Ein Gastwirt als Staatspräsident

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Ein Gastwirt als Staatspräsident

Von Heiner Hug, 11.02.2019

Sie galt lange Zeit als finstere Periode der deutschen Geschichte. Jetzt werden nicht nur die schlechten Seiten von „Weimar“ gesehen.

Vor hundert Jahren, am 11. Februar 1919, wurde Friedrich Ebert zum ersten deutschen Reichspräsidenten gewählt. Das war die Geburtsstunde der Weimarer Republik. Sie dauerte 14 Jahre und endete in der Katastrophe.

Im Mittelpunkt stand zunächst ein Mann, dem Deutschland sehr viel zu verdanken hat – dessen Verdienste aber nur bescheiden gewürdigt werden. Er, der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, hat wesentlich dazu beigetragen, dass Deutschland nicht zu einer bolschewistischen Enklave wurde. Auch den Versuch der ewig Gestrigen, das Rad zurückzudrehen und Deutschland wieder in ein absolutistisch geführtes, Monarchie-ähnliches Staatswesen zu verwandeln, konnte er verhindern.

Die Gaststätte „Zur guten Hilfe“

Die Rolle, die Ebert in der deutschen und europäischen Geschichte spielen sollte, war alles andere als vorbestimmt. Er stammte aus einfachsten Verhältnissen und lernte Sattler. Bald schon arbeitete er als Redaktor der „Bremer Bürgerzeitung“, die – trotz des Namens – ein sozialdemokratisches Blatt war. Doch er verdiente nicht genug, um seine Familie zu ernähren. Da drängte ihn seine Frau Louise, eine Arbeiterin, die Gaststätte „Zur guten Hilfe“ zu übernehmen. Diese verwandelte er bald zu einem Treffpunkt von Gewerkschaftern und Sozialdemokraten. Es war die Zeit, als Karl Marx zur Pflichtlektüre der Linken wurde.

Auch Ebert hatte Marx gelesen, doch ein Marxist war er nie. Dogmatiker hasste er. Er stand stets auf dem sehr rechten, pragmatischen Parteiflügel der Sozialdemokraten, was ihm einige Unannehmlichkeiten eintrug. Unter dem Krieg hatte er arg gelitten. Zwei seiner Söhne starben auf dem Schlachtfeld.

Eine Arbeiterin als „First Lady“

Die alte Elite, die noch immer dem geflüchteten Kaiser huldigte, konnte es nicht hinnehmen, dass ein Arbeiterkind, das kein Gymnasium und keine Universität besuchen durfte, an der Spitze des Staates stehen sollte. Ebenso schlimm: eine Arbeiterin als „First Lady“ ...

Auf den Tag genau drei Monate vor Eberts Wahl ins höchste Staatsamt hatte Deutschland den Krieg verloren und den Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnet. Kaiser Wilhelm II. flüchtete in die Niederlande. Im Versailler Vertrag gingen die Siegermächte Frankreich und Grossbritannien schonungslos mit dem Verlierer um. Deutschland wurde zum Alleinverantwortlichen für den Krieg erklärt und verlor ein Siebtel seines Gebiets, unter anderem Elsass-Lothringen sowie rohstoffreiche Landstriche im Osten. Zudem wurde das Kaiserreich zur Zahlung einer Reparationssumme von 132 Milliarden Mark verurteilt. Das Land lag am Boden.

Dass ausgerechnet ein Sozialdemokrat als Retter in höchster Not eingesetzt wurde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Gut vierzig Jahre vorher, 1878, hatte Bismarck im „Sozialistengesetz“ die Sozialdemokraten verboten und in die Illegalität getrieben. Ihre Anhänger wurden als „Reichsfeinde“ verleumdet und teils sogar ausgebürgert. Man nannte sie „vaterlandslose Gesellen“. Und jetzt soll ein Sozialdemokrat das Land retten!

Novemberrevolution

Schon in den letzten Kriegstagen, im November 1918, war in Deutschland eine revolutionäre Massenbewegung entstanden. Tausende Linksradikale stürmten Richtung Berlin. Bald demonstrierten Hunderttausende im ganzen Land. Viele von ihnen kämpften für eine Revolution nach bolschewistischem Muster. Ein Jahr zuvor hatte Lenin in Moskau die Macht übernommen.

In dieser aufgeheizten, revolutionären Stimmung schlug Max von Baden, der letzte Kanzler des Kaiserreichs, Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten vor. Die Sozialdemokraten waren 1912 die klar stärkste Partei in Deutschland geworden. Und Ebert, der Parteivorsitzende der SPD, sollte das geschändete Land nun aufrichten.

Linke und rechte Feinde

Er hatte gleich zwei Feinde: Auf der rechten Seite die alte Hohenzollern-Elite, die jetzt nach 500 Jahren gestürzt wurde und unter dem Kaiser zu Geld und Macht gelangt war. Jetzt war sie dabei, ihre Privilegien zu verlieren.

Doch auch von links drohte Gefahr. Die Sozialdemokraten waren tief gespalten in einen rechten und einen linken Flügel. Die radikalen Linken wollten in Deutschland die „Diktatur des Proletariats“. Ebert mahnte sie: „Blicken Sie nach Russland, und Sie sind gewarnt.“

„Spartakusaufstand“

Am 9. November 1918 hatten die Sozialdemokraten in Berlin die Republik ausgerufen. Blutige Auseinandersetzungen mit Hunderten Toten brachen aus. Später kamen Tausende dazu. Die alten und die neuen Machthaber bekämpften sich, ebenso die zahlreich entstandenen linken und rechten Milizen sowie die rechten und linken Sozialdemokraten.

Höhepunkt war der „Spartakusaufstand“ im Januar 1919 und die Ermordung der ultralinken Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, der der marxistische Historiker Arthur Rosenberg „einen Geist des fanatischen Utopismus“ vorwarf.

Das wohl schwierigste Amt

Fünf Tag vor Eberts Wahl war in Weimar, einem Städtchen in Thüringen, die Nationalversammlung zusammengetreten, ein Gremium, das am 19. Januar 1919 gewählt worden war. Das erste Mal hatten die Deutschen, auch die Frauen, in freier, geheimer Wahl wählen können. Aufgabe der Nationalversammlung war es nun, eine republikanische Verfassung auszuarbeiten. Man wählte das ruhige Städtchen Weimar als Tagungsort, weil in Berlin noch immer bewaffnete Auseinandersetzungen stattfanden. Die Strassen der Hauptstadt waren voll von Kriegsverletzten und Hungernden.

Es war das wohl schwierigste und aufreibendste Amt, das ein Politiker übernehmen kann. In seiner sechsjährigen Amtszeit als Reichspräsident führten neun Reichskanzler (Ministerpräsidenten) die Regierung. Nur die ersten drei gehörten der SPD an, die übrigen waren Mitglieder bürgerlicher Parteien oder parteilos. Immer arbeiteten sie eng mit dem Reichspräsidenten zusammen.

Drohender Bürgerkrieg

Es waren schreckliche Jahre: Galoppierende Inflation, da und dort Anarchie, Massenarbeitslosigkeit, Umsturzversuche, Generalstreiks, wilde Streiks, Meutereien, Judenhass, Morde, Flucht der Regierung, Dolchstosslegende, Attentate, Anschlag auf Berliner Siegessäule – und immer drohte der Bürgerkrieg. Millionen heimkehrender Soldaten sollten wieder ins Zivilleben und in den Produktionsprozess einbezogen werden.

Die alte Elite warf Ebert vor, Deutschland in ein bolschewistisches Anhängsel Russlands verwandeln zu wollen. Die Linke bezeichnete ihn als Verräter an der Arbeiterschaft. Der linke Flügel der Sozialdemokraten spaltete sich ab und nannte sich USPD: Unabhängige SPD. Die unabhängigen Sozialdemokraten waren zeitweise eine bedeutende Kraft im Land und flirteten immer wieder mit der neu entstandenen Kommunistischen Partei KPD.

Ebert war das, was man heute einen Realpolitiker nennt. Er suchte den Ausgleich mit den Bürgerlichen und der Armee, suchte Kompromisse und wollte so das Mögliche möglich machen. Ohne zu provozieren, suchte er seine Gegner einzubinden. Dieser Kurs war oft erfolgreich, aber eben nicht immer.

Allzu kompromissbereit?

Seine Kompromissbereitschaft war seine Stärke – und seine Schwäche. Manchmal ging sie, aus heutiger Sicht, zu weit. Er habe allzu viele Repräsentanten des Kaiserreichs an Schlüsselstellen belassen, wird ihm heute vorgeworfen. Vor allem habe er die Armee und den Beamtenapparat zu wenig „gesäubert“ und reorganisiert. In den ersten Jahren habe er es verpasst, eine schlagfertige Kraft gegen die Revolutionäre aufzubauen.

Die preussischen Junker und Grossgrundbesitzer blieben unangetastet. Viele Richter, die ganz im Dienste der reaktionären, wilhelminischen Macht standen, hätte er entlassen müssen. Ebert wurde dann selbst Opfer solcher Richter.

Man wirft ihm auch vor, dass es ihm misslang, seine Sozialdemokraten zu einigen. Doch dazu hätte er der aufrührerischen Linken, die immer wieder mit den Kommunisten paktierte, viele Konzessionen machen müssen, die er und die Mehrheitssozialdemokraten nicht machen wollten.

Kein Kaiser-Ersatz

Ebert war kein Blender und kein grosser Redner. Ein Demagoge und ein Populist war er schon gar nicht. Seine Reden waren schnörkellos und präzis. Er war kein glänzender Repräsentant des Staates, der – wie es sich das Volk aus Kaiserzeiten gewohnt war – an pompösen Veranstaltungen auftrat. Als „Kaiser-Ersatz“ taugte er nicht. Heute kennen ihn nur noch wenige. Im ZDF-Ranking der „200 grössten Deutschen“ hat Ebert keinen Platz. Dafür Heino und Claudia Schiffer.

Ebert hinterliess bei seinem Tod nicht das schlechteste Deutschland. Die Hyperinflation wurde gebändigt. Die Arbeitslosigkeit sank (vorerst), die Löhne stiegen (vorerst) wieder. Die Hitler-Partei war bei den Wahlen kurz vor Eberts Tod mit 3 Prozent noch eine Krümelsekte.

„Meilenstein der Demokratie“

Trotz miserabler Startbedingungen haben Eberts Weimar-Jahre vieles zustande gebracht. Die Nationalversammlung verabschiedete eine der damals modernsten Verfassungen, die der deutsche Bundespräsident Walter Steinmeier an einer Gedenkveranstaltung vergangene Woche als einen „Meilenstein der Demokratie“ würdigte. In der öffentlichen Wahrnehmung hätte sie noch lange nicht den Platz gefunden, der ihr zusteht.

Die Weimarer Republik sei zu lange „von ihrem Ende her beurteilt worden“, sagte Steinmeier. Vieles von dem, was damals entstand, lebe heute fort, „fester und wehrhafter eingelassen in das Fundament unserer Republik“.

Erstaunliche Arglosigkeit?

Wie sehen die Historiker den ersten Reichspräsidenten? Unterschiedlich. „Der erste Reichspräsident war ein überzeugter Demokrat, ein deutscher Patriot und ein Mann der friedlichen Verständigung zwischen den Völkern“, schreibt der Historiker Heinrich August Winkler. „Er gab unter schwierigen Bedingungen sein Bestes und trug niederträchtige Angriffe ... mit grosser Würde.“

Seine grösste Leistung sei „sein Einsatz für die Verständigung und die Zusammenarbeit zwischen den gemässigten Kräften in Arbeiterschaft und Bürgertum“ gewesen. Auch in aussenpolitischen Fragen habe sich sein „nüchternes Urteil bewährt“. Doch er habe sich allzu oft „auf das Urteil militärischer und bürokratischer Berater“ verlassen, „denen er mit erstaunlicher Arglosigkeit gegenübertrat. Oft regierte er mit Notverordnungen. „Zu den Staatsmännern und den Grossen der deutschen Geschichte wird man Friedrich Ebert nicht rechnen können“, schreibt Winkler.

„Feinden und Freunden weit überlegen“

Letztere Ansicht teilen nicht alle. „Was eigentlich hätte den Deutschen in diesen verwirrten aufgeregten Zeitläufen von Kriegsniederlage und Revolution Besseres widerfahren können als dieser Friedrich Ebert?“, schreibt der Historiker Horst Möller. Er betont: Ebert „war seinen politischen Feinden, aber auch seinen Freunden durch taktisches Geschick und Klarheit der Konzeption weit überlegen“.

Die rhetorische Frage bleibt: Wer, ausser Ebert, hätte es besser gemacht?

Aufgeschobene Blinddarmoperation

Ebert wurde diffamiert, beleidigt, lächerlich gemacht. Karikaturen zeigten ihn mit dickem Bauch und Zigarre. Immer wieder wurde ein Foto herumgereicht, das ihn in einer unvorteilhaften Badehose zeigte. Die Verleumdungen nagten an ihm. Doch er hielt durch: sechs Jahre lang. Dann, 1925, war Schluss. Erwin Rothardt, ein völkischer, rechtsextremer Journalist warf ihm in der „Mitteldeutschen Zeitung“ vor, ein Landesverräter zu sein, weil er Anfang 1918, während des Kriegs, an einem Streik von Munitionsarbeitern teilgenommen hatte.

Vom 9. bis 23. Dezember fand der „Magdeburger Prozess“ statt. Ebert, der sich dringend einer Blinddarmoperation hätte unterziehen müssen, ging nicht ins Spital, weil er sich zwei Wochen lang als Zeuge bereithalten musste.

„Jeder Esel von Richter“

Die Richter verurteilten dann zwar den Journalisten, liessen aber die Behauptung stehen, Ebert sei ein Landesverräter. Dieser Vorwurf war ein Stich ins Herz und brach – zusammen mit einer schweren Bauchfellentzündung – seinen Lebenswillen. Am 28. Februar 1925 starb er mit 54 Jahren. Sein Tod sei „eine der tiefsten Zäsuren in der Geschichte der ersten deutschen Demokratie“ gewesen, schreibt Winkler.

Die Magdeburger Richter, die ganz im Solde der alten Elite standen, mussten sich einiges anhören – vor allem von bürgerlicher Seite. Aussenminister Gustav Stresemann kritisierte ihre „Verlogenheit“. Und der Jurist Eduard Hamm von der Deutschen Demokratischen Partei sagte: „Wir sind jedem Esel von Richter in Deutschland ausgeliefert.“

Epilog 

Zu Eberts Nachfolger wurde der ehemalische Feldmarschall von Hindenburg gewählt, ein Vertreter der reaktionären alten Garde. Unter ihm schlitterte Deutschland 1933 ins Verderben.

Ein gebrochener Mann: Das letzte Bild, aufgenommen 13 Tage vor seinem Tod (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 15. Februar 1925, Fotograf Georg Pahl, Bild Nummer 102-00015)
Ein gebrochener Mann: Das letzte Bild, aufgenommen 13 Tage vor seinem Tod (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 15. Februar 1925, Fotograf Georg Pahl, Bild Nummer 102-00015)

Teil 2 (folgt am Mittwoch): „Deutschland schien reif für irgendeine Diktatur“
Teil 3 (folgt am Freitag): Reichspräsident von Hindenburg, „moralisch ungeeignet“

Quellen/Literatur
Horst Möller: Die Weimarer Republik, Demokratie in der Krise, Neuauflage, Piper, 2018.
Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933, Geschichte der ersten deutschen Demokratie, Neuauflage, Beck, 2018.
Sebastian Haffner: Von Bismarck zu Hitler, ein Rückblick, Neuauflage, Knaur, 2014.
Christopher Clark: Von Zeit und Macht, DVA, 2018

Kommentare

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Sehr geehrter Herr Hug, herzlichen Dank für diese ausgezeichnete Darstellung von "Fritze Ebert". Es ist traurig solches kaum in einer deutschen Zeitung/Nachrichtenwuelle lesen zu können. Ebert , der helle ,der Sattlergeselle, die Deutschen sollten wenigsten heute (AfD usw) daß es solche Persönlichkeiten die realpolitisch agierten b aber nicgt rechts waren, gegeben hat. Ja mei und die SPD - es scheint dass nach Brandt Erler,Schmidt nix mehr aus dieser Tradition da is, sondern alles im schröderschen brei erstickt. Doie Deutschen haetten eine starke SPD Typus Ebert dringend notwendig, denn auf der Rechten stehen die heutigern Helfferiche und Konsorten bereit. Bei der Union gibts ausser SpahnMerz keine Entsprechung wie Erzberger oder Wirth. Nochmals danke für Ihren Beitrtag Mit freundlichen Grüßen

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