Instrumentalisierter „Feuersturm“

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Instrumentalisierter „Feuersturm“

Von Heiner Hug, 12.02.2020

Vor 75 Jahren warfen britische und amerikanische Flugzeuge über 3‘600 Tonnen Bomben auf die ostdeutsche Stadt. War das militärisch nötig?

Auch an diesem 13. Februar reichen sich auf dem Dresdener Neumarkt Tausende Menschen die Hände. Die Kirchenglocken läuten. Es sind Alte und Junge, Christen, Juden und Moslems, Weisse und Dunkelhäutige. Die Botschaft dieser Menschenkette lautet. „Ja zum Miteinander, Ja zur Toleranz, Nein zur Ausgrenzung, Nein zum Hass“. Und: „Nein zur Instrumentalisierung dieses Jahrestages.“

Genau das tun Rechtsextreme, die dann am Samstag durch die Innenstadt ziehen und einen Kranz niederlegen. Sie gedenken des „Feuersturms“ vor 75 Jahren auf ihre Art und Weise.

800'000 Bomben

War dieses Flächenbombardement militärisch wirklich gerechtfertigt? War es nötig, mehr als 4'000 Sprengbomben und fast 800‘000 Brennstab-Bomben auf Dresden abzuwerfen? War es zweckmässig, die vorwiegend von Zivilisten bewohnte Innenstadt fast vollständig in Schutt und Asche zu legen?

Oder war der Bombenabwurf auf zivile Ziele ein Kriegsverbrechen? Seit 75 Jahren streiten Historiker und Politiker über diese Frage.

13. Februar 1945

Alles beginnt am Dienstag, den 13. Februar 1945 um 22.03 Uhr. 244 britische Lancaster-Bomber werfen 900 Tonnen Bomben und Minen auf die Dresdener Innenstadt.

Britische Lancaster-Bomber (Foto: PD)
Britische Lancaster-Bomber (Foto: PD)

In einer zweiten Angriffswelle um 01.32 Uhr werfen 529 Lancaster-Bomber 650‘000 Stab-Brandbomben ab. Dabei handelt es sich um knapp je 2 Kilogramm schwere Brandstäbe, die sich beim Aufprall auf dem Boden entzünden.

Am Mittwoch, 14. Februar, folgt eine dritte Angriffswelle, diesmal von amerikanischen Flugzeugen geflogen. Sie beginnt um 12.17 Uhr. 311 B-17-Bomber werfen 475 Tonnen Sprengbomben und 136‘000 Stab-Brandbomben ab. Am Tag danach wird die Stadt erneut von amerikanischen B-17 mit 460 Tonnen Bomben belegt.

Amerikanische B-17-Bomber (Foto: PD)
Amerikanische B-17-Bomber (Foto: PD)

Dreiviertel der Dresdener Altstadt brennen. Ganze Strassenzüge liegen in Ruinen. Fast alle Häuser in der Innenstadt sind zerstört oder schwer beschädigt. Luftschutzräume stürzen ein. Die Semperoper, die Frauenkirche und das Residenzschloss sind zerstört. Die Brücken im Stadtzentrum sind unpassierbar. Die Kultur- und Kunststadt Dresden, das „Florenz an der Elbe“, gibt es nicht mehr.

Die Semper-Oper: Bild: Deutsches Bundesarchiv 183-1985-0117-031, Fotograf: J. Zimmermann
Die Semper-Oper: Bild: Deutsches Bundesarchiv 183-1985-0117-031, Fotograf: J. Zimmermann

Überall brennt es, die verschiedenen Feuer und die entstandene Hitze lösen einen Feuersturm aus: einen starken Luftsog, der flüchtende Menschen ins Feuer hineinzieht. Viele, die sich aus den brennenden Häusern ins Freie retten wollen, werden in die Flammen hineingezogen.

Am Vormittag des 15. Februar stürzt die ausgebrannte Frauenkirche ein.

Nach den Angriffen werden die Leichen eingesammelt und auf öffentlichen Plätzen gestapelt. Dort werden sie verbrannt, um Seuchen vorzubeugen. Allein auf dem Altmarkt werden 7‘000 Leichen angezündet. Andere Todesopfer werden auf dem Heidefriedhof und dem Johannisfriedhof beigesetzt. Viele verkohlte Leichen liegen noch tagelang in den Strassen oder in den Trümmern.

Tote nach Bombenangriff: Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-R72625, Fotograf: Hahn, Februar 1945
Tote nach Bombenangriff: Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-R72625, Fotograf: Hahn, Februar 1945

Hunderte deutscher Städte werden im Zweiten Weltkrieg von den Briten und Amerikanern bombardiert. Allein in Hamburg sterben im Sommer 1943 30‘000 bis 40‘000 Menschen („Operation Gomorrha“). In Pforzheim kommt in einer Nacht fast ein Viertel der Bevölkerung ums Leben. Doch Dresden wird zum Symbol des Bombenkrieges.

Streit um die Todeszahlen

Wie viele Opfer hat das Flächenbombardement gefordert? Die Nazis sprechen sofort vom „anglo-amerikanischen Terror“. Ausgerechnet sie zitierten das humanitäre Völkerrecht, wonach Zivilisten im Kriegsfall geschützt werden müssten. Sie weisen darauf hin, dass sich im Zentrum von Dresden keine militärischen Anlagen befanden – nur Zivilisten. Der „Völkische Beobachter“ schreibt von einem „ungeheuren Terrorangriff“.

Tote nach Bombenangriff: Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-R72622, Fotograf: Hahn, Februar 1945
Tote nach Bombenangriff: Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-R72622, Fotograf: Hahn, Februar 1945

Die Opferzahl schrauben die Nazis schnell in die Höhe. Zuerst sprechen sie von 18‘000 Toten, dann von 25‘000, später von 100‘000 oder gar 250‘000 Toten.

Die Nazi-Propaganda verfängt auch nach dem Krieg noch. Die ehrenwerte Hamburger „Zeit“ spricht 1964 vom „wahrscheinlich grössten Massenmord der Menscheitsgeschichte“.

Menschen verlassen die Stadt: Frühjahr 1945, Bild: Deutsches Bundesarchiv 183-WO425-015, Fotograf: Giso Löwe
Menschen verlassen die Stadt: Frühjahr 1945, Bild: Deutsches Bundesarchiv 183-WO425-015, Fotograf: Giso Löwe

Um endlich Klarheit zu schaffen, wird 2004 eine Historikerkommission unter der Leitung von Rolf-Dieter Müller eingesetzt. Die Wissenschaftler forschen sechs Jahre lang. Sie kommen zum Schluss, dass in Dresden am 13., 14. und 15. Februar 1945 höchstens 25‘000 Menschen umkamen.

„Rechtsextreme Geschichtsfälscher“

Trotzdem sagt der AfD-Spitzenpolitiker Tino Chrupulla jetzt in einem Spiegel-Interview, er gehe von 100‘000 Toten aus. Dazu schreibt die „Welt“: Alljährlich würden die Rechtsextremen „die immer gleichen Lügen“ vorbringen. Weshalb tun sie das? Weshalb schrauben sie die Opferzahlen in die Höhe?

„Es handelt sich um eine freie Erfindung, die seit Jahren ... von Revisionisten am Leben gehalten wird“, schreibt die Welt. „Doch wer derlei behauptet, betreibt das Geschäft der rechtsextremen Geschichtsfälscher der NPD – spätestens seit die Historikerkommission um Rolf-Dieter Müller zu eindeutigen Ergebnissen gekommen ist.“

Geschichtsfälscher der NPD – und der AfD.

Björn Höcke, der AfD-Führer in Thüringen, den man laut Gerichtsbeschluss als „Faschisten“ bezeichnen darf, sagt, die Alliierten hätten den Deutschen „nichts anderes als unsere kollektive deutsche Identität nehmen“ wollen. „Man wollte unsere Wurzeln roden“.

Prager Strasse/Ecke Sidonienstrasse, Ende April 1946: Bild: Deutsches Bundesarchiv, 212-106, Fotograf: Ugo Proietti
Prager Strasse/Ecke Sidonienstrasse, Ende April 1946: Bild: Deutsches Bundesarchiv, 212-106, Fotograf: Ugo Proietti

Einige sprechen heute vom „Hiroshima an der Elbe“. Die Historiker sind sich einig: Mit den aufgebauschten Opferzahlen wolle man den Holocaust relativieren. Die Botschaft ist: Seht, ihr seid genauso schlimm.

Das Schloss, Ende April 1946: Bild: Deutsches Bundesarchiv 212-081, Fotograf: Ugo Proietti
Das Schloss, Ende April 1946: Bild: Deutsches Bundesarchiv 212-081, Fotograf: Ugo Proietti

Dresden war, entgegen den Behauptungen der Rechtsextremen, keineswegs eine militärisch unbedeutende und „unschuldige Kulturstadt“.

Der Historiker Rolf-Dieter Müller sagt in einem Spiegel-Gespräch: „Dresden war zum Zeitpunkt des Angriffs von erheblicher Bedeutung für Hitlers Kriegsführung, als Rüstungsstandort, Verkehrsknotenpunkt für Truppenverlagerungen, es war eine der letzten intakten Garnisonsstädte, die Berlin im Süden schützte.“ 

Der Historiker Mike Schmeitzner erklärt 2012 gegenüber der „Zeit“: „Dresden war einerseits die Befehlsstelle des sächsischen Nationalsozialismus, in der 1935 mehr als 20’000 politische Funktionäre walteten. ... Dresden war zudem eine Brutstätte für Teile der NS-Ideologie. Ernst Philalethes Kuhn etablierte hier von 1920 an ‘Rassenhygiene’ als akademisches Lehrfach. In diesem Geiste eröffnete man 1934 in Dresden-Johannstadt das ‘Rudolf-Hess-Krankenhaus’ als reichsweite Modellklinik. Nicht weit entfernt, in Pirna-Sonnenstein, wurden von 1940 an nicht nur 15’000 Menschen ermordet; Fachleute dieser Tötungsanstalt waren später auch führend an der Vernichtung der Juden in Osteuropa beteiligt.“

Plakatsäule, im Hintergrund das Polizeipräsidium, April 1946: Bild: Deutsches Bundesarchiv, 212-090, Fotograf: Ugo Poietti
Plakatsäule, im Hintergrund das Polizeipräsidium, April 1946: Bild: Deutsches Bundesarchiv, 212-090, Fotograf: Ugo Poietti

Der Historiker Moritz Hoffmann fügt bei: „Dresden war durchaus eine kriegswichtige Stadt mit bedeutenden Verwaltungseinheiten. Es waren dort zudem, das wird oft vergessen, auch immer noch 12.000 Soldaten stationiert.“

Ruine der Frauenkirche: Links Elio Proietti, auf dem Autowrack Franco Proietti, Söhne des Fotografen, Bild: Deutsches Bundesarchiv 212-098, April 1946, Fotograf: Ugo Proietti
Ruine der Frauenkirche: Links Elio Proietti, auf dem Autowrack Franco Proietti, Söhne des Fotografen, Bild: Deutsches Bundesarchiv 212-098, April 1946, Fotograf: Ugo Proietti

Churchill war im Nachhinein nicht stolz auf das Ausmass der Bombardierung: „Der Moment scheint mir gekommen, wo die Frage der Bombardierung deutscher Städte einfach zum Zwecke der Erhöhung des Terrors, auch wenn wir andere Vorwände nennen, überprüft werden sollte. Sonst werden wir die Kontrolle über ein total verwüstetes Land übernehmen. Ich glaube, es ist nötig, dass wir uns mehr auf militärische Ziele konzentrieren wie Öllager und Kommunikationszentren hinter der unmittelbaren Kampfzone, statt auf reine Akte des Terrors und der mutwilligen Zerstörung, wie beeindruckend diese auch immer sind.“

Die Genfer Konventionen

Flächenbombardements waren während des Zweiten Weltkrieges vom Völkerrecht noch nicht explizit verboten. 1934 hatte in Tokio eine Rotkreuz-Konferenz einen Entwurf zum Schutz der Zivilbevölkerung im Kriegsfall verabschiedet. Der Entwurf blieb ein Entwurf.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1949 die 4. Genfer Konvention „über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten“ verabschiedet. Sie verbietet ausdrücklich Angriffe auf Zivilpersonen. Das humanitäre Völkerrecht postuliert: „Zivilpersonen und zivile Objekte dürfen unter keinen Umständen angegriffen werden. Konfliktparteien müssen zu jeder Zeit zwischen militärischen Zielen und Zivilpersonen oder zivilen Objekten unterscheiden.“

Rolf-Dieter Müller: „Nach heutigen Massstäben kann man die Angriffe (in Dresden) als Kriegsverbrechen werten, nach den Massstäben der Zeit waren sie es nicht.“

„Zuvorderst Täter“ 

Trotzdem versuchen die Rechtsextremen die Kriegsverbrechen der Nazis und den Holocaust in den Schatten von Dresden zu stellen. Doch zur Reinwaschung der Nazis und zur Relativierung ihres Horrors eignet sich Dresden nicht.

Ist es nicht abwegig von den Rechtsextremen, die Deutschen plötzlich als Opfer zu sehen? Dies fragte „Spiegel Geschichte“ den Historiker Moritz Hoffmann: „Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg begonnen, grosse Teile Europas verwüstet und Millionen Menschen getötet. Warum sollte man sich in der Rolle als ‘Die Deutschen’ als Opfer verstehen, wenn man historisch betrachtet zu dieser Zeit klar zuvorderst Täter war?

                                               ***

Der deutsche Bundespräsident Franz-Walter Steinmeier wird an diesem 13. Februar im Kulturpalast in Dresden eine Gedenkrede halten. Dabei wird er zur Versöhnung und gegen Hass aufrufen. Wenige Stunden später werden in der Dresdener Innenstadt Rechtsextreme aufmarschieren und auf Gegendemonstranten treffen.

Kommentare

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Ja, leider war das nötig, so wie die USAmerikaner die Atombomben einsetzten. Ansonsten hätten diese beiden Kriege noch länger gedauert, mit noch mehr Toten. Eine klassische strategische Überlegung, generalsstabsmässig korrekt vorbereitet. Schadensbilanzierung.
Die Deutschen wollten den totalen Krieg, die Japaner kamikazeartig dasselbe. Uns Spätgeborenen liegt es nicht an, post festum "es" besser wissen zu wollen.

Sie haben ja noch Glück gehabt, etwas später und mehr Widerstand, und die Amis hätten sie wie die Japaner genuked. Umgekehrt auch, zum Glück hatte sich Heisenberg geirrt ...

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