Manager im Gleichgewicht

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Manager im Gleichgewicht

Von Urs Meier, 03.07.2015

Kaospilots Switzerland bildet in Bern seit drei Jahren Social Entrepreneurs, Change Managers und Gründer aus.

Das «Innovationsdorf» hat sich in einem leerstehenden Gebäude der Wifag Druckmaschinenfabrik in Bern eingenistet. Hier findet sich ein grosszügiger Co-Working Space für Dauer- oder Temporärmieter von Büros samt Infrastruktur und anregender Nachbarschaft. Daneben gibt es einige kleine Start-ups, vornehmlich Dienstleister der Kreativ- und Beratungsbranche. Grösster Player im urbanen Dorf ist die Managementschule mit dem vielversprechenden Namen Kaospilots Switzerland.

Die Schulräume der Kaospiloten sind grosszügige helle Lofts mit atemberaubendem Blick auf die Berner Alpen. Möbliert sind die Räume mit allen Insignien des Alternativen und Kreativen. Zwischen den Arbeitsplätzen finden sich die obligaten Sofas, der unvermeidliche Billardtisch, allerhand Pflanzen, mit Zetteln vollgepinnte Wände, offene Flächen und ziemlich viele Kaffeemaschinen.

Bei Kaopilots Switzerland in Bern (Foto: Rahel Krabichler)
Bei Kaopilots Switzerland in Bern (Foto: Rahel Krabichler)

Die 24jährige Dänin Mona führt mich herum. Sie ist Teil des zwölfköpfigen Teams SUI 3 der Kaospiloten, also des dritten in der Schweiz in Ausbildung begriffenen Studienjahrgangs. Das kommende Team SUI 4, das im Herbst dieses Jahres einsteigt, sei startklar, erklärt Mona. Das Besondere: Die jetzigen Studierenden wirkten bei dessen Auswahl in einem zweitägigen Assessment entscheidend mit.

Studierende gestalten den Lehrplan mit

Was in anderen höheren Schulen kaum denkbar wäre, ist hier selbstverständlicher Teil der Bildungsidee: Die Studierenden beeinflussen nicht nur den Lehrplan, sondern entwickeln die Schule laufend weiter. Eine Konsumentenhaltung, in der man darauf wartet, mit vorbestimmtem Wissensstoff beliefert zu werden, ist bei den Kaospiloten nicht denkbar. Sie nehmen im Gegenteil die Rolle von Auftraggebern an: Indem sie frei über ein Budget für die Anheuerung externer Dozenten verfügen, gestalten sie den Unterricht mit.

Mona ist überzeugt, hier die Schule gefunden zu haben, die sie weiterbringt. Sie hat immer versucht, ihre Ideen in der Praxis umzusetzen. Statt sich beispielsweise über Auswüchse bei Produktion und Konsum von Nahrung bloss aufzuregen, organisierte sie in ihrer Heimat entsprechende Aufklärungsarbeit und entwickelte ein Konzept für Supermärkte ohne Verschwendung.

An der Universität merkte sie bald, dass sie dort nicht das Gesuchte lernen konnte. Man habe ihr stets gesagt, sie müsse sich für ein Fach und einen Beruf entscheiden – und die übrigen Interessen, die neben dem Profil liegen, halt zurückstellen. Hier nun gelte das Gegenteil: Die ganze Breite ihrer Erfahrungen, Interessen und Talente sei willkommen und könne in die Ausbildung einfliessen.

Dies wiederum heisst nicht, dass es den Studierenden leichtgemacht wird. Monas Einstieg bei den Kaospiloten war steil: Sie musste sich klarwerden, was ihre Ziele sind, was sie für deren Erreichung benötigt, wie sie eigene Wünsche und Fähigkeiten ins Ausbildungsteam einbringt und sich in diese Gruppe als Person einfügt.

Zur Philosophie der Schule gehört der Grundsatz, die für die Gesellschaft oder die Wirtschaft angestrebten Veränderungen hätten immer bei der eigenen Person zu beginnen. Wer für Nachhaltigkeit eintritt, muss im eigenen Leben eine Balance finden und lernen, diese zu halten. Mona merkte, dass sie hier in einer Weise persönlich ernstgenommen wird, wie sie es von der Uni nicht gekannt hatte. Dazu gehörte auch die Erfahrung einer herausfordernden Konfrontation mit sich selbst. In Monas Fall habe dies nebenbei dazu geführt, dass sie im ersten Studienjahr zwanzig Kilogramm abgenommen habe.

Ausgangspunkt Praxis

Praxisbezug ist ein Attribut, mit dem sich alle Managementschulen schmücken. Bei den Kaospiloten ist er mehr als das. Praxis ist nicht nur Anwendungs- und Übungsfeld für die vermittelte Theorie, sondern es geht wenn immer möglich um reelle Projekte im Auftrag von Kunden. Theoretisches Wissen ist nicht der Ausgangspunkt, sondern wird beigezogen, um mit praktischen Aufgaben klarzukommen. Mit fortschreitendem Ausbildungsstand leisten die Studierenden immer mehr produktive Arbeit. Sie ist nicht nur der eigentliche Lernstoff, sondern sie soll den angehenden Kaospiloten auch dazu verhelfen, einen Teil des Schulgelds von 16'000 Franken pro Jahr zu verdienen.

Nicht als Verdienstmöglichkeit, sondern als grundlegender Einstieg ist ein Projekt angelegt, das Mona mit drei Kolleginnen und Kollegen im ersten Studienjahr in Bulgarien durchführte. Die Studierenden bekamen Gelegenheit, sich an der Aufbauarbeit in einem Netz von soziokulturell tätigen Gruppen zu beteiligen mit Dingen wie Leitung von Workshops, fachliche Unterstützung örtlicher Ankerpersonen sowie Schaffung einer webbasierten Austauschplattform.

Vielseitig zusammengesetzte Teams (Foto: Rahel Krabichler)
Vielseitig zusammengesetzte Teams (Foto: Rahel Krabichler)

Dabei machten die Kaospiloten die Erfahrung, wie wichtig es ist, entgegen vieler Erwartungen der Beratenen keine Top-down-Lösungen anzubieten. Sie lernten solche Bittstellerhaltungen zu «enttäuschen» und die ihnen zugeschobene Rolle der überlegenen Experten zurückzuweisen. So erst konnten sie Raum schaffen für Eigeninitiative, Kreativität und Selbstvertrauen der bulgarischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Mona erzählt von Momenten, da Menschen ihre Situation selbst in die Hand nahmen und begannen, ein Entrepreneurial Mindset (eine unternehmerische Grundhaltung) zu entwickeln. Dies sind Schlüsselerlebnisse für die angehenden Kaospiloten, und solche Erfahrungen sind denn auch der augenscheinliche Zweck dieser bulgarischen Bewährungsprobe im ersten Studienjahr.

Aus Dänemark importiertes Konzept

Gründer und Leiter von Kaospilots Switzerland ist Matti Straub-Fischer. Er hat 1995 bis 1998 als erster Schweizer die Kaospilotenausbildung absolviert, die in Dänemark 1991 von Uffe Elbæk, einem nachmaligen dänischen Kulturminister, als alternative Management-Akademie ins Leben gerufen wurde. Ziel dieser inzwischen von Hunderten durchlaufenen Hochschule ist es, ihre Absolventen auf Rollen als Social Entrepreneurs und Change Managers vorzubereiten. Sie verknüpft klassische Management-Skills und die dazugehörenden Theorien mit Methoden und Inhalten, die man eher bei Ausbildungsgängen für Sozialpädagogik, Gemeinwesenarbeit oder Persönlichkeitsentwicklung suchen würde.

Kaospilots Switzerland bietet ein dreijähriges Vollzeitstudium an. Derzeit schliesst der erste Studienjahrgang ab, der vierte wird im September beginnen (einige wenige Plätze sind noch frei). Die Schule legt Wert auf eine internationale Zusammensetzung. Sie finanziert in jedem Jahrgang zwei Scholarships aus Afrika und unterhält zusammen mit der dänischen Mutter-Akademie ein «externes Klassenzimmer» in Südafrika, das den Studierenden die Möglichkeit eines kulturellen Tapetenwechsels bietet.

Straub beschreibt das Bildungskonzept der Kaospiloten als ein Gleichgewicht zwischen Selbstentwicklung, Teamentwicklung und Sachorientierung. Ganz offensichtlich sind solche Statements hier nicht einfach schöne Worte, die in Hochglanzbroschüren und auf gestylten Websites stehen und dann vergessen gehen. Vielmehr werden solche Grundsätze hier im Schulalltag mit grösster Selbstverständlichkeit umgesetzt.

Immer bei sich selber anfangen

Die Metapher des Gleichgewichts steht bei den Kaospiloten im Zentrum. Wer etwas verbessern will, muss sich zuerst mit der eigenen Verwicklung in die betreffenden Zustände befassen. Bei einem Projekt zur Bekämpfung von Rassismus sind es die eigenen rassistischen Regungen, die als erste Herausforderung überhaupt mal erkannt und bewältigt werden müssen. Um Menschen führen zu können, sollte man zur inner Leadership fähig sein. Und wer sich für Nachhaltigkeit engagiert, benötigt eine physisch-psychische Balance. Deshalb beginnt jeder Tag an der Schule mit Yoga, und es wird Wert gelegt auf Sport, Spass, Selbstmotivation und Regeneration der Kräfte, kurz: auf gesundes Leben.

Das Studieren im Team – und die bewusst vielseitige Zusammensetzung der Studienjahrgänge nach Charakteren, Fähigkeiten, Herkunft, etc. – ist für die Kaospiloten unabdingbar. Die Studierenden bekommen die einzigartige Chance, sich selbst und ihre persönlichen Möglichkeiten in der für drei Jahre stabilen Gruppenkonstellation kennenzulernen und zu entwickeln. Zudem erleben sie so eine Form der Arbeitsorganisation, wie sie in Varianten fast überall anzutreffen ist: Arbeit geschieht immer in sozialen Kontexten. Man muss mit Menschen zu Rande kommen, die man sich nicht aussuchen kann.

Fünf von sieben Prüfungen werden bei den Kaospiloten deshalb im Team abgelegt. Die Jahrgangs-Teams lernen und arbeiten nicht nur zusammen, sondern bestimmen auch ihr Curriculum mit. Und die Gesamtheit der Studierenden berät zusammen mit Dozierenden und Angestellten in regelmässigen Vollversammlungen die laufenden Angelegenheiten der Schule.

Etwa die Hälfte der Studierenden wird nach der Ausbildung erfahrungsgemäss zu Gründern. Das Entrepreneurial Mindset gehört zur DNA der Schule. Kaospilots Switzerland ist nach der Beratungsfirma Changels schon das zweite Start-up, das Matti Straub aus der Taufe gehoben hat. Das 2010/11 entwickelte und 2012 gestartete Bildungsunternehmen hat bislang weder staatliche Anerkennung noch Unterstützung. Zwar gibt es inzwischen eine Kooperation mit der Berner Fachhochschule, doch der Abschluss als Kaospilot gilt in der Schweiz (im Unterschied zu Dänemark) nicht als Bachelor.

Bürokratische Hürden etwa bei der Erteilung von Visa für Studierende erfordern vom Schulleiter immer wieder hohe Kompetenz in Chaosmanagement. Ein zugesprochener Beitrag des Austauschprogramms Erasmus Plus scheiterte nach einer Finanzprüfung mit dem Befund, das Budget der Schule sei nicht stabil. Das sei es in der Tat nicht, meint Straub. Der Haushalt werde zur Hälfte mit Schulgeldern gedeckt, und je ein Viertel komme von Spenden und von Aufträgen. Er hofft, der erste erfolgreiche Abschluss eines Jahrgangs in diesem Sommer werde der Schule weiteren Auftrieb geben und dazu beitragen, ihr einen Platz in der internationalen Bildungslandschaft zu sichern.

 

Die Website der Schule: kaospilots.ch

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Dieses Konzept scheint eine Antwort zu sein auf zwei vielleicht unbequeme und darum wenig bekannte Befunde: 1. Alles geht vom einzelnen Menschen aus und kehrt zu ihm zurück. 2. Die Institutionalisierung, über Jahrhunderte hinweg höchst erfolgreich vorangetrieben durch die Amtskirchen, danach kopiert bei der Staatenbildung in Europa, heute Gestaltungsprinzip von Konzernen wie auch gesellschafts-politischen Machtbereichen (Schule, Medien, Parteien, Medizin etc.), hat den einzelnen Menschen in Formen eingesperrt, die ihn entfremden und entmenschlichen können.

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