Geld ist nur ein schöner Schein

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Geld ist nur ein schöner Schein

Von René Zeyer, 06.06.2014

Tilt nennt man beim Pokern ein aggressives und unkonzentriertes Spiel nach Verlusten. Genau so verhält sich die EZB. Sie ist tilt.

Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), hat gesprochen. Der Leitzins, zu dem sich Banken bei der EZB Geld leihen können, wird auf 0,15 Prozent gesenkt. Das ist eine Steigerung von gratis, also unerheblich. Der Einlagensatz, also der Zins für kurzfristig bei der EZB geparktes Geld, wird von 0 auf minus 0,1 ins Negative verschoben. Da dort im Schnitt nur mehr rund 40 Milliarden Euro liegen, vielleicht psychologisch interessant, aber unerheblich.

Die Giesskanne schüttet weiter

Zudem können sich Banken über 2015 hinaus unbegrenzt mit Liquidität bei der EZB versorgen. Zudem will die EZB verbriefte Unternehmenskredite bis zu 400 Milliarden Euro aufkaufen. Das sollte strafbar sein, denn man kennt sie besser als Asset Backed Securities (ABS), und die waren eine der Ursachen für die Finanzkrise 1 im Jahr 2007/2008.

Schliesslich will die EZB den Banken besonders billige Kredite in der Höhe von mindestens 400 Milliarden Euro zur Verfügung stellen, wenn diese als Darlehen an Unternehmen oder Haushalte weitergereicht werden. Dass ist absurd, denn billiges Geld war nicht nur die Hauptursache der Finanzkrise 1, sondern ist seither sowieso im Überfluss vorhanden.

Definition von tilt

Diese Methode gleicht dem Versuch, einen Drogenabhängigen damit zu heilen, indem man ihn mit Methadon überschwemmt. Wenn billiges Geld die Ursache der Krise war und ist, wie soll es dann plötzlich zur Lösung werden?

Tilt nennt man beim Pokern ein aggressives und unkonzentriertes Spiel nach Verlusten. Genau so verhält sich die EZB. Sie ist tilt.

Wenn Geld immer billiger wird, dann gewinnen alle Schuldner. Und alle Gläubiger verlieren. Alle Sparer, alle Einzahler in Rentensysteme, alle Besitzer einer Lebensversicherung. Also wir alle. Zinsen sind ja kein Übel, sondern normalerweise die Risikoprämie, die jemand bekommt, wenn er sein Geld aus der Hand gibt. Zudem stellen Zinsen eine natürliche Hürde für allzu wildes Geschäften dar.

Wenn jemand weiss, dass er für aufgenommenes Geld Zinsen in der Höhe von mindestens 8 Prozent, inflationsbereinigt, zahlen muss, dann überlegt er gut, ob er diesen Ertrag auch erwirtschaften kann. Wenn eine Bank Geld umsonst bekommt, und zwar in Hülle und Fülle, wieso soll sie gross darüber nachdenken, ob sie damit nicht ins Zockercasino geht? Ach, wegen des Risikos, dass dort das Geld auch völlig verloren gehen kann? Aber wofür ist sie denn «systemrelevant»? Richtig, für genau diesen Fall. Und da kommen wir zu einem Kernproblem der EZB-Giesskanne.

Die Altlasten

In Europa gibt es jede Menge Zombie-Banken. So nennt man Geldhäuser, die nur überleben können, weil sie Mitglied eines Trio infernal sind. Das besteht aus verlumpenden Staaten, die unter eigentlich unbezahlbaren Staatsschulden ächzen. Banken, die Staatsschuldpapiere in den Büchern haben, die eigentlich auf gegen Null abgeschrieben werden müssten. Und einer Notenbank EZB, die sie zum Nominalwert als Sicherheiten für Gratisgeld akzeptiert. Ein wahrer Teufelskreis, aus dem keine der EZB-Massnahmen herausführen kann.

Alte Probleme, die durch unsichere Kredite in den Büchern der Banken lasten, durch neue Geldschwemme lösen zu wollen, hat in der Vergangenheit nichts gefruchtet, es wird auch jetzt nichts nützen. Wenn eine marode Bank Geld noch billiger bekommt, weil sie dafür marode Kredite als Sicherheit hinterlegen kann, ist die Schwerkraft im Finanzsystem aufgehoben.

Die gute Nachricht ist, dass so alles in der Schwebe gehalten werden kann. Die schlechte, dass es ein klassisches Schneeballsystem ist. Und das kann seinen Anfangsfehler, seine Fehlkonstruktion, niemals wieder reparieren. Er besteht darin, dass Staaten unbezahlbare Schulden aufgenommen haben und neue Staatsschuldpapiere nur loswerden, weil sie ihnen von Banken abgekauft werden, die wissen, dass die EZB ihren Wert garantiert.

Die Feuerkraft einer Notenbank

Wären viele europäische Staaten privatwirtschaftliche Unternehmen, hätten sie schon längst bankrott erklären müssen. Wäre die EZB eine normale Bank, hätte sie schon längst die Bücher deponieren müssen. Würde sich das Finanzsystem so verhalten, wie es in allen Wirtschaftstheorien beschrieben wird, hätten wir schon längst eine galoppierende Inflation.

Eine kleine haben wir allerdings bereits. Kein Sparer, der nicht bedeutende Risiken eingehen will, bekommt Ertrag auf seinem ausgeliehenen Geld. Schlimmer noch, die neuerliche Senkung des Leitzinses wird ihn alleine in Deutschland mehrere Milliarden kosten, weil er noch mehr Geld damit verliert, Geld zu verleihen. Es in die Matratze zu stopfen, nützt ihm auch nichts, auch da knabbert die momentan noch kleine Inflation dran.

Aber ist das nicht wieder zu pessimistisch? Schliesslich jubelt doch die Börse, der deutsche Dax hat zum ersten Mal kurzfristig die Schwelle von 10'000 Punkten überschritten. Da kann doch auch der Kleinanleger mitverdienen. Das ist aber leider ein gefährlicher Trugschluss, denn dieses Börsenwunder ist nur möglich, weil Geld gar nicht mehr weiss, wo es angelegt werden kann. Jede Leitzinssenkung befördert selbstverständlich die Börsenkurse, denn wer möchte noch in festverzinsliche Wertpapiere investieren, wenn die keine Zinsen mehr abwerfen? Daraus entsteht dann ein Börsenstrohfeuer.

Der Crash

Immer wieder fassen mehr oder minder begabte Apokalyptiker alle Argumente zusammen, die belegen, dass es zu einem gewaltigen Crash kommen wird und muss. Sie haben natürlich grundsätzlich recht. Unterschätzen aber, dass wir wirklich finanztheoretisches Neuland betreten. Noch niemals wurde dermassen viel Neugeld von Notenbanken hergestellt, ohne dass es zu einer galoppierenden Inflation kam. Noch niemals waren dermassen viele wirtschaftlich bedeutende Staaten dermassen überschuldet, ohne dass es zu Staatsbankrotten kommt.

Die einzig sichere Zukunftsprognose ist also: Wenn Ursache und Wirkung, Logik und Deduktion in Gelddingen Gültigkeit haben, wird es zum Crash kommen. Ob der allerdings in den nächsten sechs Monaten, in fünf Jahren oder noch später stattfindet, das ist, hier ist dieses beliebte Bankerwort angebracht, absolut und vollständig unvorhersehbar. Vielleicht wird es die Generation 50+ auch gar nicht mehr erleben. Das vermag doch wenigstens alle zu trösten, die die Zielgruppe «jung, dynamisch, chancenlos» schon hinter sich gelassen haben.

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Kommentare

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Ein Artikel an dem nur die Überschrift - Geld ist nur ein schöner Schein - richtig ist.

Wer das Zins- Zinseszinssystem verstanden hat - und ich nehme dem Autor nicht ab das er es nicht verstanden hat - der kann sich niemals für DAS Macht- Unterdrückungs- Versklavungsmittel aussprechen.

Wer das Zins- Zinseszinssytem nicht verstanden hat und wem es zu kompliziert erscheint, der muß nur eines wissen oder kennen - den Josephs-Pfennig.

Aus einem Pfennig zu 5% verzinst, wären nach 2.000 Jahren genau

36.974.065.803.977.600.196.249.671.448.280.835.513.349.511.214.293.330.299.977.728,00.- DM geworden.

Es ist mir zu aufwändig zu jeder Behauptung aus dem Artikel eine Richtigstellung zu verfassen, insbesondere da das Beispiel Josephs-Pfennig alles aussagt was zum Zinseszinsystem gesagt werden muß.

Zitat
"Wenn jemand weiss, dass er für aufgenommenes Geld Zinsen in der Höhe von mindestens 8 Prozent, inflationsbereinigt, zahlen muss, dann überlegt er gut, ob er diesen Ertrag auch erwirtschaften kann."

Der braucht gar nicht mehr überlegen, der muß das "Geschäft" sein lassen. Wenn er aber keine Zinsen zahlen muß und z.B. 500.000 Euro Jahresumsatz macht, wobei diese 8% als Nettogewinn - gemeint ist cash inne Täsch - hängenbleiben, der braucht dann bei einem Jahres"gehalt" von 40.000 € Netto nicht mehr lange überlegen.

Zitat
"Der Einlagensatz, also der Zins für kurzfristig bei der EZB geparktes Geld, wird von 0 auf minus 0,1 ins Negative verschoben. Da dort im Schnitt nur mehr rund 40 Milliarden Euro liegen, vielleicht psychologisch interessant, aber unerheblich."

Ich will es mal so verdeutlichen. Bei 0,1% Zinsen der Summe 40 Mia., reden wir über lächerliche 4 Millionen Euro pro Jahr.

Das ergäbe bei einer Lebenserwartung von 90 Jahren, jedes Jahr - und zwar von der Wiege bis zur Bahre - 44.444,44 Euro, also im Monat 3.703,70 Euro. NETTO!

Alles klar?...

Nicht? Dann sei noch erwähnt, daß Geld auch in noch so abgelegenen Ecken und dunklen Tresoren keine Kohabitation ausführt. Das heißt also, daß weltweit zig Milliarden - welcher Währung auch immer - jährliche Zinszahlungen ERARBEITET werden müssen. Und zwar von denen, die für ihr Geld, für ihr nacktes Überleben auf's Härteste arbeiten müssen.

Das die Nutznießer die selbst keinerlei Arbeit für diese Zinsgaben - die sie von Anderen durch deren Hände Arbeit erhalten - jede noch so abstruse und unlogische Fürsprache halten, versteht sich von selbst. Schließlich haben die genug "Arbeit" damit, sich zu überlegen wie viel Meter die jährliche neue Luxusyacht nun haben soll und die Wochenlangen Gedanken über Ausstattung etc. pp nehmen ja auch eine Menge Zeit in Anspruch und überhaupt ist "Kopfarbeit auch Arbeit"...

Ich sehe es bildlich gesprochen so:
Ein Autofahrer, der sinnbildlich für die EU steht, knallt 2008 mit 3 Promille mit voller Wucht frontal gegen einen anderen Autofahrer, also die Banken, die 4 Promille intus haben.
Und nun sind beide verletzt auf Fahrerflucht und versuchen ihr totales Versagen zu überdecken, in dem sie mit kreativen Mitteln versuchen sich der Polizei, versinnbildlicht für das Volk, zu verstecken. Im Wissen, dass es eines Tages auskommt. Und gestern war es nun soweit.

Der Crash passierte also bereits, bei Lehmann 2008. Zwar investierten Staaten Billionen die Banken um den Bankrun abzuwenden, aber es half letztlich nichts, weil die Banken das Geld nicht zurück in die Wirtschaft pumpten. Hätten die Staaten diese gigantischen Summen gleich in die Wirtschaft oder gar ins Volk gesteckt wäre die Krise vielleicht längst überwunden.
Dazu kam, dass man nichts lehrte, man regulierte die Banken nicht nachhaltig, wie man es laut ankündigte. Investment Banken agieren genau so weiter wie vor 2007. US Ratingagenturen arbeiten für politische Interessen, die anscheinend gegen die EU waren und manipulieren an den Zinsen herum.

Mario Dragi, ein ehemaliger Goldmann Sachs Mitarbeiter, also genau von der Bank, die Griechenland half ihre Schulden vor der EU zu verstecken, und gewissermassen als Trojanisches Pferd in die EU geschleust wurde und so die EU Krise parallel zur Blase in den USA los trat. Zwar wussten alle Involvierten, dass es ohne Regulierungen längerfristig nicht gut kam, aber durch Goldmann Sachs wurde die Büchse geöffnet. Dieser Mann hatte gestern angekündigt, dass die EZB den Banken ihre Sünden abnimmt und wird so selbst zu einem der schlimmsten Badbanken der Geschichte. Mit der vollen Deckung des Europäischen Volkes.

Meines Erachtens sitzt da der falsche Mann an der EZB, denn er arbeitet den Finanzinstituten zu und nicht der Wirtschaft. Denn Wirtschaft erarbeitet das Wachstum und nicht die Banken, die doch nur weiter Giralgeld, Wetten und was weiss ich Produzieren, was die Krise letztlich noch weiter anheizt.

Und das Schlimme ist, dass es mit den gestrigen Massnahmen theoretisch noch Jahrzehnte so weitergehen kann. Aber ich glaube dies nicht. Das Volk wird Reformen fordern, wenn sich nichts verändert. Die Vollgelinitiative kam auch nicht ohne Grund. Wenn diese Reformen nicht greifen, oder gar nicht erst geplant sind, wird es zu einem Putsch kommen. Die ersten Anzeichen für diese These sind in den EU Wahlen deutlich zu sehen.

Wie werden die Sparer nun reagieren, wenn sie dafür bezahlen, dass sie der Bank ihr Geld geben? Kommt es zu einem Bankrun, der die Situation nochmals verschärft oder gleich den Todesstoss versetzt?

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