Gib acht auf die pädagogischen Gassen!

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Gib acht auf die pädagogischen Gassen!

Von Carl Bossard, 07.07.2019

Sie hat sich in kurzer Zeit radikal gewandelt, die Schule. Wegleitend waren vielfach theoretische Postulate und Konzepte. Die Praxis zeigte sich dabei oftmals als pädagogische Querdenkerin.

„Sieh nach den Sternen, gib acht auf die Gassen!“ Unter diesem Titel erzählt der evangelische Theologe Jörg Zink (1922–2016) sein Leben. Die Überschrift erinnert an die Geschichte einer thrakischen Magd. Vor ihren Augen stürzt der Philosoph und Astronom Thales in eine Zisterne, als er spät abends, den Blick fest auf die Sterne gerichtet, gedankenverloren durch die Strassen von Milet geht. „Die Geheimnisse des Himmels willst du erforschen und siehst nicht einmal, was vor deinen Füssen liegt!“, spottet die witzige Magd.

Weitblick und Nahblick, Theorie und Praxis

Eine Anekdote vielleicht – mindestens so gut erfunden, dass es spitzer gar nicht ginge. Und seither tönt das schallende Gelächter hörbar fort. [1] Die Geschichte der thrakischen Magd und des ehrwürdigen Philosophen im Brunnenloch kommt Lehrerinnen und Lehrern vielleicht in den Sinn, wenn sie am Ende des Schuljahres auf die vielfältigen Unterrichtsansprüche zurückblicken und das bildungspolitische Geschehen betrachten – und dabei zu spüren bekommen, dass theoretische Höhenflüge meist mehr gelten als solide Gassenarbeit.

Weitblick und Nahblick, die Höhen des Himmels und die Gefilde des Alltags, die akademischen Dachterrassen und das Gewimmel des Parterres. Es geht nicht darum, das eine gegen das andere auszuspielen, die Theorie und die Praxis, die akademischen Bildungsstäbe und die Frontleute. Auch die Schule braucht beides, die Denker der grossen Konzepte wie die Praktiker des Alltags. Wirkungsvoll wird erst die Verknüpfung. Grundsätzliche Entscheide müssen darum die Werktags-Optik mitbedenken.

Nicht über das Eigentliche hinwegschlittern

Wie das gehen kann, zeigte Lorenz Pauli, langjähriger Kindergärtner, im Rahmen seiner Diplomrede 2019 an der Pädagogischen Hochschule Zug. [2] Der Schriftsteller und Schausteller, Geschichtenerzähler und Liedermacher erinnerte an Kernsätze, die er während seiner Ausbildung gerne gehört hätte, die er aber nie vernommen hat. Es sind Grundsätze für das Konkret-Operative, Leitsätze für die pädagogische Gasse.

Und diese pädagogische Gasse kann man nicht im Schnellzugstempo durchfahren – mit Hektik und Hetze. Schulen sind keine auf Tempo und Effizienz getrimmten Firmen. Sie wären Orte der Ruhe. Der inneren Ruhe, die unsere Kinder dringend brauchen, und der äusseren Ruhe, die das Lernen zwingend braucht. Dazu Lorenz Pauli zu den jungen Lehrerinnen und Lehrern: „Seien Sie einen Tick langsamer! Bremsen Sie. […] Wir müssen fördern, indem wir bremsen. Was bei Autoreifen gilt, gilt auch für den Unterricht. Ein Autoreifen hat Profil. Die Vertiefungen verhindern ein Schlittern, kürzerer Bremsweg bis zum Halt. In der Schule heisst das: Wir haben ein Profil, wir vertiefen, damit wir nicht über das Eigentliche hinwegschlittern, und das gibt den Kindern Halt.“

Erkenntnis hat nicht Format A4

Jungen Menschen Halt geben heisst auch, stabile Beziehungen aufbauen. Das erfordert einen ruhigen Raum, eine Atmosphäre, in der die Kinder nicht zu autonomen Selbstlernern hochstilisiert werden und der Unterricht den Apparaten und Arbeitsblättern überlassen wird. Jugendliche müssen sich angenommen und ernstgenommen fühlen und so erfahren, dass sie „somebody, not nobody“ sind, wie es der Philosoph Isaiah Berlin formuliert hat. [3]

Ein solcher Unterricht verläuft alles andere als kanalisiert. Gutes Lehren und Lernen ist ein Geschehen jenseits der Erledigungsmentalität und des zügigen stofflichen Abhandelns mit dem Gehabe: „Das haben wir durchgenommen!“ Kinder sind keine Aktenordner. Paulis Aufruf an die künftigen Pädagogen: „Bäche renaturiert man. Renaturieren Sie den Unterricht! […] Meiden Sie den Kopierapparat! Erkenntnis hat – zumindest auf Stufe Kindergarten und Primarschule – nicht Format A4.“ Sie entsteht aus der reflektierten Begegnung mit der sinnlich-konkreten Wirklichkeit, aus Aha-Erlebnissen. Darum: „Öffnen Sie die Tür! Gehen Sie hinaus!“

Fragen als Stimulans guten Unterrichts

Unterricht ist kein Start-Ziel-Schnelllauf, Erkenntnisgewinn kein konvergent geplanter und linearer Vorgang. Denken geht immer auch nebenhinaus. Das weiss jede gute Lehrerin. Darum der Ratschlag des pädagogischen Praktikers Pauli an die kommenden Kolleginnen und Kollegen: „Bereiten Sie sich sorgfältig vor. […] Tun Sie es nicht zu exzessiv! Eine zu saubere Planung ist der Tod eines lebendigen Unterrichts. Die Inhalte, die von draussen und vom Kind kommen, finden nur dann Eingang in einen Unterricht, wenn dieser nicht schon überquillt vor lauter Planung. Und genau diese Inhalte, die aufgrund von ECHTEN Fragen und echten Anknüpfungen entstehen, sind die wichtigen. Die machen die Kinder kompetent. Denn Kompetenz heisst – zumindest für mich – fähig sein, mit dem Leben umzugehen.“

Und dazu zählt das Fragenstellen. „Nur mit unser aller Grundhaltung im Unterricht, dass Fragen ein Geschenk sind, lassen sich Zusammenhänge begreifen.“ Fragen sind die Vorstube der Erkenntnis. Lorenz Pauli erinnerte damit an den Berner Hochschullehrer Hans Aebli und sein didaktisches Wort: „Une leçon doit être une réponse.“ [4]

Scheitern gehört zum Lernen und zum Leben

Unterricht enthält die Sogkraft nach beiden Seiten: Er ist planbar und treibt zugleich ins Unvorhersehbare. „Da gerät man ins Stolpern.“ Lorenz Paulis tröstender Tipp: „[…] das liegt daran, dass der Tag, jeder Tag, nur einmal stattfindet. Wir haben immer nur einen Versuch, ihn zu meistern.“ Pädagogisches Handeln ist eben immer konkret und immer einmalig. Darum kann man scheitern.

Scheitern, das kennen auch die Kinder. Es sei, sagte Pauli, „ein probates Mittel, um vorwärts zu kommen. Seine Erkenntnis aus dem Praxisalltag: „Irgendwann in der Schulkarriere beginnen Kinder, sich für ihre Misserfolge zu schämen. Zögern Sie das möglichst lange hinaus! Scheitern gehört dazu. Aber nicht nur bei den Kindern. Auch bei Ihnen. Die Kinder sollen sehen, dass das Scheitern auch bei Erwachsenen dazugehört. […] Sie leben damit eine Haltung vor, die entlastend wirkt auf das Schulklima.“

Thales von Milet als Vorbild

In der Theorie funktioniere vieles, der pädagogische Alltag relativiere. Die Praxis sei eben zäher als die Theorie – und „näher am konkreten Leben“, so Pauli. Doch beides gehört zusammen.

Wer in der Schule tätig ist, der muss darum nach den Sternen schauen und gleichzeitig achtgeben auf die Gassen – genau wie es die witzige Magd Thales von Milet nahelegte. Doch der griechische Philosoph war nicht nur Denker im Grundsätzlichen, er war auch Pragmatiker im Tatsächlichen. Er durchmass die Höhen des Himmels und war gleichzeitig gewiefter Ökonom. Dieser Thales sollte in allen Pädagogen stecken: die schulischen Zusammenhänge im Blick haben und gleichzeitig den Alltag meistern. Lorenz Paulis Leitgedanken bewahren vor dem Sturz in die Zisterne.

[1] Hans Blumenberg (1987), Das Lachen der Thrakerin. Eine Urgeschichte der Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

[2] Laura Sibold, „Scheitern Sie in Schönheit, scheitern Sie krachend“, in: Zuger Zeitung, 28.06.2019, S. 29; die Diplomrede ist auf der Website der PH Zug abrufbar: www.phzg.ch

[3] Julian Nida-Rümelin, Elif Özmen (Hrsg.) (2013), Welt der Gründe: XXII. Deutscher Kongress für Philosophie. 11.-15. September 2011 an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Kolloquienbeiträge. Hamburg: Felix Meiner Verlag GmbH, S. 149, Fussnote 41.

[4] Hans Aebli (2011), Zwölf Grundformen des Lehrens. 14. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 279.

Kommentare

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Was immer ausgeblendet wird, ist die schiere Zahl von fremden Kindern, die nicht nur unsere Sprache nicht können, sondern auch von ihren Eltern nicht angespornt werden, sich schulisch zu bemühen. All die Reformer, Buschor zu vorderst, ignorieren dieses neue Phänomen.

Gratulation - ein sehr schöner, wohltuender Kommentar!

Die Geschichte von der thrakischen Magd und dem griechischen Gelehrten Thales von Milet liegt vielleicht der Geschichte vom „Hans guck in die Luft“ zugrunde. Mein kleines Enkelmädchen balanciert, wie viele Kinder, gerne über Mäuerchen, darum habe ich ihr die Geschichte vom Hans-guck-in-die-Luft in zwei Sätzen erzählt. Sie fand vor allem das Wort lustig. Sie darf und sie soll sich die Umgebung anschauen, aber beim Balancieren muss man sich konzentrieren. Ich bin darauf gespannt, was dereinst Kindergarten und Schule vermitteln werden.
Meine Kinder kamen in den 80er/90er Jahren mehrheitlich zu einem guten Unterricht, auch Studium war noch nicht vorwiegend auf die Pünktlischinderei ausgerichtet. In meiner eigenen Schulzeit war die katholische Mädchensekundarschule wahrscheinlich die interessanteste Zeit. Ich bin gespannt darauf, was kommen wird und würde nicht ungern selbst nochmals zur Schule gehen.

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