Extremistische Juden und extremistische Muslime

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Extremistische Juden und extremistische Muslime

Von Uri Russak, 27.12.2011

Der in der Schweiz aufgewachsene und heute in Israel lebende Autor sieht bedrohliche Parallelen zwischen stärker werdenden religiösen Eiferern im Judentum und in muslimischen Gesellschaften. Wo diese reaktionären Strömungen die Oberhand gewinnen, hat seiner Ansicht nach die Demokratie keine Chance.

Wir Juden haben uns im Mittleren Osten ganz prächtig eingelebt. Religion und Traditionen des extremistischen Judentums und der extremistischen Muslime in den arabischen Ländern und in den nicht arabischen Staaten Iran und Türkei unterscheiden sich bald nur noch in Äusserlichkeiten – es sei denn, es wird wenigstens im jüdischen Israel etwas Drastisches geschehen. In der islamischen Welt bin ich da weit pessimistischer, trotz arabischem Frühling, der in kurzer Zeit vom arabischen Winter abgelöst zu werden droht.

„Heilige“ Traditionen und ihre Ursprünge

In beiden Religionen geht es dabei vor allem um "heilige" Traditionen, die meist weit älter als die Religion selbst sind. Sie sind also heidnischen Ursprungs, Traditionen, denen ganz einfach und unreflektiert die jeweilige Religion übergestülpt worden ist. Das gilt für den relativ jungen Islam, aber auch für jüdische Bräuche, für die es immerhin bis gute 3000 Jahre archäologischen Nachweis gibt. Doch der Zustand in der heutigen Zeit ist für beide fatal.

Ich möchte mich auf vier Themen beschränken, bei denen jeder „Versteher“ (ein Broder-Wort) orientalischer Traditionen, seien diese noch so blutrünstig, sein Herz öffnet. Natürlich sind alle vier irgendwie miteinander verbunden. Dabei ist zu betonen, dass auch wir Juden grundsätzlich von der geschichtlichen, geographischen und religiösen Abstammung her zu den Orientalen gehören wollen – auch wenn viele von uns Namen wie Bloch, Müller, Meyer, Dreyfus, Bollag, Leibowitz, Russak oder Rosenstein usw. tragen.

Absage an die Aufklärung

Es gibt einen Unterschied vor allem zwischen aschkenasischen Juden und der islamischen Welt: Die meisten Juden haben die Aufklärung hinter uns, die meisten Muslime träumen noch nicht einmal davon. Doch gibt es leider mehr und mehr israelische Juden, die offensichtlich von dieser Aufklärung nichts mehr wissen wollen. Um das geht es.

Heute gibt es in muslimischen und israelischen Gesellschaften rechtsextremistische orthodox-religiöse Strömungen. Wie die kürzlichen Wahlen in vom "arabischen Frühling“ betroffenen Gesellschaften zeigen, gewinnen dort reaktionäre Parteien die Mehrheit. Die muslimische Reaktion ist im Aufschwung, die Einführung der Schariah wird verlangt, einer demokratischen Ordnung wird damit die Absage erteilt, denn Demokratie und Religion lassen sich schwer vereinbaren. Religion gehört in einem modernen Staat von diesem grundsätzlich getrennt und privatisiert.

Das iranische Beispiel

Zudem lassen orthodoxe muslimische Traditionen eine wirkliche Demokratie nicht zu, auch wenn die ägyptischen Muslimbrüder öffentlich das Gegenteil erklären. Sind sie erst einmal an der Macht, was die ägyptische Armee zurzeit gewalttätig zu verhindern sucht, so bin ich überzeugt, dass diese Macht dann ohne demokratische, sondern mittels islamistischer Politik in eine theokratische Diktatur umgewandelt werden wird. Irans Khomeini hat der islamischen Welt 1979 gezeigt, wie man das macht.

Bei Ägyptens riesigen Demonstrationen für „Demokratie“ ging es kaum um das Einführen eines demokratischen Regierungssystems und einer offenen Gesellschaft, sondern um wirtschaftliche Verbesserung für die einzelnen Bürger. Die Islamisten haben sich, wie seinerzeit in Iran, die ägyptische Revolution angeeignet, wenn nicht gar gestohlen.

Israel wurde fast ausschliesslich von teilweise sogar marxistischen Sozialisten aufgebaut – auch wenn Theodor Herzl, Vater des politischen Zionismus, ein völlig angepasster europäischer Bürger der kolonialistischen Zeit war, wie die meisten der aufgeklärten Juden seiner Zeit. Israel, als Staat nach 1948, sollte nach dem Willen seiner Gründer und Pioniere der ersten Stunde als westlicher, aufgeklärter Staat erdacht und geführt werden, in dem Religion ihre eigene Nische haben sollte.

Zurück zum Mittelalter

Das ging 30 Jahre lang einigermassen gut, doch die Gründerväter, zutiefst demokratischer Gesinnung, hatten nicht bedacht, dass eine Demokratie nur mit demokratisch gesinnten Bürgern aufgebaut und erhalten werden kann. Als sich im Laufe der 70er und 80er Jahre das Machtverhältnis von linker Aufklärung stetig mehr in einen reaktionären Nationalismus und eine noch reaktionärere ultraorthodoxe Religionsunkultur verwandelte, die erst die Besetzung der 1967 eroberten Westbank ideologisch untermauerte und extremistischen Rabbinern der Haredim (Ultraorthodoxie) und der extremistischen Siedler in vielen Bereichen des Staates Macht verschaffte, wurde der humanistische Charakter des Landes sehr stark verändert.

Religiöse Extremisten üben heute in Israel einen starken Einfluss auf Regierung und Armee aus. Noch sind die Islamisten mit ihrer rückwärtsgewandten Politik in ihrem Wettlauf ins Mittelalter weit voraus, doch Israel scheint aufzuholen.

Jüdische Burkas – bald eine Realität?

Weder in der traditionell islamischen, noch in der orthodox jüdischen Gesellschaft sind Frauen entscheidungsfrei. Sie sind Besitz der Männer und deren Clans. Freie Partnerwahl gibt es nicht – die Eltern suchen Braut oder Bräutigam aus. Die Frau ist dem Manne untertan, er entscheidet. Ich will hier keine der vielen anthropologisch vielleicht interessanten Einzelheiten über die Stellung und die Behandlung der Frau in diesen zwei Kulturen beschreiben.

Nur soviel sei gesagt, dass sich die Situation dieser jüdischen Frauen fast täglich verschlechtert. Sie sollen gezwungen werden, in Autobussen nur noch hinten zu sitzen, nicht zusammen mit Männer auf dem selben Gehsteig zu gehen, ihr Erscheinungsbild wird laufend stärker als nicht bedeckend genug kontrolliert und kritisiert. Die Möglichkeit einer jüdischen Burka könnte Realität werden, die Trennung zwischen Frau und Mann (pardon, Mann und Frau) soll immer einschneidender werden. Frauen sollen aus der Öffentlichkeit ganz verschwinden und weder gesehen noch gehört werden.

Frauen, die sich gegen Zumutungen dieser Art wehren, werden tätlich angegriffen, geschlagen, bespuckt und als Huren beschimpft. Aktivisten, die verbal und physisch auf Frauen eindreschen, kommen vor allem aus jiddisch sprechenden aschkenasischen Kreisen der Ultraorthodoxie. Frauenhass sephardischer und orientalischer Superfrommer scheint weniger entwickelt zu sein.

Betrüblich ist die fehlende eindeutige Stellungsnahme haredischer Rabbiner der aschkenasischen Sorte. Der aschkenasische Oberrabbiner Israels, Jona Metzger, wurde darüber am Fernsehen interviewt. Er fand es schicklich, die Taten dieser Frauenhasser zu relativieren. Bisher haben sich fast ausschliesslich sephardische Rabbiner, wie das Knessetmitglied Haim Amsalem, ein wenigstens mir sehr willkommener und unheimlich sympathischer Querschläger der haredischen Welt, der sich ohne Wenn und Aber vor die verfolgten Frauen stellte, zur Verteidigung der Frauen aufgerafft.

Widerstand gegen die Ultra-Orthodoxen

Noch ist der Grad der Entwürdigung der Frau nicht auf das Niveau muslimischer Eiferer gesunken. Noch wurden meines Wissens keine jüdischen Frauen wegen einem „Verstoss gegen die Familienehre“ getötet. Unser Hausarzt, selbst Kippaträger, der allerdings meine „linken und modernen“ politischen Ansichten völlig teilt, ist bedrückt. Die Haredisierung der israelischen Gesellschaft sei eine Schande für ganz Israel und gebe dem Judentum einen schlechten Namen. Er ist allerdings überzeugt, dass dieses relativ neue Phänomen gestoppt werden wird. Hoffentlich hat er recht.

Eines noch: In der muslimischen Gesellschaft scheint die Mehrheit Frauenunterdrückung gut zu finden und sich dieser zu widmen. Unter Israels Juden ist hingegen die Reaktion der Öffentlichkeit über diese Vorkommnisse gewaltig. Die Abneigung gegen die Ultra-Orthodoxie nimmt weiter zu, ganz besonders, seit sogar ein siebenjähriges Mädchen von diesen sexbesessenen Gottesfürchtern mehrfach bespuckt, beschimpft und mit Unrat beworfen worden ist.

Ehre und Schande in der arabischen Kultur

Der Begriff „Ehre“ und dessen Gegenstück „Schande“ sind die Grundsätze arabischer Kultur. Das Wort Respekt gehört dazu. In seinem hervorragenden Buch „The Closed Circle: An Interpretation of the Arabs“ (erschienen leider nur in Englisch, eines der wichtigsten Bücher zum Thema), beschreibt David Pryce-Jones wie diese Begriffe arabisches Denken und Handeln bestimmen. Hier zwei Zitate, die die überragende Wichtigkeit dieser zwei Worte in der arabischen Kultur demonstrieren:

“Lying and cheating in the Arab world is not really a moral matter but a method of safeguarding honor and status, avoiding shame,”

“Honor is what makes life worthwhile: shame is a living death, not to be endured, requiring that it be avenged.”

Die Suche nach Ehre oder deren Erhalt hat, so Pryce-Jones, vor allem anderen Vorrang. Frauen werden durch Väter und Brüder ermordet, weil sie dem gängigen Ideal der Ehre nicht entsprächen und (eingebildete) Schande über die Familie bringen. Generationen widmen sich der Blutrache, statt sich dem Aufbau einer besseren Zukunft zu widmen. Ehre und Respekt der eigenen Person oder dem eigenen Clan ist die Maxime dieser Welt und somit einer der Hauptgründe ihres zivilisatorischen Stillstandes.

Mangelnde Impulse für Wissenschaft und Wirtschaft

Dazu sollte ein weiteres Zitat von David Pryce-Jones genügen: “In the years of independence, the Arabs have so far made no inventions or discoveries in the sciences or the arts, no contribution to medicine or philosophy.”

Im Vergleich mit Israel, einem Staat, der in den über 60 Jahren seiner Existenz der Welt Grosses in Wissenschaft, Kunst, Medizin und Philosophie beigetragen hat, sollte obiges Statement eigentlich eine Herausforderung an die arabische Welt sein. Doch das kratzt die meisten nicht – nicht einmal das Ehre/Schande-Syndrom klickt ein, das für einmal wirklich am Platz wäre. Allgemeinheit und das Öffentliche wird in der arabischen Welt meist negativ empfunden, denn man sieht sie als Bedrohung des Clans und der Familie. Das Ehre/Schande-Syndrom ist persönlich oder gehört der Familie. Das Ehre/Schande-Syndrom gilt für die Person, nicht für den Zustand des Landes, der den Einzelnen meist nur soweit interessiert, wie er seine persönliche Ehre (sprich Besitzstand und Einfluss) erhalten kann. Obiges Zitat von David Pryce-Jones wird damit gestützt.

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Kommentare

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Lieber Herr Roussak, wenn sie David Price Jones zitieren, um uns über die Natur "der Araber" aufzuklären, ist das nicht anders als wenn jemand einen notorischen Antisemiten zitieren wollte, um uns über die Natur "der Juden" zu informieren.

Der Herr ist ein notorischer Anti-Araber nicht weniger präjudiziert, als es von einem notorischen Antisemit gegenüber den Juden zu gewärtigen ist. Die Geschichte von Ehre und Schande ist sehr beliebt in Israel, wenn es darum geht "die Araber" zu erklären. Das heisst aber nicht, dass sie als alleiniges Erklärungsmuster brauchbar wäre. Genau so wie man "die Juden" nicht durch ihre behauptete Geldgierigkeit oder andere oder andere ihnen zugeschriebene Eigenschaften erklären kann.

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