„MeToo“ – in India, too

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„MeToo“ – in India, too

Von Bernard Imhasly, 29.10.2017

Die weltweite Welle von Frauen-Zeugnissen über sexuelle Gewalt löst auch in Indien ein grosses Echo aus. Kaum erstaunlich, ist dieser Machtmissbrauch hierzulande doch eher die Norm als die Ausnahme.

Ein Gedicht hat  in Indiens Social Media unter dem inzwischen geflügelten Etikett „Me Too“ die Charts erobert. Das Ungewöhnliche an diesem Text ist, dass die Beschuldigten einer besonderen Kategorie Mann angehören. Es sind lauter Götter, mythische Heroen und Asketen, die sich mit jungen Frauen und verheirateten Matronen verlustieren, mystisch entbrannte Brahmanen-Jungfrauen zum Sex zwingen, oder  sich Fischersfrauen aufdrängen, deren Heiligsprechung damit den Umweg über eine kleine Vergewaltig nimmt.

Das Gedicht von Jayshree Sethuraman setzt mit dem urindischen Göttervater Indra ein, der im Dunkel der Nacht mit einer verheirateten Frau schläft, indem er sich als deren Ehemann ausgibt. Ahalya, „raped and rejected for being raped“, wird von ihrem Mann, dem Weisen Gautama, zur Säule versteinert, unsichtbar für jede Kreatur. Ram gehört auch dazu, dieser Inbegriff eines Gutmenschen, der seine Frau verstösst, weil er auf Strassengerüchte hört. Sita, „die erste alleinerziehende Mutter der Nation“, geht mit ihren Söhnen ins Exil, und später in den Tod, als sie ein weiteres Mal verstossen wird.

Eine lange Strophe gilt Draupadi, die von einem ihrer Ehemänner beim Würfelspiel verschachert wird. Sie wird an ihren Haaren vor den versammelten Hof geschleppt und dort – trotz Monatsblutung und unter den Augen ihrer fünf Ehemänner – entkleidet. Erst dann greift Krishna ein und erspart ihr die letzte Schande, indem er ihren Sari in ein nicht enden wollendes Tuch verwandelt.

„And so they exposed their bodies“

Es ist derselbe Krishna, der, als jugendlicher Kuhhirt, im Gedicht als „Voyeur“ blossgestellt wird, als er badenden Mädchen die Kleider stiehlt. Er gibt sie erst zurück, wenn die jungen Frauen – jede einzeln – aus dem Wasser steigen und ihre Hände über dem Kopf zur Bitte falten. „And so they exposed their bodies/every secret place/to the lustful gaze/of the voyeur.“ 

So geht es weiter, mit berühmten Namen wie Radhika, Lalitha, Chandravali, Indulekha, bis endlich „die unbewegliche Erde zu atmen begann/Taube Steine bewegten sich/Trockene Flussbette begannen zu fliessen/ Erlöschte Feuer loderten auf“. Und alles übertönte ein einstimmiger Chor: Me Too, Me Too.

Unter dem Mäntelchen spiritueller Initiation

Das Lied mag westlichen Lesern zu pathetisch daherkommen, doch das zahllose Anklicken und Weiterschicken des Eintrags zeigt, dass es vielen Frauen aus dem Herzen spricht. Er ist erstaunlicherweise auch nicht in einen feindlichen Feuersturm von Schmährufen und Todesdrohungen aus der nationalistischen Ecke geraten, der sonst jede Kritik an Hindu-Ikonen erwartet.

Dies hat damit zu tun, dass viele dieser mythischen Geschichten kein Blatt vor den Mund nehmen und das Schicksal sexuell ausgebeuteter Frauen auch im Original nicht glorifizieren. Es gehört zur Brillanz dieser Heldenepen, dass sie oft nicht davor zurückschrecken, ihre Helden durch den Fleischwolf zu drehen. Zudem ist das heutige Publikum bestens über Gurus informiert, die unter dem Mäntelchen spiritueller Initiation Frauen missbrauchen.

Hollywood und der Olymp

Für Götter gilt ebenso wie für Hollywood-Produzenten: Sexuelle Gewalt wird dann zur Regel, wenn die Macht der Männer institutionell abgesichert ist. Was für Hollywood zutrifft, ist im Olymp nicht anders, sind diese Volksmythen doch nichts anderes als archetypische menschliche Verhaltensmuster. Dass sie immer noch in den kollektiven Vorstellungen herumgeistern, kann als Indiz gelesen werden, dass patriarchalische Muster die indische Gesellschaft weiterhin prägen.

Auf gesellschaftliche Institutionen übertragen bedeutet dies, dass viele Männer in einer Position mit Machtgefälle – und sei dieses noch so gering – fast reflexartig in Versuchung geraten, im Verhältnis mit Frauen sexuelle Vorteile zu wittern.

Keine Ahnung von Vorschriften

Diese Macht äussert sich nicht nur in der organisatorischen Hierarchie und den ungleichen Karrierechancen und Lohnverhältnissen von Mann und Frau. Sie bedeutet auch Definitionsmacht, die bestimmt, was als zulässig gilt und was nicht. Staatliche und quasi-staatliche Organisationen wie Schulen/Universitäten, öffentliche Verwaltung, Politik, Armee etc. haben heute Complaints Committees eingerichtet, diese sind aber in der Mehrzahl von Männern besetzt.

Dies bedeutet, dass die meisten Leute – selbst Frauen – gar keine Ahnung haben, dass es inzwischen Vorschriften gibt, die im Detail darlegen, welches Verhalten zwischen Männern und Frauen am Arbeitsplatz nicht toleriert werden darf. Sie heissen Vishakha Guidelines, aber das Resultat einer völlig unrepräsentativen Blitzumfrage unter weiblichen Bekannten in meiner unmittelbaren Umgebung war konsternierend: Keine der Befragten hatte je davon gehört.    

„Being open to harassment“

Das Me Too-Gedicht und seine rasche Verbreitung zeigen, dass das Coming-out vieler Frauen auch hier einen blanken Nerv getroffen hat. Dies gilt natürlich für Bollywood, wo die Casting Couch (wie in Hollywood) bisher als lustige Party-Anekdote herumgereicht wurde, deren Evidenz gar nicht erst etabliert werden musste. Eine frühere Schauspielerin nennt in einem Beitrag für das News-Portal „www.scroll.in“ Bollywood „a world of dubious consent and absolute imbalance of power“.

In einem Land, in dem Berufschancen für Schauspieler – oder Möchtegern-Stars – so rar sind, braucht es wenig Zwang, um eine Anwärterin (und manchmal auch einen Mann) auf die Couch zu bringen. „Being open to harassment is one of the principal qualifications for becoming an actor.“ Dies auch deshalb, weil die zahlreichen Berufsverbände korrupt sind, und ihre Spitzenvertreter sich vermutlich derselben Praktiken schuldig machen wie Produzenten, Regisseure und Stars.

Eine Liste mit den Namen der Peiniger

Angefeuert von den amerikanischen „Me Too“-Kampagnen quer durch die Institutionen wurde letzte Woche eine Facebook-Liste sexueller Übergriffe in akademischen Institutionen aufgestellt. Frauen konnten anonym ihre professoralen Peiniger mit Namen und Arbeitsort nennen. Innerhalb von 24 Stunden enthielt die Liste 60 Namen, darunter solche von geachteten Wissenschaftern.

Die Liste löste sogleich eine Kontroverse aus. Eine Reihe von bekannten feministischen Akademikerinnen kritisierte in einem Offenen Brief des linken Portals Kafila diese Vorgehensweise scharf. Sie anerkannten zwar, dass es den meisten Opfern – namentlich solchen, die noch keinen festen Uni-Job haben – sehr schwerfällt, sich Gehör zu verschaffen, ohne zu riskieren, dass sie ein zweites Mal zum Opfer werden und ihre Anstellung verlieren.

Nur eine Minderheit fühlt sich schuldig

Dennoch, so hielten die Professorinnen fest, ist es wichtig, den Gesetzesweg („due process“) zu verfolgen, Dossiers zu erstellen, Zeugnisse anderer Opfer zu sammeln. Dazu gehöre aber auch, den Angeklagten die Möglichkeit rechtlichen Gehörs zu verschaffen. Sonst sei es den Gegnern ein Leichtes, solche Anklagen als persönliche Racheakte oder Berufsneid zu etikettieren und damit jede berechtigte Anklage zu unterlaufen.

Dies ist in Indien umso leichter, als die Grenzen zwischen „Consent“ und sexueller Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung fliessend sind. Kürzlich erschien ein Bericht über eine Studie, die Interviews mit hundert Häftlingen im Tihar-Gefängnis von Delhi analysierte, die eine lebenslängliche Strafe wegen Vergewaltigung absitzen.

Die Interviews zeigten, dass die meisten Täter keine Vorstellung davon haben, was sie Schlimmes getan hatten. Nur eine kleine Minderheit – namentlich jene, die Kleinkinder missbraucht hatten – fühlte sich schuldig. Mit dem Begriff „consent“ konnte kaum einer etwas anfangen.  Als sei es normal, dass sich alle Frauen nur widerwillig zum sexuellen Akt bequemten. Lust? Die ist den Göttern vorbehalten.

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