Gedanken riechen und Worte schmecken

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Gedanken riechen und Worte schmecken

Von Annette Freitag, 17.06.2019

Viel zu lang hat man ihn auf der Bühne in Zürich nicht mehr gesehen. Viel zu lang mussten seine vielen Fans auf den Publikumsliebling warten. Viel zu lang dauerte die Hampson-lose Zeit in Zürich ...

Jetzt war er wieder da – und er kommt bald wieder: Thomas Hampson, einer der weltbesten Baritone, einer, dem die Herzen jahrelang auch in Zürich zuflogen.

Dann, mit dem Intendantenwechsel von Pereira zu Homoki war erst mal Schluss. Wer Hampson sehen und hören wollte, musste ihn an anderen Orten suchen.

Nun ist die Hampson-lose Zeit vorbei. Am Wochenende leitete er einen Meisterkurs für junge Sängerinnen und Sänger (und deren Begleitung am Klavier) in der Zürcher Hochschule für Künste, ZHdK, organisiert vom Verein der «Freunde des Liedes». Und nur ein paar Tage später steht er auch selbst wieder auf der Bühne des Opernhauses mit einem Liederabend. Und sozusagen als Krönung wird Thomas Hampson im kommenden Frühling in der Uraufführung der Oper «Girl with a Pearl Earring» wieder auf die Bretter des Opernhauses zurückkehren, als Maler Jan Vermeer, der das berühmte Porträt des jungen Mädchens mit einem Turban in  Delfter Blau, und eben mit diesem Perlen-Ohrring gemalt hat. Komponist dieser Oper ist übrigens ein Schweizer: Stefan Wirth, der auch schon mit Heinz Holliger, Christoph Marthaler oder Frank Castorf zusammengearbeitet hat.

Und nun steht er auf der Bühne des Konzertsaals 3-Ebene 7 in der ZHdK im Toni Areal: Thomas Hampson, der Amerikaner, der so gut deutsch spricht und Lieder auf Deutsch so wunderbar interpretiert, ist beeindruckt vom Saal und erzählt gleich mal ein bisschen aus der Erinnerung an seine Zeit in Zürich. Damals, als Claus Helmut Drese Intendant in Zürich war, habe ihn der Regisseur Grischa Asagaroff in San Francisco gehört und in die Schweiz geholt. Das war 1984. «Ich kann mich gut erinnern, wie ich Nikolaus Harnoncourt erst mal vorsingen musste …» Die jungen Nachwuchssänger sehen: auch die Grossen mussten probesingen. Da muss man durch.

Gedachtes hörbar machen

Als erste tritt eine junge Mezzosopranistin an, die Lieder von Brahms und Zemlinsky vorbereitet hat. Lieder zu singen bedeute für sie, in fremde Welten einzutauchen, andere Charaktere darzustellen und deren Geschichten zu erzählen, so steht es im Programmheft. Nun singt sie «Die drei Schwestern», nach einem Gedicht von Maurice Maeterlinck mit der Musik von Alexander Zemlinsky. «Sehr gut!», lobt Hampson die junge Frau. Aber in einer Meisterklasse geht es darum, noch ein bisschen besser als gut zu werden, den Inhalt noch ein bisschen klarer zu vermitteln.  Dazu gehört einerseits die Haltung, wie man auf der Bühne steht, wie man atmet und sich bewegt, dann geht es aber auch darum, die Worte der Gedichte auf die Goldwaage zu legen. «Für mich ist es phänomenal und fundamental», sagt Hampson über das Zusammenspiel von Wort und Melodie. «Ein Lied ist Musik und Dichtung als Einheit. Es gibt keine Prioriät des einen gegenüber dem anderen. Es gehört zusammen.»

Die Worte Antonio Salieris, «prima la musica poi le parole» – zuerst die Musik, dann die Worte – das gehöre definitiv nicht zum Lied.

«Wir als Künstler haben die Aufgabe, das was gedacht wurde, hörbar zu machen», so Hamspon. Hörbar und fühlbar, denn Musik erweitert die Wahrnehmung. «Man muss Gedanken riechen und Worte schmecken können», sagt Hampson. «Es geht nicht darum, ein paar Informationen nüchtern wie in den Acht-Uhr-Nachrichten zu vermitteln», mahnt Hampson.

Denkanstösse und handfeste Tipps

Man ahnt, auch wenn man nur im Publikum sitzt und nicht auf der Bühne steht, wie schwierig, wie anspruchsvoll und wie heikel die hohe Kunst des Liedsingens ist. Ganz kleine Finessen sind es mitunter, die dem Inhalt des Gedichtes eine andere Gewichtung geben.

«Im ‘Doktor Faust’ von Ferruccio Busoni heisst es: ‘wir kommen, um zu gehen’» zitiert Hampson und fährt fort: «Was dazwischen liegt, ist wichtig …!»

Was Thomas Hampson den jungen Nachwuchssängerinnen und -Sängern mit auf den Weg gibt, sind vor allem Denkanstösse, natürlich auch ein paar handfeste Tipps. Thomas Hampson switcht von Deutsch zu Englisch und wieder zurück, alles in einem Atemzug. Der Verständigung tut dies keinen Abbruch.

Thomas Hampson weiss jedenfalls, von was er spricht. Neben seiner grossen Erfahrung auf der Bühne ist er unter anderem auch künstlerischer Leiter der Liedakademie in Heidelberg und arbeitet eng mit der Barenboim-Said-Stiftung für junge Musiker zusammen.

Zum Glück doziert er aber nicht nur, sondern steht nach wie vor selbst auf der Bühne. Und singt.  Wie jetzt in Zürich …

Liederabend Thomas Hampson
mit Mahler, Bernstein u.a.
Opernhaus Zürich
19. Juni 2019

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