Erinnerung an einen Empfang bei Frau Thatcher

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Erinnerung an einen Empfang bei Frau Thatcher

Von Roger Bernheim, 12.04.2013

Im Januar 1982, gegen Ende des dritten Jahres ihrer Amtszeit, hatte Margret Thatcher die Auslandspresse erstmals an die exklusive Adresse der Downing Street 10 eingeladen. Roger Bernheim war als NZZ-Korrespondent dabei und erinnert sich

Die am Montag verstorbene einstmalige Premierministerin Thatcher behandelte die Auslandspresse während ihrer ganzen Amtszeit von 1979 bis 1990 äußerst stiefmütterlich. Sie gewährte ausländischen Journalisten kaum Interviews und lehnte alle Einladungen des Auslandspresseverbands zu einem Presselunch ab. Die genau kalkulierende Politikerin sah keinen Nutzen darin, ausländische Journalisten zu treffen. „There are no votes in it“, es bringt keine Wählerstimmen.

Eine Premiere

Der Auslandspresseverband beklagte sich mehrmals bei Thatchers Pressechef darüber, und schließlich gelang es diesem, seine Chefin dazu zu bewegen, alle Mitglieder des Verbands mitsamt ihren Partnern zu einem Empfang im Premierministeramt einzuladen.

Das Ereignis war erstmalig. Frühere Regierungschefs waren im schönen, altehrwürdigen Haus der „Foreign Press Association“ zu Gast gewesen, aber noch keiner hatte die Auslandspresse an die Downing Street eingeladen.

Drei Salons

Frau Thatcher empfing uns Medienleute am Treppenabsatz vor den drei Salons einer oberen Etage. Jeder der drei Räume war damals nach Entwürfen bedeutender britischer Innenarchitekten und Möbeltischler ausgestattet: der blaue Salon im heiter beschwingten Rokoko Thomas Chippendales, der weiße in der klassizistischen Art der schottischen Brüder Adam und der goldene Säulensalon im Stil des Palladianismus William Kents.

Auf den Parkettböden lagen prächtige Teppiche, und unter der mit Stuck verzierten Decke glitzerten Kristallleuchter. An den Wänden hingen zwischen Landschaftsbildern von Turner und Corot die Bildnisse hellhäutiger Damen von Gainsborough und Reynolds.

Perlenschmuck und Netzstrümpfe

Frau Thatcher selbst war wie immer elegant gekleidet, trug über einer hochgeschlossenen weißen Bluse ein Kostüm in der blauen Farbe ihrer Partei, über der sich ihr blondes, sorgfältig gewelltes Haar vorteilhaft abhob. Dazu Perlenschmuck an Hals und Ohren und als jugendlich modische Zutat Netzstrümpfe.

Sie war kleiner und rundlicher, als sie im Parlament und bei Pressekonferenzen wirkte. Vollends überraschend war der hausmütterliche Zug, der hier an der herrschsüchtigen Frau in Erscheinung trat. Sie war bestrebt, jeden einzelnen Gast anzusprechen und ein paar Worte mit ihm zu wechseln, etwa über sein Herkunftsland oder indem sie ihn auf ein besonders schönes Stück ihrer Porzellansammlung hinwies.

Kurzer Wink an die Minister

Politische Fragen, die an sie gerichtet wurden, überging sie souverän. Man müsse, so belehrte die fast manisch berufsorientierte Frau, alles Berufliche von Zeit zu Zeit ausschalten. Mit Argusaugen achtete sie darauf, dass jeder Gast in der einen Hand ein volles Glas und in der anderen Konfekt oder ein belegtes Brötchen hielt. Wo das nicht der Fall war, winkte sie sofort einen Diener herbei, der Getränke oder Naschereien anbot.

Sämtliche Kabinettsmitglieder waren anwesend, hatten antreten müssen, und sobald die Chefin einen Minister ohne Gesprächspartner erspähte, rief sie ihn über die Köpfe der Gäste hinweg beim Vornamen und wies ihn an, sich dieses oder jenes Gastes anzunehmen.

Der solcherart Aufgerufene gehorchte augenblicklich. Machte es ihr Spass, ihre Macht über die Kabinettsmitglieder vorzuzeigen? Mir schien, da agiere nicht die herrschsüchtige Politikerin, sondern eine um das Wohl ihrer Gäste besorgte Hausmutter. (Auszug aus einem Erinnerungsartikel in der NZZ vom April 1993)

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Kommentare

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Eine ziemlich banale, kaum der Mitteilung werte Begebenheit. Bei weitem aber nicht die einzige, die man in diesen Tagen lesen kann. Immerhin zeigt sie, welchen Nichtswürdigkeiten sich Anekdoten verdanken und wovon Journalisten noch Jahrzehnte später ehrerbietig schreiben statt davon zu schweigen oder sie kritisch einzuordnen.

"Lunch mit Thatcher" ist auch nicht besser. http://derstandard.at/1363708040816/Lunch-mit-Thatcher

"'Und mich hat der Tom mal verhauen!', sagte ein Junge, der nichts Besseres vorzuweisen hatte."

Mark Twain: Tom Sawyer (nachdem er verschwunden war, für tot erklärt werden sollte und zum Stadtgespräch wurde).

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