Mal wieder Voodoo-Ökonomie

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Mal wieder Voodoo-Ökonomie

Von René Zeyer, 09.04.2014

Verzweifelte Kranke glauben auch an Wunderheiler. Bedenklich wird es, wenn es sich um Staatenlenker handelt.

Zunächst, endlich, die gute Nachricht: Griechenland beabsichtig, an die Kapitalmärkte zurückzukehren. Also Geld von privaten und institutionellen Anlegern aufzunehmen. Da lachen die Götter im Olymp, endlich geht es mit Hellas wieder aufwärts. Ist aber nur eine Geschichte wie von Homer erfunden.

Die Desaster-Zahlen

Wie der "Spiegel" gnadenlos auflistet, geht es Griechenland nicht nur schlecht, sondern immer schlechter. Das BIP, also die Wirtschaftsleistung, ist von rund 230 Milliarden Euro im Jahr 2009 auf 180 Milliarden im Jahr 2013 geschrumpft, ohne Aussicht auf Besserung. Die Arbeitslosigkeit ist und bleibt turmhoch, 27 Prozent, über 60 Prozent arbeitslose Jugendliche.

Die Staatsverschuldung ist in den letzten fünf Jahren von angeblich 112,9 Prozent auf 177,3 Prozent im Jahr 2013 hochgeschossen, das Haushaltsdefizit betrug 2013 minus 13,1 Prozent. Aber angeblich soll es 2013 einen Primärüberschuss gegeben haben, also mehr Staatseinnahmen als -ausgaben, wenn man Schuldzinsen und Tilgung nicht berücksichtigt. Das könnte aber auch ein weiterer Beweis für kreative griechische Buchhaltung sein. Denn in den ersten zwei Quartalen 2013 läpperte sich ein Defizit von 17,6 Milliarden Euro zusammen. Da müsste es im dritten und vierten Quartal bombastisch gelaufen sein, um das noch zu drehen. Das könnte man hinkriegen, wenn man einfach fällige Zahlungen auf 2014 verschiebt, alter Trick. Und die Griechen haben sich bekanntlich schon mit geschummelten Zahlen in den Euro getrickst.

Nichts ist unmöglich

Dennoch ist es denkbar, dass sich Geldgeber finden, wenn der griechische Pleitestaat eine neue Anleihe auflegt. Vor dem milliardenschweren Hilfspaket der EU 2012 war die Rendite auf unbezahlbare 40 Prozent hochgeschossen, aktuell liegt sie bei rund 6,5 Prozent. Wie ist dieses olympische Wunder möglich?

Ganz einfach: Indem die EU unter Bruch sämtlicher heiligen Versprechen («no bail-out») griechische Staatspapiere mit Milliardenrettungspaketen stützte, versah sie sie mit einer impliziten europäischen Staatsgarantie. Vor allem Zahlmeister Deutschland, aber auch Länder wie Spanien, Italien und Frankreich, die mit genug eigenen Problemen zu kämpfen haben, stehen für griechische Staatsschulden gerade. Da bedeutet, dass ein potenzieller Investor für faktisch null Zinsen eine deutsche Staatsanleihe kaufen könnte – oder für 6,5 Prozent eine von Deutschland mitgarantierte griechische. Muss man nicht zweimal drüber nachdenken, oder?

Aufhebung der Schwerkraft

Damit wurde aber ein fundamentales Gesetz des Schuldenmachens ausgehebelt. Das besagt, dass ein Geldgeber eine adäquate Risikoprämie namens Zins bekommt. Umso grösser die Gefahr, das geliehene Geld nicht zurückzukriegen, umso höher der Zins. Umso sicherer die Anlage, umso niedriger. Trivial, zentral, sozusagen das Gravitationsgesetz des Kapitalismus.

Wird das allerdings aufgehoben, indem Notenbanken Geld gratis machen und zudem sogar Staatsschuldpapiere zum Nennwert als Sicherheiten akzeptieren, ist die Schwerkraft aufgehoben, alles schwebt in der Luft. Ein wunderbarer Zustand der Leichtigkeit des Seins. Bis die Schwerkraft wieder eingeschaltet wird – und alles zusammenkracht. Aber wer will beim Schweben schon an die Landung denken. Die ist doch unvorhersehbar, und sollen wir uns davon die gute Laune verderben lassen?

Das Mentekel

Gehört nicht zur griechischen Mythologie, aber dennoch steht ein Menetekel an der Wand. Denn noch vor Zypern wurden private Gläubiger Griechenlands schon mal rasiert. Man erinnert sich daran, dass sie 2012 dazu gezwungen wurden, «freiwillig» rund 100 Milliarden Euro ans Bein zu streichen. Während die Guthaben der Europäischen Zentralbank davon unberührt blieben. Im normalen Geschäftsleben mehrfach hochkriminell, aber was kümmert das Staaten.

Nun schworen damals alle EU-Regierenden heilige Eide, zuvorderst die deutsche Bundeskanzlerin Merkel, dass es sich selbstverständlich um eine «einmalige» Aktion gehandelt habe, nie, aber nie wieder werde das geschehen, ganz grosses Ehrenwort.

Nachdem bereits sämtliche Versprechungen im Rahmen der Maastricht-Kriterien über Bord geworfen worden waren. Und bevor kurz danach das Gleiche mit Zypern nochmals durchexerziert wurde. Aber dennoch, Glaube macht selig, wird nie mehr geschehen.

Wer zahlt?

Es könnte nun, die Zukunft ist unvorhersehbar, unter Umständen so sein, dass nicht nochmal private Gläubiger bei Griechenland an die Kasse kommen. Aber wenn sich die Schwerkraft in Schuldendingen nicht auf ewig ausschalten lässt, dann muss doch am Schluss einer zahlen, wenn Griechenland, und nichts spricht dagegen, weiterhin nicht in der Lage ist, Schulden zu bedienen oder gar zurückzuzahlen. Wer bleibt? Richtig, der Steuerzahler, wer denn sonst.

Wer also etwas nach dem Prinzip «no risk, no fun» investiert, kann wohlgemut neue griechische Schuldpapiere zeichnen. Und darauf hoffen, dass er nicht nochmal rasiert wird und im Fall der Fälle der Eurosteuerzahler an die Kasse kommt.

Ausser, und darin besteht wohl die Hoffnung der aktuell Regierenden, die Schwerkraft fordert erst längst nach ihrem Abtritt Tribut. Und überhaupt: Passiert das, hat die Eurozone ganz andere Probleme als die Tatsache, dass Griechenland pleite war, ist und sein wird.

Kommentare

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Die EU ist und bleibt ein Auslaufmodell das sich selbst aufhängt!

Stimmt, aber die EU ist über Negativzins und Geldschwemme in der Lage, den Untergang noch Jahre herauszuzögern und dadurch alles zu verschlimmern. Herauszögern hat noch selten Probleme gelöst. Wenn noch Zins und Zinseszins involviert sind kostet die Verzögerung täglich mehr - siehe Tabelle im Kommentar unten.

Die EU könnte jedoch bald Bonds einführen, die Merkel stets verweigerte nun aber neuerdings nachgibt, wodurch der Zins über die ganze EU gleich verlaufen würde. Somit würden die stärkeren Länder die schwächeren finanzieren, ähnlich wie in der Schweiz. Dies funktioniert nur so lange, bis die reicheren die Schnauze voll haben, von ihrer Arbeitsleistung nichts zu sehen, während das Geld in den Empfängerländer in dubiosen Quellen versandet.
Wenn ich aber sehe wer wieder in Griechenland mitmischt, kommt mir das grosse Kotzen. Die Goldmann Sachs, die gegen die EU wettete und durch Betrug in Griechenland die ganze EU aufmischte, die sind wieder mit im Boot. Das kommt bestimmt nicht gut.
Möglicherweise wird sich die EU durch die nächsten Wahlen etwas verändern. Es gibt einige linke oder rechte Parteien, die vermutlich neu in Brüssel mitmischen dürfen. Ich habe die leise Hoffnung, die können positive Impulse einbringen.
Enttäuschend fand ich die beiden neuen EU Präsidenten, Juncker und Schulz die sich durch nichts unterscheiden. Die beiden sind sosehr auf gleicher Wellenlänge, dass es schon sehr verdächtig ist.

Danke für Ihre Analyse Herr Zeyer.

Ich erlaube mir, ihre Analyse mit anderen Zahlen zu untermauern:
Griechische Staatsverschuldung = 177 Milliarden. Zins 6 Prozent (Letzte gelesene Zahl, da keine neuen Daten gefunden).
Berechnung der Schuld mit Zins und Zinseszins, sofern die Schuld nicht abbezahlt wird:
Schuld Jahr 2014: 177 Milliarden
Schuld Jahr 2015: 187 Milliarden (jeweils abgerundet)
Schuld Jahr 2016: 198 Milliarden (2 Jahre)
Schuld Jahr 2019: 236 Milliarden (5 Jahre)
Schuld Jahr 2021: 266 Milliarden (7 Jahre)
Schuld Jahr 2024: 316 Milliarden (10 Jahre)
Schuld Jahr 2044: 567 Milliarden (20 Jahre)
Schuld Jahr 2064: 3'260 Milliarden (50 Jahre)
Schuld Jahr 2113: 56'657 Milliarden (99 Jahre)

Verdoppelung der Schuld nach 12 Jahren. Nach 48 Jahren ist der geschuldete Zins so hoch wie der anfängliche Kredit, sollte der Zins über die gesamte Zeit gleich bleiben. Man beachte die logarithmische Kurve in der Tabelle und die Zahl, die nach 99 Jahren herauskommt.

Insofern kann man davon ausgehen, dass Griechenland die nächsten 5 Jahre 15 Milliarden neu aufnehmen muss, nach 10 Jahren sind es etwa 20 Milliarden, alleine um den Zins & Zinseszins zu bezahlen.

Fazit:
Griechenland braucht sofort einen totalen Schuldenschnitt, eine andere Verzinsung (unter 2 Prozent), eine komplett neue Wirtschaft, gute Steuerzahler usw. um je wieder aus der Schuldenfalle herauszukommen. Jeder der sagt, dass es Griechenland nun besser geht, der lügt wie gedruckt. Ein Haircut (Enteignung der Bankkunden) ist aller Voraussicht sehr bald zu erwarten. Einzige hoffnung für Griechenland wären die vermuteten Öl und Gasvorkommen im Mittelmeer.

Bei der gesamten EU, die 2011 total 10 Billionen Schulden hatte (durchschnittlicher Zins 3.54) sieht es 2014 so aus: 11 Billionen (geschuldeter Zins 392 Milliarden).
Bei gleichem Zins ist die Schuld 19 Billionen in 20 Jahren, in 50 Jahren sind es 54 Billionen.
In den nächsten zehn Jahren muss die ganze EU einen Zins von 4.5 Billionen stemmen.

Ich kann mir nicht Vorstellen, dass die EU jedes Jahr mehr als 397 Milliarden nur für den Zins aufbringen kann. Also braucht die EU sehr schnell eine Währungsreform (Haircut, Schuldenschnitt usw.), wenn sie weiter überleben will.

Bei der USA sieht es ähnlich aus: 17 Billionen zu 2 Prozent Zins:
In 10 Jahren sind die Schulden bei 20 Billionen bei einem Zins bei 414 Milliarden. In 20 Jahren ist die Schuld bei 25 Billionen und einem Zins von 505 Milliarden.
Die USA muss in den nächsten 10 Jahren einen Zins von 4.137 Billionen aufbringen.

Zum Vergleich mit der Schweiz, die musste 2010 auf 208 Milliarden Staatsverschuldung 3 Milliarden Zinsen bezahlen, was einem Zins von ca. 1.44 Prozent entspricht. Auch die Schweiz könnte Probleme kriegen, wenn die Ratingagenturen die Schweiz abwerten. Dann sind die über 200 Milliarden Staatschulden plötzlich eine Last, die man nur noch schwer runterkriegt.
Die Lösung ist, dass einfach das Geldsystem ändert.

Und ich danke für die Ihrige, richtig und beeindruckend.

Danke, Excel ermöglicht solche Spielereien. Immer wenn ich neue Zinszahlen lese, rechne ich schnell die Staatsverschuldung für die nächsten Jahre hoch.

Sorry, habe oben ein wichtiges Wort vergessen:
[...] Insofern kann man davon ausgehen, dass Griechenland die nächsten 5 Jahre 15 Milliarden neu aufnehmen muss, nach 10 Jahren sind es etwa 20 Milliarden, alleine um den Zins & Zinseszins zu bezahlen. [...]

Müsste heissen: ...die nächsten 5 Jahre PRO Jahr 15 Milliarden .... nach zehn Jahren PRO Jahr 20 Milliarden...

Ich vermute, man wollte mit der Falschmeldung in den Medien die Investoren nach Griechenland locken um sie auszunehmen. Anders kann ich die fälschlich positiven Meldungen nicht interpretieren.

Irgendwann schaffen es auch die Deutschen nicht mehr, diesen EU Irrsinn zu finanzieren. Man darf nicht vergessen, dass die jetzt auch noch die Ukraine am Hals haben, die ist fast gleich gross wie Deutschland. Wären da nicht noch Spanien, Portugal, Italien, Frankreich, Zypern und Griechenland die nicht vom Fleck kommen - der Grund siehe Berechnung oben - irgendwann kommt man mit Niedrigzins und Gelddrucken auch nicht weiter. Es wäre besser das Grundproblem der Zins zu lösen und nicht die Länder noch tiefer in den Abgrund zu ziehen.

Wenn die EU dieses Jahr eine Währungsreform auslöst (vermutlich in den Sommerferien, wie damals bei Zypern), wird Deutschland innert knapp 100 Jahren das vierte Mal komplett mit null beginnen müssen. (1.WK, 2.WK, Übernahme DDR, Finanzierung EU Pleitestaaten)
Es ist unglaublich wie Deutschland immer wieder aufsteht und sich aufrappelt. Ich hoffe aufrichtig, dass die Deutschen irgendwann eine Regierung kriegen, die nicht diese grossartigen wirtschaftlichen Erfolge ihrer Landsleute so leichtfertig verspielen, wie es in den letzten 100 Jahren der Fall war.

Happening? Könnte ja sein, man weiss heute nie? Bald singen wir Frankreich, Frankreich… von Bläck Fööss. Auch das ist möglich. Dazu hat man die Ukraine kostengünstig reingeholt, auch gut! Ungarn versucht sich neustens zu „Albanisieren“, macht exclusiv Verträge mit China…..Geil.. „Exorbitant- Partie“ Höhepunkt: man fährt den Karren an die Wand. Wir geben Gas, wir geben Gas, wir wollen Spass, wir wollen Spass…..cathari

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