Griechischer Wein, portugiesischer Zapfen

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Griechischer Wein, portugiesischer Zapfen

Von René Zeyer, 08.04.2011

Griechenland ist pleite, Irland auch. Portugal schliesst sich an, Spanien und Italien stehen in den Startlöchern.

«Wenn der Euro scheitert, scheitert Europa.» Selten gab es in den letzten Jahren einen dümmeren Satz als diesen Ausspruch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Entgegen jedem Sachverstand soll der Euro als Einheitswährung für 17 Staaten beibehalten werden. Mit dem Argument: Alles andere wäre noch schlimmer. Falsch. Das Gegenteil würde mehr Sinn machen: Wenn der Euro nicht scheitert, scheitert Europa.

Einzig sinnvoller Ausweg

Der Euro war von Anfang an eine Fehlgeburt. Leistungs- und exportstarke Wirtschaftsnationen wie Deutschland oder Frankreich mit im Vergleich dazu Drittweltländern wie Griechenland oder Portugal in einer Währung zusammenzuschliessen, wobei die Fiskal- und Wirtschaftspolitik den weiterhin souveränen Regierungen überlassen bleibt, ist barer Unsinn. Das Restrisiko einer Kernschmelze liegt hier bei 100 Prozent.

Seit mindestens einem Jahr war und ist es offenkundig: Griechenland kann seine Euro-Staatsschulden nie mehr zurückzahlen. Der einzige sinnvolle Ausweg aus dem Schlamassel wäre ein Austritt aus dem Euro, die Wiedereinführung der Drachme und vorangehend möglicherweise ein Staatsbankrott. Wäre nicht das erste Mal in der griechischen Geschichte.

Marktwirtschaftler hören nicht auf den Markt

Seit mindestens einem Jahr wird von der Mehrheit aller sogenannten Finanzspezialisten wie ein Mantra heruntergebetet: Alles, nur das nicht. Die Folgen wären unabsehbar, eine Katastrophe, Amargeddon, die nächste Finanzkrise, Weltuntergang. Zudem schüre jeder, der auch nur das Wort «Umschuldung» in den Mund nimmt, also ein mindestens teilweiser Verzicht der Gläubiger Griechenlands auf ihre Forderungen, eine sonst gar nicht vorhandene Krise, wisse nicht, was er da anrichte, habe überhaupt keine Ahnung. Wieder einmal legen sich die versammelten Finanzkoryphäen inzwischen langsam in die Kurve und hoffen einmal mehr auf das Kurzzeitgedächtnis des Publikums.

Während fast alle sogenannten Finanzexperten staatstragenden Unsinn über die durchaus intakte Stabilität des Euros und von Staatsschulden von sich gaben, hat der Markt schon längst Umschuldungen mit Kapitalschnitt vorweggenommen. Der Marktwert von früher ausgegebenen Staatspapieren Griechenlands, Irlands und Portugals fällt schon seit Monaten, die Zinsen dafür steigen. Das bedeutet, dass für einen heutigen Käufer ein Verlust auf den Nennwert eines solchen Papiers von ungefähr 50 Prozent bereits eingepreist ist. Das bedeutet, dass der Markt, wenn man ihn lässt, durchaus funktioniert. Das bedeutet, dass jeder, der das Gegenteil behauptet, in geradezu realsozialistischer Manier Ideologie über Realität stellt. Wie das endet, haben wir Anfang der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts erleben dürfen.

Skylla und Charybdis

Um es griechisch auszudrücken: Natürlich haben wir hier nur die Wahl zwischen zwei Ungeheuern, zwei Übeln. Aber während man den Euro vor lauter Rettungsschirmen gar nicht mehr sieht, nach Griechenland sich nun auch Irland und Portugal darunter flüchten, Spanien schon in den dunkel verhangenen Himmel schaut und sich Italien lediglich durch die Libido von Berlusconi von eigentlich wichtigeren Problemen ablenken lässt, ist der Moment gekommen: Umso schneller man sich für das kleinere Übel entscheidet, umso grösser die Chance, aus diesem Schlamassel einigermassen unbeschädigt herauszukommen.

Selbstverständlich führt ein Austritt diverser Staaten aus einem Währungsverbund zu einem gewaltigen Durcheinander. Abgesehen davon, dass die Finanzwissenschaft kaum Modelle dafür anbieten kann, weil auch das in ihren tollen Theorien schlichtweg nicht vorgesehen ist, sind die Folgen durchaus unüberblickbar.

Sehr klar vorhersehbar sind allerdings die Folgen einer Fortsetzung des bisherigen Gewurstels. In erster Linie der deutsche und der französische Steuerzahler müssen zu den eigenen Schulden noch mehr fremde schultern, ungefragt, sicher ohne jede Begeisterung. Und ohne dass dadurch irgend etwas besser würde.

Cui bono?

Wechseln wir von Griechisch ins Latein und stellen die auch hier entscheidende Frage: Wem nutzt die verzweifelte Aufrechterhaltung der Fehlkonstruktion Euro? Richtig geraten, den Banken. Über 100 Milliarden Euro griechische Staatspapiere halten europäische Grossbanken, vor allem deutsche und französische, in ihren Büchern. Trotz allen Bilanztricks müssten die logischerweise schon bei einer Umschuldung von Griechenland deutlich tiefer bewertet werden. Das würde die immer noch dünne Eigenkapitaldecke aufbrauchen, die Banken würden wieder wanken und nach Staatshilfe krähen.

Nur: Womit sollten die bereits durch die letzte Finanzkrise bis übers Dach verschuldeten Staaten das Geld nehmen? Von Irland, Portugal und weiteren Wackelkandidaten ganz zu schweigen. Übrigens: Bei einer Gesamtverschuldung aller Euro-Staaten in der Höhe von 7 Billionen Euro (das sind 7 000 000 000 000 Euro, ohne Sozialleistungsversprechen) ist der auch nur theoretisch 750 Milliarden Euro umfassende Rettungsschirm etwa so sinnvoll, wie wenn man sich mit einem Zahnstocher gegen einen Platzregen schützen wollte.

Es gibt in der Wirtschaft nur wenige Grundregeln, die immer richtig sind. Schlechtem Geld kein gutes hinterherwerfen, gehört dazu. Und die Uhr tickt an der Eurobombe. Da die Zukunft leider unvorhersehbar ist, kann man wie bei einem AKW nicht prognostizieren, wann sie in die Luft geht. Dass sie explodieren wird, und nicht erst in tausend Jahren, hingegen schon.

Kommentare

Es ist ein trüber Tag in einer kleinen irischen Stadt. Es regnet und alle

Straßen sind leer gefegt. Die Zeiten sind schlecht, jeder hat Schulden und

alle leben von Krediten.

An diesem speziellen Tag fährt ein reicher deutscher Tourist durch die

Stadt, hält bei einem kleinen Hotel und legt einen 100 EUR Schein auf den

Tresen an der Rezeption. Er sagt dem Eigentümer, dass er die Zimmer

inspizieren möchte, um vielleicht eines für eine Übernachtung zu mieten.

Der Eigentümer gibt ihm einige Schlüssel und als der Besucher die Treppen

hinauf gegangen ist, nimmt der Hotelier den 100 EUR Schein, rennt zum

nächsten Haus und bezahlt seine Schulden beim Schlachter.

Der Schlachter nimmt die 100 EUR, rennt die Straße runter und bezahlt den

Schweinezüchter.

Der Schweinezüchter nimmt die 100 EUR und bezahlt seine Rechnung beim Futter- und

Treibstofflieferanten.

Der Mann bei der Bauern Co-op nimmt den 100 EUR

Schein und rennt zur Kneipe und bezahlt seine Getränkerechnung.

Der Kneipenwirt schiebt den Schein zu einer an der Theke sitzenden

Prostituierten, die auch harte Zeiten hinter sich hat und dem Wirt einige

Gefälligkeiten auf Kredit gegeben hatte.

Die Prostituierte rennt zum Hotel und bezahlt die ausstehende Zimmerrechnung mit

dem 100 EUR Schein.

Der Hotelier legt den Schein wieder zurück auf den Tresen, so dass der

wohlhabende Reisende nichts bemerken würde.

In diesem Moment kommt der Reisende die Treppe herunter, nimmt den 100 EUR

Schein und meint, dass die Zimmer ihm nicht gefallen..

Er steckt den Schein ein und verlässt die Stadt. Niemand produzierte etwas.

Niemand verdiente etwas. Wie auch immer, ist nun die Stadt ohne Schulden und

man schaut mit großem Optimismus in die Zukunft. Und dies ist das System,

wie das EU Rettungspaket funktioniert.

Multifaktorale Komponenten waren hier am Werk. Aus bestimmten Gründen wurden jenseits des Atlantiks die Warnrufe von Greenspan schon ende der 90er Jahren unterdrückt. Wohlwissend dass den für sie bedohlichen Konkurrenz-Staaten dadurch das Leben in der Zukunft schwer gemacht würde. Die Weltmachtstellung steht ja ( immer noch ) auf dem Spiel. Profitiert hat man vom mehr theoretischen als wirklichen sozialen Kapitalismus der in Europa gepflegt wird. Die," ich erfülle dir alle Wünsche-Poltik, wenn du mich wieder wählst" der Politiker, führte zu Verschuldungen europäischen Staaten, die man nur als exorbitant bezeichnen kann. Der American Way of Life hat die Banken, die Privathaushalte und die Staaten in eine Schuldenfalle gelotst und dieses schnelle Leben im Jetzt fordert nun seinen Preis. Man könnte dazu noch sagen dass der Wechsel in das matriarchale Zeitalter der (80er Jahre) dieser "Ich lebe heute und nicht morgen" Anspruch noch verstärkt hat. Am Schluss genau wie im Restaurant, kommt die Rechnung.........und ich sage euch, die wird echt teuer. Europa kann nur gerettet werden wenn wir alle solidarisch den Stall gemeinsam ausmisten und ein eigenes europäisches Selbstbewusstsein entwickeln, das unabhängig von fremden Leitnationen und erhobenem Hauptes daherkommt. Europa als gemeinsame Familie mit tausenjährigen Erfahrungen und durch Kriege geleutert schafft das. Nicht zuletzt dank Deutschland, das ein verlässlicher und potenter Partner der EU Staaten ist. Das heisst aber keinenfalls dass die Schweiz deswegen beitreten muss, aber mithelfen den Stall sauber zu machen ist unsere Pflicht ( ein must ) und dient der Stabilität in der EU. Alles andere führt in den Abgrund!

Herr Thommen hat recht. Und ich habe immer noch die Hoffnung, dass die EU gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird. Ein Europa, das sich zusammenschliesst, bekriegt sich nicht unter den Mitgliedsstaaten, sondern sucht friedliche Lösungen. Man darf nicht vergessen, dass der 2. Weltkrieg gerade mal 70 Jahre zurückliegt. Gegenüber den Opfern, die diese Katastrophe verursacht hat, sieht die Euro-Krise doch eher klein aus.

Ich finde es nur schade, die Schuld immer auf "den Eur" zu schieben, statt auf die Politik mit dem Euro.

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