Europas mangelnde Glaubwürdigkeit

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Europas mangelnde Glaubwürdigkeit

Von Journal21, 17.05.2011

Vor mehr als 300 Gästen diskutierten André Marti und Arnold Hottinger am Montag im Zuger Theater Casino über die Konflikte im Nahen Osten. Schon nach kurzer Zeit nahm dieser „Zuger Dialog“ eine unerwartete Wende.

Das Eingangsreferat hielt André Marty, der zunächst sein Bedauern darüber ausdrückte, dass nicht Arnold Hottinger an seiner Stelle sprach. Ganz offensichtlich stellte der erfahrene Journalist und Moderator der Schweizer „Tagesschau“ - seit November 2010 - sein Licht unter den Scheffel. Recht brav begann er, die Konfliktlinien im Maghreb zu skizzieren. Das hatte man alles schon gehört. Fast unmerklich drehte Marty dann aber das Blatt und las den Zugern an ihrem schönen Finanzplatz die Leviten.

Das Problem sei, dass der Westen bislang alles dafür getan habe, um die Diktatoren abzustützen. So fürchte Europa nichts mehr als die Migration und habe für das „externe Gatekeeping“ 50 Millionen Euro an Gaddafi gezahlt. Gemeint ist damit, dass der Diktator Geld dafür bekommt, Migranten schon in seinem Land am Besteigen der Boote zu hindern. Dass dabei übelste Methoden angewendet werden, interessiert in Europa nicht.

Anlass zur Selbstbefragung

Der andere neuralgische Punkt ist das Öl. Marty schonte sein Publikum, indem er nicht erwähnte, dass Zug welteit nach New York einer der grössten Umschlagplätze für Rohöl ist. Aber er machte ganz klar, dass Europa wie auch Amerika sich in „politischer Scheinheiligkeit“ ergehen, um nur ja den ungestörten Nachschub an Öl zu sichern. Diesen Nachschub haben die bisherigen Diktatoren gewährleistet, und es ist keineswegs sicher, dass die Fortsetzung dieser Politik der sehnlichste Wunsch derjenigen ist, die sich jetzt anschicken, die politische Agenda zu bestimmen.

Ein Drittel der Ölexporte aus dem Nahen und Mittleren Osten gehen durch die Strasse von Hormus. Was ist, wenn die blockiert wird? Das können die Europäer sich ebenso wenig vorstellen wie die Motive, die für die im einzelnen sehr unterschiedlichen Gruppen der Aufständischen essentiell sind. So müssten wir endlich begreifen, dass anders als bei früheren revolutionären Bewegungen nicht irgendwelche Personen im Vordergrund stehen, die über kurz oder lang Kultstatus erlangen, sondern die extreme Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Damit sei das Streben nach Würde, Gleichheit und Identität verbunden.

„Wir verstehen nicht, was im Moment geschieht“, sagte Marty. Uns fehlt eine angemessene Aussenpolitik, unser Demokratieverständnis ist fragwürdig, weil wir Demokratie zwar für uns in Anspruch nehmen, nicht aber für andere, und es mangelt uns entsprechend an Ehrlichkeit. Mit anderen Worten: Die Aufstände im Nahen Osten sind für uns Anlass für eine intensive Selbstbefragung. Ziel müsse eine „neue Ehrlichkeit“ sein.

Was geschieht im Vakuum?

Damit war die Diskussion unter Leitung des Werbepsychologen Werner Schaeppi eröffnet, und der Ball lag bei Arnold Hottinger, der in diesem Jahr 85 wird. Ohne Umschweife stellte er fest, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter geöffnet und die Repression zugenommen habe, so dass es im Nahen und Mittleren Osten nur eine Frage der Zeit gewesen sei, wann die „Machtblase“ platze. Diese Machtblase sei wie unsere Finanz- und Börsenblase.

Dieses Bild des Platzens der Blase gab Marti den Anstoss, darauf hinzuweisen, dass es über die ganze Region hinweg keinen gemeinsamen politischen oder kulturellen Nenner gibt. Etwas ungenau liesse sich von einem Vakuum sprechen. Wer tritt an die Stelle der alten Machteliten? Und Marty machte darauf aufmerksam, dass trotz aller Aufstände und revolutionärer Umtriebe der Alltag weitergeht und zum Beispiel so banale Dinge wie Verkehrsunfälle einer Klärung bedürfen.

„Man weiss immer genau, was man nicht will“, ergänzte Hottinger und brachte damit das Problem einer neuen Ordnung auf den Punkt. Das arabische Drama, so Hottinger, bestehe auch im Niedergang einer einst blühenden Kultur, „als Europa noch vom Wald bedeckt war, in dem sich ein paar Missionare tummelten.“ Von diesem Niedergang habe sich die Region bis heute nicht erholt. Darüber könnten auch die viel gepriesenen sozialen Netzwerke und das Internet nicht hinweg täuschen. In Ägypten werde zum Beispiel der Hass zwischen Christen und Muslimen im Internet geschürt.

Religion und Demokratie

André Marti machte Israel dafür verantwortlich, dass sich der Nahe Osten von seinem Niedergang bis heute nicht erholt hat, und Hottinger verwies ebenfalls auf die wirtschaftlichen Interessen des Westens, die „den Interessen der Menschen“ dort entgegenstehen. Sollten sich in den USA die Republikaner durchsetzen, werde die bisherige engstirnige Politik fortgeführt, mit Obama bestehe wenigstens eine schwache Hoffnung auf die eine oder andere „Geste guten Willens“.

Hottingers Stichwort vom Niedergang der arabischen Kultur in der Neuzeit gab den Blick auf die zunehmende Schwäche Europas frei. Marty machte auf den demographischen Wandel aufmerksam, der die Machtverhältnisse nachhaltig verändern wird. Auch unterschätzten wir den Bildungsstand der zahlreichen Universitätsabsolventen. Innerhalb weniger Jahre habe sich überdies die Einstellung gegenüber Europa verändert: „Es ist nicht mehr witzig, mit einem Schweizer Pass unterwegs zu sein.“ Die Menschen wüssten heute sehr wohl, wer von ihrer Misere profitiert habe.

Hottinger sprach vom „überprivilegierten Westen“ und machte klar, dass unsere Demokratiemodelle für die Aufständischen und Revolutionäre als Vorbild nicht unbedingt tauglich sind. Aber er zog einen aufschlussreichen Vergleich. Wenn es je zu einer stabilen neuen Ordnung kommen solle, müsse wie in der Türkei das Militär freiwillig Macht an die demokratischen Institutionen abgeben und es müsse gelingen, die Religion in die Demokratie einzubinden. „In Europa“, so Hottinger, „geschah das in einem langen und blutigen Prozess. Wir denken heute nicht mehr daran, weil die Einbindung der Religion am Ende gelungen ist und jetzt funktioniert.“

Kommentare

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Vide dans le Vide oder Vakuum durch pumpen? Die Destabilisierung durch Druck von aussen oder Explosion durch Überdruck im inneren? Könnte der Grund auch aus der besseren Manipulierbarkeit durch kontrollierte Medien in schwachen Demokratien bestehen. Von aussen angeheizt und durch Infiltration über Facebook und Twitter in der Manier von franz. Hof - Intrigen schmackhaft gemacht? Europa hatte ja das Oel und auch die garantierte Zurückhaltung für Emigrantentum. Also kann es nicht im Interesse Europas sein. So menschenfreundlich sind wir nun auch wieder nicht! Aber schwächelnde und taumelnde Anführer neigen dazu, andere mit ins Elend zu stürzen und arbeiten gerne mit destruktiven Mitteln. Auf deutsch, sie benutzen oder zetteln einen Umbruch zu ihren Gunsten an....da sind aber nicht die Diktatoren gemeint! Sadam wollte Oel in Euro abrechnen und starb! Gaddafi wollte Oel in Gold bezahlen lassen und lässt dafür Federn. Ein bald gerupfter Hahn! Die Frage bleibt, ist es konzertierte Aufwiegelung oder revolutionäres Erwachen durch Freiheitsdrang? So genau werden wir es nie erfahren......oder nicht? Kettenreaktionen entstehen durch kritische Massen. Ist in Libyen ein viertel der Bevölkerung eine kritische Masse? Glaube ich nicht! Und das neuliche zünden einer Bombe in Marokko? ....hat bis jetzt keine Kettenreaktion ausgelöst.....zum Glück und zum Glück Europa`s ...(Alternativenergiekonzept) Bleibt skeptisch!

Heisst der TV-Journalist jetzt André Marty oder André Marti? Oder waren da zwei Personen fast gleichen Namens anwesend? Bin etwas verwirrt.

Mit besten Grüssen Lukas Frey

Wie bedauerlich, dass ich von dieser Veranstaltung nicht vorher gehört oder gelesen habe: Ich schätze beide Journalisten für ihre offene und klare Art sehr - und der Bericht bestätigt, dass sie dies natürlich auch in Zug so gehalten haben. Gibt es vielleicht eine Video- oder Ton-Aufzeichnung von der Veranstaltung, die jemand online stellen könnte? Ich würde sie gern z.B. deutschen Freunden weiter empfehlen, die aufgrund der tendenziösen Berichterstattung deutscher Medien über den Nahen Osten und Nordafrika wohl kaum glauben würden, was sie da zu hören bekämen … Vielen Dank jedenfalls schon für den Bericht, und an beide Journalisten: "Weiter so!"

Danke, André Marty und Arnold Hottinger, für eine klare Sprache, die man in der NZZ und im Tagi so leider nicht zu lesen bekommt! Wir können es nicht wegdiskutieren: Wenn wir uns die Welt anders wünschen, schauen wir am besten bei uns - und was wir selbst verändern können! Und wenn wir genau hinschauen auf unser Tun und dessen Auswirkungen in der Welt, findet jede und jeder seine Verbindungen zu den Problemen, die wir beklagen.

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