Die Liebe zum Ort

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Die Liebe zum Ort

Von Eduard Kaeser, 15.02.2020

Ich schrieb vor zwei Wochen über die Liebe zum Ding als einer sinnstiftenden Welthaltung. Sie besteht darin, dass man das Ding in seiner Einzigartigkeit anerkennt und würdigt.

Ich möchte diese Liebe jetzt ergänzen durch die Liebe zum Ort. Der Mensch ist ein lokales Wesen. Er hat seinen Ort, seine Orte. Mensch sein heisst immer auch, einen Ort haben, wo man haften bleibt, wo man sich vertraut und zugehörig fühlt, wo man seine ureigensten Bedürfnisse befriedigt sieht, vielleicht Wurzeln treibt.

Ablehnung des Eigenen

Statt Ort könnte man auch einen alten griechischen Begriff verwenden: „oikos“. Was so viel bedeutet wie „Haus, Heim, Familie“ oder wie ich den Begriff unverfänglicher und frei interpretieren möchte: „der eigene vertraute Ort“. Und daraus lässt sich ein Phänomen ableiten, das uns neben der Xenophobie, der Ablehnung des Fremden, stärker beschäftigen sollte: die Ablehnung des Eigenen, die Ökophobie oder Oikophobie.

Ein Beispiel

Mir wurde sie unlängst auf einer kleinen Wanderung in der Lenzerheide frappant bewusst. Der Sport- und Kurort befindet sich ja quasi in der Endphase touristischer „Befreizeitlichung“ der Berge, mit den phantasielosen Übernachtungsbatterien und alpinen Spassmühlen der Zerstreuungsindustrie. Im Souvenirladen fiel mein Blick auf alte sepiafarbene Photos der Region. Sie zeigten das Idyll des kleinen tannenumstandenen, schilfgesäumten Heidsees, mit einigen verstreuten Chalets am Ufer. Ein „Ort“ mit Charakter.

Nicht dass ich jetzt der Nostalgie anheimgefallen wäre. Vielmehr zeigte der Gegensatz eine Form von Oikophobie in aller Schärfe: Man verunstaltet den eigenen Ort und lässt ihn gleichzeitig auf dem Photo oder Werbeprospekt wiederauferstehen. Er wird zum abstrakten Punkt –  zur „Destination“ -  auf der Weltkarte des Orts- und Regionenverschacherns.

Rechtskonservatives ökologisches Denken

Nun entdeckt auch ein rechtskonservatives ökologisches Denken die Oikophobie. Namentlich der kürzlich verstorbene englische Philosoph Roger Scruton glaubt in der Oikophobie die Wurzel der Umweltkrise entdeckt zu haben: in der Ablehnung von Tradition, Nation, Familie, „bindenden“ Orten – in der Zurückweisung all dessen, was ein „natürliches“ Wir, „die ererbte erste Person Plural mit sich bringt“. Eine psychologische Erklärung findet Scruton im „jugendlichen Geist“ des Adoleszenten, der sich aus familiären Bindungen lösen will. Es „handelt sich um eine intime Form der Ablehnung, so wie sie die Eltern (..) sich vom Elternhaus abnabelnder Teenager erfahren.“ „Leider bleiben manche Menschen – vor allem Intellektuelle -  in diesem Stadium gerne stecken.“

Man riecht den Braten, sprich: den Sündenbock. „Vor allem Intellektuelle“ – warum nicht gleich „vor allem Linke“? „Die Oikophobie in all ihren Formen hat eine ‚Kultur der Ablehnung’ hervorgebracht, die sich durch Schulen und Universitäten zieht – ohne Widerstand vonseiten der Hüter traditioneller Weisheit.“ „Oikophobe definieren ihre Ziele und Ideale gegen alle vertrauten Formen der Zugehörigkeit – gegen Heim, Familie und Nation. In der politischen Arena ziehen sie transnationale Organisationen nationalen Regierungen vor (..) Sie formulieren ihre politische Vision in universellen Werten, die von allen besonderen Bindungen an reale historische Gemeinschaften gesäubert wurden (..) Der Aufstieg der Oikophoben hat zur Legitimationskrise der europäischen Nationalstaaten geführt. Oikophobe suchen einen Punkt ausserhalb der Gesellschaft, von dem aus sie deren Grundlagen aushebeln können.“

Verlust der Bindung an den Ort

Leicht hört man hier den etwas miesepetrigen Ton des Alten heraus, der den Jungen vorhält, sie seien in ihrer oikophoben intellektuellen Verzogenheit nicht mehr in der Lage, Haus und Heim zu würdigen. Scruton trifft aber durchaus ins Herz eines ernsten Gegenwartsproblems, des Verlusts der Bindung an den Ort, oder wie das schon im 20. Jahrhundert als Nachkriegsbefund diagnostiziert wurde: als „Unbehaustheit“ des Menschen.

Heute beschäftigt uns - zumindest uns Menschen in Europa - die ökologische „Unbehaustheit“. Und deshalb erhält die Bindung an den Ort eine neue Bedeutung. Man muss sie als vor-politisch begreifen. Als neu zu lernende Zugehörigkeit zu seiner Umwelt. Als ein Reservoir, aus dem sich unsere Bindungskräfte an die Umwelt speisen. Das setzt aber den Bruch mit einer gängigen Einstellung zu ihr voraus.

Vom Ort zum Nicht-Ort

Der französische Ethnologe Marc Augé hat diese Einstellung zu Beginn der 1990er Jahre als die Verwand­lung von Orten in Nicht-Orte beschrieben. In den Siegen der Mobilität über die Sesshaftigkeit, der freien Disponibilität über die Verwurzelung, sieht Augé einen anthropo­logischen Epochen-Übergang von der Orthaftigkeit zur Ort­losigkeit des Menschen. Orte, die vormals als „versam­melnde“ Brennpunkte der Identität, der Beziehungen und Geschichten von Menschen fungierten, erodieren und werden verdrängt von Nicht-Orten, von Zonen, Passagen, Transiträumen, wo Kredit-, Fahrkarte oder Passwort unsere Identität gewähren und wir als Passagiere, Kunden oder User verkehren.

Das anästhetisierte Verhältnis zur Umwelt

Wenn ich vom Bruch mit dieser Einstellung spreche, möchte ich nun nicht behaupten, dass sich die Verwandlung von Orten in Nicht-Orte so leicht – wenn überhaupt - rückgängig machen liesse. Zu mächtige Interessen sind hier im Spiel. Auch kann man sich fragen, ob denn ein Plädoyer für die Orthaftigkeit ausgerechnet in einer Epoche zunehmender – freiwilliger und unfreiwilliger - Migration sich als sinnvoll erweist.

Dennoch muss man, wie ich meine, ein anästhetisiertes Verhältnis zur Umwelt thematisieren, das der französische Philosoph Michel Serres in seinem Buch „Die fünf Sinne“ als Verlust an physischer Bindung dramatisierend beschrieben hat: „(Die) Menschheit verliert ihren Ort und ihr Ich (..), losgelöst von ihren Ländern und der Erde überhaupt. (..) Sie vertauscht die Orte ihrer Arbeit: Bergwerke, Steinbrüche, Flüsse, Baustellen, Wiesen, Äcker, mit fensterlosen Innenräumen; sie verwandelt ihren muskulösen Körper (..) in Nervensysteme, die nichts von einem physischen Verhältnis zur Welt da draussen wissen; sie sitzt da, um zu rechnen; bald wird sie nur noch in Schemata, Botschaften und Zahlen leben, selbst ganz und gar digital. Eine neue Menschheit ohne Boden, blind für das, was wir einmal das Reale nannten, betäubt oder klarsichtig, wer weiss das schon?“

Hiesigkeit

Eine unwiederbringliche Entwicklung? Man könnte die Ortsbindung neu definieren, als Suche nach Hiesigkeit. Der Einzigartigkeit des Dings – seiner Diesheit – entspricht die Einzigartigkeit des Ortes: seine Hiesigkeit. Verwechseln wir sie nur nicht mit der ideologischen Sklerose des Heimatlichen. Hiesig ist man, wenn man die „Diesheit“ eines Ortes auf sich übergehen lassen kann, wenn man etwas „mitbekommen“ kann von seinem lokalen Charakter. Wenn man durch sein Umweltverhalten überhaupt erst einen solchen Ortscharakter – einen „oikos“ - schafft.

Wichtig ist der inklusive Sinn des Hiesigen. Es schliesst nicht nur Ortsansässige ein. Es muss auch kein „sehenswürdiges“ Stück Erde sein. Ein versteckter Winkel im Stadtpark, ein Teich im Wald oder ein Uferstreifen, der Schrebergarten, der Hinterhof, die Wildnis eines aufgelassenen Fabrikareals können einzigartige „Orte“ sein. Sie lassen uns hiesig werden. Das ist der stille und unspektakuläre Ökoaktivismus: die Welt als „oikos“, als Daheim erfahren.

 

 

Kommentare

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Warum syt ihr so truurig?
Ganze Küsten in längst angenehmer Melancholie versunken, entsprechend ihrer Musik und oft traurigen Liedern. Sehnsuchtsort Machu Picchu, Länder angelehnt zwischen den Anden und der Pazifikküste. Stoisches Hinnehmen fremdbestimmter Umstände und Abläufe? Genau wie Europa bis weit hinter den Ural oder auch CH, sollten sie sich nicht besinnen. So ganz anders das Gegenüber, die Atlantikseite, voller Lebensfreude mit Tango, Salsa und Lambada. Sehnsuchtsort Rio oder Buenos Aires. Erinnerungen an die Zukunft? Im Kleinen wie im Grossen, „dahom is dahoam“. Strände voller Muscheln wie Sterne am Himmelszelt und doch waren es da und dort nur die Einen die ich mitnehmen wollte. Dinge sind eben nicht nur Dinge, sie sprechen uns an. Jahr Milliarden Evolution haben sie erschaffen. Liebt alle Wesen und Dinge dieser Welt, denn alles ist Eins. Man halte sich fest, sie fest und wird gehalten. Der kleinste Nenner heisst Zugehörigkeit. Du gibst den Wesen und Dingen Sinn und sie geben dir zurück was du brauchst. Heimat in sich ist angesagt und auch im Umfeld, nur so steigt die Motivation zum gewünschten Erhalt und Beschützerinstinkt. Wenn du mit dir in Ordnung bist kann „ÜBERALL“ Heimat werden oder sein, ganz egal woher du kommst. Veränderungen als Challange, alles ändert sich stetig, fast unbemerkt und trotzdem, bei uns bist du schön heisst es dann! Anpassung, Toleranz und Anerkennung jene Dreifaltigkeit, solches Tun als eine Art Zauberwort, packen wir`s! Herzlichst…cathari

Reichlich kopflastig, Ihre Empfehlung. Scruton ist schlüssiger, Sie müssen ihn nicht so schlechtmachen, nur weil er ein konservativer Denker ist.

An Ihrer Idee stört mich vor allem das Defensive, der Rückzug auf die letzen kleinen Ecken: "Ein versteckter Winkel im Stadtpark, ein Teich im Wald oder ein Uferstreifen, der Schrebergarten..." Das wird uns die verlorene Identität nicht zurückgeben.

„Ein versteckter Winkel im Stadtpark, ein Teich im Wald oder ein Uferstreifen, der Schrebergarten...". Schön! Aber diese bieten kein soziales Netz. Soziale Netze sind zwar nicht nur an Orte gebunden, aber auch. Familien und Freundschaften zerfallen in der Regel schneller, wenn sie weit zerstreut sind. Zur Zerstörung sozialer Netze trägt unter anderem auch der Liegenschaftenmarkt bei.

Obwohl ich auch etwas von den 68ern mitgekriegt hatte, fand ich sie auch immer etwas bescheuert in ihrer Ablehnung von Familie und Tradition.

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