Im Aufbrechen liegt das Glück

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Im Aufbrechen liegt das Glück

Von Carl Bossard, 11.07.2021

Für viele junge Menschen geht nun die Schulzeit zu Ende. Etwas Neues tut sich auf. Abschiedsfeiern begleiten ihren Übergang. Was aber sagt man ihnen nach neun oder zehn Schuljahren? Ein Versuch.

„Genau das ist das Leben, liebe Schülerinnen und Schüler. Etwas abschliessen, aufbrechen, neu anfangen. Und Loslassen zum Weiterkommen. Eure obligatorische Schulzeit geht zu Ende – Ihr erlebt ein Triple-A: Abschluss, Abschied, Aufbruch. Es ist der Austritt aus einer Institution, ein Aufbrechen und Wegziehen zu Unbekanntem, ein baldiges Anfangen von Neuem, an einer neuen Stelle, an einem neuen Ort, vielleicht an einer neuen Schule.

Loslassen zum Weiterkommen

Wer sich keinen neuen Anfang zutraut, dem bleibt nur das alte Ende, heisst es in einer alten Volksweisheit. Darum wohl bemerkt der Zuger Schriftsteller Thomas Hürlimann: „Aus einem Ende scheinen die Anfänge auf.“ Mit dem bewussten Aufbrechen entsteht Freiraum – Freiraum für einen Anfang, für etwas Neues, etwas Persönliches. Kurz: Wir sind, was wir bereit sind, aus uns zu machen.

Auch Ihr brecht nun auf und zieht weiter, zieht weg von hier. Fürs Weitergehen ist Loslassen ein notwendiger und wichtiger Schritt. Man muss sich abkoppeln – auch von guten Freundinnen, von langjährigen Schulkollegen, von Lehrpersonen und einer vertrauten Umgebung. Man muss gehen, fühlt sich dabei vielleicht sogar alleine und im Moment möglicherweise auch unsicher. Doch nur so erreicht man das nächste Ziel – auf dem persönlichen Lern- und Lebensweg. Das macht Ihr nun.

Im Aufbrechen liegt das Glück

Wir Menschen sind ein Leben lang unterwegs. Suchend und fragend. Früher hat man das Bild vom Pilger gebraucht – das Symbol des steten Weiterziehens. Spasseshalber hat jemand gemeint: „Paris ist nichts, Basel ist nichts, Unterwegs-Sein ist alles!“ Nicht im Ankommen liege darum das Glück, nein, im Aufbrechen sei es verborgen.

Und auch Ihr seid wieder unterwegs. Ein kluger Geist hat dazu eine kurze Geschichte geschrieben. Sie geht so: „Ein Weiser, der seinen Garten bearbeitet und kaum etwas sagt, rühmt sich, die gesamte Lehre vom menschlichen Handeln in zwei Kapiteln zusammengefasst zu haben. Jedes der beiden Kapitel besteht nur aus einem einzigen Wort. Erstes Kapitel: Weitermachen. Zweites Kapitel: Anfangen.“

Weitermachen, das ist das einzige Mittel, etwas zu verändern

Blöd, banal – so schoss es mir im ersten Moment durch den Kopf, als ich diesen Text gelesen habe. So etwas kann nur ein abgehobener Philosoph sagen. Wolkennah, lebensfern! Doch dann habe ich nachgedacht – und mich gefragt: Ist das nicht genau unsere Situation? Die Situation von uns Menschen, von uns allen? Die Aufgabe auch von uns Lehrerinnen und Lehrern? Und sogar die Situation von Euch, liebe Schülerinnen und Schüler?

Das erste kleine Kapitel, jenes vom Weitermachen, schliesst mit dem zentralen Satz: „Weitermachen, das ist das einzige Mittel, etwas zu verändern.“ Vielleicht bringt dieser überraschende Gedanke alle Erfahrungen unseres Lebens auf den Punkt. „Weitermachen, das ist das einzige Mittel, etwas zu verändern.“

Das „Wie“ liegt in unserer Hand

Auch Ihr müsst euch verändern und müsst darum: weitermachen. Weitermachen bedeutet: Jeden Tag in neue Situationen geraten, nicht ausweichen, hindurchmüssen, vor Entscheidungen gestellt sein und diesen „Zwang zur Freiheit“ – wie wir unsere Arbeit vielleicht umschreiben könnten – mit Humor und mit Vertrauen tragen, und dies im Bewusstsein: Das „Wie“ liegt in unserer Hand.

Den Sinn geben wir uns selber. Wir schöpfen ja aus vielen verschiedenen Sinnoasen. Und wer einen Sinn im Leben hat, der übersteht auch Situationen, die unangenehm sind und anstrengend. So wird jeder Tag ein neuer Tag. Und so können wir immer wieder anfangen. Und weitermachen. Ein freies Individuum, ein freier Mensch ist nie fertig. Ein Leben lang bleibt er unterwegs. Eben: „Paris ist nichts, Basel ist nichts, Unterwegs-Sein ist alles.“

Ein beherztes Weitermachen – ein schwungvolles Anfangen

Liebe Schülerinnen und Schüler! Erstes Kapitel: Weitermachen. Zweites Kapitel: Anfangen. In diesem Sinne wünschen wir euch allen ein beherztes Weitermachen nach der obligatorischen Schulzeit – und ein schwungvolles Anfangen an eurer Lehrstelle, an eurem neuen Ort. Ihr habt, so hoffen wir, in diesen Schuljahren ein gutes und festes Fundament erhalten. Ein Fundament, auf dem Ihr aufbauen könnt und: weitermachen. Am nächsten Lernort. In der nächsten Lebenssituation. Unterwegs zum nächsten Ziel. Unterwegs in Euren jungen Jahren – und in Eure ganz persönliche Zukunft.

Wir freuen uns, wenn Ihr glücklich unterwegs seid und immer wieder weitermacht – und anfängt. Heute endet eure offizielle Schulzeit. Für einige war das vielleicht ein Ziel. Doch wir sind eigentlich nie am Ziel. Wir sind immer unterwegs und immer an einem neuen Anfang. Darum: Macht es gut und zieht weiter! Im Aufbrechen liegt das Glück.

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