Die Kunst des Weglassens

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Die Kunst des Weglassens

Von Carl Bossard, 24.02.2016

In der Kürze liege die Würze. Das jedenfalls rät der Volksmund.

Eine Lebensweisheit in sechs Worten. Prägnanz bringe Eleganz, heisst es noch präziser. Wer aber auf die heutige Sprache hört, erkennt: Das Anliegen ist zwar alt, aber bis heute nicht eingelöst.

Klar, knapp, konkret

„Es gibt Leute, die schon in zwanzig Seiten ausdrücken können, wozu ich manchmal sogar zwei Zeilen brauche“, mokierte sich der österreichische Aphoristiker Karl Kraus. Überheblich? Realitätsfremd? Keineswegs! Was der irritierend-erhellende Spötter aus Wien wohl meinte, zeigt ein Blick ins Internet(deutsch), in Printmedien oder auf manche Websites und ihren Marketing-Jargon.

Kraus‘ ironisches Bonmot erhellt, woran unsere Sprache vielfach krankt: aufgebläht und zerdehnt, unpräzis und langfädig, floskelhaft und verschwurbelt. Der renommierte und sprachsensible Gründer der Hamburger Journalistenschule, Wolf Schneider, spricht gar vom „Nachweis der Wissenschaftlichkeit durch den Ausweis der Unverständlichkeit“. Zudem verdränge Geschwätzigkeit sprachliche Kultur und inhaltliche Prägnanz.

Mit Ockhams Rasiermesser reduzieren

Zwei kluge Publikationen nehmen das wichtige Anliegen auf und thematisieren das Reduzieren.(1) Beiden ist der mittelalterliche Philosoph und Scholastiker Wilhelm von Ockham Vorbild: Suche das Wesentliche und schneide alles andere mit dem Rasiermesser ab. Seither spricht man metaphorisch von Ockhams Rasiermesser. Wer etwas erklärt, soll das so einfach wie möglich tun – weil einfach einfach einfach ist. Das Einfache ist zwar nicht immer das Beste, aber das Beste sei immer einfach, heisst es. Aber man darf Einfachheit nicht mit der Reduktion der Komplexität auf Monokausalität und Eindimensionalität verwechseln. Das wäre blosse Simplifikation.

Reduzieren ist dagegen das dornige Durchdringen der Gedanken auf der Suche nach dem Nukleus, das knappe, klare und konkrete Formulieren des Wesentlichen. Kein guter Text entsteht ohne diese steinige Arbeit. Den eigenen Gedanken einen präzisen Körper zu geben, das ist gekonntes Handwerk und anspruchsvolle Aufgabe zugleich. Sie stellt sich wieder und wieder beim Übergang von der Idee zum Text.

Reduzieren ist asketische Arbeit

Der Jugendschriftsteller Max Bolliger hat jede Seite eines Bilderbuchs dreissig Mal und mehr geschrieben. Alles musste weg, was reiner Zierrat war. Nur so wurde er zum Meister der Verdichtung. Doch Streichen ist anstrengend, Reduzieren eine asketische Arbeit.

Er sagte einmal: „Das kindliche Publikum ist ein sehr strenges, weil es sich von grossen Namen nicht beeindrucken lässt. – Aber noch immer werden Kinder mucksmäuschenstill, wenn eine Geschichte gut geschrieben und erzählt ist.“ Lakonisch schlägt eben geschwätzig, wie Benedikt Weibel in seiner Publikation vermerkt.

Zwar haben wir heute gute Hilfsmittel und automatische Korrekturen. Doch am Schreiben als Verweben eines ganzen Textes hat sich seit Homers Zeiten nichts geändert. Es gibt keine Abkürzungen. Noch immer schreibt man Wort für Wort, Satz für Satz. Dabei gilt: „Die Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken.“ Das Statement stammt vom Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt. Die NZZ nahm es auf und gestaltete daraus einen Werbespruch. Lax Geschriebenes ist schlecht Gedachtes. Was Dürrenmatt so präzis formulierte, ist Auftrag und Inhalt. Klar gedacht, heisst sprachlich gut herausgearbeitet – und gut geschrieben, heisst klar gedacht. Das kommt nicht von selbst. Es ist mühsame Plackerei.

Dem Text das Ohr leihen

Das Departement Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich fordert von einer wissenschaftlichen Arbeit, dass sie „kurz und klar“ sei, und fügt bei: Stilistisch „zeichnet [sie] sich durch eine leicht verständliche Sprache aus, d.h. kurze Hauptsätze, höchstens Nebensätze ersten Grades, keine Schachtelsätze. Der Text lässt sich leicht laut lesen. Man versteht ihn beim Anhören sofort.“

Wie abschreckend Unverständlichkeit sein kann, illustriert ein Text aus dem Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Zürich: „Am Beispiel des fachspezifisch-pädagogischen Coachings wird für eine Entwicklungsforschung plädiert, in der Akteure aus Wissenschaft und Praxis theoriebasierte Settings und Werkzeuge ko-konstruieren, die für die Weiterentwicklung von Praxis genutzt werden können. Die exemplarische Dokumentation von Tatbeweisen innovativer Praxis und die zu ihrer Realisierung verwendeten Werkzeuge, Settings und Strategien führen zu Prototypen, die zur Replikation an weiteren Orten dienen können. Sie können zugleich neue Gegenstände für empirisch-analytische Forschung schaffen.“

Wer diesen Text in www.blablameter.de eingibt, erhält folgendes Urteil: „Glückwunsch, Ihnen ist es tatsächlich gelungen, unsere Bullshit-Skala von 0 - 1 zu sprengen! Diesen Text tut sich ein Leser wohl nicht freiwillig an, aber uns haben Sie beeindruckt.“ Der universitäre Wortlaut erhält einen Indexwert von 1.03.

Konzise Kürze

Wie wohltuend dagegen tönt eine kurze, klare Sprache. Auch hier ein Beispiel. Peter von Matt, emeritierter Ordinarius für neuere deutsche Literatur der Universität Zürich, beschreibt seinen ehemaligen Deutschlehrer am Stanser Gymnasium: „Er war ein Raubein, bald gerecht, bald ungerecht, wie es ihm gerade gefiel. Seine Autorität war unangefochten. Aufregend war es, wenn er donnerte, kurzweilig, wenn er guter Laune war, etwas lief immer. Wir genossen die Knechtschaft und rächten uns dafür an andern Lehrern, die gerecht waren, aber nur unbeholfen zu donnern verstanden. Dass Lehrer an einer Klasse verzweifeln können, ahnten wir nicht. Entsprechende Signale, die es durchaus gab, fanden wir herrlich.“ Auf dem Blablameter-Index erhält der Text die Maximalnote von 0.0. Besser kann man es nicht machen.

Auch Karl Kraus könnte diesen Text nicht kürzen. Keine leere Luft, keine flinken Phrasen, keine Redundanzen, nur einfach und glasklar, eben: Sprache im Sinne eines Karl Kraus.

(1) Benedikt Weibel (2014), Simplicity – die Kunst, die Komplexität zu reduzieren. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung

Yvo Wüest (2015), Reduziert gewinnt! Didaktische Reduktion für Trainer, Ausbildende und Lehrpersonen. Bern: hep-verlag

Kommentare

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Auf der Grundlinie, liebe Herr Bossard, stimme ich Ihnen voll zu. Nur stösst mir der vorliegende Textvergleich säuerlich auf. Nicht wegen der Texte. Zugegeben, der Kontrast könnte grösser nicht sein. Aber dass man die Texte an einem sogenannten BlaBlameter misst, der insbesondere noch „Bullshitnoten“ ausspuckt, gibt schon zur Frage Anlass: Hand aufs Herz, nehmen Sie das ernst? Ich hoffe nicht. Denn das würde Sie nun dem Verdacht aussetzen, mit treuherziger Naivität einem Algorithmus zu vertrauen, der bestenfalls ein Jux ist. Kennen Sie seine Bewertungskriterien? Die Designer halten sich diesbezüglich – wie üblich – bedeckt: „Alle Details wollen wir aber nicht verraten.“ Im Übrigen ist die Maximalnote 0.0 nicht über alle Zweifel erhaben, heisst es doch: „Ein zu niedriger Indexwert ist aber eher verdächtig und kann ebenfalls auf stilistische Mängel hinweisen.“ – Um es in Ihrem Sinn konzis zu sagen: Ein Algorithmus für Bullshit zeugt vom Bullshit des Algorithmus.

P.S. Ich habe es nicht lassen können: Mein Kommentar hat den Bullshit-Index 0.09 („Ihr Text zeigt keine oder nur sehr geringe Hinweise auf 'Bullshit'-Deutsch“).

Texte von Bossard zu lesen ist Vergügen und Gewinn. Gabe es mehr von seiner pädagogischen Statur, gäbe es keinen Lehrplan21 im Lande Pestalozzis.

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