Jubel, Trubel, Blödigkeit

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Jubel, Trubel, Blödigkeit

Von René Zeyer, 23.01.2013

Griechenland, Portugal, Spanien, Italien. War da mal was? Der Euro klebt nicht mehr an der Untergrenze zum Franken, also neues Jahr, neues Spiel. Lasst uns frohlocken.

Der Januar ist schon fast ins Land gegangen, und es gab noch keinen Krisengipfel in Brüssel. Griechenland macht gute Fortschritte, nicht morgen schon, sondern erst übermorgen Staatsbankrott erklären zu müssen. In Italien wird mal wieder gewählt. In Spanien entwickelt sich ein Korruptionsskandal mit schwarzen Konten der Regierungspartei in der Schweiz, war da mal was mit Immobilienkrise? Der deutsche Exportmotor lässt ein paar Fehlzündungen knattern, aber das «Dschungelcamp» ist da doch wichtiger. Und der Euro setzt zum Höhenflug gegenüber dem Franken an. Also endlich wieder Business as usual in Europa.

Nur eine Zahl

Greifen wir aus der desaströsen wirtschaftlichen Statistik des Jahres 2012 der Eurozone nur eine Zahl heraus. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote ist auf rund 11 Prozent gestiegen. Neuer Europarekord. Wenn man dazuzählt, dass in Drittweltländern wie Griechenland, Spanien oder Süditalien damit nur Werktätige erfasst werden, die nicht schon längst in den informellen Wirtschaftssektor abgetaucht sind und in keiner Statistik mehr erscheinen, handelt es sich in Wirklichkeit eher um 20 oder 30 Prozent. In Griechenland und Spanien (Italien arbeitet hart daran) liegt die Jugendarbeitslosigkeit offiziell bei über 50 Prozent. Eine ganze Generation wächst ohne gestaltbare Zukunft heran.

Und überhaupt

Diese Generation wächst zudem in eine Zukunft hinein, in der die Zeche für ungeheuerliche wirtschaftliche Verbrechen bezahlt werden muss. Mit nur durch einen massiven Schuldenschnitt oder eine galoppierende Inflation reduzierbaren Staatsschulden. Mit einem ungezügelten und unkontrollierten Finanzsystem, das nach der letzten Katastrophe bereits fleissig an der nächsten arbeitet. In ein politisches System in Europa, in dem die Untertanen der EU-Staaten von demokratisch völlig unlegitimierten Abkürzungen wie EFSF, ESM oder EZB regiert werden. So bringt es der Altmeister Hans Magnus Enzensberger auf den Punkt. Und dazu Sozial- und Rentenversprechungen, von denen jeder denkende Beitragszahler weiss: Niemals werde ich mein Geld wiedersehen.

Alternativlos

Das eigentliche Unwort des Jahres 2012 ist «alternativlos». Gleichzeitig, wenn man es richtig anwendet, beinhaltet es die ganze Wahrheit. Nicht das Gehampel der angeblich von den «Märkten» getriebenen Regierenden ist alternativlos. Sondern das Endergebnis. Es heisst Katastrophe. Es heisst Chaos. Es heisst Unregierbarkeit. Es heisst Entstaatlichung, Faustkampf und Entstehen von rechtsfreien Räumen. Die Folgen von wirtschaftlichen Fehlentscheidungen, die Konsequenzen einer Fehlgeburt wie des Euros stellen sich erst irgendwann ein – vor allem, wenn man mit Notenpresse und Niedrigzinspolitik zwei mächtige Mittel in der Hand hat, die Wirkung von tödlichen Fehlentscheidungen hinauszuzögern. Der genaue Zeitpunkt ist unvorhersehbar. Aber das Ende ist genauso unausweichlich wie bei einem komatösen Patienten, der künstlich am Leben erhalten wird.

Und die Schweiz?

Aber der Euro ist doch erstarkt, bewegte sich in den letzten Wochen von 1.20 Franken auf 1.25 hinauf, das ist doch ein positives Zeichen. Leider nur, wenn man diese Entwicklung oberflächlich betrachtet und falsch interpretiert. Wäre er wirklich erstarkt, müssten dahinter ja wirtschaftliche Fundamentaldaten stehen, die diese Erklärung zuliessen. Da es die nicht gibt, muss der Grund woanders liegen. Man muss nicht weit suchen: Der US-Staat schrammt an der Zahlungsunfähigkeit entlang, das drückt die erste Weltwährung Dollar. Die japanische Zentralbank öffnet mal wieder die Geldschleusen, das wirkt auf die zweite Weltwährung Yen. Und Spekulanten retten sich aus ihren Wetten auf einen fallenden Euro. Also handelt es sich um ein Strohfeuer. Ausserdem ist ja der Franken nicht plötzlich schwächer geworden.

Gibt es Hoffnung?

Auch da muss man, zugegeben mit etwas Zweckoptimismus, Enzensberger zustimmen. Europa mit seiner halben Milliarde Einwohnern hat schon andere Katastrophen überstanden. Blutige, zerstörerische, Ruinenlandschaften hinterlassende Desaster. Und ist immer wieder aus Trümmergebirgen auferstanden. Schön zu wissen, dass Europa nicht untergehen wird. Diese Hoffnung hilft allerdings der arbeitslosen jungen Generation in Europa nicht wirklich. Nach dem verpassten Einstieg in ein selbstbestimmtes Leben muss sie dann zuerst noch die Zeche für die Verbrechen ihrer Eltern zahlen. Dann die Trümmer wegräumen und den Wiederaufbau starten. Nicht gerade eine fröhliche Perspektive.

Eskapismus

Flucht aus der Realität, die Ersetzung der Wirklichkeit durch mediale Scheinwelten ist in solchen Zeiten für viele das Mittel der Wahl. Die Erklärung dafür, wieso weltweit über eine Milliarde Menschen bei reinen Zeitvernichtungsmaschinen wie Facebook, Twitter und Co. den tristen Alltag durch virtuelle Scheingeselligkeit ersetzt. Der Grund dafür, wieso in Deutschland Trash-TV auf der untersten Ebene Rekordeinschaltquoten verzeichnet. Wieso Millionen gebannt mitverfolgen, welcher abgetakelte D-Promi in einem von kranken Gehirnen ausgedachten «Dschungelcamp» an hirnrissigen Mutproben scheitert. Wobei, das Fressen von Insekten und unaussprechlichen Tierbestandteilen könnte schneller als von vielen vermutet Bestandteil ihrer Lebenswirklichkeit werden.

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Kommentare

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@ Christian Hofstetter Lieber Herr Christian Hofstetter. Wenn jemand ein Haus aufbaut, eines das zwei Weltkriege n i c h t überstanden hat, dann braucht er Wille und Ausdauer. Etwa so wie die Trümmerfrauen damals. In einer aussgewöhnlichen Zeit erreichen auch gewöhnliche Personen aussergewöhnliche Ziele. Ohne einen Finanzausgleich mit Dauer bis zur grossen Restrukturierung wird das Ziel jedoch nicht zu erreichen sein. Einige werden Federn lassen müssen damit andere nicht frieren. Gemeinsamkeit heisst: Ein Weg - ein Ziel.... und der Weg beinhaltet gleichzeitig das Ziel! Manchmal steinig, manchmal an Abgründen vorbei, oft auch mal bequem und mit Lebensfreude gepflastert. Vom Atlantik ( incl.GB ) bis zum Ural.Unser Land begleitet diesen Aufbau ja schon längst finanziell in hohem Masse. Für die Schweiz ist dieser Weg jedoch kaum begehbar, weil wir das Erreichte ( die direkte Demokratie und die Neutralität ) niemals aufgeben wollen. Trotzdem verbindet uns mit der EU eine ehrliche und bewiesene Freundschaft. Wir sind und bleiben verlässlicher Partner!

Hörtip:

"Alternativlos" Podcasts, Boulevard zum Hören

Zitat: "Warum Alternativlos? Da haben wir uns an Politikern orientiert, die ihre Vorhaben gerne damit begründen, dass sie angeblich „ohne Alternative“ oder „alternativlos“ sind. Begründungen von Gesetzen enthalten praktisch immer den Absatz „Alternativen: keine“. Wir sehen das ähnlich: Für uns gab es keine Alternative dazu, endlich einen Boulevard-Podcast zu machen. Der Fokus liegt auf Spaß und thematischer Breite, nicht so sehr auf Fakten, journalistischer Sorgfalt oder ähnlichen Unterhaltungsbremsen. Nachlesen und herausfinden, was wirklich passiert ist, sollt ihr schließlich selbst :-)"

http://www.alternativlos.org

Leider einmal mehr eine richtige Einschätzung von Herrn Zeyer. Das Erstarken des Euros hat effektiv mit dem Währungszerfall von Dollar und Yen zu tun. Die wirtschaftlichen Fundamentaldaten in Südeuropa sind grottenschlecht. Es werden keine Arbeitsplätze geschaffen und die Zahl der Arbeitslosen nimmt weiter zu. Eine ganze Generation logiert im Hotel Mama oder verköstigt sich in Suppenküchen. Grosses Glück hat ein junger Mensch, der einen auf sechs Monate befristeten Arbeitsvertrag und ein Gehalt von 500.00 Euro bekommt. Bei uns diskutiert die Jugend darüber, ob sie sich auf öffentlichen Plätzen oder in Zügen volllaufen lassen darf. Und wenn ja, darf auch noch gekotzt werden? Aber ich rede da von etwas, das die hyperventilierende, psychopathische Zockergilde nicht im Geringsten interessiert. Obwohl auch sie sich im Sekundentakt an Klicks berauscht. Im Dschungel der virtuellen Plutokratie bekommt das Dschungelcamp für halb- oder ganz gescheiterten Existenzen ein geradezu menschliches Antlitz. Den Helmut Berger haben sie bereits ausgeflogen. Er kommt mit der Welt, der nächsten Umgebung und vor allem mit sich selbst nicht mehr klar. Wie soll ein Jugendlicher klarkommen, der viel länger als Berger warten muss, bis er abhauen kann? Cathari haut auch noch nicht ab. Er glaubt an England, den Markt und an Europa. Es geht vorwärts, bis es richtig rumort.

Eindeutige Dorian Gray Syndrome in westlichen Gesellschaften. Trugbilder im Gebrauch als Realitätserscheinungen. Gelebt wird der schöne Schein. Die Wirklichkeit, die Charaktereigenschaften, die Krankheiten werden als furchterregenden Diagnosen verdrängt. Gefragt ist und bleibt jedoch Brüssel und Brüssel sollte, ja muss England in`s Boot holen, einbinden, Perspektiven als Signale vermitteln, denn es ist immerhin ein Markt in der Grössenordnung Weltmacht. Selbst Israel interessiert sich für die EU ( ev. Einbindung ) Wenn Europa aus dem Tal der Tränen, dem Sumpf der ewigen Traurigkeit heraus ist, wird es eine führende Rolle in der Welt einnehmen.

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