Erschütternde Geschichte der Lynchjustiz

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Erschütternde Geschichte der Lynchjustiz

Von Armin Wertz, 13.01.2019

Im Dezember letzten Jahres verabschiedeten die US-Senatoren einstimmig den „Justice for Victims of Lynching Act“, der Lynchen landesweit als Verbrechen definiert - hundert Jahre nachdem die erste derartige Vorlage im Senat gescheitert war.

Eingebracht hatte damals diesen Gesetzestext der republikanische Abgeordnete im Repräsentantenhaus aus Missouri, Leonidas C. Dyer.  Sie wurde im Senat abgelehnt.

„Ultimativer Ausdruck des Rassismus“

Über 200 derartige Gesetzesvorschläge waren in den letzten hundert Jahren im Kongress zu Fall gebracht worden. Noch 2005, als der Senat eine Resolution verabschiedete, in der er sich für seine Unfähigkeit entschuldigte, ein Gesetz gegen Lynchjustiz zu verabschieden, hielten Senatoren einem Bericht der „Washington Post“ zufolge „leidenschaftliche Reden darüber, wie Lynchen geholfen habe, die Gefahr (durch Farbige) für weisse Frauen zu kontrollieren und die Rassen getrennt zu halten.“ 

Laut CNN definiert das neue Gesetz Lynchen oder das Töten ohne gesetzliche Autorität durch aufgebrachte Menschen als „ultimativen Ausdruck des Rassismus in den Vereinigten Staaten“ und führt es auf der Liste von Hassverbrechen. „Lynchjustiz war ein unnötiger und abscheulicher Akt der Gewalt, angetrieben von Rassismus“, sagte die kalifornische Senatorin Kamala Harris nach der Verabschiedung des Gesetzes. „Diese Tatsache müssen wir eingestehen, so dass wir sie nicht wiederholen.“

Ihr Kollege aus New Jersey, Cory Booker, räumte ein, dass das Gesetz „den Schaden, den Schrecken und die Gewalt, die begangen wurden, nicht ungeschehen mache, noch die Leben zurückbringe, die brutal genommen wurden. Es wird aber die Fehler in unserer Geschichte anerkennen. Es wird jener gedenken, die so brutal getötet wurden. Und es wird ein Vermächtnis hinterlassen, auf das zukünftige Generationen zurückblicken können – dass wir an diesem Tag das Richtige taten.“ 

Lynchjustiz – ein Jahrmarktsvergnügen

Postkarte von einer Lynchjustiz in Duluth, Minnesota, 1920 (Bild Public Domain)
Postkarte von einer Lynchjustiz in Duluth, Minnesota, 1920 (Bild Public Domain)

„Zwischen 1877 und 1950 wurden 4075 Afroamerikaner in zwölf Südstaaten von aufgebrachten Menschenmengen gehängt“, zählte die „Equal Justice Initiative“, eine private Hiilfsorganisation für mittellose Angeklagte in Alabama. Andere Institutionen nennen 4745 Opfer von Lynchjustiz in den Jahren zwischen 1882 und 1964. Die Zeitung „The Nation“ berichtete von 4732 Lynchopfern zwischen 1882 und 1951, „wenngleich vor und nach dieser Zeit sicherlich noch zahlreiche undokumentierte (derartige Morde) verübt wurden“.

Das Tuskegee Institute in Alabama (eine von Schwarzen gegründete Universität) zählte 4743 Menschen, die zwischen 1882 und 1968 in den USA gelyncht wurden, darunter 1297 Weisse. Das Tuskegee Institute, das die vollständigsten  und umfassendsten Untersuchungen zu dem Thema durchgeführt hat, kategorisiert die Opfer nur in schwarz und weiss, wobei mit weiss meist Mexikaner, Chinesen und Indianer gemeint sind. Die Autoren der Studie „A Festival of Violence: An Analysis of  Southern Lynchings, 1982–1930“ kamen zum Schluss, dass „in diesen Jahren durchschnittlich in jeder Woche ein schwarzer Mann, eine schwarze Frau oder ein schwarzes Kind von einem weissen Mob gelyncht wurde“. Das neue Gesetz merkt an, dass „99 Prozent aller Täter von Strafe verschont blieben“.

Die Ordnungshüter taten nichts dagegen

Oftmals war der Gehängte zuvor auch gefoltert worden – im Beisein der Menge. Dabei ging es zu wie auf dem Jahrmarkt, Fotografen schossen Bilder von dem Spektakel, die später oft als Postkarten verkauft wurden, Schaulustige posierten lächelnd für Fotografen. Gelegentlich wurden den Toten anschliessend sogar Körperteile abgeschnitten und als Souvenirs verkauft. Kein Ordnungshüter, Polizist, Sheriff, Marshall oder Richter griff ein. Sie taten nichts, um die Opfer zu schützen oder einem korrekten Verfahren zuzuführen.

Im Gegenteil, beteiligten sie sich selbst an den Mordorgien. So etwa im Mai 1927, als  ein aufgebrachter weisser Mob in Little Rock, Arkansas, einen schwarzen Mann, namens John Carter an einem Telegraphenmast aufhängte, seinen Körper anschliessend durch die Hauptstrasse zog und im Zentrum des von Schwarzen bewohnten Stadtviertels mit Benzin übergoss und anzündete. Rund 5000 Weisse beteiligten sich an dem Treiben. Die Deputy-Sheriffs unternahmen nicht den geringsten Versuch, den Mob zurückzuhalten. Die Polizei leitete den Verkehr einfach um. Am nächsten Tag wurden in den Strassen von Little Rock Fotos vom Leichnam des Ermordeten für 15 Cent/Stück angeboten. Der Bericht des Gerichtsmediziners hielt fest, Carter sei „von Unbekannten in einem Mob“ getötet worden. Niemand musste sich jemals für den Mord vor Gericht verantworten. 

Rassenunterschiede vs. Klassenunterschiede

1910 stürmte ein Mob das Gerichtsgebäude in Dallas, legte einem schwarzen Mann, der beschuldigt wurde, sich an einem drei Jahre alten weissen Mädchen sexuell vergangen zu haben, ein Seil um den Hals und warf das andere Ende aus dem Fenster. Draussen zerrte ein Mob den Mann aus dem Saal und hängte ihn auf. 1922 wurde der 25 Jahre alte George Gay ebenfalls in Dallas an einem Baum aufgehängt und von Hunderten von Pistolenkugeln durchlöchert. Im selben Jahr beschuldigte ein anderer Mob in Dallas drei schwarze Männer, eine weisse Frau getötet zu haben. Unter den Blicken von Hunderten Limonade trinkender Zuschauer wurden sie kastriert, geschlagen, an einen Pflug gebunden, mit Benzin übergossen und angezündet.

„Die meisten Angehörigen der weissen Ober- und Mittelklasse in den Südstaaten und die meisten weissen Politiker billigten Lynchjustiz als eine Art, die Rassenhierarchie zu erhalten“, schrieb „The Nation“ kürzlich. Selbst wenn gleiche Interessen auf dem Spiel standen, fanden schwarz und weiss nicht zusammen.

Um die Jahrhundertwende, als Banken und Eisenbahnen Kleinbauern die kargen Felder abpressen wollten, versuchte eine Bauernvereinigung weisse und schwarze Arbeiter und Pächter in einer Koalition zu mobilisieren, um ein Gegengewicht zu den übermächtigen Gegnern zu schaffen. Doch rassistische Vorbehalte und Gewalt verhinderten eine Allianz zwischen Weiss und Schwarz. Die besitzlosen Weissen zogen politische Allianzen entlang der Rassenunterschiede jenen der Klassenunterschiede vor.

„Die Aristokratie des Südens gab dem weissen Mann Jim Crow“, erklärte Martin Luther King in seiner Rede am Ende seines legendären Marsches von Selma nach Montgomery im März 1965. „Und als sein geschrumpfter Magen nach Essen schrie, das seine leeren Taschen nicht liefern konnten, ass er Jim Crow (1), einen psychologischen Vogel, der ihm erzählte, dass er – wie schlecht es ihm auch ging – als weisser Mann immerhin besser als der schwarze Mann war. Und als sein unterernährtes Kind nach Dingen rief, die sein niederes Einkommen nicht liefern konnte, zeigte er ihm die Jim Crow-Zeichen an den Bussen und in den Geschäften, auf den Strassen und in den öffentlichen Gebäuden. Und seine Kinder lernten auch, sich von Jim Crow zu ernähren.“

Im Wahlkampf von öffentlicher Erhängung geschwärmt

Heute ist Lynchjustiz selten. Der letzte Fall wurde 1981 beobachtet, als in Mobile, Alabama, einige Mitglieder des Ku-Klux-Klans den jungen Afroamerikaner, Michael Donalds, prügelten, töteten und an einem Baum aufhängten. Und „der tragische Tod des 17-jährigen Trayvon Martin 2012 und des 18 Jahre alten Michael Brown 2014 riefen der Nation erneut das fortgesetzte Töten von unbewaffneten Schwarzen durch Bürger und Gesetzteshüter ins Gedächtnis“, schrieb die University of Cambridge, MA, im Februar 2016 auf ihrem Blog: „Es ist traurig, aber das Erschiessen unbewaffneter Schwarzer scheint trotz zahlreicher landesweiter Proteste, Rathaussitzungen und Versprechen von Politikern und Gesetzeshütern, sich dieses Problems anzunehmen, unvermindert weiterzugehen.“

Erst 2016 berichtete die „Los Angeles Times“, vier weisse High-School-Studenten in Missouri hätten einem schwarzen Kommilitonen eine Schlinge um den Hals gelegt und „zerrten daran“. Im selben Jahr reichte die Familie eines zwölfjährigen schwarzen Mädchens Klage gegen eine Privatschule in Texas ein, weil ihr drei weisse Klassenkameraden einen Strick um den Hals gelegt hatten und sie zu Boden zogen. Und letztes Jahr fand das Wachpersonal Einrichtungen des Smithsonian Instituts, von denen Schlingen herunterhingen.

Auch Senatorin Cindy Hyde-Smith, eine Republikanerin aus Mississippi, die den Vorsitz im Senat führte, als das Gesetz gegen Lynchjustiz debattiert wurde, wurde bei rassistischen Äusserungen von einer Fernsehkamera erwischt. Im Wahlkampf für ihre Wiederwahl im November lobte sie einen Unterstützer mit den Worten: „Wenn er mich zu einer öffentlichen Erhängung einladen würde, stünde ich in der ersten Reihe.“

[1] Jim Crow laws waren staatliche und lokale Gesetze, mit denen die Rassentrennung durchgesetzt wurde.

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