Mendelssohn? Eine Herzensangelegenheit!

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Mendelssohn? Eine Herzensangelegenheit!

Von Annette Freitag, 19.04.2015

Oliver Schnyder, der erfolgreichste Schweizer Pianist, geht auf Tournee.

16 Uhr 51, Gleis drei, Bahnhof Baden. Das sind Zeitpunkt und Ort unseres Treffens. „Ich hole Sie ab…“ hat er noch geschrieben. Pünktlich steht Oliver Schnyder mitten im Feierabendbetrieb auf dem Perron an diesem strahlend schönen Frühlingstag. Oliver Schnyder ist sozusagen nur auf der Durchreise zuhause. Er kommt gerade aus London, kehrt auch sofort wieder an Konzerte nach London zurück und hat einen Zwischenhalt in Baden eingelegt, wo er wohnt.

Gehetzt wirkt er trotzdem nicht. Im Gegenteil. Und er freut sich auf die bevorstehenden Konzerte. Ganz besonders auf Felix Mendelssohn Bartholdys Doppelkonzert, das er mit der renommierten  Londoner „Academy of St. Martin in the Fields“ spielt. Nach einem ersten Konzert in London führt die Tournee von Zürich über St. Gallen nach Genf. Die „Academy of St. Martin in the Fields“ gehört zu den namhaftesten Orchestern Grossbritanniens. Mit über 500 Einspielungen ist es das erfolgreichste Kammerorchester überhaupt. Kein Wunder also, dass Oliver Schnyder, den man seinerseits als erfolgreichsten Schweizer Pianisten bezeichnen kann, den Konzerten mit freudiger Erwartung entgegen sieht.

Wunderkind

Dieses sogenannte Doppelkonzert, das Mendelssohn für Violine und Klavier komponiert hat, ist ein sehr spezielles Stück für Oliver Schnyder. Unter anderem, weil Mendelssohn noch sehr jung war, als er es schrieb. „Für mich ist Mendelssohn das erstaunlichste Wunderkind. Mehr noch als Mozart“, sagt Schnyder, nachdem wir uns in die stille Ecke eines Cafés zurückgezogen haben. „Mendelssohn hat seine wichtigsten Stücke schon geschrieben, noch bevor er überhaupt 18 Jahre alt war. Die Ouvertüre zum Sommernachtstraum  zum  Beispiel, das Oktett und eben dieses Doppelkonzert, das einfach unerhört ist. Für mich ist es die ideale Synthese zwischen Mendelssohns eigenen Tonsprache, die er bis zu seinem Tod beibehalten hat, und dem katalysierten Musik-Erbe, das da anklingt.“. Oliver Schnyder kommt total ins Schwärmen: „Also die Exposition bis zum ersten Klaviereinsatz, die ist so unglaublich rund, das ist ein echter Geniestreich.“

Mendelssohn war 13 Jahre alt, als er dieses Doppelkonzert komponierte. Mit 14 Jahren hat er es selbst auch gespielt. Das jugendliche Alter des Komponisten spüre man durchaus im Stück, sagt Oliver Schnyder. „Es ist voller sprühender, witziger Virtuosität, voller Leidenschaft. Für mich ist es fast unglaublich, dass er, so jung wie er war, dies überhaupt spielen konnte, vom Komponieren ganz zu schweigen. Es ist wirklich wahnsinnig kniffelig und sehr schwierig und kompliziert. Wenn man das spielt, ist man wirklich 40 Minuten lang voll beschäftigt.“

Grosser Romantiker

Die sprühende Leidenschaft, die Oliver Schnyder Mendelssohn attestiert, die hat er auch selbst, wenn er über den Komponisten spricht. „Er gehört absolut in den Kanon der grossen Romantiker wie Schumann, Brahms und Schubert.“ Allerdings, Mendelssohns Klavierkonzerte würden - zu Unrecht - immer noch sehr stiefmütterlich behandelt. Da gibt Oliver Schnyder Gegensteuer. Alle drei Klavierkonzerte hat er bereits 2013 auf CD veröffentlicht.

(Foto: Anna und Peter Schudel-Hahn)
(Foto: Anna und Peter Schudel-Hahn)

Dann fügt er noch bei: „Und was man oft vergisst: zu seinen Lebzeiten war Mendelssohn der absolut berühmteste Musiker Europas und wahrscheinlich – kulturpolitisch gesehen – auch der bedeutendste.“  So habe Mendelssohn zum Beispiel den Beruf des Dirigenten erfunden, Johann Sebastian Bach, der nahezu in Vergessenheit geraten war, wieder entdeckt und auch als Lehrer sei er enorm wichtig gewesen. Wie eine Liebeserklärung klingt es, wenn Oliver Schnyder schliesslich sagt: „Für mich ist Mendelssohn ein Lieblingskomponist. Seine Werke aufzuführen, ist für mich eine Herzensangelegenheit.“

Winterreise

Eine weitere Herzensangelegenheit war die „Winterreise“ für Oliver Schnyder, dieser berühmte Liederzyklus von Franz Schubert. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“ – so beginnt das erste Lied, dem 23 weitere folgen bevor der Zyklus in Hoffnungslosigkeit endet. Zusammen mit dem Tenor Daniel Behle hat Oliver Schnyder die Lieder aufgenommen, dieses Jahr ist die CD erschienen. „Hochspannend“, „feinfühlig“, „geschmackssicher“, „prophetisch“, das sind Schlagworte, die Kritiker zu dieser Interpretation eingefallen sind. Das Besondere daran: Es gibt die „Winterreise“ dabei in zwei Versionen. Die erste Version ist eine Bearbeitung für Trio-Begleitung. Arrangiert von Daniel Behle, der nicht nur Sänger, sondern auch ausgebildeter Komponist ist. Die zweite Aufnahme ist in der Original-Version, nur mit Klavierbegleitung.

Wie ist es zu dieser Doppeleinspielung gekommen? „Das war eine ganz spontane Entscheidung“, sagt Schnyder. „Wir hatten im Vorjahr das Oliver Schnyder Trio mit Andreas Janke (Violine), und Benjamin Nyffenegger (Cello) gegründet, und nachdem die Trio-Aufnahmen für die ‚Wintereise‘ beendet waren, hatten Daniel und ich Lust, die Original-Version zusätzlich noch dranzuhängen. Daniel Behle hatte Zeit, das Tonstudio war frei, der Tonmeister stand auch zur Verfügung, da haben wir die zweite CD in einem einzigen Tag noch einmal aufgenommen….!“

Schimmel und Flügel

Bis zum Sommer ist Oliver Schnyder fast pausenlos unterwegs. Zwischen London und der Schweiz, zwischen Kopenhagen und Baltimore. Immer wieder an anderen Instrumenten, was manchmal ganz schön stressig sein kann. Letzte Woche zum Beispiel, da musste er in London auf einem Steinway spielen, der – sagen wir mal – einigermassen ausgeleiert war. „Und genau auf dem gleichen spiele ich an diesem Wochenende wieder!“  Dann erzählt er von einem anderen Erlebnis, gerade kürzlich, ebenfalls in England, in Leeds.  „Vor dem  letzten Konzert mit dem Berner Sinfonieorchester unter der Leitung von Mario Venzago haben Mario und ich den Saal inspiziert und statt eines Steinways einen Schimmel vorgefunden.“ Wohlgemerkt, der „Schimmel“ ist kein Pferd, sondern eine altehrwürdige Klaviermarke…  „Ich habe mich an den Schimmel gesetzt und ein bisschen geklimpert, Mario war ganz begeistert und fand, das klinge phantastisch, das sei genau der Klang, den er sich vorgestellt habe… daraufhin habe ich ihm gesagt, er solle sich doch mal selbst hinsetzen und darauf spielen. Er war entsetzt und meinte nur noch, das sei ja unmöglich, darauf zu spielen…“ Dennoch fand das Konzert genau mit diesem Flügel statt. „Ich musste wahnsinnig kämpfen mit dem Instrument. Es hat fast ein bisschen wie ein Hammerklavier geklungen. Da es aber ein frühes Beethovenstück war, ist es einigermassen gegangen…“

Wohlklang

Das sind Überraschungen und Erfahrungen, die jeder Pianist kennt. Bei sich zuhause, in Baden, hat Schnyder zwei Steinways. Der eine ist für den Unterricht mit seinen Schülern, den anderen benutzt ausschliesslich er. „Der Flügel, an dem die Schüler spielen, muss viel öfter gestimmt werden. Und in den meisten Konzertsälen ist es eben leider auch so. Wo jeden Tag ein anderer Pianist spielt, hat der Klavierstimmer viel zu tun…“ Was ihn gleich zu einem Loblied auf die Klavierstimmer in der Schweiz und in Deutschland animiert.  Die seien absolute Meister auf ihrem Gebiet.

Somit steht der Klangqualität seiner bevorstehenden Konzerte in der Schweiz nichts im Wege, wenn er Mendelssohns Doppelkonzert spielt, gemeinsam mit der Geigerin Julia Fischer und der „Academy of St. Martin in the Fields“. Denn die einheimischen Klavierstimmer werden für Wohlklang sorgen.

Und Oliver Schnyder mit seinem Spiel sowieso.

Oliver Schnyder
Academy of St,. Martin  in the Fields
20. April, Lugano, Palazzo dei Congressi
21. April, Zürich, Tonhalle
22. April, St. Gallen, Tonhalle
23. April, Genf, Victoria Hall

Kommentare

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