Eine neue Geschichte der Schweizer Fotografie

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Eine neue Geschichte der Schweizer Fotografie

Von Stephan Wehowsky, 25.11.2011

Mit ihrem „Jubiläumsprojekt“ aus Anlass des 40-jährigen Bestehens ist der Fotostiftung in Winterthur ein grosser Wurf gelungen. Denn die Präsentation von Fotobüchern bietet mehr als den Blick auf Bilder. Sie ermöglicht eine Reise in eine nahezu verlorene Zeit.

Etwas verhalten betiteln die Ausstellungsmacher ihr Projekt als eine „andere“ Geschichte der Fotografie. "Anders" ist allerdings vieles. Die Schwierigkeit, die in der Charakterisierung „anders“ zum Ausdruck kommt, liegt schlicht darin, dass Fotobücher als Ausstellungsobjekte bei weitem nicht so beeindruckend sind wie grossformatige Fotos, effektvolle Serien oder Videoinstallationen. Doch bietet die Ausstellung schöne Einblicke in das Umfeld der Fotobücher. Auch das lohnt.

Das Medium Buch aber erzählt heute beeindruckender als noch vor wenigen Jahren. Es erzählt von einer Welt, die mit begrenzten Mitteln erschlossen wurde – und deshalb unendlich viel reicher und grösser wirkte als heute. Die Konzentration der Fotografen auf jeweils ein Buch, der Prozess von der ersten Idee bis zur endgültigen Komposition unter den Gesetzen des Verlagswesens erzeugt zudem eine eigene Stringenz. Und so sind im Laufe der Jahrzehnte Geschichten von der Welt entstanden, die unseren heutigen durch flüchtige Medien immer flüchtiger gewordenen Blick innehalten lassen.

Eigentümliche Strukturanalogien

Auch deswegen ist der Katalog wichtiger als die Ausstellung. Denn es braucht Zeit, sich in die einzelnen Bücher zu vertiefen. Jedes Buch ist eine Erzählung für sich. Und jede Erzählung hat einen Kontext, der auch einmal Wut auslösen kann oder im Gegenteil eine beschwichtigende Haltung begünstigt. Schön zu sehen ist das im Katalog am Beispiel des Architekten Le Corbusier, der vom Flugzeug aus fotografierte und damit bildlich Anklagen gegen „die planlos wuchernden Städte“ formulierte ("Aircraft" 1935). Überhaupt das Fliegen. Es kommt fast schon wie ein Leitmotiv vor. Da gibt es den Pionier Eduard Spelterini, der einen Bildband tatsächlich mit „Über den Wolken“ (1928) betiteln liess und auf dem Cover mit einem beeindruckenden Alpenblick von oben noch eigenhändig einen Ballon hinzumalte.

Später kamen modernere Sichtweisen hinzu. Besonders beeindruckend ist der Bildband von Georg Gerster unter dem Titel „Der Mensch auf seiner Erde“ (1975). Hier finden sich überwiegend vom Flugzeug oder vom Helikopter aus gesehen schon alle Motive und Probleme der späteren Jahre des 20. Jahrhunderts: die Überbevölkerung, Zersiedlung, Arm und Reich im globalen Massstab und die eigentümlichen Strukturanalogien zwischen kulturellen Bebauungen und natürlichen Formationen.

"Fotografische Landesverteidigung"

Eisenbahn und Auto sind ganz selbstverständlich Themen der Fotografen, wobei die Verkehrsmittel auch die Perspektiven vorgeben. „Amerika vom Auto aus“ (1930) heisst ein Bildband von Kurt Richter und Felix Moeschlin. „20.000 km U. S. A.“ haben sie zurück gelegt und können eindrucksvoll davon berichten. Wehmütig schaut man auf ein solches Werk und wünscht sich zurück in eine Zeit, in der Aufbruch, Entdeckung und Abenteuer noch so unschuldig verbunden waren.

A propos Unschuld: Es ist interessant, wie der Herausgeber Peter Pfrunder in seinem Essay, „Fenster zur Welt“ auf die fragwürdige Rolle der Schweizer Fotografie im Zusammenhang mit der „fotografischen Landesverteidigung“ Bezug nimmt. So haben unter dem Chefredaktor Arnold Kübler in der „Zürcher Illustrierten“ um 1930 Fotografen wie Gotthard Schuh, Paul Senn und Hans Straub an der Darstellung einer heilen Schweizer Welt gegenüber den feindlichen Mächten gearbeitet. Die „geistige Landesverteidigung“ wirkte, wie Martin Jaeggi in seinem Beitrag „Essays und Experimente“ schreibt, mit der Vorliebe der Fotografen für „Bauern und Arbeiter und die verschwindenden ländlichen Traditionen“ weiter. Indirekt fand sie in den 50er und 60er Jahren ihre Fortsetzung in „pittoresken und exotischen Bildberichten aus fernen Ländern“.

Essays in Wort und Bild

Wie lässt sich aber die Bedeutung der Kamera als moderne Erzählerin näher beschreiben und verstehen? Auch das ist ein Thema dieses Bandes. John Berger als Essayist und Jean Mohr als intellektueller Fotograf haben mit dem Bildband „A Fortunate Man“ (1976) eine lang andauernde produktive Zusammenarbeit begonnen. Der „Fortunate Man“ war ein Landarzt, der aufgrund der Tatsache, dass er sich hat mit Kamera und Feder porträtieren lassen, von seinen Zunftgenossen aus Übelste angegriffen wurde. 1985 beging er Suizid. Interessant ist eine Parallele ausserhalb des Katalogs: 1948 hat W. Eugene Smith eine Fotoserie unter dem Titel „Country Doctor“ veröffentlicht. Die Unterschiede zwischen diesen Bildern sind frappant – wie eben die Unterschiede zwischen dem Alten und dem Neuen Kontinent.

Eine umfassende Geschichte der Schweizer Fotografie hat es schon einmal gegeben. 1992 hat die Fotostiftung Schweiz einen Bildband unter dem Titel: „Fotografie in der Schweiz von 1848 bis heute“ unter Federführung von Hugo Loetscher publiziert. Damals hat man Themengebiete und danach die Bilder ausgewählt und zusammengestellt. Ebenso wie der neue Band ist er essayistisch dem Geheimnis der Fotografie auf der Spur.

Standard der Schweizer Fotogeschichtsschreibung

Peter Pfrunder berichtet, dass man ursprünglich 50 Bildbände vorstellen wollte. Daraus sind 70 geworden. Die Auswahlgruppe hatte natürlich weit mehr zu sichten. Wie schwierig auch technisch eine solche Auswahl zu bewältigen ist, zeigt sich bei der Lektüre des Bandes daran, dass Textverweise sich in der Regel auf die Abbildungen in den besprochenen Fotobüchern beziehen, diese Abbildungen aber in dem vorliegenden Band nicht immer zu finden sind. Oder es fehlen Erklärungen zu einzelnen Abbildungen wie aus dem bereits erwähnten Band „Der Mensch auf seiner Erde“ von Georg Gerster.

Am Ende des Bandes finden sich schöne Beispiele für aktuelle Fotobücher. So zeigt der Band "Snow" (2001) von Thomas Flechtner, dass heute ein ganz anderer Blick auf die Natur in ihrem industrialisierten Kontext möglich und nötig ist. Beeindruckend sind auch "Temporary Discomfort" (2005) von Jules Spinatsch und "Local Studies" (2007) von Joel Tettamanti, um nur diese zu nennen.

Die „Schweizer Fotobücher“ werden auf lange Jahre den Standard für die Schweizer Fotogeschichtsschreibung abgeben. Sie sind für jeden Kenner und ernsthaft Interessierten unverzichtbar. Wenn ein Wunsch offen wäre, würde man sich zu diesem Buch eine DVD mit allen Abbildungen wünschen – natürlich ist das unrealistisch. Aber Wünsche sind frei, so frei, wie der Geist vieler Fotografen, die in ihrer Zeit Neuland betreten und es geschafft haben, ihre Ideen in das begrenzte, aber stabile Medium des Fotobuchs zu überführen.


Fotostiftung Schweiz, Winterthur, «Schweizer Fotobücher 1927 bis heute», Ausstellung bis 19. Februar 2012

«Schweizer Fotobücher 1927 bis heute – eine andere Geschichte der Fotografie», hg. von Peter Pfrunder / Fotostiftung Schweiz. Lars Müller Publishers, Baden. 640 Seiten, 700 Abb. (deutsch mit Übersetzungen englisch/französisch), CHF 98.-

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