Gautier Capuçon - ein Cello und eine hebräische Rhapsodie

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Gautier Capuçon - ein Cello und eine hebräische Rhapsodie

Von Annette Freitag, 08.01.2016

Eine spannende Kombination für ein Konzert, das ebenso spannend zu werden verspricht.

Für die französische Zeitschrift „Paris Match“ ist Gautier Capuçon ganz einfach der „verführerischste Musiker“. Klar: er ist Franzose, sieht gut aus, ist mit seinen 34 Jahren noch jung und spielt hinreissend Cello. Da kann man durchaus ins Schwärmen kommen… Das hat man natürlich auch ausserhalb von Frankreich gemerkt und so ist Gautier Capuçon mehr draussen in der Welt unterwegs als in der Heimat. Und in dieser Saison ist er auch immer wieder in der Schweiz. Am 13. und 14. Januar zum Beispiel im Luzerner KKL.

Gautier Capuçon (Foto: Michael Tammaro licenced to Virgin Classics)
Gautier Capuçon (Foto: Michael Tammaro licenced to Virgin Classics)

Hommage an den Komponisten Ernest Bloch

„Schelomo“ heisst das Stück, das er dann mit dem Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung des russischen Dirigenten Andrey Boreyko aufführt. „Ah… das ist ein ganz aussergewöhnliches Werk“,  sagt er bei seinem kurzen Besuch in Zürich. „Eine hebräische Rhapsodie, absolut überwältigend und voller Emotion.“ Komponist ist Ernest Bloch, ein Schweizer, der allerdings etwas in Vergessenheit geraten ist. Geboren 1880 in Genf, hatte er später in  Amerika einigen Erfolg als Komponist und Dirigent und machte sich auch als Fotograf einen Namen.

„Schade, dass man ihn kaum mehr kennt“, bedauert Capuçon. „Uns Cellisten ist er hingegen ein Begriff. Unter anderem wegen seines Stücks ‚Prière‘ und natürlich wegen  ‚Schelomo‘. Ich war noch ganz jung, als ich eine Aufnahme von Leonard Rose mit dem Philadelphia Orchestra davon gehört habe. Für mich ist es eine der schönsten Versionen von ‚Schelomo‘. Später hat mich mein Cello-Lehrer Philipp Muller auf die Einspielung von Zara Nelsova aufmerksam gemacht. Ich hatte noch nie von ihr gehört, sie war eine kanadische Cellistin russischer Abstammung und Ernest Bloch hatte sie ausgewählt, um die erste Plattenaufnahme des Stücks zu machen. Das muss man sich anhören: es ist sehr, sehr schön!“

So hat sich Gautier Capuçon schon in jungen Jahren intensiv mit dem Stück beschäftigt und freut sich jetzt darauf, es in Luzern zu spielen und dem Publikum Gelegenheit zu geben, das ungewöhnliche Werk ebenfalls zu entdecken.

Französische Allianz

Zurzeit ist Gautier Capuçon alleine unterwegs. Sein Bruder Renaud ist Geiger und regelmässig treten die Brüder Capuçon auch gemeinsam auf. Aber zu oft soll es dann doch nicht sein. In Zürich ist Gautier Capuçon zu Beginn der Saison das erste Mal mit dem Tonhalle –Orchester aufgetreten, das neuerdings unter der Leitung eines anderen jungen Franzosen steht, Lionel Bringuier. Da gibt es also so etwas wie eine französische Allianz. „Wir haben natürlich schon oft zusammen gespielt und auch eine CD aufgenommen. So hat es mich sehr gefreut, endlich auch einmal in der Tonhalle und mit diesem grossartigen Orchester  zu spielen, und zwar zusammen mit der wunderbaren Geigerin Lisa Batiashvili.“ Die beiden werden im Frühling auch zusammen mit Bringuier und dem Tonhalle-Orchester auf eine Europa-Tournee gehen.

Liebe auf den ersten Blick

Heute lebt Gautier Capuçon in Paris, geboren wurde er aber in Chambéry in Savoyen, nah an Italien, nah an der Schweiz. Der Vater war beim Zoll, die Mutter musikbegeistert. Der grosse Bruder Renaud Capuçon lernte Geige und für Gautier bedeutete das Cello Liebe auf den ersten Blick. Der tiefe, sonore und geheimnisvolle Klang dieses Instruments hatte es ihm angetan. Damals war er fünf Jahre alt.

Als Teenager kam er nach Paris ans Konservatorium und verliebte sich gleich wieder. Diesmal in Dauphine, eine Studienkollegin. Das ist fast zwanzig Jahre her und seither sind die beiden zusammen. Inzwischen sind noch zwei kleine Töchter dazu gekommen.  Die sechsjährige Fée spielt bereits eifrig Geige, die dreijährige Sissi liebäugelt mit dem Cello. „Aber sie ist noch so klein“, sagt er, „und ich will die beiden zu nichts drängen“. Voller Stolz und Zärtlichkeit spricht er von seinen Töchterchen. „Es liegt mir viel daran, ihnen die Musik näher zu bringen. Ein Instrument  spielen zu können, ist eine grosse Chance und wie ein Wunder. Aber wer weiss, vielleicht hören sie nach drei, vier Jahren wieder auf … mal schauen…“

Arbeit und Glück

Als Solist ist man viel unterwegs und als Cellist immer in Gesellschaft eines grossen, sperrigen Instruments, das man unterwegs selbst buckeln muss.. „Das kann ganz schön anstrengend werden, vor allem für den Rücken. Und dann die langen Reisen. Manchmal sitzt man zehn, zwölf Stunden im Flugzeug, nach Asien oder Amerika, das ist nicht einfach. Immer wieder ein anderes Hotel, ein anderes Repertoire, ein anderes Orchester…. Hochleistungssportler werden von Ärzten und Physiotherapeuten betreut, bei Musikern denkt man erst an die körperliche Belastung, wenn die Rückenprobleme schon da sind…“

Und gerade das Cello, so Capuçon, beanspruche beim Spielen viel mehr und andere Muskeln, als ein sogenannt normaler Beruf. Beklagen will er sich jedoch auf keinen Fall. Im Gegenteil. „Es ist doch ein grosser Luxus, wenn man Musik machen kann zusammen mit Kollegen, die man schätzt, die man gern hat und mit denen man auch befreundet ist. Unter solchen Bedingungen zu arbeiten, ist doch grossartig. Das ist keine Arbeit, das ist Glück!“

Manchmal bedauert er, die Orte, an denen er auftritt, nicht besser kennenzulernen. „Man kommt an, man hat Probe, man ruht sich etwas aus und alles konzentriert sich nur auf ein Ziel: das Konzert.“ Mitunter, so fügt er bei, sei man da schon ziemlich allein. Immerhin: „Man hat Gelegenheit, ein Land durch seine Küche kennenzulernen und man hat immer wieder neue Begegnungen. Das ist unglaublich manchmal, wenn man sich auf Anhieb versteht. Das sind Momente voller Überraschung und Magie“. Und immer öfter trifft er auch auf Dirigenten und Orchester, mit denen er bereits zusammengearbeitet hat, Charles Dutoit etwa, Lionel Bringuier, Bernard Haitink oder jetzt in Luzern Andrey Boreyko.

130 bis 150 Konzerte kommen pro Jahr so ungefähr zusammen. Das ist viel Musik. Vom Barock bis zu zeitgenössischen Werken. Und wie ist es, wenn er nicht selbst Musik macht? Hört er dann andere Musik? „Zu 99 Prozent höre ich klassische Musik. Ach, ich würde gern öfter in Konzerte gehen, Sinfonien hören, Opern besuchen, ein Ballett oder einen Liederabend geniessen. Daneben habe ich aber auch sehr gern Jazz. Und weil meine Töchter ganz vernarrt ins Tanzen sind, hören wir zuhause viel Ballettmusik oder Musik von Disney…“ aber da muss er selbst lachen, wissend, dass auch diese Phase vorübergeht.  „Ja und ich laufe ja so gern, also wenn ich am Joggen bin, dann höre ich Rock…!“

Königin von Saba & Schelomo
Luzerner Sinfonieorcher / Gautier Capuçon Violoncello
KKL Luzern
13. und 14. Januar

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