Gesellschaft der Singularitäten

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Gesellschaft der Singularitäten

Von Franz Derendinger, 09.06.2018

Der Soziologe Andreas Reckwitz liefert einen Schlüssel zum Verständnis der postindustriellen Moderne und der gegenwärtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.

Was hat die Schule ohne Noten mit exorbitanten Boni im Finanzsektor zu tun? Was der Trend zur Selbstverwirklichung mit den Sozialkompetenzen, die uns heute erst arbeitsmarkttauglich machen? Und wie hängt das alles mit der gesellschaftlichen Spaltung zusammen, welche durch das Aufkommen der populistischen Bewegungen sichtbar wurde? Antworten darauf finden sich in einem Buch, das der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz 2017 veröffentlicht hat. Diese Studie zur „Gesellschaft der Singularitäten“ bietet Kategorien, die enorm hilfreich sind beim Verständnis der aktuellen sozialen und kulturellen Konfrontationen.

Es gibt in unserer Gesellschaft Debatten, die periodisch die Gemüter erhitzen: eine zum Beispiel im Bildungsbereich, wo sich die Geister am Trend zur Individualisierung scheiden. Auf der einen Seite steht da die fortschrittliche Pädagogik. Sie möchte die Einzelnen am Mass der je eigenen Potentiale messen, nicht am Raster eines allgemeinen Lehrplans; in der Konsequenz zielt sie auf die Integration von Benachteiligten sowie die Relativierung der traditionellen Noten. Auf der anderen Seite befürchten konservativer Gesinnte, dass diese Tendenz das Bildungsniveau absinken lässt und zudem eine bedenkliche Vereinzelung befördert.

Eine andere Kontroverse dreht sich um das Auseinanderdriften der Löhne in der aktuellen Arbeitswelt: Hier rechtfertigt die liberale Seite exorbitante Gehälter einerseits mit Anreizen, andererseits mit Marktbedingungen, während die Skeptiker bemängeln, dass sich die Entschädigungen – zumindest im obersten Segment – völlig von messbaren Leistungen abgekoppelt haben. Und diese Kritik kommt nicht nur von links; Thomas Minder, der Vater der „Abzocker-Initiative“ steht der SVP nahe.

Diese beiden Debatten betreffen ganz unterschiedliche Gegenstände, und dennoch lässt sich zwischen ihnen eine Parallele erkennen: Es geht um die Messbarkeit bzw. die Bewertungsgrundlagen von Leistungen. Offensichtlich stehen sich da in unserer Gesellschaft zwei diametral entgegengesetzte Weltsichten gegenüber. Sie betreffen die Frage, was im Grundsatz höher zu gewichten sei: der allgemeine Massstab oder aber der unvergleichliche Einzelfall, die Singularität.

Soziale Logik oder die Relativität von Wertungen

Durch die westlichen Kulturen der Gegenwart zieht sich in der Tat eine tiefe Spaltung der Perspektiven. Dazu hat nun der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz (Jahrgang 1970) eine erhellende Studie verfasst, für die ihm 2017 der Bayrische Buchpreis in der Kategorie Sachbücher verliehen wurde: „Die Gesellschaft der Singularitäten“. Darin behandelt Reckwitz den Strukturwandel der Moderne – so der Untertitel – und entwickelt Kategorien, welche ein tieferes Verständnis aktueller Kulturkämpfe ermöglichen.

Zentral ist dabei der Begriff der sozialen Logik, worunter der Autor ein Set von Wertungen versteht, das festlegt, welche Aspekte des Lebens in einer Kultur bevorzugt und welche Leistungen somit speziell prämiert werden. So ist es eine Frage der sozialen Logik, ob wir die Schülerschaft insgesamt über den Kamm eines allgemeinen Notenrasters scheren oder ob wir die Einzelnen individuell, bezogen also auf ihre persönlichen Möglichkeiten, beurteilen. Ebenso bestimmen grundlegende kulturelle Wertungen über den Massstab von Salären: Sind diese gebunden an Greifbares – wie Ausbildungsstand, Arbeitszeit oder leistungsmässigen Output – oder eben an die schwer fassbare Signalwirkung, die von innovativen Managern oder anderswie kreativen Geistern ausgeht?

Den Strukturwandel der Moderne sieht Reckwitz nun eben angelegt in einer Veränderung auf der Ebene der sozialen Logik, die in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts einsetzte und im Wesentlichen darin besteht, dass sich der Akzent vom Allgemeinen auf das Besondere, vom Vergleichbaren auf das Unvergleichliche verschoben hat.

Die industrielle Moderne – Zeitalter der Gleichheit

Die industrielle Moderne, etwa die Zeit zwischen 1920 und 1970, ist beherrscht von einer sozialen Logik des Allgemeinen. Maschinelle Fertigungsprozesse erzwingen eine Standardisierung der beruflichen Tätigkeiten, darüber hinaus eine innere Disziplinierung der Menschen, die sich auch auf das Private erstreckt. Nicht zuletzt verlangt der Industriekapitalismus eine durchsichtige Rechtsordnung sowie die Rationalisierung von Verwaltungsprozessen.

Die Grundlagen dafür wurden natürlich bereits im 19. Jahrhundert geschaffen im Zusammenhang mit Industrialisierung und Aufklärung; doch im 20. Jahrhundert – spätestens mit Fords Fliessband – akzentuiert sich die Entwicklung. Die industrielle Moderne bei Reckwitz stellt sich dar als eine hoch funktionale Welt, deren Zweck in der flächendeckenden Versorgung mit materiellen Gütern besteht. Was abweicht, was aus dem Rahmen fällt, das stört die Abläufe und gefährdet quasi den Erfolg des ganzen Projekts. Deshalb gilt hier das Gleiche bzw. das Vergleichbare als das Wahre und Gute.

Man erwartet von den Menschen, dass sie Charakter haben, das heisst unerschütterliche Prinzipien, die sie auf Kurs halten. Als Charakterausweis zählt überdies die Identifikation mit Konventionen, um die sich die Mehrheit schart. Anpassung ist Trumpf, Ausbrüche dagegen werden sanktioniert. Auch die Arbeitswelt zeigt sich strukturiert durch Routinen und Zeitpläne, wobei die Regulierung der beruflichen Aktivitäten letztlich in die Freizeit hineinwirkt und zum Modell wird für den gesamten Lebensentwurf. Die Ausbildung gestuft, die Betriebe hierarchisch geordnet, Einkommen und Status auch im Alter gesichert – zumindest nach Einführung der Sozialwerke um 1950; das Leben in der industriellen Moderne ist berechenbar, vergleichbar geradezu der immer gleichen Bahn eines Planeten.

Der kulturelle Untergrund

Doch das ist nur die eine Seite; ein Gegengewicht zur durchgreifenden Standardisierung des Lebens in dieser Zeit bildet nach Reckwitz die Kultur. In der Phase der industriellen Moderne üben Künstler wie auch Philosophen ausgesprochen häufig Kritik an der gesellschaftlich verordneten Stereotypie und den Anpassungszwängen, denen die Menschen unterworfen sind und die ihre individuelle Entfaltung beschneiden. Die Kultursphäre opponiert also gegen die soziale Logik des Allgemeinen, weil sie einer anderen folgt: nämlich einer Logik des Besonderen, die sich der aufgeklärten Vernunft mit ihrem Drang zur Funktionalität, zu Mach- und Messbarkeit entgegensetzt.

Unter dem Zeichen dieser anderen sozialen Logik ist gerade nicht Gleichheit das höchste Ziel, sondern Einzigartigkeit; deshalb bemisst sich der Rang von Schriftstellern, Kunstschaffenden oder Philosophen an ihrer Originalität, das heisst an der Neuheit wie auch der Unvergleichlichkeit ihrer Werke. Konventionalität dagegen, die blosse Repetition bekannter Muster, ebenso die offensichtliche Auslegung auf wirtschaftliche Verwertung mindert deren Wert.

Auch diese konträre soziale Logik hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert, nämlich in der Romantik, jener Bewegung, die als erste Einspruch erhob gegen die Rationalisierung der Welt, welche mit Industrialisierung und Aufklärung eingesetzt hatte. Für die Romantiker bestand die Wahrheit des Menschen in seiner Schöpfungskraft, in der Kreativität, die ihm erlaubt, etwas ebenso Neues wie Aussergewöhnliches zu schaffen, und diese Genieästhetik prägt auch noch das bürgerliche Kunstverständnis des 20. Jahrhunderts.

Der echte Künstler hat Bestehendes in Frage zu stellen, Grenzen zu überschreiten, auf Neuland vorzudringen. Die Impressionisten, van Gogh, Kandinsky oder Picasso haben in der Malerei schrittweise den Zwang zur Abbildung überwunden. Nietzsche zerschmetterte die traditionelle Metaphysik. Genialität geht über gezogene Linien hinaus und wandert gerade deshalb stets am Abgrund des Wahnsinns entlang. Für Reckwitz bildet die Kultursphäre also eine Art Korrektiv gegenüber dem Trend zur Vereinheitlichung, der die vordergründige soziale Wirklichkeit prägt. Doch dieses Korrektiv bleibt quasi im Untergrund, begrenzt auf Nischen. Seine Träger sind oft Randexistenzen, sein Publikum beschränkt sich auf eine äusserst schmale Bildungselite, die sich äusserlich weitgehend der Verpflichtung zur Normalität fügt.

Paradigmenwechsel zum Vorrang des Besonderen

Der Übergang von der industriellen Moderne zur Spätmoderne setzt nach Andreas Reckwitz mit der Jugendbewegung der Sechziger ein, und er definiert diesen Wandel über den Umstand, dass sich dabei das Verhältnis der beiden sozialen Logiken umkehrt: Wurde Abweichung, Andersheit, die unfassbare Besonderheit zuvor als Makel gewertet, so gilt sie nach dem Umbruch geradezu als Gütezeichen. In der Gesellschaft der Singularitäten gelten völlig neue Wertmassstäbe: An Gütern beispielsweise interessiert nicht mehr primär ihre Funktion, die sie austauschbar macht, sondern die Differenz, welche sie gegenüber gleichartigen Produkten abhebt. Zentral wird ein ethisch oder ästhetisch fundierter Mehrwert, der ihnen den Status der Einzigartigkeit verleiht. Der Apple-Computer hatte der Konkurrenz gegenüber nur kurzzeitig einen technologischen Vorsprung; sein Erfolg basierte zur Hauptsache auf dem Kultstatus, mit dem Steve Jobs seine Marke zu versehen wusste, indem er ein Image der permanenten Grenzüberschreitung schuf.

Aber auch Menschen werden unter der Logik des Besonderen grundlegend anders bewertet: nämlich nicht mehr nach der formalen Kompetenz oder der Zuverlässigkeit, mit der sie ihre Funktion erfüllen, sondern nach ihrer Bereitschaft, Bewährtes loszulassen, und nach dem Feuer, mit dem sie sich immer wieder ins Unbekannte stürzen. Routine und Repetition finden sich zurückgesetzt; an ihre Stelle rückt die Forderung, aus Kontinuitäten auszubrechen, den Sprung zu wagen. So geniesst auf dem Arbeitsmarkt schliesslich der bunte Hund den Vorzug vor der grauen Maus.

Für Reckwitz ist aber auch klar, dass sich die Arbeitswelt nicht generell in eine „creative economy“ verwandelt hat; selbstverständlich gibt es weiterhin all die Routinejobs, die schlicht dazu dienen, alltägliche Bedürfnisse abzudecken: Coiffeure, Lageristen, Verkäufer oder die Fahrer, die für zahlreiche Lieferdienste die Pakete verteilen. Auch die Gesellschaft der Singularitäten braucht letztlich eine wirtschaftliche Infrastruktur, die funktional sein muss und dementsprechend weiterhin der Logik des Allgemeinen folgt. Doch unter dem Vorzeichen der neuen Wertungen fällt diese Infrastruktur wahrnehmungsmässig in den Hintergrund. Mit ihr stehen denn auch alle darin Beschäftigten im Schatten und müssen sich damit abfinden, dass sie lohnmässig immer weiter zurückfallen.

Gegenkulturen als Schnittstelle des Umbruchs

Der Wandel besteht also nicht darin, dass die herrschende soziale Logik von einer gänzlich neuen abgelöst worden wäre; es ist vielmehr das Verhältnis zwischen zwei bereits bestehenden Wertesystemen, welches sich umkehrt: Die Logik des Allgemeinen verliert ihre dominante Position und fällt in den Hintergrund, die Logik des Besonderen dagegen, die bisher nur Komplement war, übernimmt den Lead.

Eine Schlüsselrolle bei dieser Ablösung kommt nach Reckwitz den Gegenkulturen zu, die sich zwischen den fünfziger und den siebziger Jahren in den westlichen Gesellschaften ausbreiteten. Sie nahmen die individualisierenden Standards aus der Kultursphäre auf, popularisierten sie und trugen so dazu bei, dass sie auch ausserhalb der gebildeten Schichten Aufnahme finden konnten. „Sex, Drugs and Rock’n Roll“, dieser Schlachtruf der 68er, zielt im Kern auf die Befreiung des Individuums von den Zwängen des Allgemeinen. Nicht mehr Funktionieren ist angesagt, sondern Selbstverwirklichung; nicht mehr der Erwerb und Besitz von Gütern steht im Vordergrund, sondern eine postmaterielle Dimension, das heisst die ästhetischen oder ethischen Aspekte an einer Sache. Hier ist bereits die Bedeutung vorgespurt, die heute Biolabels, Fair Trade oder dem Design von Gebrauchsgegenständen zukommt.

Ebenso findet sich in den Gegenkulturen die „Korrosion des Charakters“ angelegt, als die Richard Sennett (Der flexible Mensch, 1998) den Trend zur Flexibilisierung der Menschen bezeichnet hat. Unter der Logik des Allgemeinen hatten die Menschen vor allem beständig zu sein, prinzipientreu und damit berechenbar. Die 68er stellten genau das in Frage; in ihrem Bezugssystem sollten die Einzelnen das Recht haben, sich immer wieder neu zu entwerfen, das Gleis der Kontinuitäten zu verlassen und spontan – aus dem Moment heraus – gegen die Anpassungszwänge eigene Marken zu setzen.

Im Kontext der Jugendrevolte kam die soziale Logik des Besonderen mit einem ausdrücklichen Freiheitsversprechen daher, das es aus heutiger Sicht allerdings zu relativieren gilt. Der Vorrang des „Singulären“, des Einmaligen und Unvergleichlichen hat seinen eigenen Zwangscharakter, bedeutet nämlich die Verpflichtung, sich stets als originell zu inszenieren, und das in einem fluiden Umfeld, wo alles permanent in Bewegung ist, so dass die Trends laufend die Richtung wechseln. Da mitzuhalten ist anstrengend – und längst nicht alle schaffen das.

Spaltung der Gesellschaften

Die industrielle Moderne war gekennzeichnet durch sozialen Ausgleich und eine hohe Stabilität; für beides steht das Konzept des Sozialstaats, das eine Antwort auf die Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre und ebenso auf die Bedrohung durch den Sowjetkommunismus darstellt. Die soziale Logik des Allgemeinen favorisiert Gleichartigkeit, damit Berechenbarkeit sowie überschaubare Verhältnisse; ausserdem stellt sie das Ganze vor die Teile und ist damit auf einen verstärkten gesellschaftlichen Zusammenhalt aus.

Demgegenüber setzt die Logik des Besonderen, welche die Spätmoderne dominiert, praktisch konträre Prioritäten: Singularität ist nur über den Gegensatz herzustellen und mit Dauer kaum verträglich; so zeigt sich eine Gesellschaft, die das Einzigartige bevorzugt, ebenso durch permanenten Wandel charakterisiert wie durch verschärfte Konkurrenz. Die Marktteilnehmer profilieren sich gegeneinander, indem sie unausgesetzt Neues schaffen. Das macht ihren Erfolg natürlich äusserst volatil und berechtigt sie dazu, ihn finanziell weidlich auszukosten. Reckwitz spricht in diesem Zusammenhang von Winner-takes-it-all-Märkten, das sind Märkte, in denen absahnt, wer gerade die Nase vorn hat. Es versteht sich von selbst, dass diese wirtschaftliche Logik zu einer zunehmend ungleicheren Verteilung der Einkommen führt, damit aber auch zu einer neuen sozialen Spaltung.

Reckwitz zufolge lässt sich die Gesellschaft der Singularitäten etwa in drei Drittel aufteilen, wobei er ausdrücklich das eine Prozent der Superreichen ausklammert. Das erste Drittel bildet die neue Mittelschicht; ihre Angehörigen sind gut – zumeist akademisch – ausgebildet und in der „creative economy“ beschäftigt, wo fast ausschliesslich die Logik des Besonderen herrscht. Sie sind die eigentlichen Profiteure des Umbruchs; demzufolge identifizieren sie sich auch vollumfänglich mit den neuen Spielregeln. So zeichnet diesen Teil der Mittelschicht das Bekenntnis zu Offenheit, zu Wandel wie auch zu Konkurrenz aus, also jene Grundhaltung, die in den letzten drei Jahrzehnten tatsächlich die Leitlinien in der Wirtschaft wie der Politik bestimmt hat.

In der Mitte verortet Reckwitz die alte Mittelschicht; deren Angehörige arbeiten vorwiegend in Wirtschaftsbereichen, welche lebensnotwendige Güter produzieren und alltägliche Dienstleistungen anbieten. Diese Bevölkerungsgruppe ist stark von der Zurücksetzung betroffen, welche alle bloss repetitiven Tätigkeiten erfahren haben; sie bekommen diese Zurücksetzung einmal in Bezug auf ihre wirtschaftlichen Aussichten zu spüren, vor allem aber auch daran, dass ihre kulturellen Orientierungen abgewertet wurden. Denn diese Schicht ist in ihrem Denken noch vorwiegend der Logik des Allgemeinen verhaftet; sie trauert der verlorenen Stabilität nach, fürchtet zudem die Folgen der verschärften Konkurrenz und muss darum hinnehmen, dass sie als rückständig eingestuft wird. Eine ganz ähnliche Befindlichkeit zeigt sich nach Reckwitz auch in jenen Teilen der Unterschicht, die sich – teils unter prekären Bedingungen – noch bemühen, mit der Entwicklung Schritt zu halten.

Vom Übergang in die Gesellschaft der Singularitäten profitieren keineswegs alle; er bringt eine beträchtliche Menge an Verlierern hervor – und in den populistischen Bewegungen formiert sich aktuell deren Widerstand. Diese konservative Opposition erhebt Einspruch gegen die „liberal-apertistische“ Haltung der neuen Mittelschicht, von der sich ihre Träger auf der wirtschaftlichen genauso wie auf der kulturellen Ebene zurückgesetzt sehen. Letztlich geht es den Populisten darum, wieder vermehrt die soziale Logik des Allgemeinen zur Geltung zu bringen, in der sie sich beheimatet fühlen. Deshalb die forcierte Betonung von Tradition, von Leitkultur und Gemeinschaftlichkeit, deshalb auch die Forderung nach neuen Grenzen, moralischen sowieso, aber immer stärker auch räumlichen.

Rechte Identitätspolitik kollidiert mit der linksliberalen Verpflichtung auf Offenheit; dieser Kulturkampf der Gegenwart lässt sich mit Reckwitz als Zusammenprall gegensätzlicher sozialer Logiken begreifen. Der Soziologe verzichtet darauf, Prognosen bezüglich des Ausgangs zu machen; er enthält sich auch einer politischen Stellungnahme, doch seine präzise Begrifflichkeit könnte durchaus dabei helfen, Auswege aus dem aktuellen gesellschaftlichen Dilemma zu formulieren.

Fazit: „Die Gesellschaft der Singularitäten“ ist ein höchst lesenswertes Buch – für alle, die verstehen möchten, wie die spätmoderne Gesellschaft tickt, wovon sie sich absetzt und welche „bugs“ sich in ihrem Programm verstecken.

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten, Suhrkamp 2017, 480 S.

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