Mike Wallace: Amerikas TV-Interviewer nonpareil

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Mike Wallace: Amerikas TV-Interviewer nonpareil

Von Ignaz Staub, 10.04.2012

Er war 90 und erst seit vier Jahren im Ruhestand, als er sein letztes Fernsehinterview machte. In einem Medium, in dem Jugend und Schönheit dominieren, war es ihm gelungen, in Würde alt zu werden.

Mike Wallace wusste bereits zu Lebzeiten, was dereinst auf seinem Grabstein stehen sollte: „Tough But Fair“ – hart, aber fair. Und bis zum Ende blieb er am Bildschirm angriffig, neugierig und unerschrocken. Er war einer der letzten einer aussterbenden Spezies.Tragisch nur, dass er am Ende seines langen Lebens, in einem Pflegeheim in Connecticut und an Demenz erkrankt, nicht mehr wusste, wer er einst gewesen war.

„Das ist ein Mann, der eine tolle Karriere hinter sich hat und für den die Arbeit immer das Wichtigste war“, hat sein Sohn Chris, Fernsehmoderator bei „Fox News“, unlängst noch erzählt: „Und nun kann er sich nicht einmal mehr daran erinnern.“ Der 93-Jährige, so Chris Wallace, rede nur noch über seine Familie. Als er sieben Jahre zuvor, mit 88 Jahren, in Pension gegangen war, hatte der Vater gescherzt: „Geben wir’s zu: Ich bin nicht mehr 85.“

Zwischen Sadismus und intellektueller Neugier

Mike Wallace, 1918 als Myron Leon Wallace in Brookline (Massachusetts) geboren, war schon zu Lebzeiten eine Legende. Der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer war schon fast 50, bevor er 1968 beim neuen Nachrichtenmagazin „60 Minutes“ des Fernsehsenders CBS anheuerte und dort seine Bestimmung fand. „60 Minutes“ war eine neue Sendung, die wöchentlich einmal Nachrichten mit einer Prise Unterhaltung würzte und für investigativen Journalismus berühmt wurde. Produzent Don Hewitt nannte die Sendung „Life-Magazin am Bildschirm“ und deren Mitarbeiter Mike Wallace „eine Naturgewalt“. Der räumte später ein, Kollegen gegenüber gelegentlich egoistisch und unkollegial oder gar grausam zu agieren.

Das oft imitierte, aber nie erreichte TV-Magazin erreichte auf dem Höhepunkt seiner Popularität zu Beginn der 80er-Jahre an Sonntagabenden jeweils 40 Millionen Zuschauer. Während 23 Jahren in Folge gehörte „60 Minutes“ zu den zehn beliebtesten Sendungen des amerikanischen Fernsehens. Mit seiner sonoren Stimme und seinen bohrenden Fragen trug Mike Wallace wesentlich zum Erfolg der Sendung bei, als Interviewer, wie er selbst sagte, stets „ein Gratwanderer zwischen Sadismus und intellektueller Neugier“. .

In den Fussstapfen des Sohnes

Dabei hatte CBS, das seiner snobistischen Attitüde wegen als „Tiffany-Sender“ bekannt war, den Fernsehmann seiner bunten Vergangenheit wegen erst gar nicht anstellen wollen. Mike Wallace hatte früher im Radio sowie gelegentlich als Schauspieler gearbeitet und auch Schönheitswettbewerbe moderiert. Und er hatte neben TV-Sendungen wie „Night Beat“ oder „Biography“ auch Werbung gemacht, unter anderem für Zigaretten. „Die Leute bei CBS sagten, ‚Meint ihr allen Ernstes, dass wir diesen Kerl anstellen sollen, der die Dicke des Filters der Parliament-Zigaretten misst? Der wäre ja selbe Kerl, der in den Nachrichten Raketen zählen soll? Nicht bei CBS!“, erinnerte sich Wallace an die Umstände seiner Anstellung. Bei CBS trat er in die Fussstapfen von Fernsehgiganten wie Edward S. Murrow oder Walter Cronkite

Eigenem Bekunden zufolge fand Mike Wallace 1962 zum seriösen Journalismus, nachdem sein 19-jähriger Sohn Peter beim Klettern in den Bergen Griechenlands tödlich verunglückt war. Peter hätte Schriftsteller werden wollen, und so entschloss sich der Vater, künftig etwas zu tun, worauf sein Sohn hätte stolz sein können. Er begann, als Korrespondent für CBS zu arbeiten, berichtete über den Krieg in Vietnam und 1968 über den Wahlkampf des künftigen Präsidenten Richard Nixons, der ihn als Pressesprecher engagieren wollte. Der Fernsehmann lehnte dankend ab und half stattdessen, „60 Minutes“ zu gründen“. Die Sendung ging am 24. September 1968 erstmals über den Sender, zu einer Zeit, in der sich die Nation im Umbruch befand: In Vietnam tobte ein Krieg, zu Hause begehrte die Jugend auf und alte Werte drohten zu verschwinden. „In der besten aller möglichen Welten sind alle Leute ehrenhaft, aber das ist nicht die Welt, in der wir leben“, definierte Wallace einst seinen Job: „Ein Reporter erwirbt sich seinen Ruf, indem er Dinge aufdeckt, die hinter jenem Felsen verborgen sind.“

Hier bin ich

Mike Wallace und „60 Minutes“, das war, was Amerikaner „a marriage made in heaven“ nennen - ein Traumpaar. „Er bahnte den Weg für die Art und Weise, in der investigativer Journalismus am Fernsehen stattfinden soll“, sagt Ron Simon, Fernsehhistoriker am Paley Center for Media in New York. „Er kreierte eine Figur, die während Jahrzehnten glaubwürdig blieb und die Zuschauer fesselte. Diese identifizierten sich mit ihm und vertrautem ihm als jemandem, der ihre Interessen wahrnahm.“ Auch CBS-Kollege Dan Rather lobt Mike Wallace dafür, Amerikas Fernsehnachrichten zum Bessern verändert zu haben: „Fernsehen wurde investigativer, aggressiver und relevanter.“

Als er zum Beispiel im Jahr 2000 Louis Farrakhan, den militanten Führer der schwarzen „Nation of Islam“, interviewte, begann Mike Wallace das Gespräch wie folgt: „Sie misstrauen den Medien, wie Sie sagen. Sie misstrauen Weissen, wie Sie sagen. Sie misstrauen Juden, wie Sie sagen. Nun, hier bin ich.“ Worauf Farrakhan dem weissen Journalisten jüdischer Herkunft antwortete: „So what?“ Barbara Walters, selber eine renommierte Interviewerin auf ABC, stellte 2006 neidlos fest: „Der beste Interviewer im ganzen Fernsehen – früher, heute und wohl auch künftig – ist Mike Wallace.“

Der Auftritt von Vladimir Horowitz

Legendär ist zum Beispiel ein Gespräch, das Wallace 1979 mit Ayatollah Ruhollah Khomeini in Teheran führte, nachdem iranische Studenten während der Islamischen Revolution 52 Amerikaner als Geiseln genommen hatten und sie in der Folge 444 Tage lang festhielten. „Der ägyptische Präsident Anwar Sadat nennt, was Sie tun, ich zitiere, ‚eine Schanden für den Islam’. Und er nennt Sie – entschuldigen Sie, seine Worte, nicht meine! – einen Verrückten“, sagte Wallace unvermutet, was den Übersetzer vor Schreck erbleichen liess. Khomeini indes blieb ruhig, schimpfte Sadat einen Ketzer und forderte dessen Sturz (der Ägypter wurde 1981 von Islamisten ermordet). „Was hätte er (der Ayatollah) schon tun sollen?“, bemerkte der Interviewer später: „Mich auch als Geisel nehmen?“

2006, bereits im Ruhestand, sollte Mike Wallace Teheran noch Präsident Mahmoud Ahmadinejad interviewen. „Ich habe gehört, dies sei Ihr letztes Gespräch“, sagte der Iraner, worauf der 88-jährige Amerikaner antwortete: „Was glauben Sie? Lohnt es sich, in Pension zu gehen?“ Mike Wallace gewann für das Interview seinen 21. Emmy, den höchsten Preis, den das amerikanische Fernsehen zu vergeben hat. Insgesamt hatte er innert 40 Jahren für „60 Minutes“ an die 800 Beiträge realisiert. Sein liebster? Ein Porträt des Meisterpianisten Vladimir Horowitz, dessen virtuose Wiedergabe der amerikanischen Nationalhymne „Stars and Stripes“ dem abgebrühten Mike Wallace 1977 Tränen der Rührung in die Augen trieb.

Die 120-Millionen-Dollar-Klage

Doch nicht alle seiner TV-Beiträge endeten glimpflich.1982 moderierte Wallace einen dokumentarischen Beitrag unter dem Titel: „Der ungezählte Feind: Eine Täuschung in Vietnam“. Der Film beschuldigte General William C. Westmoreland, der zwischen 1964 und 1968 Amerikas Truppen in Vietnam kommandierte, aus politischen und PR-Gründen die Stärke des Feindes absichtlich zu untertrieben zu haben. Während Analysten der CIA die Zahl der Gegner auf mindestens 500 000 Mann schätzten, liess Westmoreland verlauten, der Feind könne höchstens 300 000 Mann mobilisieren. Stimmte die Zahl der CIA, hätte es seinerzeit kein „Licht am Ende des Tunnels“ gegeben, wie der Vier-Sterne-General den Verlauf des Krieges wiederholt charakterisierte.

Westmoreland verklagte CBS und Wallace auf 120 Millionen Dollar, liess das Verfahren nach über zwei Jahren aber einstellen. „Die Affäre Westmoreland war, beruflich wie persönlich, eine der schwierigsten Zeiten meines Lebens“, berichtete Mike Wallace später in einem Zeitungsinterview: „Es war so wahnsinnig schwierig für mich, weil meine persönliche Integrität in Frage gestellt wurde, und wenn du Reporter bist, ist dies das Wichtigste, was du hast.“

Wie schädlich ist Nikotin?

Der Prozess, verbunden mit Eheproblemen, stürzte Mike Wallace in eine erste Depression und er versuchte, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Eine langjährige Freundin, die später seine vierte Frau wurde, fand ihn aber rechtzeitig und half ihm auch, sich therapieren zu lassen. Später bekannte er sich öffentlich dazu, gelegentlich unter Depressionen zu leiden und riet allen Betroffenen zu einer Therapie, was damals in den USA mithalf, das Stigma der Krankheit zu vermindern.

Später betrübte Wallace auch die Zensur eines Beitrages in „60 Minutes“, in welchem er einen Chemiker namens Jeffrey S. Wigand, den früheren Forschungsleiter des Zigarettenherstellers Brown & Williamson, interviewt hatte. Wigand berichtete 1995, die Firmenchefs amerikanischer Tabakproduzenten hätten nachweislich gelogen, als sie vor dem Kongress unter Eid aussagten, sie seien überzeugt, dass Nikotin unschädlich war. Doch CBS befand sich damals in Übernahmeverhandlungen, und die Verantwortlichen befürchteten, Schadenersatzklagen der Zigarettenindustrie in Milliardenhöhe könnten den Sender ruinieren.

Harte Fragen im Himmel

Der fragliche Beitrag wurde gekürzt und die Identität des Zeugen vertuscht. Der Vorfall, der dem Ruf von „60 Minutes“ als einer integeren Sendung schadete, wurde später unter dem Titel „The Insider“ verfilmt. Mike Wallace kam darin als Journalist, der das Firmenwohl über die Unabhängigkeit der Sendung stellte, nicht eben gut. Er hätte sich, so die Botschaft des Streifens, entschiedener gegen den Eingriff von oben wehren sollen.

Ein Interview, das Mike Wallace immer gern geführt hätte, aber nie bekam, war jenes mit Papst Johannes Paul II. „Ich hätte mit ihm nicht nur über sein hohes Amt als Papst, sondern auch über andere Dinge sprechen wollen – über die Schauspielerei, die Politik, das Zölibat oder das Skifahren“, verriet er der „Washington Post“ zufolge dem Interviewer einer anderen Zeitung: „Ich wollte mit ihm von Mann zu Mann reden.“ Vielleicht geht nun sein Wunsch trotzdem in Erfüllung. „Heute werden im Himmel harte Fragen gestellt. RIP Mike Wallace“, tweetete Fernsehmoderatorin Ann Curry nach dem Tod des Interviewers.


Quellen: „New York Times“, „Los Angeles Times“, „Washington Post“, AP

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