ist.

Was gilt denn nun?

Noch vor knapp einem Monat hatte CS-CEO Brady Dougan behauptet, dass die CS zu den «bestkapitalisiertesten Banken der Welt» gehört, weshalb natürlich eine Kapitalerhöhung «nicht unseren Plänen entspricht». Wieso auch, die Bank ist super, sicher und bestens aufgestellt. Da mag die Schweizerische Nationalbank das Gegenteil behaupten, der CEO, unterstützt von seinem Verwaltungsrat, wird es doch wohl besser wissen.

Oder auch nicht, wenn der gleiche CEO, wiederum unterstützt von seinem VR, vier Wochen später fröhlich eine massive Kapitalerhöhung ankündigt. Ist wahrscheinlich dazwischen irgend was Wichtiges passiert. Nein? Na, dann war die CS, das gebietet die Logik, vor vier Wochen doch nicht so super aufgestellt. Beängstigend, wenn der Boss aber damals das Gegenteil behauptet hat.

Ist die CS denn wenigstens heute sicher?

Lassen wir auch hier den Satz gelten: Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an. Ist dann wenigstens das Geschwätz von heute weniger dumm? Schwer zu sagen, wenn man weder weiss, wie hoch denn nun die Eigenkapitalquote der Bank ist. Noch, wie genau die CS denn die 15,3 Milliarden bekommt. Natürlich nicht in erster Linie in der Form von Neuausgabe von Aktien, denn das würde den bisherigen Aktionär ziemlich sauer machen, man spricht da von Verwässerung. Also wie sonst? Nun, da erteile ich doch mal das Wort dem Hoforgan der höheren Finanzberichterstattung, der NZZ. Viel Spass!

So geht das

«Der Grossteil der angestrebten Kapitalaufstockung, nämlich 8,7 Mrd. der insgesamt 15,3 Mrd. Fr., soll bereits Ende Monat abgeschlossen werden. Allein die Emission von Pflichtwandelanleihen («mandatory and contingent convertible securities»; Maccs) soll 3,8 Mrd. Fr. an zusätzlichem Kapital generieren. ... Zu den Sofortmassnahmen zählt auch der forcierte Umtausch hybrider Eigenkapitalbestandteile in qualitativ hochwertigere Instrumente («buffer capital notes» bzw. «Cocos» mit hohem Trigger), die nach den Schweizer Standards mit insgesamt 1,7 Mrd. Fr. dem Kernkapital («Swiss core capital») zurechenbar sind. Ursprünglich war der Umtausch erst für Oktober geplant. In einem weiteren Schritt kommen Eigenmittel von 2,3 Mrd. Fr. hinzu, die in Form von sogenannten Claudius-Genussscheinen mit einem Abschlag von 20% dem Kernkapital zugerechnet werden dürfen.»

Hallo, hallo

Ich hoffe, meine geschätzten Leser sind noch alle da und haben das auch alles verstanden. Ich nämlich nicht, muss ich gestehen. Ich frage mich schon, wieso 8,7 Milliarden ein «Grossteil» von 15,3 Milliarden sein sollen, für mich ist das etwas mehr als die Hälfte, aber ich habe auch keine Black Belts in höherer Finanzwissenschaft, daran wird es wohl liegen. Aber Spass beiseite, die Lage ist ernst.

Wir wissen also nicht, wie hoch die Kernkapitalquote der CS ist. Oder noch einfacher gesagt: Ob schon ein Bilanzverlust von 1,9 Prozent reicht, damit die Bank blank ist. Oder ob es dafür 5,9 Prozent, 15,6 Prozent oder was auch immer braucht. Wir wissen auch nicht, wie genau die CS zu 15,3 Milliarden neuem Kapital kommt. Wir wissen noch viel weniger, wieso das vor einem Monat völlig überflüssig war, jetzt aber das Gebot des Tages. Durch dieses Nichtwissen wären wir aber ausreichend qualifiziert, um eine leitende Position bei der CS einzunehmen. Immerhin das ist schön zu wissen.

Wer sagt denn, dass die Häuptlinge begreifen müssen, was sie sagen. Ihre Rolle ist es, eine Schau zu spielen, eine drittklassige Schmierenkomödie als ultimativen Höhepunkt zu verkleiden, den Schleier der Blendung über eine Rostlaube zu breiten, die Hochglanzfassade vor der Ruine zu verklären - was am besten Wortgeschwiemel kann, das von Kaffeefahrten und Quacksalbern bekannt ist.

Es ist schon beängstigend wie schnell solche VR- und CEO-Manager über ihre eigenen Aussagen stolpern. Und dies zu Millionensalären. Wohin geht die Reise? Vermutlich Richtung Nirwana, Herr Dougan, oder etwa nach Qatar oder Singapore, um bei Fonds den Notbatzen abzuholen? Eine Frage bleibt, Herr Dougan, zu welchem Preis haben sie die Scheichs erweichen können oder genauer: Welchen Zins bezahlen sie? Denn von irgendwoher müssen die 15 Milliarden ja kommen oder? Aus ihren Berechnungen wird ein Normalsterblicher nicht schlau. Aber die Berechnungen sind ja auch nicht gemacht, dass einer schlau wird. Die Hauptsache, sie, Herr Dougan, sind schlau genug - nur das vermute ich, steht in den Sternen geschrieben.

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