Fussballkatastrophe und Politik

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Fussballkatastrophe und Politik

Von Arnold Hottinger, Zug und Madrid - 03.02.2012

Die Fussballkatastrophe von Port Said, die am vergangenen Mittwoch 75 Menschenleben und etwa 300 Verletzte gekostet hat, wirft hohe Wellen in der ägyptischen Öffentlichkeit.

Die Diskussion darüber, wer die Verantwortung für die Vorfälle trägt, hat begonnen. Sie nimmt unter den gegebenen Umständen unvermeidlich eine politische Färbung an, obwohl die genauen Umstände noch einer Untersuchung harren.

Es besteht in der Tat ein indirekter Zusammenhang zwischen dem Unglück im Stadion von Port Said und den politischen Umbrüchen in Ägypten. Er ist dadurch gegeben, dass die Fussballfans, besonders jene der beiden berühmtesten und scharf rivalisierenden Clubs, Ahli und Masri, an den Strassendemonstrationen des vergangenen Jahres beteiligt waren.

Unter den Fans von Ahli gibt es eine Sondergruppe, die man die "Ultras" nennt und die sich durch Gewaltakte in den Stadien und in den Strassen hervortun. Diese Ultras waren an vorderster Front an den politischen Strassenkämpfen beteiligt, die sich zwischen den revolutionären Gruppen und der (militärisch organisierten und kommandierten) Sicherheitspolizei in Kairo, in Alexandria und auch in kleineren Städten wie Port Said nach dem Sturz Mubaraks abspielten. Im Verlauf der vielfachen Zusammenstösse hatten sie ihre Methoden verschärft, sie warfen nicht nur Steine, sondern auch Molotowcocktails; Schlagstöcke und Messer wurden immer öfter verwendet. Die Freude am Strassenkampf um des Kampfes willen griff in diesen Kreisen um sich.

Im Verlauf der letzten Monate war bekannt geworden, dass die "Ultras" auf den ägyptischen Plätzen und Strassen in den sich dort abspielenden Strassenschlachten als die entschlossensten und härtesten Gegner der Sicherheitspolizei und der unter ihrer Aufsicht stehenden regulären Polizeitruppen in Erscheinung traten. Den brutalen Methoden der Sicherheitsleute antworteten sie mit vergleichbaren Gegenschlägen.

Die Polizei in passiver Haltung

Auch die Polizei hatte sich im Verlauf der Auseinandersetzungen verändert. Sie hatte am 28. Dezember 2011, dem Tag an dem sich die "Kamelschlacht" auf dem Befreiungsplatz abspielte, eine entscheidende Niederlage erlitten. Die gewaltigen Massen der Demonstranten hatten sie übermannt und zurückgeschlagen. Die Polizisten waren daraufhin von den Strassen verschwunden. Die Armee war mit ihren Tanks auf den Strassen erschienen. Es erwies sich jedoch, dass die Soldaten sich weigerten, auf die Demonstranten zu schiessen, und das friedliche Gegenüber von Volk und Armee führte dazu, dass die Armeekommandanten zwischen dem Volk und Mubarak wählen mussten, worauf sie sich am Ende entschlossen, Mubarak zum Rücktritt zu zwingen.

Die Polizei war in jenen kritischen Tagen nicht mehr präsent. Die Polizisten scheinen damals sogar die Gefängnisse geöffnet und die Flucht der Gefangenen begünstigt zu haben, in der Absicht, durch die Freilassung der Verbrecher Unruhe zu erzeugen und den ägyptischen Bürgern klar zu machen, dass sie ohne die Polizisten gefährdet seien.

Überschattet von der Armee

In der Folgezeit, nachdem die Armeekommandanten die Staatsmacht übernommen hatten, wurden die Heerespolizei und die erwähnte Sicherheitspolizei unter militärischer Führung eingesetzt, um in der Öffentlichkeit Ruhe durchzusetzen und Demonstranten zu bekämpfen. Gegen die Polizeioffiziere und Polizisten die verdächtigt wurden, zur Zeit vor dem Armeeeinsatz Menschen getötet zu haben, wurden Prozesse eröffnet. Auch der Innenminister, der vor dem Eingreifen der Armee die Polizei kommandierte, steht vor Gericht.

Die Gerichte haben seither einige der angeklagten Polizisten freigesprochen, gegen andere dauert das Verfahren noch an. Verurteilungen gab es nicht. Dieser Umstand wiederum sorgte für Wut und Empörung der Revolutionsgruppen und der Angehörigen der Getöteten, die Genugtuung für "die Märtyrer der Revolution" fordern.

Die Forderung, das Innenministerium neu zu organisieren und die brutaleren Elemente unter den Polizeikräften zu entlassen, wird immer wieder von den Revolutionsgruppen erhoben. Sie steht auch auf dem Programm der Muslimbrüder, die nun die parlamentarische Mehrheit besitzen.

Gehemmte Polizeikräfte

All dies bewirkt, dass die ägyptische Polizei sich zur Zeit zurückhält und die Rolle des starken Arms auf der Strasse den Sicherheitskräften der Armee überlässt.

Im Falle des Stadions von Port Said ist klar, dass die Polizei die strengen Sicherheitsmassnahmen, die angesichts der bekannten Aktivität der Fans durchaus üblich waren, nicht energisch genug durchgeführt hatte. Messer und Molotowcocktails waren so in das Stadion gekommen.

Nachlässigkeit oder Verschwörung?

Die politische Frage ist nun: Geschah dies aus Nachlässigkeit und einer durch die heutige Lage der Polizei bedingten Passivität? Oder steckte mehr dahinter, nämlich, wie viele vermuten, der Willen von anti-revolutionären Kräften in der Polizei oder hinter der Polizei, Unruhe zu schaffen und der zu erwartenden Katastrophe ihren Lauf zu lassen, in der Absicht, die notwendige Rolle der Ordnungskräfte allen Ägyptern deutlich zu machen?

Öffentliche Verschwörungsanklagen

Dass es eine solche Verschwörung der Polizei gegeben habe, ist nicht erwiesen. Doch die Schlagzeilen jener ägyptischen Blätter, die die Revolutionäre unterstützen, nehmen sie als gegeben an. So das viel gelesene unabhängige Blatt "Al-Masry al-Yawm" mit dem Titel "Das Chaos-Szenario". Auch ernst zu nehmende Politiker wie etwa der aus der Bruderschaft stammende und als aussichtsreich geltende Präsidentschaftskandidat Abdel Mu'min Abdel Futuh stimmten ein mit Erklärungen wie: "Wir können nicht zulassen, dass die Fans für ihre Beteiligung an den Tahrir-Demonstrationen bestraft werden ".

Im neu eröffneten Parlament erklärte der bekannte Abgeordnete aus der Partei der Muslimbrüder, Essam Erian: "Diese Tragödie ist das Resultat von absichtlicher Zurückhaltung der Militärs und der Polizei."

Die elektronischen Medien wie Facebook und Twitter sind voll von empörten Äusserungen über die "Verschwörung". Die letzte Schuld sei den verantwortlichen Armeekommandanten zuzuschreiben, erklären manche.

Wieder 226 Verwundete

Am Donnerstag zogen die Fans von Ahli in Massen vor das Innenministerium. Sie wurden mit Tränengas davon abgehalten, dort einzudringen. Die Zusammenstösse führten dazu, dass 226 weitere Verwundete in die Spitäler von Kairo eingeliefert werden mussten. Wenn es nicht gelingt, die Empörung sofort zu beruhigen, sind auf den heutigen Freitag neue Demonstrationen gegen "die Verantwortlichen" zu gewärtigen. Die Revolutionsgruppen werden nicht verfehlen, ihrerseits die Gelegenheit wahrzunehmen.

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