Die Lüge hinter der „Ehe für alle“

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Die Lüge hinter der „Ehe für alle“

Von Anna Püntener, 13.07.2018

Die Initiative „Ehe für alle“ gibt vor, Gleichheit herstellen zu wollen. In Tat und Wahrheit zementiert sie die Ungleichbehandlung auf Gesetzesebene.

Journal21.ch will die Jungen vermehrt zu Wort kommen lassen. In der Rubrik „Jugend schreibt“ nehmen Schülerinnen und Schüler des Zürcher Realgymnasiums Rämibühl regelmässig Stellung zu aktuellen Themen.

Anna Püntener schloss 2017 die zweisprachige Matura am Realgymnasium Rämibühl ab. Sie befindet sich nun im Zwischenjahr und beginnt im September Deutsch und Englisch an der Universität Basel zu studieren.

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Meine Freundin und ich werden momentan nicht als vollwertige Schweizer Bürgerinnen behandelt. Artikel 14 der Verfassung besagt zwar, dass „das Recht auf Ehe und Familie gewährleistet“ sei: Für uns gilt das aber nicht. Heiraten dürfen wir nicht. Zugang zu Fortpflanzungsmedizin erhalten wir auch nicht. Und Kinder adoptieren dürfen wir schon gar nicht. Alles, was uns die Schweizer Gesetzgebung zugesteht, ist die sogenannte eingetragene Partnerschaft. Gerecht ist das nicht.

Allen, die in einer eingetragenen Partnerschaft leben, bleiben die erleichterte Einbürgerung für Partner_innen, die Gütergemeinschaft sowie der Zugang zu Fortpflanzungsmedizin und Adoption verwehrt. Doch es ist nicht so, dass man im Gegenzug nichts exklusiv dazu bekommt – im Gegenteil: Durch den Zivilstand „eingetragene Partnerschaft“ ist nämlich für alle automatisch ersichtlich, dass man sich in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung befindet. Würden die gleichen Gesetze auch für Paare gelten, in denen die Partner unterschiedliche Hautfarben haben, würde das Entrüstung und Empörung auslösen.

Es scheint, als habe man dies auch in weiten Teilen des Parlaments begriffen. In den vergangenen Tagen las man viel über die „Ehe für alle“, die in praktisch allen westeuropäischen Ländern bereits institutionalisiert ist und die jetzt endlich auch in der Schweiz möglich werden soll. Freude herrscht trotzdem nicht. Diese „Ehe für alle“, die aus der parlamentarischen Initiative der GLP stammt und tut, als stehe sie im Dienst der Gerechtigkeit, bringt gleichgeschlechtlichen Paaren nämlich etwas anderes: Eine massive Benachteiligung. Im Begründungstext der Initiative steht schwarz auf weiss, dass „die Bestimmung den Gesetzgeber nicht verpflichtet, auch homosexuellen Paaren die Adoption zu ermöglichen“.

Die Ehe, die nun für alle sein soll, wäre in Tat und Wahrheit eine Zweiklassenehe. So dürfte ich zwar meine Freundin heiraten, doch im Gegensatz zu einem heterosexuellen Ehepaar dürften wir weiterhin keine Fortpflanzungsmedizin in Anspruch nehmen und keine Kinder adoptieren.

Bleiben wir kurz bei den Farben: Stellen Sie sich vor, dass weisse und schwarze Paare heiraten dürfen. Aber nur den weissen erlaubt man, Kinder zu adoptieren oder Fortpflanzungsmedizin zu nutzen, um schwanger zu werden. Niemand würde heutzutage eine solche Regelung für vertretbar halten: Sie wäre rassistisch. Und deshalb ist die Initiative mit dem Titel „Ehe für alle“ homophob. Dabei ist es einerlei, ob das den Initiant_innen bewusst ist oder nicht: Auch wenn sie mit guten Absichten handeln, wären die Auswirkungen einer solchen Regelung auf Verfassungsebene katastrophal. Es scheint, als wolle die glp beweisen, dass das l in ihrem Namen für „liberal“ steht, sich deswegen für eine offene Gesellschaft einsetzt und sie es trotzdem auch den Konservativen recht machen will, indem sie gleichgeschlechtlichen Paaren weniger Rechte zugesteht als den heterosexuellen.

Geld sparen liesse sich aber natürlich damit: Es ist nämlich nicht vorgesehen, dass in den Ehen gleichgeschlechtlicher Paare beim Tod einer Partnerin eine Witwenrente ausgerichtet werden soll. Mit welchem Recht wird hier der Witwe aus einer gleichgeschlechtlichen Ehe etwas verweigert, was für eine heterosexuelle Witwe selbstverständlich ist? Dass nur gerade heterosexuelle Witwen Anrecht auf eine Witwenrente haben sollen, ergibt keinen Sinn.

Mit dieser Art einer Zweiklassenehe würden also vor allem Frauen – genauer gesagt Frauen liebende Frauen – besonders diskriminiert. Diese sind es, denen der Gang zur Samenbank verwehrt bleibt und diese sind es, die um ihre Witwenrente betrogen werden. Aber auch die Männer wären betroffen: Es versteht sich von selbst, dass auch schwule Ehepaare nicht adoptieren dürften und keine Witwerrente bekämen.

Die lancierte Initiative „Ehe für alle“ ist eine trügerische Mogelpackung. Der Name klingt vielversprechend nach Öffnung und Gerechtigkeit. In Tat und Wahrheit zementiert sie die Zweiklassengesellschaft. Und noch schlimmer: Sie verankert diese in der Verfassung. Es ist geradezu paradox, dass eine Initiative für Gleichberechtigung faktisch die Ungleichheit in der Verfassung verankert – und dadurch eine echte „Ehe für alle“ für Jahrzehnte verhindern würde.

Es ist höchste Zeit für eine Ehe für alle. Doch diese Ehe muss eine Ehe sein, die für hetero- und homosexuelle Paare dieselbe ist. Wir geben uns gerne der Idee hin, dass die Schweiz in Sachen Rechte für gleichgeschlechtliche Paare nicht so schlecht unterwegs ist, aber beim genauen Hinschauen sieht es anders aus. Dabei bräuchte es nicht viel, um eine Ehe für alle zu schaffen: Man muss einfach alle Paare unabhängig von ihrer Geschlechterkonstellation gleich behandeln und endlich allen Menschen in der Schweiz diejenigen Rechte zugestehen, die ihnen in der Verfassung garantiert werden.

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Verantwortlich für die Betreuung der jungen Journalistinnen und Journalisten von „Jugend-schreibt“ ist der Deutsch- und Englischlehrer Remo Federer ([email protected]).

Das Realgymnasium Rämibühl (RG, bis 1976 Realgymnasium Zürichberg) ist ein Langzeitgymnasium. Es ist neben dem Literargymnasium die einzige öffentliche Schule des Kantons Zürich, die einen zweisprachigen Bildungsgang in Verbindung mit dem International Baccalaureate anbietet, wobei die Fächer Geographie, Biologie und Mathematik auf Englisch unterrichtet werden. Zu den berühmten Schülern gehören Max Frisch und Elias Canetti.

Weitere Informationen finden sich auf der Homepage www.rgzh.ch

Kommentare

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Ein herausragender Artikel: besten Dank!

Ehe / Heirat sollen traditionell den Verbund von Mann und Frau und besonders auch die daraus hervorgehenden Kinder schützen. Leider haben es die grossen Religionen verpasst, diese Begriffe in diesem Sinne zu verteidigen.
Dass der Staat andere Partnerschaften per gesetzliche Regelungen gleichwertig behandeln will ist notwendig, aber bitte nicht unter den Begriffen Ehe / Heirat.

Nicht überall wo Parteien, die mit billigen Bauernfängertricks auf Stimmenfang sind, sich das trendige "liberal" auf ihr grünes Fähnlein schreiben, ist auch "liberal" drin. Diese Initivative ist eine Schande für die gLIBERALp. Und es ist beschämend, dass es in der Schweiz im Jahr 2018 überhaupt eine Notwendigkeit darstellt, Gleichheit per Initiative herstellen zu müssen! Ihnen, Frau Püntener, danke ich für den klaren Blick!

...genau, "für alle"! Als Polygamist fordere ich für alle meine zukünftigen Ehefrauen die Legalität ab Geschlechtsreife! Der König von Thailand Rama V hatte über dreitausend Frauen in seinem Harem, von denen er je nach Quellen mit etwa 90 über 130 Kinder gezeugt habe. Und ich habe gar keine (ist auch besser so, ist Satire ;-) !

Anna Püntener hat Recht - verschiedene Parteien oder Personen möchten sich mit ein bisschen „Gleichberechtigung“ als fortschrittlich empfehlen, es lohnt sich aber, genau hinzuschauen.
Eine „Ehe für alle“ kann auch in der Schweiz Realität werden, sie verdient aber erst dann diese Bezeichnung, wenn sie tatsächlich allen Personen, die sich ehelichen, die gleichen Rechte einräumt. Gut analysiert und auf den Punkt gebracht, Anna!

Liebe Anna
Haben Sie ganz herzlichen Dank für diesen erhellenden Artikel! Ich sehe diese Initiative nun mit ganz anderen Augen: Danke für Ihren wachen Blick!
Interessant wäre eine Stellungnahme der Initiant_innen: Vielleicht kann journal21.ch dazu Raum und Gelegenheit bieten?

Mir scheint der Hinweis auf die Hautfarbe speziell scharfsinnig und einleuchtend. Er zeigt auch, wie die Lösung des Problems aussehen müsste: sowenig wie die Hautfarbe gehört das Geschlecht zum Zivilstand. Tilgt man aus dem Zivilrecht jeden Hinweis auf das Geschlecht von Personen, ist man auf einen Schlag jede Menge Schwierigkeiten los, ohne sie im Detail diskutieren zu müssen.

chapeau!
frau püntener bringt es auf den punkt. von gleich... keine spur. hört auf die jugend, denn sie sind mit der selbstverständlichkeit der verschiedenartigen ausrichtungen aufgewachsen und haben es als biologische selbstverständlichkeit längstens akzeptiert. da tun sich viele ältere parlamentarier schwer damit. wem gehört diezukunft...
toll und dank an diese zeitung, dieses forum für die zukünftige generation geöffnet zu haben. toll auch, dass es intelligente junge gibt, die bereit sind ihre nonkonforme meinung zu äussern.

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