"... man kann es nie vergessen"

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"... man kann es nie vergessen"

Von Monique R. Siegel, 03.09.2015

Was es heisst, zum Vertriebenen und Flüchtling zu werden, schildert unsere Autorin aus eigenem Erleben um das Ende des Zweiten Weltkriegs.

Es gibt leider gute Gründe, seine Heimat zu verlassen und sich auf eine völlig ungewisse Zukunft einzulassen. Was aber die Flüchtlinge erwartet, sind: Entwurzelung. Entwertung. Entwürdigung.

Wenn man 1939 in Berlin geboren ist, ist Flucht zu irgendeinem Zeitpunkt der Kindheit programmiert. Mein Flüchtlingsdasein begann im Frühsommer 1943, als die Fliegerangriffe zunahmen und die Sicherheit der Stadtbevölkerung nicht mehr gewährleistet werden konnte: Es wurde beschlossen, Frauen und Kinder aus der Stadt zu entfernen und in andere, „sichere“ deutsche Gebiete zu verfrachten. Wir, meine Mutter und ich, waren für die Evakuierung nach Ostpreussen vorgesehen, und so sehr sich meine Mutter dagegen wehrte, so wenig nützte der Widerstand, nicht zuletzt, weil das Haus, in dem wir wohnten, bereits zweimal bombardiert worden war. Also durften wir zusammenpacken, was wir tragen konnten, in einen Zug steigen und in ein Kaff in der Nähe von Königsberg fahren. Damit endete mehr oder weniger meine Kindheit, zumindest der Teil, den ich mit meiner Mutter zusammen in einer bürgerlich-komfortablen Wohnung in einem angenehmen Berliner Stadtteil erlebt hatte.

Ostpreussen war Entwicklungsgebiet. Es war eine der Kornkammern des Landes, und das bedeutete: ländliche Bevölkerung, der Lesen und Schreiben wesentlich ferner lagen als Kühemelken und Heueinfahren. Selbstverständlich hatte die dortige Bevölkerung eine Riesenfreude, diese Fremden bei sich aufzunehmen, beziehungsweise sie bei sich einquartieren lassen zu müssen. Das hatten sie sich doch schon lange gewünscht: eine elegante Berlinerin mit einer Vierjährigen, die mit Messer und Gabel essen und sich ausdrücken konnte! Wir bekamen eine Kammer unter dem Dach des einzigen Wirtshauses, in deren ca. 12 Quadratmetern wir von nun an hausten, kochten, schliefen, assen, schwitzten oder froren. Immerhin gab es noch Platz für einen Kleiderschrank, einen Waschtisch und einen Gaskocher, und da Mütter in solchen Fällen gewöhnlich über sich hinauswachsen, versuchte meine Mutter, uns daraus ein „Heim“ zu machen.

Ich bot ihr jedoch eine neue Herausforderung, indem ich die Dachkammer zu einer fast permanenten Krankenstube machte: In kurzer Zeit wurde ich mit Gelbsucht ins Bett gesteckt (meine Mutter sollte für mich Diät kochen!), dann bekam ich, dreimal nacheinander die so genannte „polnische Krankheit“, offiziell als Krätze bekannt, von den Kindern, mit denen ich spielte und denen Hygiene ein unbekannter Begriff war, und schliesslich gelang es mir, auf dem Rücksitz eines Fahrrads einen Fuss in die Speichen des Rades zu stecken und mir eine zünftige Fussverletzung zuzuziehen. Ich weiss nicht, wie meine Mutter im folgenden ostpreussischen Winter auch noch damit zurechtgekommen ist, dass ich an Scharlach erkrankte. Vielleicht war sie froh, dass sich diese Krankheit nicht in der Mansarde abspielte, sondern in einem Spital, das wohl in Königsberg gestanden haben muss, aber der Anblick ihrer heulenden Fünfjährigen, die Weihnachten auf der  Quarantänestation mit drei alten Frauen und vielen jungen Mäusen im selben Zimmer verbringen musste, wird ihr ebenfalls zugesetzt haben.

Die Dorfbewohner hassten uns und versäumten keine Gelegenheit, uns das spüren zu lassen. Egal, was wir taten oder liessen, wir riefen ihre Kritik, ihren Argwohn, ihre Ablehnung hervor. Noch hatten sie genug zu essen, aber sie liessen uns wissen, dass die Vorräte für die Landbevölkerung, nicht für die Einquartierten gedacht waren. Zwar gab es keine Fliegerangriffe, dafür aber eine näherrückende sowjetische Armee, und als die zu nahe kam, gab es dann die zweite Evakuierung: diesmal nach Thüringen, in ein 2000-Seelen-Dorf in der Nähe von Eisleben. War es möglich, dass die Kluft zwischen den Einheimischen und den Aufgezwungenen noch grösser sein konnte als in Ostpreussen? Es war, und da sich 1944/1945 die Situation auch für die Zivilbevölkerung drastisch verschärfte, waren Angst, Ablehnung und Widerstand auch gewachsen. Als Flüchtlinge hatten wir keine Wahl, denn inzwischen war bei einem erneuten Direktangriff auf die Innenstadt Berlin unser Wohnhaus in Berlin in einen Trümmerhaufen verwandelt worden. Das heisst im Klartext: Alles, was vor der Evakuierung noch von unserer Wohnung und der Einrichtung vor Ostpreussen existiert hatte, war weg. Sogar die Adresse gab es nur noch bei der Auflistung dessen, was unter den Trümmern lag, wofür es natürlich in deutscher Beamtenmanier eine Quittung gab. Wir waren total ausgebombt und existierten nur noch auf dem Papier. Um so wichtiger wurden diese Papiere: Quittungen, Listen, Personalscheine, Lebensmittelkartenbezugsberechtigungen, Geburtsurkunden (von meiner Mutter überall mit hingenommen und wie ihren Augapfel gehütet), Bestätigungen und Genehmigungen. Das vorherige Leben war weg; was noch daran erinnerte, gab es auf ein paar Fetzen Papier.

Für Nostalgie war allerdings weder Raum noch Zeit. Meine Mutter war traumatisiert, denn um ein Haar wäre ihre schlimmsrte Befürchtung wahr geworden: Bei der Evakuierung nach Thüringen in einem völlig überfüllten Zug wurden wir beim Einsteigen getrennt! Die Welt war voll von Geschichten über getrennte Familienmitglieder, die sich nie mehr wiedergefunden hatten, und für sie war die Trennung von ihrer Tochter der Albtraum par excellence. Plötzlich wurde dieser Albtraum Wirklichkeit: Dutzende von Menschen drängten sich an der Tür des Waggons, und auf einmal hatte sie mich verloren. So schnell sie konnte, drängte sie sich zu einem Fenster, und zu ihrer Erleichterung sah sie mich auf den Armen eines Mannes, der die sich anbahnende Tragödie offenbar mitbekommen hatte. „Dieses Kind muss noch mit!“ schrie er, und über die Köpfe von mindestens drei Reihen Menschen, die sich noch ausserhalb des Wagens befanden, gelang es ihm, mich durch das Fenster zu reichen und Mutter mit Kind zu vereinen.

Meine Mutter sollte Mühe haben, dieses Erlebnis zu verarbeiten, aber bald schon musste sie sich um andere Dinge kümmern. Nahrung zu besorgen, wurde ein Vollzeitjob, das Tauschgeschäft blühte: Zwei- bis dreimal pro Woche ging sie „über Land“, wie es hiess, nämlich von Gehöft zu Gehöft, um in langwierigen Verhandlungen, durchgeführt mit Geduld, Charme sowie Bitten und Flehen, zwei Eier, 500 Gramm Kartoffeln  oder etwas Mehl zu bekommen. Die Bauern liessen sich anflehen und schacherten mit dem Recht der Besitzenden:  Nägel, Werkzeuge, Porzellan und natürlich Schmuckstücke aller Arten wurden zu begehrten Zahlungsmitteln, und ja, es hat sie wirklich gegeben, die Bauern, die mehrere Perserteppiche aufeinandergetürmt hatten, manchmal sogar in Kuhställen. Aber der Mai 1945 rückte immer näher, und zu den ganz praktischen Problemen kamen jetzt noch ideologische hinzu. Meine Mutter hatte nie den Mund gehalten und im Berliner Luftschutzkeller bereits besorgte wie auch giftige Blicke auf sich gezogen, wenn sie Hitler-Witze erzählt und aus ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht hatte. Je näher das Kriegsende kam, desto mehr legte sie sich mit Gesinnungstreuen an, die noch an Geheimwaffen, Überraschungsangriffe und den Endsieg glaubten. Ich bin sicher, wir waren auf manch einer schwarzen bzw. braunen Liste verewigt.

Als die Amerikaner im Mai 1945 einmarschierten, stand meine Mutter, zusammen mit mir und anderen Dorfbewohnerinnen, in der Warteschlaufe vor einem Laden, der gerade irgendein Lebensmittel zum Verkauf anbot. Der Offizier auf dem ersten Wagen sprang ab und ging mit vorgehaltenem Maschinengewehr auf die Gruppe zu. „Na, wo ist er denn jetzt, Euer Führer?“ schrie er in gebrochenem Deutsch und blieb vor meiner Mutter stehen. Plötzlich waren die Frauen froh um die verhandlungsgewohnte Städterin, der es immerhin gelang, dem Amerikaner klar zu machen, dass es hier nur unbewaffnete Frauen gab (von denen eine sogar noch eine Regimegegnerin war), die keine Gefahr bedeuteten, und dass sowohl sein Sarkasmus als auch die Angst, die sich auf den Gesichtern der jungen Soldaten zeigte, unnötig waren. Niemand kam zu Schaden, und meine Mutter hatte plötzlich Heldinnenstatus erlangt.

Terror

Vielleicht hatte dieser Status auch etwas damit zu tun, dass sie, obwohl erst im vierten Monat, bereits ziemlich sichtbar schwanger war... Das hatte gerade noch gefehlt! Es ist jedoch anzunehmen, dass ihr Zustand sie vor Vergewaltigungen bewahrt hat, denn leider blieb es nicht bei der Befreiung durch die Amerikaner: Als Deutschland endgültig in vier Besatzungszonen aufgeteilt worden war, gehörte Thüringen zum Osten, und so übernahmen die Russen das Kommando. Im Vergleich mit ihnen war der maschinengewehrbewaffnete amerikanische Offizier geradezu liebenswürdig.

Als Sechsjährige wusste ich natürlich nicht, was eine Vergewaltigung war, aber die Schreie, die nachts durchs Dorf hallten, und die verstörten Frauen, die tagsüber mit einer Mischung aus Scham(!), Angst und Schmerzen in den Hauseingängen verschwanden, flössten mir grosse Angst ein. Dazu kamen Hunger, eine gesundheitlich angeschlagene Mutter, die eigentlich für zwei essen sollte, aber noch nicht einmal genug Nahrung für eine Person hatte, ein Zuzüger in Gestalt meines Vaters, der aus britischer Gefangenschaft entlassen worden war und sich jetzt vor den Russen in Acht nehmen musste, sowie die Angst, dass die sich für den nächsten Tag eine neue Schikane einfallen lassen könnten, nachdem sie bereits alle Häuser geplündert hatten. Ich wurde im Herbst, ein halbes Jahr zu spät, eingeschult und konnte mich mit dem Erlernen von Schreiben und Lesen ein wenig ablenken; meine Schwester liess sich Zeit, kam vierzehn Tage zu spät zur Welt, und meine Mutter wurde immer dünner.

Was für eine Freude, als die Besatzungsmächte eine Flurbereinigung vornahmen und als Sofortmassnahme dekretierten, dass innerhalb von ein paar Wochen alle Evakuierten in ihre Heimatorte zurückkehren konnten – mit einer Ausnahme: Berlin. Die Freude meiner Mutter über ein mögliches Ende unseres Flüchtlingsdaseins schlug in Trauer und Wut um, denn das hiess nun, dass wir nach Duisburg, dem Geburtsort meines Vaters, verfrachtet werden sollten. Immerhin: Dort wohnte eine seiner Schwestern mit Mann und drei Söhnen in einer sehr komfortablen 5-Zimmer-Wohnung, die nie mit Bomben in Berührung gekommen war. Eine Rückkehr zur Zivilsation zeichnete sich ab...

Am 9. Januar 1946 machten wir uns auf zu einem bestimmten Checkpoint an einem der offiziellen Übergänge zwischen der russischen und der britischen Besatzungszone. Vater, Mutter und die Sechsjährige, die ein paar Wochen später sieben Jahre alt sein würde, hatten in jeder Hand ein Bündel mit unseren noch verbleibenden Besitztümern, wobei meine Mutter mit ihrem nicht mehr vorhandenen Bauch noch den Kinderwagen, den sie irgendwo gebraucht ergattert hatte, schob. Der Trek setzte sich bei klirrender Kälte auf dem Schotterpflaster in Bewegung, und danach war jede(r) sich selbst der Nächste. Meine zwei Monate alte Schwester trug zum allgemeinen Wohlbefinden bei, indem sie ununterbrochen wimmerte oder schrie. Obwohl meine Mutter sie regelmässig stillte, hörte das Weinen nicht auf, und die Nerven lagen blank.

Ich weiss nicht mehr, wie viele Kilometer wir in dieser Formation zurückgelegt haben, ich weiss nur noch, dass wir um 16.15 Uhr am Bahnhof ankamen. Warum ich das jetzt so genau weiss? Nun, das Bahnhofsbüro hatte um 16.00 Uhr Dienstschluss, und in treu-nazideutscher Manier dachten die Bahnbeamten nicht im Traum daran, uns noch abzufertigen – sie schickten uns einfach zurück mit der Ermahnung, am nächsten Tag pünktlicher zu sein. Wo und wie wir die Nacht verbracht haben, weiss ich auch nicht mehr, aber ich sehe uns noch am nächsten Morgen in der Dunkelheit, beladen wie am Vortage, den Weg wieder unter die Füsse nehmen. Eine grosse Änderung jedoch gab es: Meine Schwester weinte nicht mehr. Wo immer wir untergekommen waren, hatte sich meine Mutter zuerst mal um das Baby gekümmert, und siehe da, das kluge kleine Mädchen hatte sich nur gewehrt: Der Kinderwagen war unter ihr vollbepackt mit Textilien gewesen; auf dem Schotter war der Wagen auf- und abgehopst, wodurch ihre Stirn immer wieder mit einem Metallstift des Verdecks in Berührung gekommen und eine Wunde verursacht hatte. Wer hätte da nicht gewimmert! Diesmal schafften wir es zur Zeit, die Formalitäten dauerten zwar lange, aber wir waren im buchstäblich letzten Zug, der die russische Besatzungszone offiziell verlassen durfte!

Elend

Helmstedt war unser offizielles Auffanglager,wo Hunderte von Menschen herumwuselten: Flüchtlinge, Helfer, Rotkreuzschwestern, Ärzte und DDT-Experten. Letztere waren voll beschäftigt mit unserer Entlausung – egal, ob wir Läuse hatten oder nicht. Als ich nach dieser Prozedur aus dem Zelt kam, meinte ich, meine Mutter neben dem Kinderwagen zu sehen, aber beim zweiten Hingucken war sie nicht mehr da. Ein dritter Blick zeigte mir, wo sie war: auf der Erde, zusammengesunken neben dem Kinderwagen. Im Spitalzelt kam man schnell zu einer Diagnose für die Wöchnerin, die noch 47 Kilogramm wog: „Hungerödem!“ rief der Arzt den Krankenschwestern zu. Meine Mutter bekam eine extra Ration Lebensmittel und wurde in den Zug nach Duisburg gebracht. Dort hatten die Forderungen des Alltags mit einem Säugling Vorrang: Irgendwie hatte sie einen Eimer mit Wasser organisiert, kaltem Wasser natürlich, und sah endlich eine Gelegenheit, die Windeln zu waschen, die sie auf einer längs durch den Waggon gespannten Leine aufhängte. In nur wenigen Minuten stank der ganze Wagen nach Salmiak, die Windeln waren natürlich nicht sauber, nur weniger schmutzig, aber die Tatsache, dass der Zug keine Fensterscheiben mehr aufwies, sondern nur mit dünner Pappe verkleidete Löcher, half uns und den anderen Schicksalsgenossen, mit dem Gestank fertigzuwerden. Zudem überwog das Glücksgefühl, freie Luft atmen zu können, keine russischen Soldaten mehr sehen und hören zu müssen und einer „sicheren“ Zukunft entgegenzusehen.

Machen wir’s kurz, obwohl es viele Jahre gedauert hat und eine Erfahrung gewesen ist, die man nie vergisst: Auch in Duisburg waren wir nur Geduldete.

Wir wurden in einem alten Luftschutzbunker einquartiert, wieder mal entlaust, mit einem alten Kopfkissen und einer Militärdecke ausgerüstet und zu einer doppelstöckigen Pritsche geführt. 70 Jahre später kann ich mir noch die einmalige Geruchsmischung aus Desinfektionsmitteln, Kernseife und den Gerüchen von Erwachsenen, die lange nicht mit Wasser in Berührung gekommen sind, in Erinnerung rufen. Die Familie meines Vaters wohnte in einer Überbauung gegenüber dem Bunker; sie übereilte nichts und liess sich einige Tage Zeit, bevor wir ihre Wohnung betreten durften. Dort bekamen wir ein Stück Kuchen, die Eltern einen dünnen Kaffee dazu und viele Ermahnungen, was wir zu tun oder zu lassen hätten, wobei unendliche Dankbarkeit den Verwandten gegenüber ganz oben auf der Liste stand. Das Baby schrie mal wieder, die Tante bekam Kopfschmerzen, und die ganze Familie bemühte sich, uns so schnell wie möglich wieder in den Bunker zu spedieren. Und damit war das für uns bestimmte Hilfekontingent auch bereits erschöpft.

Nach ca. zehn Tagen wurde uns eine Dienstbotenkammer in einem der Häuser der Überbauung zugewiesen; wenig später durften wir eine kleine, abgeschrägte Mansarde dazunehmen, und Jahre später kam noch eine dritte hinzu. Jahre später? Ja, wir haben aufgrund der Tatsache, dass mein Vater keine Arbeit fand (hauptsächlich, weil er keine suchte), bis 1955 in den drei Mansarden gelebt, ohne fliessendes Wasser, ohne Kochherd, ohne abschliessbare Wohnungstüre.

In den ersten Jahren ist meine Mutter vor Heimweh fast krank geworden. Das ging so weit, dass sie sich entschloss, zweimal über die so genannte „grüne Grenze“ zu gehen, wobei sie die Dienste von Schleppern in Anspruch nehmen musste. Aus was-immer-auch für Gründen bestand sie darauf, mich beim ersten Mal mitzunehmen, und ich werde nie den Anblick vergessen, wie sie auf dem grossen Trümmerhaufen, der einmal vier oder fünf Jahre zuvor unser mehrstöckiges Wohnhaus gewesen war, mit blossen Händen nach Gegenständen grub, die einmal uns gehört hatten, bis sie die Suche mit einem Tränenausbruch erfolglos abbrach. Ich heulte aus Solidarität kräftig mit, obwohl ich den grossen Verlust gar nicht ermessen konnte. Auf dem nächtlichen Grenzübertritt brachte ich übrigens die ganze Gesellschaft, ca. ein Dutzend Frauen und Männer, in Lebensgefahr, als ich im Dunkeln auf einen Frosch trat, der vor mir hochsprang, was ich mit einem kleinen Schrei quittierte. Der Schrei bewirkte Hundegebell und Rufe der Grenzwächter, die zum Glück wohl keine Lust hatten, nach illegalen Grenzgängern zu suchen...

1955 fand die Diskriminierung von Berlinern ein Ende: Wer wollte, konnte sich „rückevakuieren“ lassen, wie der schöne Ausdruck hiess. Meine Mutter wollte, ich auch, besonders da mein Vater nicht wollte und sich so eine längst überfällige Scheidung fast von alleine ergab. Nicht dass die Rückkehr nach Berlin eitel Wonne gewesen wäre – Sozialwohnungen sind es selten, aber nach zwölf Jahren entschädigte der Anblick einer Küche und eines Badezimmers für viele Entbehrungen. Doch selbst in Berlin gab es Leute, die mit uns nichts anfangen konnten – wir hatten ja schliesslich nicht das Kriegsende und die ersten Nachkriegsjahre, den grauenhaften Winter 1946/47 oder die ständige Bedrohung durch irgendeine Schikane der Russen dort erlebt, und hatten uns auch nicht diese miefig-trotzige Inselmentalität angeeignet. Irgendwie gehörten wir in den Augen der gebliebenen Berliner nicht richtig dazu...

Krieg. Terror. Elend. Man kann es sich kaum vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat, aber ebensowenig kann man es je vergessen. Mit der Entwurzelung lässt sich leben; man kann woanders neue Wurzeln entstehen lassen. Die Entwertung des früheren Lebens in den Augen der Gastnationen jedoch hinterlässt Narben und die Entwürdigung in einem Moment, wo man auf Hilfe und Zuwendung angewiesen ist, bleibt auf ewig im Gedächtnis. Es ist schön zu sehen, wie viele Europäer heute die Flüchtlingsproblematik anders sehen und wertvolle Erste Hilfe leisten.

Ich habe meinem Flüchtlingsdasein ein drastisches Ende gesetzt: 1962 bin ich alleine nach New York ausgewandert. Als ich am 5. September 1962 den Schiffssteg hinunterging, habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben frei und willkommen gefühlt.

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Von Heiner Hug, aktualisiert - 07.05.2020

Danke, dass Sie daran erinnern, dass es jeden treffen kann und dass möglich ist, dass man in einem einzigen Leben, auf "beiden Seiten" steht. Mein zweiter Mann war Kriegsflüchtling aus Bosnien. Er ist vor dem Trauma Soldat sein zu müssen, ohne es zu wollen geflüchtet. Ich habe erlebt, wie schwierig es ist solch schwere Traumas zu verarbeiten. Und wie wichtig es ist, statt nur über Flüchtlinge zu reden, sondern mit ihnen. - Auch wenn es viel Geduld braucht um erst man genug Vertrauen aufzubauen, so dass es überhaupt möglich ist. Es braucht viel Mut. Danke für den Ihren. Angelika

Ja, nie wieder Krieg!

Liebe Monique,
haben Sie vielen Dank für Ihre Ausführungen und für Ihr Engagement für Frauen.

Eine persönliche und eindrückliche Erfahrung.
Lesenswert.

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