Frankreich im 20. Jahrhundert

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Frankreich im 20. Jahrhundert

Von Stephan Wehowsky, 21.08.2019

Frankreichs Geschichte im 20. Jahrhundert ist von der Logik der Revolution von 1789 geprägt. Aber es ist ein vielstimmiges Geschehen. Matthias Waechter hat eine schlüssige Darstellung geliefert.

1789 hat sich Frankreich derartig hohen Idealen verschrieben, dass die politische Umsetzung sie nur abschwächen konnte. Die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit schuf zwei politische Lager, die sich zum Teil bis aufs Blut bekämpften. Revolutionäre und Pragmatiker standen sich gegenüber. Diese Unterscheidung aber ist idealtypisch, denn keine Partei und kein Politiker war nur revolutionär oder nur pragmatisch. Entsprechend vielfältig waren die politischen Konstellationen.

Welt und Provinz

Waechter gelingt es aufgrund seiner beeindruckenden Quellenkenntnis und seinem analytischen Scharfsinn, die verschiedenen Ideen, Programme, Einflüsse und Interessen in ihrer Komplexität darzustellen. Zugleich zieht er Linien in den zum Teil verwirrenden geschichtlichen Entwicklungen, an denen sich die Leser orientieren können. So werden die grossen inneren und äusseren Konflikte, an denen Frankreich fast zerbrochen wäre, in ihrer Dynamik verständlich.

Was die damaligen Zeitgenossen und die Beobachter Frankreichs bis heute immer wieder erstaunt, ist der Kontrast zwischen der, wie Waechter schreibt, „Ausnahmestellung“, die sich auf die „französische Zivilisation, Sprache und Lebensform“ auf der einen Seite bezog, und der tiefen Traditionalität und Provinzialität auf der anderen Seite. Es ist, als wohnten zwei Seelen in diesem Lande.

Metropole Paris

Dabei war Paris immer die Metropole, von der die Impulse für die politische und kulturelle Erneuerung ausgingen. Sehr beeindruckend ist zum Beispiel, wie Waechter die Sprachpolitik Frankreichs schildert. In Paris war man sich über die politischen Lager hinweg darin einig, dass Frankreich nur über eine einheitliche Sprache und Kultur zu einer starken Nation heranreifen könne. Deswegen startete man eine Bildungsoffensive mit dem Ziel, die regionalen Dialekte durch die französische Hochsprache zu ersetzen. Entsprechend wurde Französisch zur Amtssprache, und Dialekte fielen zumindest im offiziellen Gebrauch unter ein Verbot. In diesem Zusammenhang spielte das Militär eine grosse Rolle, denn die Rekruten, die zeitweilig bis zu drei Jahren dienen mussten, durften ihre regionalen Dialekte nicht verwenden.

Der Erneuerungswille machte auch vor Paris nicht Halt. Im Jahr 1853 begann der kaiserliche Präfekt Baron Georges Eugène Haussmann mit einem radikalen Umbau. Er liess die mittelalterlichen Viertel niederreissen und grosszügige Verkehrsachsen von Norden nach Süden und von Westen nach Osten anlegen. An die Stelle der alten Stadtmauern traten die Grands Boulevards, und es entstand das legendäre Zentrum, die „Halles centrales“, die Markthallen, denen Émile Zola mit seinem Roman, „Der Bauch von Paris“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Walter Benjamin bezeichnete Paris als die „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“. Paris war nicht nur ein Magnet für Künstler und Intellektuelle. Die Metro, der Eiffelturm und zwei Weltausstellungen machten Paris zum Symbol des Fortschritts schlechthin.

Die Dreyfus-Affäre

Dieser intellektuelle, kulturelle und nicht zuletzt technische Fortschritt kontrastierte wieder und wieder auf verstörende Weise mit Tendenzen, die alle Weltoffenheit, kulturelle Vielfalt und Toleranz auf brutale Weise dementierten. Mit grosser Sorgfalt analysiert Matthias Waechter diese dunklen Kräfte Frankreichs und beschreibt sie als Reaktionen auf die Dynamik des Fortschritts.

Eine herausragende Bedeutung hat dabei die Dreyfus-Affäre, die in den 1880er und 1890er Jahren die französische Gesellschaft in zwei unversöhnliche Lager spaltete. Alfred Dreyfus war der erste Jude im französischen Generalstab. Was das damals bedeutete, macht Waechter klar, indem er auf einen Bestseller von Edouard Drumont unter dem Titel „La France juive“ verweist. Dieses Buch erlebte zwischen 1886 und 1889 annähernd 70 Auflagen. Drumont erklärte darin, dass die Juden sich wie Parasiten in der gesamten Gesellschaft ausbreiten, sich darin einnisten, um sie mehr und mehr zu schwächen und zuletzt ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Drumont agitierte also ganz so, wie es später die Nazis tun sollten.

Die These von der Gefährlichkeit der Juden stiess gerade bei den Sozialisten auf fruchtbaren Boden, denn sie passte zu ihrem Hass auf den Kapitalismus. Und die katholische Kirche, die im säkularen Frankreich einen schweren Stand hatte, konnte punkten, indem sie ihren Jahrhunderte alten Antisemitismus wiederbelebte.

In der Dreyfus-Affäre ging es darum, dass Anschuldigungen vorgebracht wurden, die, wie sich nach und nach herausstellte, fingiert waren. Dreyfus wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen und auf die Teufelsinsel vor der Küste von Französisch-Guayana verbannt. Als der Versuch gemacht wurde, diese Intrige aufzudecken, stachelte das den Antisemitismus nur noch mehr an. Der Riss ging selbst durch Familien. Eine berühmte damalige Karikatur zeigte ein zerstörtes Wohnzimmer mit der Bemerkung, dass ein Familienmitglied unvorsichtigerweise den Namen Dreyfus erwähnt habe. Émile Zola warf sein ganzes Prestige in die Waagschale, um diesem Spuk mit seinem „J’accuse ...“ ein Ende zu machen. Dreyfus wurde zuletzt vollständig rehabilitiert.

Kollaboration

Die militärischen Niederlagen gegen Deutschland haben Frankreich traumatisiert, und es ist viel darüber geschrieben worden. Das in diesem Zusammenhang finsterste Kapitel aber ist bis heute wie mit einem Schleier der Scham teilweise verhüllt: die Kollaboration mit den Nazis und das Regime von Vichy während des 2. Weltkriegs. Auch hier erweist sich der analytische Zugriff von Matthias Waechter als äussert fruchtbar. Zunächst ist die Bereitwilligkeit, mit der die französischen Behörden und die Polizei zumindest am Anfang der Besetzung die Deportationen der Juden nicht nur unterstützten, sondern in ihrem Ausmass erst möglich machten, zutiefst verstörend. Vor dem Hintergrund der Dreyfus-Affäre aber zeigt sich der Antisemitismus als ein Ferment, das, ob man will oder nicht, zu Frankreich gehört. Erst nach und nach erkannten die Franzosen, was sie da anrichteten, und die Unterstützung der Deutschen liess merklich nach.

Zudem zeigt Waechter, dass das Regime des Marschalls Pétain in Vichy nicht allein als ein mehr oder weniger nachvollziehbarer Versuch zu werten ist, einen Rest von Eigenstaatlichkeit im Zeichen der deutschen Übermacht mittels weitgehender Kooperation zu retten. Das mag auch eine Rolle gespielt haben, aber viel wichtiger war, dass Pétain, der Nationalheld aus dem 1. Weltkrieg, sich an die Spitze einer politischen und ideologischen Strömung in Frankreich stellte, die ein Widerlager zu den bisherigen republikanischen Idealen bildete. So wurde der Wahlspruch der französischen Republik, „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, in Vichy durch „Arbeit, Familie, Vaterland“ ersetzt. Das Regime von Vichy entsprang also nicht nur äusserem Zwang, sondern entsprach einer starken Strömung innerhalb der französischen Gesellschaft.

Wieder und wieder ist beklagt worden, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg keine wirkliche Aufarbeitung des Regimes von Vichy und der übrigen Kollaboration gegeben habe. In diesem Zusammenhang ist es sehr aufschlussreich, wie Waechter die Haltung de Gaulles beschreibt. Geradezu programmatisch hat de Gaulle unmittelbar nach seinem Triumph als Retter der französischen Ehre gegenüber Deutschland jede Art der Abrechnung mit den Kollaborateuren vermieden und an die Einheit aller Franzosen appelliert. Sein grosser Kollege jenseits des Rheins hat es ganz ähnlich gemacht, und beide Herren dürften aufgrund ihrer Lebenserfahrung sehr genau gewusst haben, was sie taten und was sie damit bezweckten.

Kolonialismus

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges standen Frankreich weitere Zerreissproben bevor: Die Kolonien rebellierten und verlangten ihre Unabhängigkeit. In Vietnam erlitt Frankreich 1954 in der Schlacht von Dien Bien Phu eine demütigende Niederlage, und die Konflikte in und um Algerien mit ihren Terroranschlägen und bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen auch in Paris führten zum Ende der 4. Republik. De Gaulle kehrte an die Macht zurück und schuf mit der Verfassung der 5. Republik ein System, das dem Präsidenten weitaus mehr Befugnisse verleiht als in anderen Demokratien. Dieses System gilt bis heute.

Wodurch aber wurde der Kolonialismus für Frankreich so toxisch? Waechter beschreibt die verschiedenen Motive, die in der Kolonialpolitik Frankreichs eine Rolle gespielt haben. Ein grundlegendes und auch nie gelöstes Problem bestand in der Frage der Menschenrechte und der Gleichheit. Der Kolonialismus war ein eklatanter Verstoss gegen die Ideale der Gleicheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Frankreich erklärte seine Haltung gegenüber den Kolonien mit einer zivilisatorischen Aufgabe: Man habe es mit Menschen zu tun, die erst an die Zivilisation herangeführt werden müssten. Erst dann könne man sie in die Freiheit entlassen. Für diese Lebenslüge, hinter der sich machtpolitische und wirtschaftliche Interessen verbargen, hat Frankreich einen Preis entrichtet, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg exponentiell erhöhte.

Deutschland und Europa

Vor dem Hintergrund der traumatischen Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit Deutschland erscheinen die Grundzüge der französischen Verteidigungs- und Europapolitik nach dem Zweiten Weltkrieg plausibel. Auf der einen Seite ging und geht es darum, Deutschland politisch und wirtschaftlich in ein System einzubinden, das Alleingänge unmöglich macht. Auf der anderen Seite gibt es starke Tendenzen in Frankreich, die in der nationalen Souveränität den entscheidenden Faktor in der Selbstbehauptung sehen. Waechter beschreibt, wie nach dem Zweiten Weltkrieg um die Gewichtungen gerungen wurde. Auch wenn unterschiedliche Akzente gesetzt wurden, stand der Wert der europäischen Integration und enger Beziehungen zu Deutschland nie ernsthaft in Frage. Vielleicht sollte man das in Deutschland stärker zu würdigen wissen.

Der Fokus des Buches liegt auf dem 20. Jahrhundert, aber Waechter hat die Ursprünge, die auf 1789 zurück gehen, stets im Blick. Der Autor versteht es meisterhaft, die aktuelle Geschichte Frankreichs spannend zu erzählen und vor dem Hintergrund der Ideale von 1789 zu analysieren.

Matthias Waechter: Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert. München: Verlag C. H. Beck, 2019. 608 Seiten, ca. 34 Euro.

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