Klimakrise und Islamismus

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Klimakrise und Islamismus

Von Arnold Hottinger, 17.12.2015

Zwei spät erkannte Fehlentwicklungen

Die Klima Problematik und die Krise der gegenwärtigen Islamischen Welt haben eine Gemeinsamkeit, nämlich den Umstand, dass beide erst deutlich genug hervortreten, um als existenzielle Krisen erkannt zu werden, wenn es spät oder zu spät geworden ist, etwas wirksames gegen sie zu unternehmen. Dies gilt vom Weltklima und von den Ländern islamisch geprägter Kultur, weil in beiden Fällen der Wandel zu krisenhaften Zuständen über lange Fristen hin zustande gekommen ist. Er vollzog sich unmerklich für die Beteiligten über Jahrhunderte hin.

Überlegene Kriegstechnik

Seitdem James Watt 1765 die Dampfmaschine erfunden hat und seitdem der Marquis de Bonneval die Artillerie des Osmanischen Reiches nach europäischem Muster "modernisierte", womit er 1729 begann, sind Generationen verflossen. Die Zeitgenossen und viele der folgenden Generationen konnten nicht wissen, wohin diese Neuerungen führen würden. Im Rückblick,  gute zwei einhalb Jahrhunderte später, lässt sich erkennen, dass beide Errungenschaften mit ihren Konsequenzen beide Gesellschaften, in denen sie zustande gekommen waren, in Krisen führten.

Im Falle der Dampfmaschine kam es zur industriellen Revolution und letztlich zur Bedrohung des Weltklimasystems; im Falle der osmanischen Armeereform zum Eindringen materiell und technologisch überlegener Kriegstechnik, gefolgt von  unvermeidbar gewordenen weiteren Einführungen immer mehr der westlichen "Errungenschaften", die schliesslich die islamischen Kulturen als in sich geschlossene Lebensformen aufreissen und zerreissen sollten. Die Krise sollte sich erst im 21. Jahrhundert einstellen, genauer gesagt: sie wurde erst dann als Krisis bewusst.

Latente Gefahren werden akut

Energieabhängigkeit weltweit ausgebreitet, bedroht nun das Weltklima. Verwestlichung, der islamischen Welt durch die Macht des Westens schrittweise aber unentrinnbar aufgezwungen, droht, wie erst seit 2011 allgemein  sichtbar geworden, die Implosion der islamischen Staatenwelt herbeizuführen. Die Betroffenen in beiden Fällen merkten erst, was ihnen bevorstand, als es wahrscheinlich schon zu spät war, um Gegenmassnahmen zu treffen

Fortschritt über Fortschritt bis in die Krise

In beiden Fällen kam die Erkenntnis spät, oder zu spät, aus vergleichbaren Gründen. Die Neuerungen zogen sich über einen Zeithorizont hin, der mehrere Generationen umfasste. Die Veränderungen, die sie brachten, wurden von einer Generation nach der anderen als "Fortschritte" wahrgenommen und gewertet. Ihre Spätfolgen blieben unerkannt, weil die Gesamtentwicklung den Lebenshorizont einer jeden Generation überstieg, so dass "die Fortschritte" von einer jeden bloss in Teilen gesehen wurden - bis es spät oder zu spät geworden war und die Krise als solche sich meldete.

Unterschiede bestehen natürlich auch. Die Umweltkrise ist eine Sache der Naturwissenschaften und daher sicherer auszumachen als die Krise in der islamischen Welt, bei der es sich um eine Kulturkrise handelt. Über die Beschaffenheit der Kulturkrise, eine Sache der Soziologen, Anthropologen, Philosophen, Theologen, Historiker und Politwissenschafter, herrscht noch grössere Ungewissheit und noch emotionaleres Rätselraten als im Falle naturwissenschaftlichen der Klimadiskussion. Weder die Diktatoren und Armeeregime noch die stetig absinkenden kulturellen Eigenleistungen in der Welt des Islams wurden als Indikatoren einer Kulturzerstörung durch das Eindringen übermannender Fremdelemente  wahrgenommen. Es brauchte die Volksaufstände und die Ausbreitung einer politischen Perversion des Islams (die "Islamismus" getauft wurde) begleitet von Implosion der bisher bestehenden Staatengebilde, um die Krise als eine Kulturkrise erkenntlich zu machen.

Spät oder zu spät für Abhilfe

Doch gemeinsam ist wiederum: wo die Krise erkannt wird, herrscht Ratlosigkeit, die man vor sich selbst und vor anderen gerne dadurch versteckt, dass man vorgibt, Lösungen stünden bevor, und Lösungskonzepte seien entwickelt. Während man gleichzeitig auf den bisherigen Gleisen weiterfährt, sogar in immer beschleunigtem Tempo, "weil doch Not am Mann ist". Obwohl man eigentlich weiss, oder mindestens zu wissen beginnt, dass gerade diese Geleise  in die Krisen geführt haben. Konkret: noch mehr CO 2 in die Luft und noch mehr Drohnen und Bomber über den zusammengebrochenen Staaten der islamischen Welt. Man muss das ja machen, denn man hat ja nichts anderes !

Unerkannte Geschichtsentwicklung

Während der Weg von der Dampfmaschine bis zur Klimaveränderung den meisten Europäern und sogar einer Mehrheit der Amerikaner in den grossen Umrissen bekannt sein dürfte, ist es bei der Entwicklung von den ersten Schritten der Armeereform, nach europäischem Vorbild im Osmanischen Reich, bis zum Zusammenbruch bedeutender Teile der islamischen Welt nicht der Fall. Begreiflicherweise, weil es sich um eine Entwicklung handelt, die nicht innerhalb der eigenen Gesellschaft sondern ausserhalb von ihr in einer fremden Nachbarkultur abläuft. Europa und später Amerika haben allerdings entscheidend zu dieser Entwicklung beigetragen, denn ihre Kultur war jene des Aussenseiters, der mit Gewalt in die islamische Nachbarkultur eindrang und sie schlussendlich untergrub.

Der Vorgang wurde von der europäischen Seite als "Fortschritt gewertet, und es gab wachsende Ober- und Mittelschichten in der islamischen Welt selbst, welche diese Sicht übernahmen. "La mission civilisatrice de la France" und vergleichbare Ansprüche wurden als Fakten gesehen und erst in Spätphasen hinterfragt. In Wirklichkeit handelte es sich bei der "islamischen Welt" um ein kulturelles Netzwerk, innerhalb dessen die Völker des Nahen Ostens und Vorderasiens lebten. Es wurde durch das jenen Weltteilen aufgezwungene Fremdgut aus Europa und später auch aus Amerika unterwandert, modifiziert und schliesslich in einigen besonders betroffenen Bereichen völlig zersetzt, dermassen dass das Zusammenleben in grösseren Gesellschaftsverbänden, Stämmen, Reichen, und später in sogenannten Nationalstaaten nach europäischem Muster, in einigen Ländern zusammenbrach und in anderen zusammenzubrechen drohte. Ein Vorgang, der  - wie wir erst dieses Jahr wirklich erkannten – auch schwer zu bewältigende Folgen im europäischen Nachbarbereich zeitigt, weil er zu Massenmigrationen aus den betroffenen Ländern führt.

Die "Europäisierung" des islamischen Raums

Man muss diese Vorgänge im Zusammenhang der Geschichte der islamischen Kulturen nachzeichnen, um sie deutlich werden zu lassen. Sie beginnen stets mit dem Umbau der einheimischen Armeen. Dieser ist immer erzwungen durch die militärische Übermacht der europäischen "Mächte", wie sie damals genannt wurden. Die eigenen Armeen umzubauen nach europäischem Vorbild war der einzige Weg, der den betroffenen Staaten eine Chance gewährte, den mit Gewalt eindringenden Fremden zu widerstehen. Doch die militärische "Reform" zog notwendigerweise weitere Umbildungen der bestehenden Institutionen und sogar Mentalitäten nach sich. Polizei, Bureaukratie, Banken, internationale Geschäfte, staatliche Schulen, und Hochschulen, Verkehrsmittel zur See und zu Land, Bau neuer Städte nach europäischer Architektur, Parteien und Parlamente nach europäischem Muster, Industrialisierung, Spitäler und westliche Medizin und Hygiene mit ausgeprägten demographischen Folgen, die einen gewaltigen schwer zu bewältigenden Bevölkerungszuwachs hervorriefen, Kleiderreform, Kommunikationsmittel von Zeitung zu Telegraph bis zum Internet, usw. -  solange Fortschritt, immer nach Vorbild und Vorgabe der Fremden, bis sich Identitätsprobleme einstellten.

Die Identitätskrise

 Die Grundfrage, wer bin ich eigentlich noch? wurde unterschiedlich gelöst. Relativ dünne Ober- und Mittelschichten vollzogen eine Annäherung zuerst an die herrschenden Kolonialmächte. Später wirkten sie mit an der Globalisierung unter amerikanischer Aegide während des Kalten Kriegs und nach ihm.  Diese weitgehend fremdorientierten und oftmals fremd ausgebideten Oberschichten konnten beinahe Weltbürger werden mit einer Restfärbung ihrer islamisch geprägten Heimatkultur. Viele von ihnen wurden wohlhabend im Geschäft mit der Aussenwelt und im Landesinneren durch die Mittel und Methoden, die sie aus der Aussenwelt einführten. Doch gewaltige Unterschichten verblieben notgedrungen in der angestammten Tradition und verarmten in ihr und mit ihr, so sehr, dass sie ihre Menschenwürde als verletzt und geschädigt empfanden. Wer waren sie  noch? - Niemand mehr! So empfanden sie es selbst, als ihnen die Arbeit zu fehlen begann, und mit ihr die Möglichkeit, eine Ehe zu schliessen. Sie sahen sich bedroht, in den eigenen Gesellschaften unsichtbar, weil unbrauchbar, übersehbar und gänzlich gewichtlos, zu werden, obwohl sie zahlenmässig die grosse Mehrheit bildeten. Der kulturelle Kitt, der die nahöstlichen Gesellschaften zusammengehalten hatte, gab nach. Es gab ihn nicht mehr in genügendem Masse.

Diese Lage schuf die entscheidende Voraussetzung für eine neue Ideologie, die sich auf den Islam berief, aber diesen dermassen entstellte, dass er primär als neue Identitätsgrundlage angeboten werden konnte, nicht mehr wie bisher als Gottesdienst. Das Angebot hatte Erfolg, weil Identität gefragt war. "Du bist Muslim" wurde den desorientierten Suchenden nahe gelegt. "Und was genau ein Muslim ist, erklären wir dir." Die Erklärung beinhaltete in erster Linie eine Abgrenzung gegen "alle Anderen", besonders die "Ungläubigen", die auch, höchst anachronistisch, als "Kreuzfahrer" angesprochen wurden. Dies erschien den Betroffenen glaubwürdig, weil sie empfanden und wussten, dass ihre Desorientierung letzlich daher kam, dass fremde Personen und Interessen ihre Umwelt prägten und bestimmten, so sehr und so lange bis darin kein Raum und kein Durchblick mehr für die betroffenen Mehrheiten blieb.  Die islamistische Ideologie verhiess demgegenüber eine eigene, heile Welt, welche die Desorientierten und Heimatlosen unter Anleitung durch die islamistischen Ideologen sich selbst zu errichten vermöchten. Die Heilsverheissung knüpfte dabei an die mythologisierten Vorstellungen an, die von dem grossen islamischen Reich der Kalifen bestanden.

Ideologie wird Machtinstrument

Die Ideologen, die diese Vorstellungen erfolgreich verbreiteten, taten dies - wie oftmals Ideologen - ausgehend von idealistischen Vorstellungen, jedoch einmündend in  reelle Vorteile und Machtpositionen für ihre eigene Person und Stellung. Ohne die über Jahrhunderte fortschreitende und nun an ihren Endpunkt gelangte Unterwanderung der Regionen islamisch geprägter Kulturen durch ihre westlichen Nachbarmächte hätte die neue Idelogie, man kann sie auch als ein neues, jedoch pervertiertes Islamverständnis beschreiben, nicht den Nährboden gefunden, auf dem sie sich gegenwärtig wuchernd ausbreitet. Die Träger der neuen Ideologie sehen sich und ihre Bewegung natürlich als einen historischen Neubeginn, der für die Zukunft reiche Früchte verspreche.

Aber die Wahrscheinlichkeit, dass dies eine Täuschung sein wird, ist gross. Dies liegt am inneren Widerspruch zwischen den angestrebten Zielen und den Mitteln die eingesetzt werden, um sie zu erreichen.  Ziel wäre, wenn man das Leitbild vom Kalifat ernst nehmen will, eine "islamische" Gesellschaft, die in der heutigen Zeit jenen klassischen Vorbildern nachlebte. Doch die Mittel sind jene der Globalisierung: Sprengstoff, moderne Waffen, importierte Technologie, einschliesslich der weltweit wirkenden Internetpropaganda, plus Machttechnik der mit den Ideologen von IS verbündeten Geheimdienstfachleute Saddam Husseins, die sich auf Herrschaft durch Angstverbreitung spezialisieren. Dass daraus ein Kalifat entstünde, das sich irgendwie mit jenem Harun ar-Rashids vergleichen liesse, ist undenkbar.

Wachsender Nährboden

Doch dass die islamistische Ideologie weiterhin Macht zu gewinnen vermöchte, ist nicht unwahrscheinlich. Im Gegenteil scheint es gewiss, solange ihre westlichen Gegenspieler versuchen, mit Bomben eine Ideologie auszulöschen.

Der oben angesprochene Nährboden der Ideologie ist heute weit ausbereitet und droht sich noch weiter auszudehnen, weil der Identitätsverlust durch "Verwestlichung" oder Globalisierung aller Erwartung nach noch weiter zunehmen wird. Noch gibt es gewaltige Massen von Muslimen, die in ihrer eigenen, wenngleich verarmenden Tradition fortleben, ohne mit ihr soweit zu brechen, dass sie ihren Islam in Islamismus, das heisst in eine politische Ideologie in islamischer Kleidung, ummünzen. Doch die Globalisierung schreitet fort und fährt fort, immer weitere traditionelle Unterschichten zu entwurzeln und damit den Indentitätsverlust auszubreiten.

Bestandteil des westlichen Wohlstandes

Die heute fortschreitende Islam-Pervertierung erscheint als verderblich aber unstoppbar in ähnlicher Art wie die Umweltverschmutzung. Wir Europäer und Amerikaner sind so daran gewöhnt und so sehr darauf angewiesen, unsere Macht und unsere "fortgeschrittenen" Lebensformen Nachbarkulturen überzustülpen, um diese Nachbarkulturen unseren Belangen und Interessen dienstbar zu machen, dass wir damit nicht aufhören können, ohne unsere gegenwärtigen Lebensformen und Wohlstandsgrundlagen in Frage zustellen -  ebenso wenig wie wir auf  die Ausbeutung klimaverändernder Naturschätze zu verzichten vermögen. Durchblick vor Rettungsmassnahmen

Im Falle der Klimakatastrophe sind wir heute soweit, dass wir uns mindestens theoretisch darüber fragen, was geschehen müsste,  um das schlimmste zu vermeiden. Doch im Falle der Globalisierung stellen wir uns die Fragen nach den Ursachen der sich abzeichnenden Krise nicht mit der nötigen Klarheit, die uns erlauben würde, wenigsten in der Theorie die bestehenden Zusammenhänge zu erkennen. Dies wäre Vorbedingung dazu, Lösungsansätze zu suchen, die nicht bloss – wie gegenwärtig - aus Gewaltmassnahmen bestehen, welche letzten Ende die Lage verschlimmern.

Kommentare

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Wie immer ein sehr schöner, präziser und lesenswerter Beitrag. Ich wünschte mir mehr solcher Beiträge auch in auflagestarken Zeitungen. Insofern - Danke, Herr Hottinger.

Nach der Lektüre dieses Artikels habe ich erstmals das Gefühl, alles einordnen zu können. Ein Schlüsselgedanke ist, dass "die Gesamtentwicklung den Lebenshorizont einer jeden Generation übersteigt". Herzlichen Dank, Herr Hottinger, für diese fundierte und übergreifende Horizonterweiterung!

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