Die unschuldigen Opfer

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Die unschuldigen Opfer

Von Urs Meier, 15.04.2016

Sprachgewohnheiten lassen oft tief blicken. Die stehende Formel der «unschuldigen Opfer» hat es in sich. Schon der Begriff des Opfers kann schaudern machen.

Vor zwei Wochen forderte Heiner Hug in dieser Kolumne: «Schafft die Adjektive ab!» Sie seien meist überflüssig und träten mit ihren Substantiven allzu oft als stereotype Floskeln auf. Eine dieser stehenden Verbindungen ist die der «unschuldigen Opfer».

Das Attribut «unschuldig» begleitet standardmässig die Erwähnung von Menschen, die bei Terrorattacken, Kriegshandlungen, Unfällen und ähnlichem ums Leben kommen oder schwer verletzt werden. Gemeint ist vordergründig, sie hätten keine persönliche Rolle im Feind-Szenario der Terroristen, zählten nicht zu einer kombattanten Konfliktpartei, trügen keine Verantwortung für den geschilderten Unfall.

In der Sprache des Rechts, die ja bei solchen Schuld- oder Nichtschuld-Feststellungen benutzt wird, spricht man nicht von «unschuldig», sondern von «nicht schuldig». Die Finesse ist bedeutungsvoll: «Unschuldig» meint eine über den einzelnen Fall hinaus geltende Eigenschaft; «nicht schuldig» hingegen ist eine auf den bestimmten Fall hin getroffene Feststellung.

Die Floskel vom unschuldigen Opfer schert aus der Rechtssprache aus. Statt die Terror-, Kriegs- und Unfalltoten mit Bezug auf ihr Verhängnis als «nicht schuldig» zu bezeichnen, spricht sie ihnen mit «unschuldig» eine Eigenschaft zu. Die stehende Wendung zielt auf eine rhetorische Akzentuierung: Die Umgekommenen sind erst recht zu bemitleiden, da sie ja auch noch unschuldige Menschen sind.

Doch indem sie die Unschuld hervorhebt, signalisiert die Floskel, es könnte allenfalls auch schuldige Opfer geben. Das ist nun aber bei jenen Ereignissen, von denen hier die Rede ist, kaum vorstellbar. Der Ausdruck «unschuldige Opfer» ist also gleich doppelt unstimmig: Statt die Betroffenen von Verantwortung für ihr Verderben freizusprechen, umgibt die Redewendung sie mit einem Heiligenschein; und indem er die Opfer explizit von Schuld abgrenzt, rückt er für sie auch eine Schuld in den Bereich des Denkbaren. – So präzis gemeint ist der stereotype Ausdruck aber offensichtlich nicht. Wer Opfer unschuldig nennt, will bloss emotional nachdoppeln.

Doch ob man will oder nicht, die Floskel vom unschuldigen Opfer lässt sich nicht auf einen Mitleidsimpuls reduzieren. Zu gewichtig sind ihre Bestandteile «Opfer» und «Schuld». Die archaisch-religiöse Bedeutung dieser Begriffe ist auch in der heutigen Alltagssprache nicht ganz verblasst. Opfer sind genuin eine Gabe zur Beschwichtigung der Gottheit, und als Opfergabe diente ursprünglich ein Mensch, und zwar einer, dem Unschuld zugeschrieben wurde. Erst in späteren religionsgeschichtlichen Entwicklungen wurden die Menschen durch Tieropfer, dann durch symbolische Gaben oder Riten ersetzt.

Wird das Wort Opfer für Menschen gebraucht, so sollte man deshalb kurz zurückschrecken. Wer zum Beispiel von Opfern des Strassenverkehrs reden will, der frage sich zuerst, wer wen wem wozu opfert. Und statt routinemässig von unschuldigen Kriegs- oder Terroropfern zu sprechen, lasse man sich wenigstens für einen Moment irritieren von einstigen Kulten der Menschenopfer für Gottheiten, die von ihren Verehrern Unschuldige als Versöhnungsgaben forderten.

Hinter der Fichte hockt der Teufel!

Holocaust-Opfer waren auch keine Opfer der Nazis sondern in deren Wahn ermordete Menschen.

Opferung tönt sowieso eher nach in Kauf nehmen für „Höheres“ und „Wichtigeres“ als das Leben ermordeter oder verunglückter Personen. Man schreibt auch gerne von Gefallenen. Sind sie schlussendlich auch, aber man fällt weil man getötet, ermordet worden ist. Meistens von der Gegenseite ermordet oder womöglich durch Eigenbeschuss umgekommen. Normalerweise lebt jemand der fällt noch. Uns hinter die Fichte führen durch betrügerische Verfälschung der Wirklichkeit scheint angesagt. Man will uns schonen und wir bitten daher um schonendes Anhalten!
… cathari

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