Die Nation neu denken

Stephan Wehowsky's picture

Die Nation neu denken

Von Stephan Wehowsky, 12.01.2021

Aleida Assmann möchte das Thema der Nation nicht den Nationalisten überlassen.

In ihrem Plädoyer für ein neues und aufgeklärtes Verhältnis zur Nation geht Aleida Assmann von der Beobachtung aus, dass es in den vergangenen Jahrzehnten einen starken Trend zu übernationalen Zusammenschlüssen und globalen Lebensstilen gegeben hat. Die Nation sei dadurch aus dem Blickwinkel geraten, und auch die Sozialwissenschaften hätten sich nicht mehr dafür interessiert.

Verschiedene Narrative

In diesem blinden Fleck aber haben sich neue Formen des Nationalismus gebildet. Globale Strukturen können nicht das ersetzen, was lokal begrenzte Lebensräume bieten. Sie werden mit dem Begriff Heimat oder bei Assmann mit dem Begriff Nation umschrieben. Hier aber tummeln sich Gruppierungen, die intolerant sind und in der Nation ein Mittel der Abgrenzung gegen alles Fremde sehen. Assmann möchte nun die Berechtigung der Nation zur Geltung bringen, ohne zugleich einer populistischen oder rechten Ideologie anheim zu fallen.

Zentral für ihr Vorhaben ist der Begriff des Narrativs. Sie meint damit, dass sich die Identität von Gemeinschaften und Nationen durch Narrative bilden. Man kann es sehr einfach sagen: Jede Gemeinschaft hat ihre Geschichten und Traditionen, die wieder und wieder erzählt und gepflegt werden. Dadurch bildet sich der Zusammenhalt. Die Gefahr besteht aber in den Augen von Assmann darin, dass aus dem Zusammenhalt Abgrenzung wird, die in Feindschaft gegenüber denjenigen umschlägt, die nicht dazugehören. Daraus saugen dann die aggressiven Nationalisten ihr Gift.

Freund-Feind-Denken

Deswegen möchte Assmann für einen aufgeklärten und zeitgemässen Nationenbegriff Narrative installieren, die der Inklusion und Toleranz Geltung verschaffen. Aber es wird nicht so ganz klar, was Assmann unter Narrativ genau versteht: Handelt es sich um eine soziale Konstruktion, die sich beliebig umändern lässt, oder ist das Narrativ eine in der Geschichte wurzelnde Kraft, deren Dynamik nicht so ohne weiteres zu bändigen ist?

In ihrem umfänglichen Buch bringt Aleida Assmann eine ganze Reihe von negativen, aber auch positiven Narrativen. Es liegt nahe, dass sich ihr Blick dabei besonders auf Deutschland richtet, hat doch der deutsche Nationalismus, der in den Nationalsozialismus umschlug, bis heute unvergessene Verbrechen hervorgebracht. Wie kam es dazu? Als Kronzeugen behandelt Assmann ausführlich Carl Schmitt, der mit seinem Freund-Feind-Denken die Blaupause für die Skrupellosigkeit des Nationalsozialismus geliefert hat. Dazu gesellt sie Martin Heidegger und Ernst Jünger mit ihrem verbohrten Antisemitismus – beide bis in die Gegenwart zum Teil hoch geehrt.

Bekenntnis zur Verfassung

Aber warum stiessen gerade diese „Denker“ auf so grosse Resonanz in Deutschland? Warum sind so viele ihren Narrativen gefolgt? Im Grunde beantwortet Aleida Assmann diese Frage nicht, und das liegt an einem schweren Versäumnis. Denn sie geht nicht auf das zuerst 1935 erschienene und bis heute grundlegende Werk „Die verspätete Nation“ von Helmuth Plessner ein. Darin beschreibt Plessner „Bismarcks Reich“ als „Grossmacht ohne Staatsidee“ und zeigt, dass sich Deutschland zur Vergewisserung der Identität mit vagen völkischen Abstammungslinien beholfen hat, während die Bürger Englands und Frankreichs ihre Identität im Bekenntnis zu den Rechtstraditionen und den Verfassungen ihrer Nationen sahen. Um mit Assmann zu reden: Hier handelt es sich um zwei grundlegend verschiedene Narrative.

Weil sie das Narrativ des Bekenntnisses zur Rechtstradition nicht im Blick hat, kommt der Brexit bei ihr nicht vor. Man kann ihn bedauern und ihn als Folge hemmungsloser Demagogie brandmarken. Aber es ist ein grosser Fehler zu übersehen, dass in dem Brexit auch ein grosser Stolz auf die Verfassungs- und Rechtstradition des Vereinigten Königreiches mitschwingt.

Ein anderes Thema, ohne das ein grosser Teil der Narrative kaum möglich wäre, ist die Religion, auch im Sinne der Abgrenzung. Bei Assmann findet man nichts zum dominierenden Laizismus in Frankreich, der gerade in der Auseinandersetzung mit dem Islamismus und der katholischen Kirche eine nicht zu überschätzende Rolle für das nationale Selbstverständnis spielt. Und wenn Assmann nach Amerika blickt, dann erwähnt sie zwar die Parole „America first“, aber welche Rolle der evangelikale Fundamentalismus im Hinblick auf die gegenwärtige politische Spaltung der Gesellschaft spielt, kommt nicht in den Blick. Dabei wäre das ein sehr lohnendes Thema im Zusammenhang mit der „Wiedererfindung der Nation“.

Der europäische Traum

Dafür beschäftigt sich Aleida Assmann mit dem Thema Europa. Das ist insofern zentral, als Europa ein Projekt ist, das die Nationalstaaten überwinden will. Schön zeigt Assmann, wie aus den bitteren Erfahrungen der europäischen Kriege, insbesondere zwischen Deutschland und Frankreich, der Wille erwuchs, Strukturen zu schaffen, die Kriege auf Dauer unmöglich machen. Dazu diente, wie sie schreibt, ursprünglich der wirtschaftliche Zusammenschluss, also die Verbindung der Eisen- und Stahlindustrie in der Montanunion. Hier seien, schreibt sie, tatsächlich einmal „Schwerter zu Pflugscharen“ gemacht worden.

Heute aber ist Europa mehr und mehr zu einem politischen Projekt geworden, das in den einzelnen Ländern heftige Widerstände provoziert. Man wehrt sich gegen „Brüssel“ und will die Eigenständigkeit wahren. Ein Ausgleich kann nur gefunden werden, wenn die Narrative der Nationen auf Europa abgestimmt werden. Wie das genau geschehen soll, erklärt Assmann aber nicht.

Sie selbst ist überzeugte Europäerin und vom „Projekt der EU“ begeistert: „Ich habe es den ‚europäischen Traum‘ genannt, dabei ist es sehr handfest und übersichtlich.“ An dieser Stelle hätte das Lektorat vom Verlag C. H. Beck Aleida Assmann darauf aufmerksam machen sollen, dass der Begriff „europäischer Traum“ ganz so neu nicht ist. Im Jahr 2004 erschien von Jeremy Rifkin das Buch, „Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht“. Darin legt Rifkin unter anderem dar, dass die Amerikaner Freiheit und Sicherheit völlig anders definieren als die Europäer. Für Amerikaner bedeutet Freiheit Autonomie und Unabhängigkeit, für die Europäer „Eingebundensein“ in „Myriaden von wechselseitigen Beziehungen“. Das hätte Aleida Assmann sicherlich gefallen.

Aleida Assmann: Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchten, 334 Seiten, Verlag C. H. Beck, München 2020, ca. 18 Euro

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren