Dissidenz aus der Mitte der Gesellschaft

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Dissidenz aus der Mitte der Gesellschaft

Von Gastkommentar, 30.08.2017

Eine sozialistische Gruppierung, die sich 1983 auflöste, wird wiederentdeckt. Sie strebte ein neues Verhältnis zu den Palästinensern an. - Ein Beitrag von Alexander Flores.

Die Israelische Sozialistische Organisation, besser bekannt unter dem Namen ihrer Zeitschrift „Matzpen“, hatte nie sonderlich viele Mitglieder, war nur für etwa zwanzig Jahre aktiv, wurde früh durch Spaltungen geschwächt und stellte 1983 ihre Aktivitäten weitgehend ein. Und doch: Matzpen findet bis heute immer wieder Interesse – in Israel, aber auch im Ausland.

Matzpen war die konsequenteste antizionistische Organisation in der israelischen Geschichte, und es hat diese Position in seinen Aktionen, vor allem aber in zahlreichen Artikeln der Zeitschrift sehr klar vertreten. Israels Charakter als – noch aktive! – europäische Siedlungskolonie, seine Entstehungsgeschichte, die mit der Zerstörung der arabisch-palästinensischen Gesellschaft einherging, und seine beharrliche Weigerung, die so geschaffene Situation – koloniale Unterordnung der Palästinenser unter die jüdischen Israelis – zu verändern: all das wird einem scharf bewusst, wenn man sich mit der Literatur von Matzpen beschäftigt. Und: Die Situation, die Matzpen so vehement anprangerte, besteht nach wie vor. Sie wird durch die Fortsetzung von Siedlungsbau und Unterdrückungspolitik sowie durch die schiere Dauer der Besatzung noch zugespitzt. Die Beiträge von Matzpen haben nichts von ihrer Aktualität verloren.

Wiedererwachtes Interesse

2010 beklagte Haim Hanegbi, einer der Veteranen der Organisation, in einem bewegenden Interview, dass sein Milieu, die israelische Linke – er verstand natürlich Matzpen als deren konsequentesten Teil –  inzwischen verschwunden sei und dass niemand aufstehe, ihr Leben und ihren Niedergang angemessen zu würdigen.

Das könnte er heute nicht mehr so sagen. 2012 hat Moshé Machover, ebenfalls ein Veteran von Matzpen, einen Band mit eigenen Aufsätzen publiziert und damit einen gewichtigen Teil des Erbes von Matzpen wieder zugänglich gemacht. Inzwischen ist der Band auch auf Deutsch erschienen. Und in diesem Jahr hat Lutz Fiedler eben die Würdigung der Organisation vorgelegt, die Hanegbi wohl vorschwebte: das Buch „Matzpen. Eine andere israelische Geschichte“.

Dieses Buch zeichnet die Entstehung und die Geschichte von Matzpen sowie die Substanz und die Stossrichtung seiner Beiträge nach. Es tut dies nicht als wuchtige Anklage, sondern leicht, gleichsam mit der linken Hand. Darum aber nicht minder überzeugend. Wenige Formulierungen der Crux des Konflikts sind wohl schlagender als diese: „Der heisse Konflikt konnte jedenfalls nicht zur Abkühlung kommen, solange sich seine Entstehungsgeschichte in die politischen Strukturen im Inneren des jüdischen Staates hinein verlängerte.“ (S. 118) Die eigentliche Substanz des Buchs ist allerdings eine andere. Sie ist der Versuch, einem ganzen Milieu, in dessen Zentrum Matzpen stand, seinen historischen Ort zuzuweisen. Und damit öffnet das Buch tatsächlich den Blick auf eine Art kontrafaktische Geschichte Israels.

Profilierung der kommunistischen Dissidenten

Die Erzählung ist nach grossen Themen gruppiert, die kapitelweise abgehandelt werden. Sie beginnt mit dem Nachweis der tiefen Verankerung von Matzpen in der israelischen Gesellschaft. Die Organisation wurde 1962 von einigen Mitgliedern von „Maki“, der Kommunistischen Partei Israels, gegründet, die mit dem politisch und organisatorisch einengenden Rahmen der Partei in Konflikt gerieten. Die Abnabelung wird hier eingehend beschrieben und in ihren Kontext gestellt.

Seine charakteristische politische Position in all ihrer Schärfe entwickelte Matzpen aber erst in den auf seine Gründung folgenden Jahren. Erst jetzt machten sich die kommunistischen Dissidenten mit allen Konsequenzen klar, dass sie Angehörige einer europäischen Siedlungskolonie waren, die auf Kosten der einheimischen Bevölkerung in einem arabischen Land entstanden war und deren unterdrückerischer Charakter für eine friedliche Regelung des so entstandenen Konflikts beendet werden musste. Eine scharfe Wendung gegen den zionistischen Charakter Israels also und die Solidarisierung mit den Palästinensern als Hauptopfern dieses Prozesses. Allerdings stellte Matzpen gleichzeitig fest, dass im Zuge des zionistischen Aufbaus eine hebräische Nation in Israel entstanden war, der für den Fall einer Regelung nationale Rechte gesichert werden mussten, um nicht die Situation nationaler Unterdrückung einfach umzukehren – ein Thema, welches das Buch auch in der Folge immer wieder berührt.

Ein eigenes Kapitel widmet Fiedler einem Phänomen, das zeitweise gewisse Berührungspunkte mit Matzpen hatte: der Bewegung der „Jungen Hebräer“. Diese betonte die Eigenständigkeit der in Palästina entstandenen jüdischen nationalen Gruppe, auch und gerade in kultureller und sprachlicher Hinsicht, und forderte einen radikalen Bruch mit der jüdischen Tradition und dem ausserpalästinensischen Judentum. Einige Vertreter dieser Bewegung gehörten zur äussersten zionistischen Rechten der „Stern-Bande“ und führten diese Linie später fort; andere wanderten nach links und fanden sich später in der Nähe von oder direkt in Matzpen. Der gemeinsame Nenner war die Betonung der neuen hebräischen Nation in Israel. Politisch setzte sich Matzpen aber nach dem Junikrieg scharf von den Resten dieser Bewegung ab, die dem Kriegstaumel verfielen.

Gegen israelische Besetzungspolitik

Dieser Krieg liess überhaupt die Konturen der Organisation scharf hervortreten. Matzpen-Mitglieder und -Sympathisanten standen hinter der Anzeige in der Zeitung „Haaretz“ vom 22. September 1967, die sich knapp und scharf mit den folgenden Argumenten für den sofortigen Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten aussprach: „Besatzung führt zu Fremdherrschaft. Fremdherrschaft führt zu Widerstand. Widerstand führt zu Unterdrückung. Unterdrückung führt zu Terror und Gegenterror … Das Behalten der besetzten Gebiete wird uns zu einem Volk von Mördern und Ermordeten machen.“ (S. 141). Eine nur allzu wahre Prophezeiung.

Matzpen bemühte sich beharrlich, seine Position in der israelischen Gesellschaft, einschliesslich ihres arabischen Sektors, zu vertreten, war aber wegen seiner numerischen Schwäche und seiner Ächtung dabei nur begrenzt erfolgreich. Seine grosse Bedeutung lag darin, dass es seine grundsätzliche Position so konsequent, eloquent und klar vertrat. Das sicherte ihm Aufmerksamkeit weit über Israel hinaus: bei Palästinensern, bei anderen Arabern und bei der weltweiten Linken nach1968.

Schwierige Dialoge mit Palästinensern

Der Dialog mit den Palästinensern, den Matzpen bald aufnahm, war schwierig – wegen der Schärfe des Konflikts, weil die Palästinenser keine ebenso klare Position hatten wie Matzpen und weil sie so inkonsequent waren: Der Dialog mit der Demokratischen Volksfront von Nayef Hawatmeh, noch am ehesten erfolgversprechend, wurde nach deren blutiger Attacke in Maalot jäh beendet; der PLO-Vertreter Said Hammami, mit dem Moshé Machover 1975 ein vielbeachtetes Gespräch geführt hatte, wurde 1978 ermordet. Dennoch ging die Zusammenarbeit mit arabischen Linken (Sadiq al-Azm, Lafif Lakhdar und anderen) weiter, vor allem im Rahmen von „Khamsin“, der „Zeitschriftrevolutionärer Sozialisten des Nahen Ostens“.

„Khamsin“ erschien in Europa, zuerst in Paris, dann in London. In dem Mass, in dem die unmittelbare Wirksamkeit von Matzpen in Israel abnahm, verlagerte sich seine Wirkung nach aussen und konzentrierte sich auf prinzipielle Diskussionen und Stellungnahmen, bezog auch stärker Kräfte ausserhalb der eigenen Organisation ein. Es entstand ein Milieu, in dem sich Israelis, nichtisraelische Juden, Araber und europäische Linke zusammenfanden. „Khamsin“ fungierte hier als Stichwortgeber und Plattform, war aber bei weitem nicht der einzige Schauplatz dieses Gedankenaustauschs.

Antisemitische Töne bei deutschen Linken

In der Reaktion auf den israelischen Krieg im Libanon 1982 schlug der Protest hohe Wellen; er brachte etwa in Deutschland noch einmal Juden und Linke zusammen. Die Art der Reaktion wurde aber auch zum Ausgangspunkt eines Dissoziationsprozesses in diesem Milieu. Bei manchen deutschen Linken mischten sich in den Protest gegen das israelische Vorgehen Misstöne, antijüdische Zungenschläge und regelrecht antisemitische Äusserungen; Vergleiche mit Nazideutschland waren nicht selten.

Das liess viele Juden, die den Eindruck hatten, aus der Linken in Deutschland sei eine „deutsche Linke“ geworden, der es um die Relativierung der Naziverbrechen ging, zurückschrecken. Diese Beobachtung nimmt Fiedler zum Anlass, auf ein grundsätzliches Spannungsverhältnis hinzuweisen: Mit ihrer scharfen Wendung gegen den Zionismus schlossen die israelischen Linken von Matzpen an die Tradition der jüdischen Arbeiterbewegung in Osteuropa vor dem Zweiten Weltkrieg an, die internationalistisch und selbstverständlich auch antizionistisch war. Andere jüdische Linke zogen aus dem Holocaust, der die Juden Osteuropas weitgehend vernichtete, den Schluss, der Existenz Israels absolute Bedeutung beizumessen und daher die Kritik an Israel und dem Zionismus abzudämpfen oder völlig aufzugeben.

Holocaust und Universalismus in Spannung

Wenn Matzpen an die universalistische Tradition der jüdischen Arbeiterbewegung vor dem Holocaust anschloss, tat es das nach Fiedler „vorbei an Auschwitz“ (S. 338) und um den Preis der „Selbstabschliessung gegenüber (…) der Bedeutung des Holocaust für das eigene Selbstverständnis“ (S. 339). Aber ist das tatsächlich so? Führt das Gedenken an den Holocaust notwendig in den Rückzug auf Israel? Und hindert einen das Festhalten an einer universalistischen Option daran, das Gedächtnis des Holocaust wachzuhalten?

Die Vergegenwärtigung des Holocaust mit all seinen Schrecken kann helfen, die zu verstehen, die jüdisch-partikularistische Schlussfolgerungen aus ihm ziehen. Das heisst aber nicht, dass man mit ihnen einverstanden sein muss. Im jüdischen Diskurs nach dem Holocaust gibt es die Debatte zwischen zwei Positionen: „Wir müssen alles tun, damit es nicht mehr passiert“ und „Wir müssen alles tun, damit es uns nicht mehr passiert“.

Diese zweite, die jüdisch-partikularistische Position kann man nach allem, was geschehen ist, verstehen. Sie führt aber, konsequent zu Ende gedacht, zu der Politik der Selbstisolation und Sicherheitshysterie, die Israel schon seit so langer Zeit verfolgt und deren fatale Folgen offen zutage liegen. Da erscheint die erste Position als menschlicher – und mit dem Gedenken an den Holocaust ist sie keineswegs im Widerspruch. Im Gegensatz zu der zweiten birgt sie auch die Möglichkeit zu einer Regelung des Konflikts in sich, die doch auch im Interesse der jüdischen Israelis lebenswichtig ist.

Es ist bei einer wissenschaftlichen Arbeit keineswegs selbstverständlich, dass sie so gut lesbar ist wie dieses Buch. Es ist vorzüglich geschrieben; seine Lesbarkeit, aber auch sein Informationsgehalt gewinnen enorm durch die Darstellung der Lebensgeschichten politischer Akteure und wichtiger Intellektueller. Immer wieder scheinen auch die Sympathie des Autors für seinen Gegenstand und sein menschliches Engagement durch, ohne dass dies in kritiklose Übernahme eines Standpunkts oder blinde Parteinahme mündet. Ein grosses Buch.

Erwähnte Literatur:

Lutz Fiedler: Matzpen. Eine andere israelische Geschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017. ISBN 978-3-525-37041-4

Moshe Machover: Israelis und Palästinenser – Konflikt und Lösung. Laika Verlag, Hamburg 2013.

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