"Ich mag es, wenn man meine Skulpturen anfasst"

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"Ich mag es, wenn man meine Skulpturen anfasst"

Von Dagmar Wacker, 21.03.2011

Boteros dicke Gestalten erlebten vor 24 Jahren in Lugano einen Grosserfolg. Jetzt zieht es den kolumbianischen Künstler nach Locarno. Dort zeigt er bis im Juli 60 Werke, die er in den letzten 15 Jahren realisiert hat. Eröffnet wurde die Ausstellung vom Künstler selbst.

1987 war in Lugano der Boterosommer: Seine grosse Retrospektive im Museo d'Arte Moderna zog Scharen von in- und ausländischen Gästen in die Stadt. Und der Skulpturen-Parcours längs der Via Nassa durch die Altstadt, auf der Piazza Riforma und in öffentlichen Innenhöfen, erfreute auch nicht museumsgängige Zeitgenossen. Tauben liessen sich dankbar auf den erhöhten Aussichtspunkten nieder, Hunde beschnupperten sie interessiert, Katzen strichen ihr Fell rund um die organisch runden Formen, und die Spatzen suchten an ihren Basen nach angefallenen Leckerbissen. Interessanterweise schien dafür der grosse Boterovogel bei der Edelboutique Fumagalli das Lieblingsobjekt.

Fernando Botero, Maler und Bildhauer
Fernando Botero, Maler und Bildhauer

Die Skulpturen erfreuten mit ihrer barocken Lebenslust das menschliche Auge und so manche Hand stahl sich streichend über die seidenfeine Oberfläche, -Botero lässt seine Bronzeskulpturen im toskanischen Pietrasanta giessen und polieren - und zeichnete sinnend die mit Leben prall gefüllten Formen nach.

Bevorzugte Tastobjekte waren der männliche Torso vor der Banco Arner beim See und der ‚Raub der Europa’ im Innenhof der Kantonspolizei. Diese Abbildung eines von Testosteron strotzenden Stieres mit listigen Äuglein und seiner sich gar nicht sträubenden süssen Last, die in der lasziven Pose der Goyaschen Maja auf ihm ruhenden Europa, hätte an anderer Stelle wahrscheinlich mehr Besucher gehabt. Der Eintritt ins Polizeigebäude bildete doch eine psychologische Barriere.

Nun ist diese Skulptur im Hof der Casa Ruska in Locarno zu sehen. Am Samstag wurde dort eine neue Retrospektive eröffnet im Beisein der Tessiner Polit- und Kulturprominenz, sowie einer enthusiastischen zahlreich erschienenen. Bevölkerung. Vor allem aber in Anwesenheit des kolumbianischen Meisters Fernando Botero selbst. Botero wurde am 19. April 1932 in der Drogenhauptstadt Medellin geboren. Er ist ein zarter, zurückhaltender, intellektuell vergeistigt wirkender Herr, der in Begleitung seiner modelschmalen Gattin erschien.

Die Ausstellung dauert bis zum 10. Juli und zeigt vor allem seine Produktion der letzten 15 Jahre. Nicht unbedingt seine stärkste Periode.

Die 60 Grossformate rund um Themen wie die ‚Corrida’, den Zirkus, Stilleben, Menschen und Leben in Lateinamerika, religiöse Portraits, Aktbilder und Portraits ‚nach’ Goya, Ingres, Velasquez, wirken etwas leblos. Die ‚Celebration der Lebensfreude’, die Botero als Malthema hat, ist etwas matt geworden.

Die Sinnenfreude, seinem grossen Vorbild Pieter Paul Rubens nachempfunden , strahlt nicht mehr über. Den ‚Uplift Kick’, den er Besuchern vermitteln will, bekommen diese noch bei den Bildern des lateinamerikanischen Alltaglebens. Leichte Karikaturen, doch liebevoll gemalt. Die Gesichter sind die immergleichen ausdruckslosen Boterogesichter, ohne Persönlichkeit, ohne Ausdruck; da fällt schon ein schielender Priester auf. Botero tut dies mit Vorsatz: Er will die Menschen nicht werten.

Interessanterweise bleibt der Ausdruck, die Emotion, den Tieren vorbehalten: Den angriffigen, lebensstrotzenden, dann auch leidenden und sterbenden Stieren. Den aufgeregten Pferden bei der Corrida, den vermenschlichten Affen im Zirkus. Mit ihnen kann der Besucher eine direkte emotionale Beziehung aufbauen. Weniger mit den vielen Katzen. Der Zahl nach zu deuten auch ein Lieblingstier Boteros, wirken sie eher wie Möpse im Pelzmantel mit angeklebten Muschelöhrchen.

Auch bei der Grossskulptur ‚Raub der Europa’ ist der Gesichtsausdruck der Europa leer, dem Stier jedoch ist die freudige Erwartung anzusehen. Neben dieser stehen noch vier jüngere und kleinere Figuren in der Casa Rusca. Sie werden hier nicht angefasst. Man ist ja im Museum.

Botero, darauf angesprochen, wird ganz lebhaft: ‚Ich weiss, dass man meine Skulpturen gerne berührt. Das stört mich gar nicht, im Gegenteil: Ich mag es, wenn sie angefasst werden.’

Botero in Locarno (Foto: Dagmar Wacker)
Botero in Locarno (Foto: Dagmar Wacker)

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