Ein Aussenseiter nimmt Fahrt auf

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Ein Aussenseiter nimmt Fahrt auf

Von Hans Woller, Paris - 21.01.2017

Emmanuel Macron, Frankreichs parteiloser Präsidentschaftskandidat aus der Mitte, verunsichert seine Gegner.

Noch ist es keine offene Panik, die vor allem bei Frankreichs Sozialisten um sich greift, aber auch den konservativen Spitzenkandidaten François Fillon und die rechtsextreme Marine Le Pen langsam ereilt hat. Aber eine gehörige Portion Unruhe ist es allemal, die sich da in den Hauptquartieren der entsprechenden Parteien breit macht.

Anhaltende Sympathiewelle

Mit offenem Mund und bass erstaunt müssen Macrons Gegner zur Kenntnis nehmen, dass er bei seinen geographisch sorgsam ausgewählten Wahlkampfauftritten in allen Ecken Frankreichs einen Triumph nach dem anderen feiert.  

Dieser 39-jährige Strahlemann, das Gegenteil eines Politprofis, der sich da in den Kopf gesetzt hat, Frankreichs nächster Staatspräsident werden zu wollen, und diese Kandidatur vor ziemlich zwei Monaten offiziell angekündigt hat, schwimmt doch tatsächlich weiter auf einer Sympathiewelle, die nicht brechen will. Dabei ist Macron, gemessen an den Gepflogenheiten und Traditionen bei der Eroberung der Macht in der 5. französischen Republik, nichts anderes als ein Amateur und ein blutiger Anfänger.

Doch die Massen strömen zu seinen Veranstaltungen, die Säle sind in der Regel zu klein und der Kandidat strahlt. Ausgerechnet dieser parteilose, politische Nobody, der in seinem Leben noch nie den Ortsverband einer Partei von Innen gesehen, geschweige denn sich jemals irgendwo zu einer Wahl gestellt hat und auf diese Art hautnah mit Wählern in Kontakt gekommen wäre, bringt die alte Garde der Sozialisten, der Konservativen und der extremen Rechten doch tatsächlich immer mehr in Bedrängnis .

Politischer Nobody

Als der ehemalige Wirtschaftsminister des sozialistischen Präsidenten Hollande, geputzt und gestriegelt und in französisch-blauem Anzug Mitte November letzten Jahres in einem Pariser Problemvorort   tatsächlich ernst machte und  seine unabhängige Präsidentschaftskandidatur unter Umgehung der sozialistischen Urwahlen ankündigte, da bezeichnete man ihn allerorts als pures Medienprodukt und seine aufkeimende Popularität als Seifenblase, die in Bälde platzen werde. Die Alteingesessenen im französischen Politdschungel gaben sich  betont herablassend und selbstsicher gegenüber diesem Neuankömmling, der als Berater von Staatspräsident Hollande vor nicht mal fünf Jahren im Élysée überhaupt zum ersten Mal seine Nase in die Politik gesteckt hatte. Nach knapp zwei Jahren als wirtschaftspolitischer Berater an der Seite des Staatspräsidenten, machte ihn François Hollande zum Wirtschaftsminister, zwei weitere Jahre später trat Macron sehr selbstbewusst von diesem Amt bereits wieder zurück, um die Ellbogen frei zu haben für ehrgeizigere Ziele.

Umfragen

Dieser blitzgescheite, seit jeher frühreife junge Mann, der  nach dem Abitur kurzerhand seine Französischlehrerin geheiratet hatte und sich dann erst mal an der Elitehochschule ENS dem Studium der Philosophie widmete, bevor er die nächste Kaderschmiede in Angriff nahm, die Verwaltungselitehochschule ENA, das klassische Sprungbrett zur Macht – dieser Mann schickt sich doch tatsächlich an,  die politische Landschaft Frankreichs aufzumischen. Bislang hielten die  alten Hasen der französischen Politik dies für unwahrscheinlich, doch langsam bekommen sie Angst, sie könnten auf die Nase fallen. 

Denn Macron, ohne bisher ein wirkliches Programm vorgelegt zu haben, bewegt die Massen mit einer ganzen Reihe von perfekt formulierten, wohlklingenden aber letztlich doch hohlen Phrasen – da ist immer wieder von der Kraft des Optimismus, von demokratischer Revolution und von Progressivität die Rede. Bislang jedenfalls will und will die Seifenblase Macron nicht platzen, im Gegenteil. Sie präsentiert sich weitaus resistenter als allgemein erwartet.

Bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber Meinungsumfragen angesichts der katastrophal falschen Vorhersagen der letzte Monate darf man sich in Frakreich guten Gewissens zumindest an eine, seit November 2015 alle sechs Wochen erscheinende Umfrage halten. Es ist eine Langzeitbeobachtung, herausgegeben vom Studienzentrum des politischen Lebens in Frankreich (CEVIPOF), bei der knapp 16‘000 Französinnen und Franzosen über 18 regelmässig befragt werden. Und die jüngste Ausgabe dieser Studie bestätigt sehr eindrücklich, dass das Phänomen Macron zu einer festen politischen Grösse zu werden scheint.

25–26 Prozent für Marine Le Pen, 23–24 Prozent für François Fillon und zwischen 17 und 19 Prozent für den Newcomer Emmanuel Macron, der längst nicht mehr nur in den eher jungen und gut ausgebildeten Bevölkerungsschichten Zustimmung findet. Manuel Valls würde, sofern er denn bei den Vorwahlen der Sozialisten am 22. und 29. Januar zum Spitzenkandidaten gekürt wird, gerade mal auf 10 Prozent kommen, noch hinter Jean Luc Melenchon, dem Kandidaten der Linkspartei, landen, dem derzeit 14–15 Prozent vorhergesagt werden! 

Verkehrte Welt

Mit anderen Worten: Frankreichs Sozialisten befinden sich, nur drei Monate vor der Präsidentschaftswahl, in verkehrten Welten. Wochenlang hatten sie Emmanuel Macron aufgefordert, doch an ihren Vorwahlen teilzunehmen. Nachdem der ehemalige Wirtschaftsminister dies aber mehrmals strikt abgelehnt hatte, tönten die Sozialisten, Macron müsse sich dann eben nach ihren Vorwahlen überlegen, ob er seine Kandidatur nicht zurückziehe, da dies die einzige Möglichkeit sei, eine Stichwahl zwischen Rechts und Extrem-Rechts, zwischen Fillon und Le Pen zu verhindern. Nun aber – und das ist geradezu historisch – müssen sich Frankreichs Sozialisten in einigen Wochen, wenn es wirklich ernst wird, wohl oder übel die Frage gefallen lassen, ob es nicht an ihnen ist, ihren Kandidaten zurückzuziehen, will man am 7. Mai das Duell Le Pen gegen Fillon verhindern!  „Frankreichs Sozialistische Partei am historischen Wendepunkt“ oder „Macron frisst den Parti Socialiste“ – so lauten Überschriften der französischen Presse dieser Tage.

Und wenn die Wahlbeteiligung bei den Vorwahlen der Sozialisten an diesem und am kommenden Sonntag gering ausfällt – und alles deutet darauf hin: Nur drei Millionen Fernsehzuschauer haben die letzte Debatte der Kandidaten verfolgt, bei den Vorwahlen der Konservativen waren es 5 Millionen –, wird der dann gekürte sozialistische Kandidat auch dadurch kein sonderlich grosses Gewicht haben.

Vergleiche     

Um das Phänomen Macron in den Griff zu bekommen, haben Presse und Politologen in den letzten Wochen gleich eine ganze Reihe von Vergleichen bemüht. Manche bezeichnen ihn als linken Populisten und als weiteren Anti-System-Kandidaten, der allerdings eben nicht vom extrem rechten Ufer kommt. Auf Grund seines jungen Alters fällt schon mal der Vergleich mit Giscard d'Estaing, der damals, 1974, ebenfalls an den zwei grossen politischen Parteien vorbei und durch die Mitte zum höchsten Amt im Staat strebte und die Gaullisten auf der einen und die im so genannten „Programme Commun“ (Gemeinsamen Programm) zusammengeschlossenen Kommunisten und Sozialisten auf der anderen Seite hinter sich liess. Auch Matteo Renzi muss herhalten und so mancher versteigt sich gar zu Vergleichen mit Barack Obama, ja selbst der Name Kennedy ist schon gefallen.    

Ein gewisser Mut

Macron macht in der Tat so manches gründlich anders als die Altgedienten in der Politik, wirft eine ganze Reihe von Codes und Gepflogenheiten einfach über den Haufen und das scheint durchaus anzukommen. Da fährt er zum Beispiel zwei Tage nach Berlin, trifft ein Dutzend wichtiger Gesprächspartner und hält an der Humboldt-Universität vor vollem Haus eine euphorische Europarede – und zwar auf Englisch, als wäre das selbstverständlich. Dass ein französischer Politiker bei einem offiziellen Auftritt eine andere Sprache als Französisch spricht war bislang kaum vorstellbar, ganz abgesehen davon, dass auch kaum einer dazu in der Lage gewesen wäre.  Macron bricht dieses Tabu  einfach – und stören tut es letztlich nur Marine Le Pen, die in einer plumpen Twitterbotschaft stöhnte: „Armes Frankreich.“

Viel wurde auch geulkt über den ehemaligen Investmentbanker aus dem Hause Rothschild, der schon im Alter von 30 Millionär war, selbstverständlich in einem der besten Pariser Viertel wohnt, gute Manieren und eine geschliffene Sprache hat, der von der Not der Bevölkerung aber keine Ahnung habe und vom Alltag abgehoben  sei, wie  alle anderen Politiker auch.

Wer ihn aber jüngst gesehen hat, wie er im verelendeten Nordfrankreich, in den Jagdgründen Marine Le Pens und in Orten, die zu über 50 Prozent Nationale Front wählen, durch die Strassen und auf die Menschen zuging, musste einsehen, dass sich Macron dabei in keiner Weise unwohl zu fühlen schien und  auch durchaus fähig ist, in diesem Umfeld den richtigen Ton zu treffen – freundlich, sachlich, aber sehr bestimmt übte er zum Beispiel just in der Front National-Stadt Henin-Beaumont an der Partei Marine Le Pens heftig Kritik. Er redete dort der vom Leben geplagten und gezeichneten  Bevölkerung auf eine Art und Weise ins Gewissen, wie man es von anderen Politikern kaum gewohnt ist. Zur allgemeinen Überraschung wirkt der Ex- Banker und Minister in dieser eher rüden Umgebung durchaus nicht fehl am Platz, zeigt sich offen, kontaktfreudig und zugänglich.

Die Neuheit

Im Lauf der Wochen verstärkt sich zudem der Einruck, dass Macrons mangelnde politische Erfahrung für ihn derzeit eher ein Plus ist. In den Augen der Wähler hat er offensichtlich den Anschein, vom berühmt- berüchtigten und viel geschmähten „System“ nicht kontaminiert zu sein, auch wenn er de facto in eben diesem System gross geworden ist. Der 39-Jährige verkörpert momentan schlicht und einfach die Neuheit in der politischen Landschaft und das scheint im Frankreich des Jahres 2017 auszureichen, um an die 20-Prozent-Marke heranzukommen. Ob das so bleibt, wenn Macron in den nächsten Wochen ein echtes und detailliertes Programm vorlegt, muss sich erst noch erweisen. Diese Präsidentschaftswahl 2017 jedenfalls – so viel ist heute schon sicher – ähnelt, auch auf Grund des Phänomens Macron, keiner einzigen der vorhergehenden. 

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