Die Zivilgesellschaft zeigt den Weg

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Die Zivilgesellschaft zeigt den Weg

Von Bernard Imhasly, 17.06.2020

In der Corona-Krise mit ihrer Doppelwirkung von Gesundheits- und Wirtschaftskollaps ist es die indische Zivilgesellschaft – und nicht der Staat – die sich der Herausforderung stellt.

Die Hilfe sah mager aus, gerade für einen Bollywood-Star wie Aamir Khan: je ein Kilogramm Reis für eintausend Familien in einem Slum von Mumbai. Die Leute, die sich hinter dem Lieferwagen anstellten, waren denn auch die Ärmsten, die weder Arbeit noch Essen noch ein Dach über dem Kopf hatten.

Genau dies hatte Khan beabsichtigt. Der Filmstar ist nicht nur bekannt für seine sozial wachen Filme. Er hat vor Jahren auch mehrere TV-Doku-Serien produziert, die ein ungeschöntes Bild des ökonomischen und sozialen Elends boten. Das Innovative daran: Jede schockierende Story war an die Lancierung und Finanzierung lokaler Bürgerinitiativen gekoppelt, die sich genau dieses Problems annahmen, sei es häusliche oder Kastendiskriminierung, Kinderarbeit, Frauenhandel, Wasserverschmutzung oder Organschmuggel.

Es hätte daher erstaunt, hätte Khan sich angesichts der kolossalen Gesundheitskrise und ihrer ökonomischen Folgen mit einer billigen Geste zufriedengegeben. Und tatsächlich: Die Spar-Ration sollte lediglich diejenigen Menschen abhalten, die einen Teller Reis fahrenlassen konnten. Jene aber, die sich aus Not in die Schlange gestellt und den Reis dann in einen Kochtopf geleert hatten, fanden auf dem Boden der Tüte zehn Tausend-Rupien-Scheine. 

Jets statt Busse

Ähnlich unkonventionell gingen Ehemalige einer Klasse der National Law School in Bangalore vor, als sie in ihrem Alumni-Netzwerk darüber berieten, was sie zur Linderung der Not von Millionen Migranten beitragen konnten. Einer der Juristen hörte, dass die Miete für drei Busse mit 180 Migranten für die Reise von Mumbai nach Ranchi im zentralindischen Bundesstaat Jharkhand etwa 1,2 Millionen Rupien kosten würde. 

Für den ungefähr gleichen Preis konnte man einen Airbus A-320 chartern. Achtzig Ehemalige brachten das Geld auf. Doch dies war bloss der erste – und leichteste – Schritt. Wie kam man an die in Mumbai gestrandeten Migranten aus Jharkhand heran? Wie brachte man sie zum Flughafen, einem Ort, den die meisten von ihnen noch nie gesehen hatten? Wie stellte man sicher, dass sie nach der Ankunft in Ranchi in ihre Dörfer kamen? Wie beschaffte man sich die Flugbewilligung, die Lockdown-Passierscheine für die Fahrt zum und vom Flughafen?  

Die Anwälte nahmen Kontakt mit der Regierung in Jharkhand auf und erhielten vom lokalen Regierungschef die Bewilligung und die Versicherung, dass in Ranchi Busse bereitstehen würden. Sie stiessen auf eine Studentin der Technischen Hochschule (IIT) in Mumbai, Priya Sharma. Seit Mitte Mai hat diese systematisch Listen von gestrandeten Migranten erstellt und diese Information an NGOs weitergeleitet. 

Private und Firmen – u. a. Godrej Industries, Familien eines College im Vorort Bandra, ein Partner der Anwaltspraxis AZB – zeigten sich bereit, die nächsten neun Flüge zu sponsern. Weitere Alumni-Gruppen bildeten sich in Städten wie Delhi und Bangalore, für Flüge nach Odisha und Bihar, zwei weiteren Armuts-Asylen des Landes.

„Fahrzeug Neues Licht“

Am schwierigsten gestaltete sich, wenig überraschend, die Aufgabe, Migranten zum Mitzumachen zu bewegen. Die meisten hatten bereits genügend leere Versprechen gehört und waren dann im Dickicht von Bewilligungen und Papieren gestrauchelt. Viele waren Betrügern auf den Leim gegangen, die ihnen gegen Vorauszahlung Papiere und Tickets versprochen hatten – und verschwunden waren.

Und nun kam jemand, der ihnen nicht nur einen Gratisflug versprach, sondern auch eine sichere Heimreise ins Dorf. Doch Überzeugungsarbeit allein genügte nicht. Wie stand es mit ihren Habseligkeiten, mit Kleinkindern, was tun, wenn sie nicht einmal die minimalen Identitätspapiere hatten? Busse mussten organisiert werden, um sie zum Flughafen zu bringen. Einige Migranten machten sich zu Fuss zum Flughafen auf – und verloren prompt ihren Weg, und den Flug. In Ranchi angekommen, verirrten sie sich. Ein Mann rief die Anwältin Pooja Sinha an, weil ihm ein Fahrer auf dem Flughafen Ranchi gegen Geld die Heimfahrt angeboten hatte. Von ihrem Arbeitsort in Singapur organisierte Sinha einen Gratis-Transport.

Inzwischen hat sich die Initiative einen Namen gegeben. Aahan Vahaan – „Fahrzeug Neues Licht“. Sie hat vom Staat Steuerfreiheit für Geldspenden erhalten, sowie die Erlaubnis, auch aus dem Ausland Hilfsgelder entgegenzunehmen. Sie vermittelt Kontakte zu Fluggesellschaften, die für Charter-Dienste froh sind, solange Linienflüge noch beschränkt sind. Und sie gibt die Idee und die Logistik an andere Gruppen weiter, die sich spontan gebildet haben.

Zahllose Initiativen für die ärmsten Corona-Opfer

Ahaan Vahaan und die „wunderbare Reisvermehrung“ von Aamir Khan sind nur zwei Beispiele für zahllose individuelle Initiativen, die nach Ausbruch der Pandemie und den katastrophalen Fehltritten des Staats überall im Land aus dem Boden schossen. Noch rascher hatten zahlreiche NGOs reagiert, als sich Ende März zeigte, dass der plötzliche Lockdown durch Premierminister Narendra Modi eine zusätzliche Notlage auslöste. 

Ihr Einsatz begann unter denkbar schwierigen Bedingungen. Da war einmal das Ausgehverbot des Lockdown und das Risiko des vollständigen Ausfalls von Löhnen und Projektgeldern. Zudem waren die am meisten gefährdeten Menschen nicht die leicht identifizierbaren in Slums und Dörfern, sondern Hunderttausende von ortlosen Migranten, ohne feste geografische Verknüpfungspunkte, ohne interne Organisation und Führung. Sie waren nicht nur dem Virus und dem Hunger ausgesetzt, sondern zudem noch misstrauischen Bevölkerungsgruppen, die in ihnen Krankheitsträger und Asoziale witterten.

Dank den funktionierenden sozialen Medien bildeten sich jedoch rasch Netzwerke. Was Jahrzehnte von Engagement und einer gemeinsamen Sozialphilosophie nicht fertiggebracht hatten, gelang der Pandemie und der verfahrenen Reaktion einer kopflosen Regierung: Tausende von NGOs schlossen sich zusammen. Die einen zapften Fördergelder an, andere brachten Organisations- und Marketingkompetenz ein, und Grassroots-Organisationen mobilisierten Gemeinschaften, die in den eigenen Slums und Dörfern oder dann den herumirrenden Migranten quasi Erste Hilfe leisteten. 

Civil Social Institutions (CSI) machen dem Staat Beine

Die Zahl indischer NGOs wird auf 1,2 Millionen geschätzt. Wenn auch nur zehn Prozent von ihnen anständige Arbeit leisten, dann kommen immer noch 120’000 zusammen – auf jeden Bezirk der Indischen Union 200 NGOs. Zum ersten Mal begann eine erfahrene und weitverzweigte Organisation namens MKSS mit einem systematischen Mapping dieser Gruppen, ihrer Zielbereiche und den lokalen und sozialen Reichweiten ihrer Arbeit.

So kam es, dass in den ersten beiden Monaten des Lockdown in einigen Bundesstaaten fast neunzig Prozent der ersten Hilfeleistungen von Civil Society Institutions (CSI) kamen. CSI beginnt sich als Ersatzbegriff für das wenig präzise Label NGO durchzusetzen.

Die CSI übernahmen nicht die Rolle des Staats. Sie forderten diesen vielmehr heraus, seiner Pflicht nachzukommen. Sie taten dies etwa, indem sie sich als Freiwillige den vielen staatlichen Institutionen und Dienstleistungen zur Verfügung stellten – und gleich auch die Logistik und Durchführung übernahmen. 

Zahlreihe indische CSIs sehen ihre Kernaufgabe in der Einwirkung auf staatliche Institutionen und Politiker, um der riesigen bürokratischen Maschinerie Beine zu machen. Die Mobilisierung gelang, weil die Not so enorm war. Zusätzlicher Druck auf den Staat kam von der breiteren Zivilgesellschaft, den städtischen Eliten in Medien und Privatindustrie, von Akademikern.

Mobilisierung der Zivilgesellschaft

Dieser Druck zwang die Regierung zum Handeln. Dank ihm änderte sie das Regulativ, wonach die Gültigkeit von Rationenkarten für den Gratisbezug von Nahrungsmitteln auf den offiziellen Wohnort der Bedürftigen beschränkt ist. Stattdessen galt sie nun für ganz Indien. Endlich konnten Migranten auf dem langen Trek nach Hause in einem beliebigen Dorf für Gratisrationen anstehen. 

Eine weitere CSI nahm den Entscheid der Regierung des Stadtstaats Delhi auf, allen Menschen, die an vorderster Front der Pandemie arbeiteten, eine Lebensversicherung auszustellen. Sie trugen die Massnahme an andere Bundesstaaten heran und lobbyierten intensiv und erfolgreich für eine rasche Anpassung.

Wiederum eine andere CSI begann mit Trainingskursen von Arbeitslosen für den Einsatz als Spitalhelfer und Nahrungsmittel-Lieferanten für alte und kranke Menschen. Auch diese Intervention verläuft parallel zur Erarbeitung von Trainings-Kits, damit Organisationen anderswo im Land die Idee übernehmen und rasch umsetzen können.

Ob dieser selbstlose und gezielte Einsatz – gerade im Vergleich mit der Kopflosigkeit der politischen Führung – das Selbstverständnis und den Einfluss der Zivilgesellschaft stärken wird, ist noch unklar. In den letzten fünf Jahren wurde sie wie noch nie zuvor vom Staat bedrängt – einem Staat, der behauptet, er sei besser (wenn nicht sogar alleine) fähig, für die Wohlfahrt der Gesellschaft zu sorgen. Diesen Anspruch hat er in der Covid19-Krise nicht eingelöst; die Zivilgesellschaft aber sehr wohl. Er könnte ihr im kommenden Kleinkrieg mit dem Staat wichtige Munition liefern.

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