Italiens Sieg über den „ewigen Barbaren“ Österreich (Teil 2)

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Italiens Sieg über den „ewigen Barbaren“ Österreich (Teil 2)

Von Denise von Cles, Trient - 04.06.2014

Vollendung der italienischen Einheit und Machtpolitik als Triebfedern für Italiens Seitenwechsel im I. Weltkrieg – „Grosse Chance für das Trentino“ – Gespräch mit Professor Mondini

Wer heute heute durch die Strassen Trients, Roveretos oder selbst durch kleine Bergdörfer im Trentino wandert, stösst immer wieder auf Gedenktafeln mit heroisch-patriotischen Inschriften aus den unmittelbaren Jahren nach dem I. Weltkrieg. So prangt in Rovereto eine Marmortafel an einer Hauswand, die in goldenen Lettern den „Sieg über den ewigen Barbaren“ Österreich feiert, datiert 1919. Auch vom „Unterdrücker“ oder dem „Kerkermeister der Völker“ ist häufig die Rede, vom Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit. Wie lassen sich solche überholten nationalistischen Ergüsse im Rückblick erklären?

Der Historiker Professor Marco Mondini, Dozent an der Universität Padua und Forscher am  italienisch-deutschen historischen Institut in Trient, ordnet diese Inschriften in das damalige politische Umfeld ein. Mit solchen Gedenktafeln und der Errichtung von Statuen italienischer „Helden und Märtyrer“ auf öffentlichen Plätzen sowie der Umbenennung von Strassen nach diesen sollte das Zugehörigkeitsgefühl der neuen Provinzen zu Italien auch symbolisch und ideologisch untermauert werden.

Kaum eine norditalienische Stadt ohne ein Monument für Giuseppe Garibaldi, der den Süden Italiens im 19. Jahrhundert von der bourbonischen Herrschaft befreite, kaum eine Stadt oder ein Dorf im Trentino, das nicht eine nach dem Irredentisten Cesare Battisti Strasse vorzeigen könnte. Der Trentiner Irredentist Battisti war im I. Weltkrieg zur italienischen Armee übergelaufen, wurde gefangen genommen und 1916 von den Österreichern als Deserteur in Trient hingerichtet. Noch heute wird er als Märtyrer der italienischen Einigung im Trentino verehrt. Dafür zeugt auch der monumentale Tempelbau mit neoklassizistischem Säulenrundgang, der weithin sichtbar über der Stadt am rechten Etschufer thront.

Marco Mondini ist Dozent für Geschichte an der Universität Padua und Mitarbeiter am Italienisch-Deutschen Geschichtsinstitut in Trient. Er hat zahlreiche Bücher und Studien über den Ersten Weltkrieg verfasst, darunter „Armi e potere. Militari e politica nel primo dopogguerra.“ In deutscher Sprache ist ein Beitrag Mondinis in dem Sammelwerk „Katastrophenjahre. Der Erste Weltkrieg und Tirol”, 2014 erschienen. Im Juni kommt sein Buch “La guerra italiana. Partire, raccontare, tornare 1914-1918“ heraus. Mondini wirkt auch als Koordinator in einem nationalen Ausschuss zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges mit, der nationale und regionale Ausstellungen organisiert. Vom 15. bis 17. Oktober dieses Jahres organisiert Mondini einen internationalen Kongress mit dem Thema:“Krieg und Apokalypse“ in Trient.           

Ähnlich verfuhr das erst 1861 gegründete Königreich Italien auch mit anderen neuerworbenen Gebieten. Doch wurde diese Bewegung laut Mondini nicht nur von oben gesteuert. Lange bevor das faschistische Regime unter Benito Mussolini eine „monolithische und triumphale Sicht“ des I. Weltkrieges dekretierte, liessen zahlreiche Gemeinden auf eigene Initiatve patriotische Gedenktafeln als sichtbares Zeichen ihrer Loyalität und Identifizierung mit dem neuen Vaterland an öffentlichen Plätzen anbringen. Zugleich sollte damit auch der Kampf der italienischen Nation gegen den „Unterdrücker deutscher Sprache“ versinnbildlicht werden. Mondini sieht in den Gedenktafeln und Monumenten zur Verherrlichung des italienischen Sieges eine Art „Bibel der Armen“. Den ungebildeten Schichten sollte auf diese Weise das Risorgimento, die „Wiedererstehung“ eines Nationalstaats Italien auf den Ruinen des antiken Rom, nahe gebracht werden, so Mondinis Analyse.

Welche Rolle der Irredentsimus bei der Entscheidung Italiens spielte, im I. Weltkrieg die Seite zu wechseln, sei schwierig zu beurteilen, meint der Historikers. Der Irredentismus, der in der Einigungsbewegung des Risorgimento, hatte das Ziel Gebiete italienischen Volkstums wie das Trentino, Triest und Istrien von der ungeliebten Habsburger Herrschaft zu „erlösen“ und ins Mutterland zurückzuführen. Mondini differenziert allerdings zwischen dem Irredentismus der beiden ungleichen „Schwesterstädte“ Trient und Triest. Im Trentino wurde die Bewegung zu einem Sammelbecken unterschiedlichster Strömungen. Zwischen dem Sozialismus eines Battisti und dem „Hyper-Nationalismus“ eines Ettore Tolomei lägen Welten. Tolomei hatte bereits vor dem I. Weltkrieg mit der Italianisierung zahlreicher orts- und Flurnamen im deutschsprachigen Südtirol begonnen, um den Anspruch Italiens auf dieses Gebiet „historisch“ zu legitimieren.

Natiobnalistische Lobby

Laut Mondini hielt sich der Einfluss der Irredenta aber bis 1915 im Trentino und Triest in Grenzen. Viele Menschen fühlten sich noch „kaisertreu“. Dies galt vor allem für die Trentiner Landbevölkerung, aber auch für die bürgerliche Schicht in Triest. Trotzdem war die Opposition im vorwiegend ländlichen, armen Trentino grösser als in Triest. Die italienische Bevölkerung der reichen und wichtigsten Hafenstadt der k. u. k. Monarchie identifizierte sich weit mehr mit der Regierung im fernen Wien als die Trentiner, die unter der fehlenden politischen Autonomie und der ungerechten Verteilung der Ressourcen durch Innsbruck litten. Die Triestiner befürchteten dagegen, ihre Privilegien gegenüber dem slawischen Hinterland zu verlieren.

Den Irredentisten kam laut Mondini eine herausragende Bedeutung bei der interventionistischen Propaganda zu, die den Seitenwechsel Italiens 1915 psychologisch vorbereitete. Trotzdem war es nur eine Minderheit, die sich so wie Cesare Battisti nach 1914 entschied, für den Krieg gegen Österreich-Ungarn zu agitieren. Mondini beziffert ihre Zahl auf rund 2000 in der turbulenten Zeit  vor dem Kriegseintritt Italiens auf der Seite Frankreichs, Grossbritanniens und Russlands. Doch verfehlten sie ihre Wirkung dank ihres militanten Auftretens in der Öffentlichkeit nicht. Mit zahlreichen öffentlichen Versammlungen, Reden und Lawinen von Artikeln und Broschüren plädierten die Verfechter des Interventionismus in ganz Italien für das Ende der Neutralität und den Kampf gegen Österreich-Ungarn. Kriegstreiber und Nationalisten vereinten ihre Kräfte für das gemeinsame Ziel. Eine wichtige Rolle bei der nationalistischen Agitation spielte die Vereinigung „Trento e Trieste“, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet worden war. Mondini bezweifelt jedoch, ob diese nationalistische „Lobby“ allein  ausschlaggebend für den Seitenwechsel Italiens war.

Konkrete, rationale Interessen

Aus der Sicht Mondinis trugen auch aussenpolitische  Spannungen zur Verschlechterung der Beziehungen zwischen Rom und Wien bei. Dazu gehörte vor allem die Rivalität um die Vorherrschaft in der östlichen Adria. Die österreichische Präsenz von Istrien bis Montenegro war Rom ein Dorn im Auge. Die Annexion Bosnien-Herzegowinas 1908 durch die Habsburger Monarchie führte zu zahlreichen anti-österreichischen Demonstrationen in Italien. Aber auch die „Unnachgiebigkeit und Oberflächlichkeit der deutschen und österreichischen Militärkaste  gegenüber Italien mit dem k.u. k. Generalstabschef Conrad von Hötzendorff an der Spitze spielte laut Mondini mit. Es war bekannt, dass Conrad v. Hötzendorff schon vor 1914 Italien gegenüber feindselig eingestellt war und mehrmals einen Präventivkrieg  gegen den „unverlässlichen“ Bündnispartner erwogen hatte.

Die schweren Niederlagen Österreichs in den ersten Kriegswochen in Galizien und die gescheiterten Angriffspläne des Deutschen Reichs auf Frankreich bewogen die italienische Regierung ebenfalls, ihre Haltung zu überdenken. Rom befürchtete, dass Grossbritannen mit einer Schiffsblockade im Mittelmehr  lebenswichtige Versorgungswege des Landes abschneiden könnte. Auch innenpolitisch wäre es der Regierung schwer gefallen, der Öffentlichkeit zu erklären, warum man sich auf einen langen und kostspieligen Krieg an der Seite des Erzfeindes ohne entsprechende Kompensationen einlassen sollte. Für die italienische Diplomatie und Politik ging es damit laut Mondini um „wesentlich konkretere und rationalere Interessen als die rein emotionale Agitation der Irredentisten“.       

Der 1. Weltkrieg - eine "goldene Gelegenheit"

Im Rückblik war der 1. Weltkrieg aus italienischer Sicht eine „goldene Gelegenheit“, das Einigungswerk des 19. Jahrhunderts zu vollenden. Als eine der Siegermächte erhielt Italien 1919 im Vertrag von Saint-Germain nicht nur Triest und Trient, sondern auch Istrien und das deutschsprachige Südtirol zugesprochen. Mondini verweist darauf, dass die Gebietsgewinne unterschiedlich zu beurteilen sind. Die Brennergrenze war eine Bedingung der italienischen Regierung für den Kriegseintritt auf Seite der Entente. Die gebildete Öffentlichkeit in Italien sah darin hingegen einen Verstoss gegen das Nationalitätsprinzip. Es waren denn auch in erster Linie militärische Überlegungen, die Rom dazu bewogen hatten, die Brennergrenze zu fordern. Niemand ging damals von einem Zusammenbruch des habsburgischen Vielvölkerstaates aus. Daher die Notwendigkeit einer militärisch gut zu verteidigenden Grenze gegenüber dem Nachbarn, auch wenn sie nicht der Sprachgrenze entsprach.

Das Nationalitätsprinzip war für die italienische Regierung nicht ausschlaggebend, wie Mondini ausführt. So hätte man Österreich-Ungarn als Ausgleich für Triest Fiume (Rijeka) überlassen, obwohl die Hafenstadt  italienischsprachig war. Man könne den damaligen italienischen Politiker nicht vorhalten, 1915 den Untergang des Habsburgerreiches nicht vorhergesehen zu haben, so Mondini. Höchstens nach 1917, als Italien noch immer an seinen Plänen festhielt, obwohl sich der Zerfall der Donaumonarchie in zahlreiche kleine Nationalstaaten abzuzeichnen begann. Erst als der amerikanische Präsident Woodrow Wilson die Selbstbestimmung der Völker zum Kernpunkt der Friedensverhandlungen machte, geriet Rom in Erklärungsnot.

Dummheiten von einigen Träumern

Nach Bekanntwerden der italienischen Gebietsforderungen reagierten denn auch italienische Intellektuelle und Meinungsmacher mit scharfer Kritik. Sie befürchteten, Italien habe sich damit mehr Probleme als Vorteile eingehandelt. Der Respekt der lokalen Autonomie gehörte damals noch nicht zu den europäischen Spielregeln, wie Mondini unterstreicht. Überdies hebt der Historiker hervor, hätten sich laut Berichten des italienischen Geheimdienstes unmittelbar nach dem Waffenstillstand Südtiroler Politiker „ziemlich zufrieden“ darüber gezeigt, nicht das Schicksal des besiegten Österreich teilen zu müssen. So blieb Südtirol von den erdrückenden Reparationszahlungen verschont, unter denen das zusammengeschrumpfte „Deutsch-Österreich“ litt.

Eine Nostalgiewelle in früheren Habsburger Gebieten wie Trient oder Triest kann Mondini nicht erkennen. In den letzten Jahrzehnten sei es in Italien immer wieder zu „seltsamen“ Nostalgien gekommen. So hätten 2011 Bourbonen-Anhänger anlässlich des 150. Jahrestages der Gründung des Königsreichs Italien behauptet,  Süditalien wäre unter den Bourbonen „glücklicher und wohlhabender als unter den Savoyern“ gewesen. „Das sind  natürlich Dummheiten ohne jede Grundlage, für die sich nur ein paar Träumer ereifern“, kritisiert Mondini.

"Eine grosse Chance"

Auch im Trentino, Triest oder Venetien verhalte es sich ähnlich. Die Grüppchen, die den „schönen Zeiten“ unter Kaiser Franz-Joseph nachtrauerten, seien eine unbedeutende Minderheit. Wer im Trentino der „guten Verwaltung“ und den „schönen Zeiten“ unter Habsburg nachhänge, sei „nicht sehr vertraut mit Geschichtsbüchern“. Mit der „Kaisertreue“ sei es schon lange vor dem Kriegsende aus gewesen, gerade wegen der „Sturheit und Unnachgiebigkeit“ der zentralen Regierung in Wien und der regionalen in Innsbruck, da beide jede Form der Autonomie für das Trentino verhindert hätten. „Damals gehörte das Trentino zu den ärmsten Gebieten der Region, heute ist es eines der reichsten. „Auch in dieser Hinsicht war der Erste Weltkrieg eine grosse Chance“, zieht Mondini Bilanz über die Rolle Italiens von 1914 bis 1918.                 

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