Kinder brauchen Väter

Regula Maag's picture

Kinder brauchen Väter

Von Regula Maag, 12.11.2016

Die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung des Kindes ist lange unterschätzt worden. Neben der Mutter hat aber auch der Vater eine prägende Bedeutung.

Lange Zeit galt die Mutter als erste und wichtigste Bezugsperson für das Kind. Das wird sie auch bleiben. Aber heutige Väter wollen sich intensiver als früher um ihre Kinder kümmern und sich nicht mehr nur oder fast ausschliesslich in der Rolle des Ernährers verstehen. Auch sie wollen wickeln, trösten und sich mit dem Kind beschäftigen. Aus psychologischer Perspektive ist diese aktiv gelebte Väterlichkeit essentiell für eine gesunde Entwicklung des Kindes.

Starke emotionale Bindung

Ein Neugeborenes ist der Welt hilflos ausgeliefert. Es kann sich weder ernähren, seinen Durst stillen noch sich vor äusseren Gefahren schützen. Für die Befriedigung seiner Bedürfnisse ist es auf erwachsene Bezugspersonen angewiesen, die seine Signale aufnehmen und umsichtig und prompt darauf reagieren können. Zu diesen Bezugspersonen, meistens der Mutter, entwickelt das Kind im Laufe seines ersten Lebensjahres eine starke emotionale Bindung, welche das Fundament für die Bildung psychischer Sicherheit darstellt.

Psychische Sicherheit manifestiert sich in der Fähigkeit zum Nähesuchen und zum angstfreien Erkunden der Umwelt. Zu diesem psychischen Fundament ihres Kindes leisten Väter und Mütter unterschiedliche Beiträge, die sich im Zusammenspiel zu einem gemeinsamen Effekt verstärken. Es braucht für die gesunde Entwicklung des Kindes beide Elternteile, die sich mit ihren je eigenen Vorlieben und spezifischen Verhaltenseigenschaften von Geburt an aktiv in die Betreuung einbringen.

Bindung: Grundlage psychischer Sicherheit

Lange Zeit wurde in der Entwicklungspsychologie die Bedeutung der Mutter für das Kind betont und die Entstehung einer sicheren Bindung in erster Linie vom mütterlichen Verhalten abhängig gemacht. Wissenschaftliche Forschung untersuchte die Bindung des Kleinkindes an die Mutter und stellte fest, dass Verfügbarkeit und Verlässlichkeit der Mutter eine wichtige Voraussetzung für psychische Sicherheit des Kindes darstellen, die sich auf die spätere Lebensgestaltung positiv auswirkt.

Bindungssicherheit entsteht, wenn die bemutternde Person ihr Verhalten mehr oder weniger gut auf die Bedürfnisse, den Rhythmus und die Eigenart des Säuglings abstimmt. Vielen Müttern gelingt es intuitiv, sich im intensiven Wechselspiel mit dem Neugeborenen auf seine Individualität einzustimmen und feinfühlig auf seine Bedürfnisse einzugehen. Sie behalten das Befinden des Kindes „im Blick“, interpretieren die Äusserungen des Säuglings aus seiner Sicht und reagieren prompt und angemessen darauf.

Bindungsbereitschaft

Frischgebackene Mütter verfügen über ein Verhaltensrepertoire, das ihre Bindungsbereitschaft ausmacht und mit Aussagen wie „Du bist mein Alles“ oder „ich will dir alles geben“ umschrieben werden könnte. Von Natur aus ist auch das Neugeborene mit Verhaltenseigenschaften ausgestattet, die bei Erwachsenen Bindungsbereitschaft auslösen. Dazu gehören Fähigkeiten wie die Stimme der Mutter zu lokalisieren, den wachen Blick bevorzugt auf das menschliche Gesicht zu richten und natürlich auch das Schreien. Indem die Mutter auf solche Bindungssignale eingeht, kann der Säugling einen Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und der mütterlichen Handlung herstellen und fühlt sich aufgehoben.

Sicher gebundene Kleinkinder können sich der Umgebung zuwenden und diese explorieren, das heisst die Umwelt erkunden und sich entwickeln. Bei Belastungen, Gefahren oder Kummer suchen sie bei der Bindungsperson Zuflucht, nutzen diese gleichsam als Sicherheitsbasis, indem sie sich trösten und beruhigen lassen. Sie entwickeln Selbstvertrauen, das auf Vertrauen in andere basiert, können Lösungen für emotional belastende Situationen finden, sich bei Bedarf Hilfe erbitten und diese annehmen. Unsicher gebundene Kinder hingegen entwickeln eher ein aggressives Verhalten, haben später Mühe, vertrauensvolle Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten, können Frustrationen weniger gut ertragen und sich weniger gut auf eine Tätigkeit konzentrieren, was insbesondere das schulische Fortkommen erschwert.

Veränderte Vaterrolle

Väter galten bis in die letzte Generation hinein als lediglich indirekt oder tendenziell zweitrangig von Bedeutung für das Entstehen einer sicheren Bindung. Die emotionale Versorgung, die körperliche Betreuung oblag in erster Linie der Mutter, und dies umso mehr, wenn sie den Säugling stillte. Vor allem in der Säuglingszeit war die Rolle des Vaters mehr oder weniger auf diejenige eines liebevollen Partners und fürsorglichen Unterstützers der Mutter festgelegt, damit diese ihre Betreuungsaufgabe für das Neugeborene besser wahrnehmen könne.

Sein aktives Engagement trat erst später in den Vordergrund, wenn das Kleinkind zu reden und zu laufen begann und zu Ballspielen oder Versteckspielen fähig war. Von seiner Rolle als bedeutungsvolle Bindungsperson ab den ersten Lebenstagen war in der Wissenschaft und auch im öffentlichen Bewusstsein kaum die Rede. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt auch der feministische Diskurs, welcher der Frau qua Gebärerin von Anbeginn an die wichtigere Position für das Aufwachsen des Kleinkindes zuordnete. Aber auch das traditionelle Familienmodell, das dem Vater in erster Linie die Aufgabe des finanziellen Rückhalts der Familie, der Mutter hingegen Fürsorge und Betreuung des Kindes zuschreibt, galt bis in die 70er Jahre mehr oder weniger als unhinterfragtes Ideal.

Tradionelles Vaterbild

Heutige Väter äussern den Wunsch, sich mit dem Kind mehr beschäftigen zu können, sie wollen ihre Vaterschaft aktiv leben und sich nicht mit einer erzieherischen Randposition zufrieden geben, wie dies in vielen Fällen bei ihren eigenen Vätern der Fall war. Sie wünschen sich vor allem auch emotionale Nähe zu den Kindern und wollen deren Entwicklung mitgestalten, gleichzeitig möchten sie ihre berufliche Karriere verfolgen. Wie befriedigend sie diese beiden Anliegen vereinen können, ist eine andere Frage.

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind heutzutage noch wenig väterfreundlich ausgestaltet. Ein Vaterschaftsurlaub, wie es eine lancierte Volksinitiative fordert, wäre ein Schritt in eine von vielen Vätern gewünschte Richtung. Denn es ist eine banale Feststellung, dass die Beziehung zwischen Vater und Kind sich nur entwickeln kann, wenn die hierfür nötige Zeit zur Verfügung steht. Aktive gelebte Vaterschaft, und zwar ab Geburt des Kindes, ist daher auch eine gesellschaftspolitische Forderung.

In der öffentlichen Diskussion wird erst nach und nach anerkannt, dass ein Vater ab Geburt des Kindes ebenso wichtig ist wie die Mutter. Entsprechend verbinden manche Väter immer noch ihr Vatersein eher mit einem Kind im Vorschulalter oder Schulalter als mit einem Säugling. Sie fühlen sich unsicher, wenn sie das Neugeborene in den Arm nehmen, halten sich für unbeholfen beim Wickeln und Baden oder im Vergleich zur Partnerin für weniger kompetent, wenn es darum geht, ein unruhiges Schreikind zum Einschlafen zu bringen. Sie glauben, Frauen hätten von Natur aus mehr emotionale Fähigkeiten und einfühlsamere Verhaltensweisen im Umgang mit dem Kleinkind und es gelte daher, sie nachzuahmen und an Emotionalität zuzulegen.

Spielfeinfühligkeit – die Stärke von Vätern

Die psychologische Forschung hat sich noch nicht lange der Frage angenommen, welchen spezifischen Beitrag Väter für die Entwicklung der Kinder leisten. Es gilt heute als unbestritten, dass die Väter von Anbeginn an eine ebenso wichtige Bindungsperson für das Kind darstellen, auch wenn sie ihre Elternrolle anders als Mütter leben. Sie haben das Kind nicht ausgetragen und können es nicht stillen, dennoch ist ihr Beitrag zu seiner gesunden Entwicklung vom ersten Tag an bedeutsam. Sie gehen anders mit dem Säugling um und ermöglichen ihm andere Erfahrungen, meist eher im spielerischen Zusammensein als im Rahmen von rein pflegerischen Aktivitäten

Väter lieben es, mit dem Säugling zu scherzen und zu spielen, indem sie das Wickeln in ein lustiges Spiel umwandeln oder mit Imitieren, Grimasseschneiden oder anderen Stimulationen seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wenn das Kind älter ist, unternehmen Väter mit ihrem Kind mehr und spielen verstärkt mit ihm. Sie bevorzugen motorische Aktivitäten wie Laufen, Springen, Fussballspielen, Ballwerfen, Schaukeln, Fahrradfahren, Schwimmen und anderes mehr. Sie regen das Kind zu Erkundungen an, ermutigen und unterstützen es dabei und trauen ihm zu, auch risikoreichere Varianten beim Bewältigen von Herausforderungen auszuprobieren.

Während sich die „Feinfühligkeit“ der Mutter positiv auf die Bindungsentwicklung des Kindes auswirkt, trägt der Vater mit der „Spielfeinfühligkeit“ zu einer gesunden psychischen Entwicklung des Kindes bei. Mutter und Vater sind für unterschiedliche Verhaltenssysteme Sicherheit und Erkundung zuständig. Mutter und Vater sind gleichermassen wichtig.

Fordern und fördern

Mit einer guten Spielbeziehung beziehungsweise mit Spielfeinfühligkeit ist die Fähigkeit gemeint, sich im gemeinsamen Spiel den vorhandenen Fähigkeiten des Kleinkindes anpassen zu können. Spielfeinfühlige Erwachsene unterstützen die Neugier, das Erkundungsverhalten und die Tüchtigkeit des Kindes, indem sie positiv und wertschätzend sein Tun begleiten und angemessene Herausforderungen bereitstellen, ohne sich unerbeten einzumischen oder eine bestimmte Aktivität vorzugeben.

Spielfeinfühlige Väter orientieren sich beim gemeinsamen Spiel an den Kompetenzen ihrer Kinder, fangen nicht sofort jede Schwierigkeit auf, sondern ermutigen zum Durchhalten und ermöglichen es ihren Kindern, selbst initiativ zu werden. Wenn spielfeinfühlige Väter ins Spiel eingreifen, so ist diese Unterstützung so unauffällig, dass die Kinder stolz von sich glauben, die Lösung selbst gefunden zu haben. Die Spielfeinfühligkeit hat einen starken Einfluss darauf, wie das Kind später, auch als Erwachsener, mit Herausforderungen umgeht, wie selbstsicher es ist und was es sich alles zutraut.

Väter sind vor allem für die Erkundung und Exploration zuständig, während Mütter beim Bedürfnis nach Schutz aufgesucht werden. Väter sind interessante Interaktionspartner, weil sie andere und oft aufregendere Dinge mit dem Kind machen als die Mütter, und zwar schon im Säuglingsalter. Sie fordern das Kind auf, neuartige Dinge auszuprobieren, die es sich ohne seine Hilfe nicht zutrauen würde. Sie führen es in motorische Aktivitäten ein und zeigen ihm, wie es mit Feuer, Wasser, Abgründen und Höhen umgehen kann. Klettern, Dreiradfahren, sportliche Aktivitäten sind bevorzugte Tätigkeiten, zu denen Väter anregen, dazu gehören auch risikoreichere Unternehmungen. Später kommen Hilfestellungen bei Schularbeiten hinzu. All das können auch engagierte Mütter tun, aber wenn der Vater diese Aufgaben übernimmt, ist es für sie eine Entlastung und für das Kind eine Bereicherung.

Wünsche der Kinder an ihre Väter

Fragt man Kinder, was sie sich von ihren Vätern wünschen, so lautet die Antwort je nach Alter unterschiedlich: als Individuum wahrgenommen und geschätzt werden, mit dem Vater gemeinsame Aktivitäten unternehmen, ihn als unterstützend erleben oder mit ihm Schularbeiten erledigen können. In erster Linie wünschen sich Kinder, Zeit mit den Vätern in gemeinsamem Tun zu verbringen, gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse zu machen. Väter, die zwar anwesend sind, sich aber mit ihrem Handy oder mit Fernsehen beschäftigen, gelten als abwesende Väter. Zu dieser Kategorie zählen auch Väter, die von eigenen Sorgen zu sehr eingenommen oder zu müde sind, sich mit den Kindern abzugeben.

Elternschaft heisst nicht Mutterschaft, der Vater gehört zwingend dazu. Unsere Gesellschaft ist aufgefordert, die nötigen Voraussetzungen zu schaffen, dass Väter und Mütter ihre Rolle verantwortungsvoll leben können.  

Das zerstörerische Potential unbewusster Eifersucht.

Die in den letzten Jahrzehnten entstandenen Vaterbilder entsprachen nie der Wirklichkeit. Die meisten Väter waren immer bemüht, bereit sich am Kindswohl zu beteiligen. Einen Zaun der Angst wurde errichtet, künstlich errichtet um die Suche nach Integration und Selbstbehauptung zu unterwandern. Spieltrieb, Sozialtrieb und auch Kuscheltrieb würden ja zu einem eigentlichen Erfahrungsprozess. Eine Art lebendige Summe zur Selbstbehauptung, auch der Kinder. Die angestrebten Bedürfniserfahrungen wurden zudem durch Verhinderung in eine seltsame Verkrampfung geführt. Das Resultat: Auf sich und das Kind konzentrierte, meist verängstigte Mütter die überall Bedrohungen sehen und ihre Ängste auch auf ihre Kinder übertragen. Ein Aspekt mag Eifersucht sein, ein anderer jener Geschlechterkampf der leider zu oft auf dem Buckel der Kinder ausgetragen wird. Sage ich, ob man es gerne hört oder nicht!.. cathari

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren