Hurra, Geld noch billiger!

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Hurra, Geld noch billiger!

Von René Zeyer, 10.11.2013

Leitzins auf 0,25 Prozent runter, Börsen rauf. Inflation sinkt, deutsche Exporte steigen. Alles gute Nachrichten? Nein, alles Wertvernichtung.

Eine Notenbank, die Staatsschuldpapiere aufkauft oder sie als Sicherheit akzeptiert, selbst wenn der schuldende Staat faktisch bankrott ist, pervertiert ihre eigentliche Aufgabe zur Absurdität. Die lautet nämlich, für finanzielle Stabilität zu sorgen. Ihre zweite Aufgabe ist, keine Geldblasen mit hoher Inflationsgefahr entstehen zu lassen.

Falsch gedreht

In St. Gallen und anderswo wird dieser Unsinn immer noch gelehrt: Lahmt die Konjunktur, sorgt die Notenbank für billiges Geld. Banken verteilen es an die Realwirtschaft, die investiert, Konjunktur zieht an. Seit der wohl grösste Finanzhalunke aller Zeiten, der als Guru und Genie apostrophierte ehemalige Chef der US-Notenbank Alan Greenspan, um die Jahrtausendwende auf die absurde Idee kam, dass man Dotcom- und andere Blasen mit Geldblasen bekämpfen könne, ist aber klar: funktioniert nicht.

Genauer: Das funktioniert nur, wenn die Grundfunktion des Zinses als Risikoprämie erhalten bleibt. Verliert der Gläubiger aber Geld, wenn er Geld verleiht, gewinnt der Schuldner mehr, wenn er mehr Schulden macht, dann ist das ganze Finanzsystem aus den Fugen geraten. Aber daran lässt sich ja noch weiter schrauben. Wenn die Absenkung des Leitzinses auf historische Tiefstände in den letzten Jahren nicht die gewünschte Wirkung hat, dann gebietet die Fortsetzung dieser absurden Logik: weiter senken.

Zentrifugalkräfte

Die Börse sollte normalerweise der Ort sein, an dem Kapital gesucht wird und sich in Form von Aktienkursen zukünftige Erwartungen in die Entwicklung eines Unternehmens einpreisen. Nun befinden sich die Börsen selbst von wirtschaftlichen Wackelkandidaten wie Spanien oder Griechenland seit ein paar Monaten im Höhenflug und setzten, wie überall in Europa, zu einem neuen Freudensprung nach oben an, als EZB-Präsident Mario Draghi die Senkung des Leitzinses auf 0,25 Prozent verkündete.

Dabei befindet sich Europa weiterhin in einer Rezession, die Eurokrise ist weder vorbei noch ausgestanden, die Wirtschaftsleistung schrumpft, zukünftige Wachstumserwartungen werden ständig nach unten korrigiert. Also eigentlich alles Gründe für sinkende Aktienkurse. Ausser, ein System ist ausser Rand und Band geraten.

Exportschlager Deutschland

Fachleute weisen gerne darauf hin, dass es in der Eurozone zwar ziemlich trübe aussehe, aber immerhin Deutschland von einem Exportweltrekord zum nächsten eile, und das sei doch eine gute Sache. Ist es natürlich nicht, denn Exporte bedeuten immer auch mangelnden Konsum und mangelnde Investition im eigenen Land. Oder einfacher ausgedrückt: Deutschland exportiert nicht nur Güter, sondern auch das Kapital, mit dem diese Güter im Ausland gekauft werden. Und ob die dadurch entstehenden Schulden auch mal wieder beglichen werden?

Am allerschlimmsten ist aber für Deutschland: Was nicht konsumiert oder investiert wird, wird gespart. Deshalb ist Deutschland auch Sparweltmeister. Auch das wäre eigentlich eine gute Sache. Ausser, das Geldsystem ist ausser Rand und Band geraten.

Das perfekte doppelte Versagen

Durch Gratisgeld wird offensichtlich nicht die Wertschöpfung stimuliert, sondern es werden Blasen aufgepumpt. Immobilienblasen, Spekulationsblasen, Zockerkasinoblasen. Wozu soll eine Bank, ein privater oder institutioneller Gläubiger Geld in ein Unternehmen stecken? Das würde damit investieren, im schlimmsten Fall sogar langfristig, dazu eine Rendite von 5 Prozent erwirtschaften. Oder Verlust, denn die Zukunft ist bekanntlich unvorhersehbar.

Dafür müssten Businesspläne studiert werden, Marktstudien, Vertriebslogistik, Herstellungsprozesse. Kompliziert, aufwendig, anstrengend.

Dagegen ein schneller Gewinn mit etwas eigenem und viel geliehenem Gratisgeld, wo die dadurch entstehende Hebelwirkung aus kleinsten Profiten zweistellige Prozentzahlen macht. Muss man wirklich darüber nachdenken, was der Investor bevorzugt?

Gescheibelter Sparer

Wirtschaft besteht immer aus Wechselwirkung. Geld auch. Ein Sparer hat normalerweise etwas für seinen Spargroschen getan. Er will ihn nun zurücklegen, um sich später dafür etwas leisten zu können. Und sei es eine anständige Altersversorgung, wenn er nicht mehr in der Lage ist, aktiv Einkünfte zu generieren. Eine Notenbank muss nichts für Geld tun, sie kann es aus dem Nichts erschaffen. Dieser fundamentale Unterschied zum Sparer sollte eigentlich mit entsprechender Verantwortung respektiert und honoriert werden.

Wenn nun aber die Europäische Zentralbank Geld billig wie nie macht, unbegrenzt Liquidität garantiert und mehr als fragwürdige Staatspapiere als Sicherheiten akzeptiert, dann ist das nicht nur verantwortungslos, absurd und schädlich. Sondern jede Leitzinssenkung bedeutet für den Sparer, dass er sich scheibchenweise von der Vorstellung verabschieden kann, dass sein heute erspartes Geld in einem Jahr, in zehn Jahren wenigstens die gleiche Kaufkraft behält.

Damit verliert Geld einen seiner zwei fundamentalen Werte: Es ist zwar weiterhin Tauschmittel, aber nicht mehr Wertaufbewahrungsmittel.

Wertvernichtungsmittel

Ganz im Gegenteil, Geld wird zu einem Wertvernichtungsmittel. Gleichzeitig verliert Geld seine Funktion, als geronnener Gewinn aus der Vergangenheit wieder investiert zu werden, damit durch Wertschöpfung zukünftige Gewinne entstehen. Das ist immer mit Risiko verbunden, und dafür muss es eine Risikoprämie geben, wieso sollte sonst jemand bereit sein, etwas zu riskieren?

Fällt die Möglichkeit weg, in der wertschöpfenden Realwirtschaft eine anständige Risikoprämie zu bekommen, fällt die Möglichkeit weg, Geld risikofrei so aufzubewahren, dass es wenigstens nicht an Wert verliert, fällt also die Motivation weg, Geld zu sparen, dann ist Geld eigentlich kaputt.

Ist es zudem so, dass der Anreiz, sinn- und verantwortungslos Schulden zu machen, durch Gratisgeld gewaltig stimuliert wird, dann ist Geld doppelt kaputt. Aber das ist sicherlich reine Schwarzseherei. Irgendwie kommt das schon gut. Irgendwann. Irgendwo.

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Kommentare

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Reply Back
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Murphy Kanji

Herr Zeyer, danke für den hervorragenden Bericht. Ich wünschte mir, dass Sie den Menschen einige praktische Tipps geben, wie sie einigermassen mit trockenen Füssen durch die kommende Krise kommen (sofern das überhaupt möglich ist).
Wie ich bei einigen Kommentaren in jüngster Zeit schrieb, wünschte ich ein Zinsloses Geldsystem. Bald sind wir soweit. Man müsste nur noch zahlreiche andere Parameter umstellen, um z.B. zu einem Fliessgeld System zu wechseln. Auf jeden Fall, so wie es die letzten zweihundert Jahre mit dem Geldsystem lief, sollte es nicht weiter gehen.

Unter "Falsch gedreht": Das billige Geld kann man gerne kritisieren, das tun ja selbst Zentralbanken. Nur: wer weiss denn schon, was die Alternative wäre? Könnte es sein, dass andere Zusammenhänge spielen in einer wirtschaftlich ungemütlichen Situation? Weshalb haben wir nicht längst Hyperinflation? Weshalb stagniert oder wächst die Wirtschaft langsam (EU, N-Amerika)? Was wäre mit dem Gedankenspiel, "wir wollen gar kein Wachstum"?

"Verliert der Gläubiger aber Geld, wenn er Geld verleiht, gewinnt der Schuldner mehr, wenn er mehr Schulden macht"
Klingt gut. Erinnert mich an "Wenn jemand an der Börse Gewinn einstreicht, macht jemand anderes Verlust". Klingt auch gut. Beides ist falsch. Die falsche Annahme dahinter ist, dass man sich Gewinn/Verlust als Gefäss mit einer fixen Menge vorstellt.

Da kommen mir KMU und sogar grosse Unternehmen in den Sinn, wo man kalkuliert à la:
Selbstkosten + Gewinnzuschlag + Risikozuschlag + irgendwas = Verkaufspreis
und dann höchst erstaunt ist, dass das Zeug niemand kaufen will. Wunschdenken oder sachlich richtige Zuschlagskalkulation haben eben nichts mit der oft harten Realität (Preis, der auch bezahlt wird) zu tun. Diesen Satz könnte man im 1. Semester VWL gehört haben.

Wenn man Zins als Preis anschaut, hat man schon viel verstanden. Zins besteht genauso wenig nur aus der Komponente Risiko wie sonst ein Preis. Und: jawohl, einzelne Komponente können negativ sein.

"... befindet sich Europa weiterhin in einer Rezession ... die Wirtschaftsleistung schrumpft,
Sachlich richtig bis Q1 2013. Seit dem 2. Quartal ist für Europa die Rezession vorbei. Dass die Rezession meist auf Quartalsbasis definiert ist (bspw. 2 Quartale negatives BIP), mag man kritisieren und kann was Besseres vorschlagen; im Jahresvergleich bleibt die Aussage Rezession (negtives BIP) für 2013 richtig (Gesamt-EU).
Ein genauer Blick erstaunt viele: 2012: - 0.6 %, 2013 - 0.4 %, aktuell aber 17 Länder positiv, 11 negativ. Bei den Negativen sind von den Grossen Italien und Spanien dabei, nicht aber Frankreich oder Deutschland. Was viele Skeptiker erstaunen mag.

Hingegen stimmt zurzeit nicht mehr:
"... zukünftige Wachstumserwartungen werden ständig nach unten korrigiert"
(was auch immer man davon halten mag). Erwartungen + 1 bis + 1.5 % für EU28 2014.
Grosses Problem: die teilweise hohe Arbeitslosigkeit selbst bei geringem Wachstum.

Interessanter wäre meines Erachtens mal eine Abhandlung, weshalb bei so viel Geld eben die Inflation nicht steigt, wie richtig geschrieben wird. Oder weshalb die Banken das Geld nicht voll an die Wirtschaft verteilen wollen/können: im Artikel (teils falsch) angedeutet, aber nicht erläutert. Oder weshalb die Arbeitslosigkeit in einigen Ländern hoch bleibt.

PS 1: Schlauri Hans - 10.11.2013 15:06 hat ein paar bedenkenswerte Ansätze zum Problem BIP/Geldmenge.
PS 2: Hofstetter Christian - 10.11.2013 11:40 erwähnt Deflation. Auch das wäre ein Thema ...

SNB: 1 Zigarette gegen die Immobilienblase
Die Reichen profitieren von der Geldschwemme. Von 1990 bis 2010 wuchs das BIP in der Schweiz nur um 32%, die Geldmenge aber um volle 274%, ein Indiz für starke Inflation. Das trieb zwar, u. a. wegen Billigprodukten aus Fernost, nicht die Preise der Konsumgüter, aber jene von Vermögensgütern nach oben, z. B. Aktien, Immobilien. Die Preise der Eigentumswohnungen stiegen in 10 Jahren um 75%. Die Schweiz hat wegen der Hypotheken im weltweiten Vergleich die höchste Pro-Kopf-Verschuldung der Privathaushalte. J.P. Roth sagte 2002 als Präsident der SNB: „Für die Geldgeber bedeutet dies (die exzessive private Hypothekarverschuldung) ein nicht zu unterschätzendes Klumpenrisiko. Daraus lässt sich erahnen, wie wichtig das vergleichsweise tiefe Zinsniveau für die Schweiz ist.“ Die SNB spielt mit Tiefzinsen den billigen Jakob unter den Zentralbanken, schon Jahre vor dem Problem mit dem Eurokurs. Das führt zu einer gigantischen Umverteilung in Milliardenhöhe durch inflationäre Aufwertung der Immobilien. Diese Umverteilung geht von unten nach oben, weil die Reichen die grossen Schulden machen. Im Kanton St. Gallen machen die reichsten 10% zusammen 50% der Schulden. Je mehr Eigenkapital jemand schon hat, desto mehr Kredit bekommt er, desto höher kann er sich verschulden. Die SNB runzelt zwar ab und zu die Stirn, etwas wirklich Ernsthaftes hat sie aber, unterstützt von den Banken und ihrer reichen Schulden-Lobby, nicht im Sinn. Beleg: Seit dem 30. September müssen die Banken ihren Hypothekenbestand mit 1% mehr Eigenkapital zu unterlegen.Dadurch steigt der Hypothekarzins um 0.04%. Das entspricht bei einem Hypothekarkredit von Fr. 400000 dem Wert von 1 Zigarette pro Tag. 1 Zigarette gegen die Immobilienblase - das kann nicht ernst gemeint sein. Das ist knallharte Umverteilungspolitik.

Die Frage ist doch: Wer inszeniert für wen diese abstruse Geldpolitik? Tatsache ist doch, dass das billige Geld nicht oder ungenügend in die Realwirtschaft investiert wird. Also, Herr Zeyer, wer verdient an dieser Billiggeldeldoradobewirtschaftung? Ach ja, da wäre noch ein Gespenst, das vielen auch Albträume beschert: Es heisst Deflation.

Billiger war noch nie gut ! Sind Notenbänker Vollidioten oder schlicht-weg Kriminelle ? Was sagt unser neuer Notenbänker dazu ? Der letzte sagt dazu nichts mehr - ist jetzt wohlversorgt.

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