Genderspeak auf dem Prüfstand

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Genderspeak auf dem Prüfstand

Von Urs Meier, 12.06.2014

«Inklusive» oder «gendergerechte» Sprache ist unpraktikabel, wirkungslos und verschleiert tatsächliche Ungleichheiten.

In der Zeitschrift «Merkur» ist im Dezember 2013 und im Juni 2014 in Form zweier längerer Sprachkolumnen eine Studie von Daniel Scholten erschienen. Sie will die «gendergerechte» Sprache als überflüssige, ja sogar schädliche Mode entlarven. Scholtens Überlegungen seien hier in kurzer (und entsprechend unvollständiger) Form referiert.

Indogermanische Sprachen verwenden Suffixe für die sogenannte Motion. Dieser Begriff bezeichnet in der Sprachwissenschaft eine Ableitung von Stammwörtern, die dazu dient, Frauen speziell zu bezeichnen, also: «Lehrerin», abgeleitet von «Lehrer». Die Forderung, solche Ableitungen konsequent anzuwenden, wurde bekanntlich Teil eines sprachpolitischen Programms. Es verfolgt das Ziel, die angeblich verbal zum Verschwinden gebrachten Frauen unübersehbar zu machen.

Dieses Programm wird in vielen Verwaltungen, Organisationen und Unternehmen mittels bindenden Regelwerken durchgesetzt. So darf etwa eine Stellenausschreibung nicht mehr mit «Geschäftsführer» betitelt werden, sondern die «Geschäftsführerin» muss explizit zusätzlich genannt sein, sei es als vollständiges Wort oder in einer der vielen schon probierten Kurzschreibungen.

Das Argument solcher Sprachpolitik, ein bloss mit «Geschäftsführer» überschriebenes Inserat schliesse Frauen von der Bewerbung faktisch aus, dürfte für ein heutiges Sprachbewusstsein meistens zutreffen. Allerdings liegt ein solches Verständnis nicht in allen Fällen nahe, und bis vor relativ kurzer Zeit war es generell nicht üblich.

Mit einer sprachgeschichtlichen Herleitung zeigt Scholten, dass die auf «-er» endenden Kollektiva mit männlichem Genus entgegen heute gängiger Meinung an sich keine Gender-Aussage enthalten. Dass «Geschäftsführer» zwingend nur Männer, dass also sprachliches und biologisch-gesellschaftliches Geschlecht immer das gleiche seien, ist eine moderne, noch gar nicht lange kursierende Fehldeutung. Sie rührt daher, dass der Sprache eine Logik unterstellt wird, die sie nun einmal nicht hat.

Das Genus ist in der Urform, in welcher alle indogermanischen Sprachen wurzeln, bloss ein Organisationsprinzip der Wortbildung. Mit Geschlecht – oder moderner: Gender – hat es nichts zu tun. Vom Ur-Indogermanischen her haben deutsche Kollektiva oft das männliche Genus und die Endung «‑er». Ein Wort wie «Geschäftsführer» enthält in dieser historischen – und bis vor kurzem im Sprachgebrauch noch geläufigen – Lesart keinerlei Information über das Geschlecht der so bezeichneten Personen. Das in der Ableitung zugefügte Suffix «‑in» jedoch schon.

Scholten hält die sprachpolitisch geforderte Hinzusetzung der weiblichen Form dann für sinnvoll, wenn Frauen speziell hervorgehoben werden sollen; generell zwingend sollte sie auch heute nicht sein. Erst die eherne Regel, beide Formen zu brauchen, macht nämlich aus dem hinsichtlich Gender nicht festgelegten «Geschäftsführer» zwingend eine Bezeichnung ausschliesslich für Männer. Eine solche Festlegung widerspricht nicht nur der Sprachgeschichte (auch neueren); sie ist vor allem für den Sprachgebrauch nicht sinnvoll.

Eine Formel wie «Bürgerinnen und Bürger» wäre angebracht, sofern es noch nicht selbstverständlich wäre, Frauen die Bürgerschaft zuzuschreiben. Als vermeintliches Äquivalent zu «Damen und Herren» entspringt sie jedoch einem sprachgeschichtlichen Missverständnis – auch wenn sie heute im Begriff ist, sich umgangssprachlich so etablieren.

Wie wacklig künstliche sprachpolitische Reglementierungen sind, zeigt sich schon in ihrer Inkonsequenz: Warum wird der männliche Plural «die Beamten» nicht beanstandet? Warum kapitulieren die Genderregeln vor den meisten zusammengesetzten Begriffen? Warum wird die weibliche Form beim Kollektivum «die Betrüger» nicht eingefordert?

Wirklich kritisch wird es bei der Anwendung von Genderregeln in der gesprochenen Sprache. Die stetige Verdoppelung der Begriffe ist umständlich und unschön. Wer unbefangen spricht, redet nicht so. Vollends nicht artikulierbar und deshalb unpraktikabel sind die grossen Binnen-I, Schrägstriche, Unterstriche, Sternchen und andere Kunstgriffe im Dienst vermeintlicher Gendergerechtigkeit. Die Richtigkeit von Sprache erweist sich stets im Sprachgebrauch – gerade auch dem mündlichen. Diesen Praxistest bestehen die sprachpolitischen Regeln offensichtlich nicht. Was nicht Sprachgebrauch werden kann, ist sprachlich nicht gültig.

Um nicht dauernd verdoppeln zu müssen, empfehlen die Leitfäden und Reglemente ausdrücklich auch Partizipialkonstruktionen. Der Trick, «Studenten» zu «Studierenden» oder «Wähler» zu «Wählenden» zu machen, führt jedoch fast immer zu einem Verlust an sprachlicher Genauigkeit. Wähler und Wählende sind ebensowenig dasselbe wie Studenten und Studierende. Auch zwischen Antragstellern und Antragstellenden, Einwanderern und Einwandernden sind die Unterschiede bedeutungstragend: Die erste Form bezeichnet einen Status, die zweite eine Tätigkeit. Solche Nuancen sollten nicht sprachlich eingeebnet werden.

Scholten als ausdrücklicher Befürworter von Förderung und Gleichstellung der Frauen hält die in vielen Bereichen längst durchgesetzten Sprachregeln nicht nur für nutzlos, sondern für kontraproduktiv. Genderspeak, so seine Beobachtung, korrigiert keineswegs den Missstand, dass Frauen in Machtpositionen nach wie vor untervertreten sind; vielmehr verschleiert diese Mode die Ungleichheiten.

Wie wenig sprachliches Genus und gesellschaftliche Gendersituation miteinander zu tun haben, unterstreicht Scholten anekdotisch mit dem Hinweis, dass Island und Schweden – Länder mit Top-Plazierungen in den Gleichstellungs-Ratings – keinerlei Genderspeak betreiben, sondern ihre vielen erfolgreichen Frauen selbstverständlich als Präsident, Direktor oder Professor bezeichnen. Das Türkische wiederum kennt kein Genus und nur ein Pronomen. Wenn das Konzept der gendergerechten Sprache funktioniert, so muss dort die ideale Gleichberechtigung herrschen.

 

Daniel Scholten: Der Führerin entgegenarbeiten, Merkur Nr. 775, Dezember 2013 (Download gegen Bezahlung)

Daniel Scholten: Gendersprech, Merkur Nr. 781, Juni 2014 (Gratis-Download)

Daniel Scholten betreibt das Webmagazin «Belles Lettres» für deutsche Sprache, Grammatik und Stilistik. 

wohltuend! danke

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