Dreikönigskuchen

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Dreikönigskuchen

Von Ekkehard Faude, 06.01.2011

Das kulinarische Brauchtum ist viel älter als das Tagebuch von Samuel Pepys. Aber die Suche im gebackenen Teig nach Königsdarstellern gibt Anlass, an eine literarische Großtat mit Zeitzünder zu erinnern, noch dazu eine von hohem Unterhaltungswert.

Kein Wort heute über Videovisionen, die Bücher nur noch aus der cloud erwarten (http://www.youtube.com/watch?v=ZKEaypYJbb4). Oder über das Verschwinden der Rechner in den Bildschirmen mit all den Allmachtsphantasien um die kapazitiven Touchscreens. Es geht um wirklichen Kuchen. Heute ist Dreikönigstag und zu den verlässlichsten Ritualen im Alpen-Nahraum gehört das Grübeln in Kuchenstücken. Anderswo haben sie auch ihren Spaß. Wir zappen – Tagesaktualität muss sein im flackernden Licht der Online-Medien – zum Dreikönigstag vor 345 Jahren. Kuchenschmaus unweit der Themse, an einem Samstag, dem Julianischen Kalender zufolge, der damals in England noch galt.

«Aßen schließlich den Dreikönigskuchen, um König und Königin zu küren, fanden aber weder Erbse noch Bohne. Dafür hatte ich in meinem Stück eine Gewürznelke, das Zeichen des Buben, und steckte sie heimlich in Hauptmann Cockes Stück, was großes Gelächter hervorrief, da er bekanntlich erst vor kurzem Nelken und Muskatblüten aus den Prisen der Ostindienschiffe gekauft hatte.»

Die Prisen waren vermutlich von englischen Schiffen überfallene und ausgeraubte Transportschiffe der Holländer, die Gewürze wertvolle Handelsware; man machte also einen Scherz wie über die Börsengewinne eines Lobbyisten. Und wir erfahren immerhin, dass die Engländer den Kuchen zu Dreikönig gendermäßig korrekter aßen: Es ging nicht nur um einen König, auch nach einer Königin wurde gesucht.
Die Szene spielt in Greenwich; dorthin hatten sich wegen der Pest, die seit einem Jahr in London Zehntausende erkranken und krepieren ließ, die besseren Herrschaften geflüchtet. Auch das Marineamt des englischen Hofes hatte sich in der gesünderen Gegend in Sicherheit gebracht. Die Herren vom Amt hatten an jenem 6. Januar ein prächtiges Mahl hinter sich und spielten dann Karten. Der Kuchenesser, der den Spaß überliefert, Samuel Pepys, war ein ebenso fleißiger wie umsichtiger Karrierist im Dienst des Königs, dreiunddreißig Jahre alt. Glücklicherweise hatte er sechs Jahre zuvor begonnen, Tagebuch zu schreiben. Sonst wüssten wir nicht, dass die Engländer im Dreikönigskuchen auch noch einen Buben in Form einer Gewürznelke suchten. Auch nichts davon, wie der Schwager des Tagebuchschreibers, Lord Sandwich in den Monaten danach in Ungnade fiel. Pepys seinerseits erlebte jenen Dreikönigstag ohne jede Ahnung davon, dass er im September den verheerenden Großbrand schildern würde, dem die Altstadt von London zum Opfer fiel. Wir wüssten ohne ihn wenig von den Fluchten der Einwohner mit Wagen und auf Schiffen aus den Feuern der Stadt. Ein Drama, das Pepys aus eigener Sicht, aus Gerüchten und fremden Erzählungen multiperspektivisch überliefert, mit der für ihn so bezeichnenden Achtsamkeit auf bizarre Details: ihm war sogar erwähnenswert, dass er unerwartet viele Spinette im Hausrat der Flüchtenden sah. Er war kein Elegiker, schon gar nicht ein Pessimist, beim Gang durch die Brandruinen der weiträumig zerstörten Stadt war er folglich auch nicht versucht, Vanitas-Verse anzustimmen, wie sie sein schlesischer Jahrhundertgefährte Andreas Gryphius angestimmt hätte: «Wo itzund städte stehn / wird eine wiesen sein, / Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden.»

Pepys beobachtete lieber kühl, wie die Geldgier die Mietpreise hochtrieb, reiche Leute die vereinbarten Löhne ihrer Rettungsmannschaften beschnitten und wie den Armutsaufständen begegnet wurden. Ein begeisterter Bücherleser zudem, der am Sonntag nach dem Brand aufmerksam registrierte, dass der Prediger den gigantischen Schaden in ein rhetorisch stümperhaftes Bild fasste: «da er die City mit einem Buch verglich, das von Großfolio auf Duodezformat reduziert worden sei.»

Seinem Vertrauen auf die Haltbarkeit gebundener Papierbände und die Beständigkeit von Bibliotheksüberlieferung entsprechend, ließ Pepys seine in Kurzschrift geführten geheimen Tagebücher binden, mischte sie diskret seiner 3000-bändigen Bibliothek unter und vermachte das Ganze der Universität Cambridge. In Cambridge brannte es glücklicherweise nicht. Sein vorbildloses Schreibwerk schlummerte erst einmal über 100 Jahre unentdeckt im Bücherschrank, wurde erst nur auszugsweise veröffentlicht, und es dauerte noch einmal zwei Generationen, bis in England eine zehnbändige Gesamtausgabe erschien. In Europa hatten selbst so eifrige Tagebuchschreiber wie die Brüder Goncourt nichts von diesem Jahrhundertwerk mitbekommen. Edmond und Jules begannen zweihundert Jahre nach Pepys mit ihren Notizen über das literarische Leben in Paris, und der überlebende Edmond Goncourt führte das Journal Littéraire brav weiter bis 1896, veröffentlichte ruhmselig jeden Band vorab als Zeitungsdruck und gab mit wachsender Ängstlichkeit guten Freunden wie den Daudets einige Passagen vorab zur Begutachtung.
Schwer vorstellbar, wie die Goncourts auf die unbedenkliche Schreibe des Engländers reagiert hätten, der im Gegensatz zu ihnen auf Abdruck zu Lebzeiten verzichtete, folglich keine Rücksichten auf bürgerliche Zimperlichkeiten nehmen musste und kühn mit einem Ruhm in entfernten Zeiten pokerte.

Auf Deutsch gab es immer nur schmale Appetitmacher, einbändig bei Reclam oder Insel. Helmut Schmidt, inzwischen schwer rauchende Pythia im politisch kolorierten Talkshow-Geschäft, hat die Tagebücher von Pepys schon 1980 heiß empfohlen und einen Bekanntheitsschub für den Engländer ausgelöst. Als er, damals noch Bundeskanzler, von den Machtspielern und Tumblingen des Londoner Königshofs in der Nach-Cromwell-Ära las, ahnte er freilich nicht, dass ihn bald darauf ein massiger, nicht eben als Leser verschrieener Pfälzer stürzen würde. (Mit bizarren Folgen für europäische Politikertreffen. Ohne H. Kohl wäre F. Mitterand nicht in die kulinarischen Genüsse um ein Pfälzer Gericht namens «Saumagen» eingeweiht worden. Soviel pepysianische Genauigkeit muss sein an dieser Stelle.)

Wir haben es inzwischen besser als der Leser Schmidt. Ein maniakischer Paradiesvogel unter den Verlegern, rare Gestalt einer sich verflüchtigenden Berufsgruppe, hat das Pepys-Gesamtwerk gestemmt (http://haffmans-tolkemitt.de/categories/pepys/) und die Übersetzung der englischen Ausgabe in 9 Bänden endlich zugänglich gemacht: Gerd Haffmans. Subtil und gediegen gestaltet wurde die opulente Ausgabe, samt einem reichhaltigen Begleitband (Der Samuel Pepys Companion), von Urs Jakob, der 1982 den Haffmans-Verlag mitgegründet hatte. Ein Lesevergnügen von einigen Jahren, das man sich in den Tagesportionen des 17. Jahrhunderts zuführen kann. Wer noch nicht genug hat, geht parallel zur Papierlektüre auf eine seit 2003 fortgeführte Website: http://www.pepysdiary.com/. Sie bietet zwar den englischen Text einer älteren Edition, zeigt aber zugleich, welch erweiterte Möglichkeiten die phantasievolle Einrichtung eines digitalen Buchs bietet. Die Personennamen werden per Click erklärt. Und in einem wöchentlich wachsenden Baum von Annotationen, auch durch eine wiki-aktivierte Leserschaft, werden historische Details jenseits des Urtextes zugänglich. Die Diskussion um den Dreikönigskuchen – Teil des enzyklopäischen Bereichs «Foods and Drinks» – stagniert dort allerdings seit einiger Zeit … Forscht mal jemand nach, was der Bube im Kuchen zu suchen hatte?

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Hier noch was lustiges zum amüsieren für alle Buchliebhaber und Computerfreunde............. http://www.youtube.com/watch?v=iwPj0qgvfIs

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